Sack | Ein Namenloser | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 153 Seiten

Sack Ein Namenloser


1. Auflage 2015
ISBN: 978-87-11-46081-8
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 153 Seiten

ISBN: 978-87-11-46081-8
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Ich will von meiner Liebe schreiben, von meinem Sommer neunzehnhundertundzwölf.' Wie schon in Sacks erstem Roman, ist der namenlose 'Held' des zweiten Buches ein 'verbummelter Student', wie Sack selbst einer war, und der Roman ist überhaupt durch die stark autobiografische Note gekennzeichnet, die auch der geschilderten Liebesgeschichte zugrunde liegt. Sucht der intellektuelle 'Namenlose' in seiner Beziehung zu dem einfachen Mädchen Claire zunächst nur die losgelöste, spielerisch schöne Erfüllung eines erotischen Wunschbildes ohne echte Liebesbindung, verfällt er der Geliebten quasi gegen seinen Willen schließlich doch immer mehr. Als sie ihn durchschaut und zurückweist, ist die Tragödie unausweichlich ... Wie im Brennglas des Erotischen gebündelt, vertieft Sacks zweiter (und letzter vollendeter) Roman die Themenkomplexe des ersten und hebt sie auf eine neue literarische Ebene.-

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Und das will sagen: was der da vom ehernen Gang der Zeit mit seinem Sperlingskopf zu fassen vermag, das muß er wieder von sich geben unter seinem Narrenschellengeklimper. Das ist der Ausdruckswert, das ist die Leistung, das ist der produktive Mann, das ist der Poet – eine Narrenschelle! Und das hat Shakespeare gesagt, und der weiß, was er sagt, besonders wenn Brutus spricht. – Aber Sie sollen mich nicht ganz zu Ihrem Pöbel zählen, ich bin auch zuweilen so eitel und angenehm einseitig, eine prinzipielle Schranke aufzurichten. Soll ich sie Ihnen verraten? – Zum Pöbel gehört für mich der, der sich nicht selbst Gegenstand werden kann, der nicht zu trennen weiß zwischen seinen Wünschen und Begierden und der Idee von sich; der sich nicht jeden Tag einmal bewußt wird des ungeheuren Rätsels, in dem er wie der Nebeltropfen im Raum hängt. Alles Unbewußte und Triebhafte ist pöbelhaft – nun wächst schon der Pöbel wie Sand am Meer und eine große Zahl Ihrer Produktiven rollt mit in den trägen Dünen. Und jetzt halte ich nur noch die des Ehrentitels der Freien und Vornehmen würdig, die das Herz voll Staunens und Fragens, doch sorglos und heiter über das große Rätsel dahin wandern, wie über jungem elastischem Eis, unter dem das Grauen, das Dunkel und der Tod lauert. Aber auch sie taumeln zuweilen zu den Milliarden Sandkörnern am Strand, dann wenn ihr Herz übervoll des Wunderns und Leidens und Fragens geworden ist und sie – produktiv werden; denn allem Schaffen hängt Triebhaftes und Unbewußtes an und ein pöbelhaftes Verallgemeinern und Hinwegsehen über Vieles. Aber dann eilen sie wieder zurück und gleiten sorglos über der elastischen, leise klingenden Decke, leicht und frisch wie der junge Morgen, der aus dem purpurnen Osten steigt. – Aber das ist ja alles dummes Zeug. Wißt ihr, was Claire mir gestern geschrieben hat?

Sagen Sie, ist das Ihre Überzeugung?

Meine Überzeugung? Wenn ich eine Überzeugung hätte, dann würde ich einmal sie hier nicht auf der Straße vortragen und zum andern – würde ich Ihnen nichts von dem kleinen Herzen einer Claire erzählen können.

Dann weiß ich aber, weswegen Sie meine Wertung bekämpft haben; soll ich Ihnen den Grund sagen? Er war wohl persönlicher als jener allerpersönlichste! Oder sollten Sie auch den schon wissen?

