E-Book, Deutsch, 68 Seiten
Sachs Namenlos
5. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-6826-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Frankfurter Novelle
E-Book, Deutsch, 68 Seiten
ISBN: 978-3-7431-6826-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nika Sachs ist 1987 in Frankfurt am Main geboren und lebt mit ihrer Familie unweit ihres Geburtsortes. Bereits in der Kindheit und Jugend zeichnete, sang und schrieb die vielseitig kreative Synästhetikerin. Neben Erzählungen und Bilderbüchern für Kinder schreibt sie leidenschaftlich gerne über das Komische und Unkonventionelle des Alltags.
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Fischvogel
Sie ist spät für ihre Verhältnisse und hat ein rotes Gesicht von der unangenehm feuchten Kälte, die sie durch die Tür mit reingebracht hat. Der namenlose Schreiber hat in weiser Voraussicht einen Tisch reserviert, weil sie es nicht getan hätte. Das ist wortlose Kommunikation, die ausnahmsweise funktioniert.
Er kann zwischen den Zeilen lesen, auch wenn ihm die Initiative wie ein biologisches Programm vorkommt. Dafür hat er kein neues Buch dabei, sondern die Zeitung vor sich liegen. »Ist das Ihr ernst? Die FAZ? Sie kommen in ein Café um sich die Nachrichten reinzuziehen, die sie doch schon seit mindestens um sieben über verfolgen? Ich bin enttäuscht!«, sagt sie mit diesem Pseudotonfall voller Mitleid. Sie ist ja nicht im Unrecht, der Namenlose hat jedoch noch kein neues Buch auserkoren, dessen Thema ihn beflügeln könnte. Die Zeit ist begrenzt, da verschwendet man sie doch nicht an irgendein Letternwerk!
»Kann man es Ihnen denn niemals recht machen? Was ist denn falsch an den Nachrichten?«, fragt der Schreiber sie im Gegenzug zu ihrer gesprächseröffnenden Beleidigung belustigt. »Ach wissen Sie, wenn ich mich den ganzen Tag mit den Nachrichten befassen müsste, würde ich mich als gestrandet empfinden«, lacht sie und kratzt sich am Kopf, während sie sich ihm gegenübersetzt. »Gestrandet sagen Sie? Wo? Auf einer einsamen, gedanklichen Insel, der Realität oder der Hypothese?«, fragt er und sieht sie dabei interessiert an. »In der großen Depression natürlich, Sie Scherzkeks! Aber es sei Ihnen verziehen, immerhin scheinen Sie in derselben Depression gestrandet zu sein wie ich. Ich empfehle Ihnen zu lesen«, wirft sie ein.
Leider hat sie damit recht, aber das Ausmaß des Desasters hat sie noch nicht erfasst. Wie sie darauf komme, will er von ihr wissen und lehnt sich mit verschränkten Armen zurück, zieht die Augenbrauen in trügerischer Selbstsicherheit hoch und wartet auf die Antwort. »Offensichtlich sind Sie unglücklich, weil Sie hier nicht nach Entspannung, sondern verzweifelt nach Inspiration suchen. Ich beobachte Sie doch schon länger. Erfüllung sieht anders aus. Was sind Sie? Schriftsteller?«, fragt sie unverfroren.
Noch ist das nicht bedrohlich, findet der Namenlose. Wenn die unbekannte Kunstkennerin hier so oft rumhängt, hat sie einfach den Aufmerksamkeitsbonus und kann gut kombinieren. Noch bevor die Tür zu seinen Gedanken wieder zu ist, fällt die ganze Mauer drumherum in sich zusammen. »Ist die Frau weg? Jemand gestorben? Vielleicht hat Sie aber auch einfach die Leere des verblassten Idealismus eingeholt?«, ergänzt sie ihre Analyse und lässt den Inspirationslosen ohne Namen emotional gegen die Wand fahren. »Die Frau ist weg und ich blogge nebenberuflich. Sonst gehe ich an mangelnder Selbstreflexion kaputt«, sagt er trocken und wundert sich im selben Moment darüber, dass er diese Frage nicht als Stilelement unbeantwortet lässt und stattdessen eine Gegenfrage stellt. Kein zynischer Kommentar folgt darauf von ihr.
»Wie lange ist sie schon weg?«, fragt sie stattdessen mit einer seltsam befremdlichen Distanzlosigkeit, deren ernsthafter Charakter nur noch weiter das Netz verschnürt.
»Fast sieben Monate«, antwortet er ihr. Dabei wird sein Gesicht ausdruckslos und die Tonlage farblos. Wieder folgt keine emotionale Bewertung von ihr, sie nimmt seine Aussage einfach zur Kenntnis, fragt nicht mal nach dem Blog. »Haben Sie den gesehen? Den Film, meine ich«, fragt sie. Welchen sie meine, fragt er darauf zurück und muss verneinen, weil er ihn nicht kennt. », mit Sylvie Testud.« Die kennt er nur aus , ein farbenfrohes Meisterwerk des Schwermuts, fast zwanzig Jahre ist der Film schon alt. »In flüchtet sie vor ihrem Leben und den Erinnerungen, die es mit sich bringt. Dabei beobachtet sie in der Einsamkeit Vögel und konfrontiert nicht nur sich, sondern auch andere Menschen mit ihren Abgründen. Aber die Vögel sind gut für die Metapher. Frei, ungebunden und ein Hoffnungsschimmer auf den Ausbruch vom innerlichen Festland, verstehen Sie? Als Ornithologe beobachtet und erfasst man deren Leben. Man analysiert sozusagen die Freiheit, die Fähigkeit von der Welt abzuheben. Ich fand den wahnsinnig gut. Immer diese durchgängige Schwere, das typisch französische Flair darin. Eigentlich passiert gar nicht viel. Der Film bleibt konstant dunkelblau, spannend und leise«, merkt sie an und empfiehlt dem blockierten Schreiber nach einer seinerseits wortlosen Pause den Film.