Lassen wir das, mein Lieber; ich kenne ihn sehr gut. Aber jetzt hört einmal zu. – –

Es lief gerade die Sonne hinten in die Heide, aber ich schrieb heute keinen Brief, sondern las aus ihrem Brief und erzählte weiter von ihr und ihrem kleinen Herzen. Von irgendwo her kam schon Fliederduft, der machte uns mehr trunken, als es sieben Bowlen vermocht hätten. Drei lange Wochen waren wir hier, der Mai lag uns im Blut und der Flieder duftete – was werden wir an dem Abend noch für närrisches Zeug geredet haben! –

Wenn der wilde Denker einen Baum seine Blätter bewegen läßt, so hat er ihm eine Seele eingelegt, oder er hat eine Introjektion vollzogen. Eine spätere Zeit hat dieser Seele, die zuvor nichts war als ein feinerer Baum, die Gestalt der trauernden Dryas gegeben: sollte ich der Heide, die wir drei Wochen lang bei glühender Sonne und in dunklen Nächten durchstreift haben, eine Seele introjizieren müssen und der dann eine Gestalt geben, so soll es die der Lerche sein. Eine kleine sorglos und verliebt in den Himmel hinauftirillierende, dann atemlos schweigende und des Nachts sich müde und verträumt auf die Erde duckende Lerche.

Was sang das Lied, das sie in das ewige Blau tirillierte? Welcher atemlose Gedanke durchzitterte ihr Schweigen? Welcher heimliche Traum geisterte durch die Nacht? – Ein kleines Wort, sechs Buchstaben nur – ich glücklicher Narr!

Wieder stampfte und dröhnte unser Zug und ließ seine weiße Fahne über die Hügel und Wälder rollen – aber zu ihr! zu ihr! ratterten die Räder. Zu dreißig saßen wir in einem Güterwagen, frisch fegte die Luft durch die offenen Türen, voll schien die Sonne herein, und er stampfte und stieß und dröhnte und schaukelte und rollte, er ächzte und stöhnte in seinen Fugen, aber – fahr zu! fahr zu! sie wartet! sie steht ja schon lange da! Herrgott, ist das eine süße Geschichte!

Des Nachmittags langten wir endlich an und zogen gebückt unter der Last des Tornisters und steif von der langen Fahrt im hallenden Gleichschritt durch die Straßen; aber ich ging an ihr vorbei und sah sie nicht. In Aufregung und hastigem Suchen sah ich über sie hin, die mich mit der Hand hätte berühren können. Ein Sonnabend war es, ein solcher wie er sich für den Pfingstsonnabend gehört, unter schattigen Bäumen marschierten wir, sahen Blumen und lachende Mädchengesichter und der Urlaub winkte – aber weswegen wartete sie nicht auf mich? weswegen hält sie nicht ihr Wort?

Die Schenken und Quartierwirte haben in unserer Straße geflaggt, Wirte und Kellner und Dienstmädchen stehen vor den Türen, unter den dichtbelaubten Ulmen geht es sich wie unter einer Laube und wie zwei Mauern umsäumt uns der liebe Pöbel; mißfarbig und grau hat er ausgesehen als wir fortzogen, jetzt leuchtet und lacht er mit seinen hellen Hütchen und Fähnchen und die Musik tobt und schreit – aber weswegen war Claire nicht da? Nachdenklich suchte ich meine Wohnung auf.

Wo früher am Nachmittag die pralle Sonne gelegen hatte, empfängt mich jetzt ein grünes Dämmern, seltsam traut und anheimelnd sind meine Zimmer und mein Wirtstöchterlein hat Fliedersträuße aufgestellt. – Aber weswegen wartete sie nicht auf mich? weswegen hält sie nicht ihr Wort?

Auf dem Tisch liegt ein in Seidenpapier eingeschlagenes Bukett und aus den Maiglöckchen fällt mir ein Kuvert entgegen, das ich aufreiße und lese –

Herzlich willkommen! ruft dir deine Claire zu.

Da fällt alles, was mich mit der Welt verbindet und sie mir unerträglich macht, von mir ab: ihre Herzlosigkeit und eisige Gleichgültigkeit, ihr unüberwindliches Mißverstehen und ihre viehische Lust an der Anderen Leid und hilflosen Ratlosigkeit, ihre unbedingte Vielheit und nie zu heilende Zerrissenheit, ihre nicht auszudrückende Nichtigkeit und nicht zu beschreibende Sinnlosigkeit, all ihre Fragwürdigkeit, all ihre Rätselhaftigkeit, all ihre Qual sinkt ins Wesenlose, ein warmer roter Schauer strudelt in mir und ich fühle, als wäre ich neu geboren, meine makellose Reinheit und dann ist es, als drückte der Konvallarienduft mich weich und süß in einen Sessel und raunte mir zu: das ist das Glück.

Ich weiß nicht, wie lange ich so gesessen habe. –

Dann habe ich ein Bad genommen und bin lange bei meinem Friseur geblieben und dann – wir haben nicht die Zeit verabredet noch Ort, fliegen wir auf einander zu. –

Da haben sie einen Klub gegründet, sie nennen sich die Positivisten. Die haben auf ihre Fahnen geschrieben und haben viel Lärm dazu gemacht: die Welt ist unsere, d.h. des gewöhnlichen Mannes Wirklichkeit, die uns nichts Anderes zeigt als Beziehungen der Dinge zu einander, und diese Dinge sind Eigenschaften, die sich gegenseitig tragen ohne einer stützenden materiellen Substanz zu bedürfen.

Das ist wie ein Meer, ohne Ufer und ohne Grund; wer mag in ihm schwimmen!

Und sie zerblasen dir die Substanz und das Ding und die ganze Metaphysik und lassen sich nicht widerlegen, wenn du an die Logik glaubst – das ist wie das Meer! das ist wie ein Blatt im Orkan!

Da habe ich einen Riß durch mein Leben getan und bin gläubig geworden und glaube an die Substanz und lache über meinen Glauben, und glaube an die Welt als Vorstellung, trotzdem ich weiß, daß das Ding an sich Chimäre ist, und glaube an die Materie als an die Schöpfung meiner Sinne und des Dinges an sich, trotzdem ich weiß, daß es dreimal bewußte Lüge ist. Aber ich muß die Lüge glauben, muß eine Insel im Meer haben, will ich nicht der ratlose Schwimmer und das Blatt im Orkan sein.

Denn – obwohl ich skeptisch bin wie es sich gehört, bin ich doch zu schwach, die Konsequenz meiner Skepsis zu ziehen; und seh ich sie gezogen, so flüchte ich wieder in die Schatten Gottes, die ich vorher bekämpfte, zurück und – sehne mich wieder aus ihnen heraus.

Ich glaube an die Substanz, mag ich sie kraftbegabten Stoff, Energie oder Geist und ihre Einheiten Atome, Dynamiden oder Monaden nennen: in jener unendlichen Nacht, in jenem schweigenden Ozean pendelnder Atome ballt sich eine Anzahl Einzelheiten zu einem Komplex zusammen. Die Wellen, die dieser ewig in sich zitternde und pendelnde aussendet und empfängt, dieses Wellenbad, in dem er stetig schwimmt, das ist seine Welt. Da kommt von irgendwo auf jenem Ozean ein anderes Gekräusel und die beiden Wellensysteme, diese zwei zitternden und schlagenden Etwas um einen kompakteren Kern, berühren sich, durchkreuzen und verfangen sich – zwei Welten, so bunt und märchenhaft, nähern sich und gehen in einander über und flammen zu einer lodernden Fackel hoch und leuchten und glänzen, um schnell wieder in die ewige Nacht zurück zu fallen.

Und wir spielen mit diesem Außerordentlichen, wir werden uns dieses flammenden Wunders nicht einmal bewußt, wir Kinder und blinde Augenblicksnarren nennen es Liebe und lüsteln und spielen damit. –

In dieser Stunde haben wir nicht viel reden können. Claire hing schwer in meinem Arm, ihr Gesicht war bleich und sie schwankte und kam mir vor, als habe ihr Körper Halt und Kraft verloren. Ich hatte Mitleid mit ihr und mir. Und von dem Abend weiß ich nichts mehr, als daß sie mir erzählte, sie habe sich sagen lassen, in welcher Himmelsrichtung unser Übungsplatz läge, und sei dann des Nachmittags, wenn die Sonne schon hinter die Linden ging, täglich weit nach Westen hinaus gewandert.

Oh, ich war nicht bei Sinnen, ich wollte zu dir!

Gern aber...



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