»Wenn er Ihnen gefällt, hören Sie sich im Nachgang das Album vom an.«
Der Namenlose fragt sie mit einem mehr als charmanten Lächeln, wieso sie davon ausgehe, dass er sich den Film antun werde. Ihre Antwort ist banal, beinahe fatal. Zumindest für ihn. Noch eine Masche enger im Fischernetz der kreativen Abhängigkeit. Diese Frau mit den kurzen Haaren und dem hübschen Gesicht scheint eine multikriminelle Institution zu sein, denn alles, was sie auf seine Frage antwortet, ist die grausame Wahrheit, die sie mit den Waffen ihres Geschlechts mehr als effektiv verpacken kann.
Ihr trauriges Lächeln ist ihr Kapital und der Schreiber leider kein Kommunist. »Nicht für mich, ich bin nur das Mittel zum Zweck für Sie. Nein, Sie werden es tun, weil Sie auf der Suche nach Inspiration sind, ohne die Sie untergehen. Mehr nicht.«
Stille, wenn auch nur für einen Moment. »Ich möchte nicht den Anschein erwecken, Sie zu benutzen«, wirft er in den Raum und beobachtet ihr Lachen mit einem verwirrten Blick. Da sei er nicht der Erste seiner Gattung, der das täte. Klingt auch nicht gerade nach einer entspannten Lebenssituation.
»Es obliegt mir nicht, Sie danach zu fragen«, antwortet er ihr schlicht und ihr Lachen verstummt wieder. Nur das leise Schmunzeln bleibt, ehe sie ihren Kaffee austrinkt. »Sind sie ein Bartleby?«, will sie wissen.
Die Frage ist berechtigt, denn das Syndrom weist Merkmale auf, die in sein Leben passen. Versagung, Verweigerung und die aufkommende Depression. »Ich ziehe es vor, es lieber nicht zu tun. Ich weiß nur nicht, ich lieber tun soll. Der Verlauf der Depression ist hoffentlich ein anderer«, sagt der Schreiber. »Das gestaltet sich einfach, wenn Sie einfach konstant überhaupt etwas tun. Sie erreichen nichts durch die dauerhafte Entreizung. Die ist schon zu lange vorhanden. Jetzt wird es Zeit für Sie, sich ins Leben zu werfen. Wie alt sind Sie?«, fragt sie und hat dabei den ironisch-sarkastischen Tonfall am Ende, den er bei Miriam so oft vermisst hat. Die sprachliche Herausforderung hat mit ihr oft gefehlt.
Miriam war in keiner Weise boshaft dem Leben gegenüber. Eher naiv verträumt, eine erwachsene Geisterscheinung ihrer kindlichen Gedankenpfade. »Ich lebe bereits. Seit dreiunddreißig Jahren. Aber danke für die Empfehlung«, sagt er besserwisserisch.
Wieder muss sie lachen, weil er ihr so viel Angriffsfläche bietet, dass sie diese einfach schamlos ausnutzen muss. »Ach kommen Sie schon, Sie wirken nicht wie ein Asket, eher wie ein abgestürzter Emotionsmulti, der keinen Spaß mehr an seinen Spielzeugen hat. Sie sind bestimmt ein absoluter Idealist, der gelernt hat, sich seiner verhassten Parallelwelt anzupassen«, diagnostiziert die Fremde sein Leben und hat dabei einfach leider recht.
»Das Geld muss reinkommen, von Luft und Liebe kann man ja offensichtlich nicht leben«, folgt seine Bestätigung. Das sei korrekt, aber auch keine großartige Reflektion des eigenen Wesens, denn ohne Luft und Liebe gehe es auch nicht, sagt die Fremde, die heute aus optischer Sicht fast schon unscheinbar dasitzt. In Jeans und leuchtend grellen Sneakers.
Sie bedient den Mainstream, stellt er fest und doch hat sie etwas an sich, das sie vom Rest abhebt. Keine schiefe Nase oder etwas anderes Verstörendes in ihrer Erscheinung. Nein, sie ist einfach nur eine ganz normale Frau mit kurzen Haaren, einem hübschen Gesicht und einer guten Auffassungsgabe. Das, was sie ausmacht, ist ihre Ausstrahlung. In ihrer Aura sind Sarkasmus, Ironie und Hoffnung zugleich. Hoffnung nicht auf einen Leidensgenossen, der ihr Gehör schenkt, sondern auf einen Menschen, der in all dieser lebensfeindlichen Gedankenanalyse noch ihren eigenen melancholischen Idealismus erkennt. Sie verschenkt den gerne, weil sie es liebt, andere glücklich zu machen. Philosophischer Altruismus.
Ihre Gedanken sind ungehörte Poesie für die Frankfurter Gosse, die Liebe zum unscheinbaren Detail. Ein ständiger Abgleich mit der Umwelt und eine hundertprozentige Aufmerksamkeit auf die Feinheiten des Lebens, ohne die man als Opfer des kreativen Triebes im erstickt. Die Versagung des Lebens, Selbstaufgabe, Sinnkrise und die Flucht vor der Herausforderung.
»Ich bin da eher dem Camus angetan, die Aufgabe meiner selbst liegt nicht in meinem Interesse«, sagt er darauf. Die Fremde sieht ihn kurz fragend an und winkt danach unauffällig die Bedienung herbei.
»Ein...




