Sagner | Menschenfressermensch | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Sagner Menschenfressermensch


2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-9192-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-7504-9192-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In dem Heidelberger Krimi kristallisiert sich recht schnell heraus, dass fast niemand dem Opfer wirklich eine Träne nachweint. Doch reicht das, was die Kommissare Mario Palazzone und Silke Müller ermitteln, um einen Mord zu rechtfertigen? Und kann man einen Mord überhaupt rechtfertigen? Diese Frage stellt sich zumindest der Person, die als Unbeteiligte ahnt, wer den Mord begangen hat. Das Buch zeigt Tiefen und Untiefen von ganz normalen Personen, die alle ihre eigene, sie prägende Geschichte haben. Der Titel des Buchs stellt eine Hommage an das Lied "Menschenfressermenschen" von Rio Reiser dar.

Anne Sagner ist 1971 in Mannheim geboren und ist Biologin. Neben ihrer Arbeit schreibt sie in ihrer Freizeit Kurzgeschichten, Krimis und Geschichten für Kinder.
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-2-


Das Ehepaar Hans und Margot Meissner freute sich, dass sie Sonne doch noch heraus kam. Sie waren mit ihrem Rentnerticket bis an den Rand der Stadt gefahren, hatten ihre Wanderstöcke gepackt und waren einfach hinauf in den Wald gelaufen. Das Wetter war zunächst etwas schmuddelig gewesen, doch jetzt blinzelte dann und wann die Sonne durch die Wolken, und Hans, der sich mit dem Wetter auskannte, prophezeite, dass sie, bis beide oben am Bänkchen waren, Sonne haben würden. Jetzt kam der etwas steilere Teil der Strecke und beide hatten mit dem Reden aufgehört und schnauften leise vor sich hin. Margot konzentrierte sich auf ihren Atem. Jetzt nur nicht aus dem Rhythmus kommen, dachte sie für sich. Hans lief nun etwas schneller als sie, und wie immer, war sie etwas verärgert, dass er nicht ein klein bisschen Rücksicht auf sie nehmen konnte. Aber, anstatt sich zu ärgern, sollte sie lieber die Natur genießen. So wenig der Wald im Winter hergab -die meisten Bäume waren kahl und auch die Vielfalt der Tierwelt, die man zu Gesicht bekam, war recht eingeschränkt- so gut tat doch die frische Luft, die durch ihre Lungen strömte. Wenn sie dort ankam. Im Augenblick hatte sie nicht das Gefühl, dass viel davon ihre Lungenbläschen erreichte. Hans war ein weiteres Stück voraus gelaufen und ihre Konzentration auf den ruhigen Atem führte jetzt zu dem Gefühl, dass jemand ihr den Sauerstoff, den sie dringend brauchte, vorenthielt. Völlig aus dem Rhythmus schnappte sie nun Luft, ärgerlich, dass sie sich auf den Vorschlag, einen Spaziergang im Wald zu machen, eingelassen hatte. Sie hasste Spaziergänge. Vor allem solche, die in Wanderungen ausarteten. Sie wäre lieber Schwimmen gegangen. Aber Hans schwamm nicht gern. Und so hatten sie sich auf einen kleinen Spaziergang zum Bänkle geeinigt. Nun, geeinigt war vielleicht der falsche Ausdruck. Hans hatte gesagt, er würde zum Bänkle laufen und sie könne ja schwimmen gehen, wenn sie unbedingt wollte. Sie wollte aber nicht allein schwimmen gehen, und das hatte sie ihm auch schon tausendmal gesagt. Und so war sie lieber zusammen mit ihm wandern gegangen, als alleine schwimmen. Und jetzt rannte er voraus, als wäre der Teufel hinter ihm her. Sie blieb stehen, wegen des Seitenstechens. Hans würde jetzt sagen, dass das daran liege, dass sie nicht im richtigen Rhythmus geatmet hatte. Hans hatte nie Seitenstechen.

Sie überlegte, ob sie ihn rufen sollte und ihn bitten sollte doch einmal stehenzubleiben. Doch dann dachte sie, dass es sie schon einmal interessierte, wann er merken würde, dass sie nicht mehr hinter ihm war. Ob er überhaupt merken würde, wenn sie weg war? Sie meinte nicht jetzt hier im Wald, sondern grundsätzlich. Er fällte seine Entscheidungen, als ob sie nicht da wäre, er las morgens Zeitung, als ob sie nicht im Raum säße. Vielleicht würde er nur an dem unangenehmen Geruch merken, dass sie eine Woche zuvor in ihrer gemeinsamen Wohnung verstorben war. Sie hasste wandern. Sie hasste es, diesem Mann hinterherzulaufen.

Sie fing wieder an zu laufen. So arg weit sah es eigentlich nicht aus bis nach oben. Trotzdem. Sie hatte es noch nie verstanden, warum man irgendwo mit Atemnot und schweißgebadet hoch kraxelte, um später mit Knieschmerzen und frierend wieder runter zu rennen. Hans war jetzt schon fast nicht mehr zu sehen. Sie überlegte gerade, ob er bemerken würde, wenn sie einfach umdrehte, als sie einen Schrei und anschließendes „Oh Gott, Margot!“ hörte.

Ihr wurde heiß und kalt. „Hans, was ist, hast du dir wehgetan?“ Völlig außer Atem kam sie an der Stelle an, wo Hans stand und auf den Boden schaute. Er sah ziemlich blass aus und als sie seinem Blick folgte, wusste sie auch warum. Hans hatte noch nie Blut sehen können. Und davon gab es hier reichlich. Nicht unweit lag eine Gestalt auf dem Boden, bunt gekleidet, wie ein Papagei.

Mario saß an seinem Schreibtisch und schlürfte seinen x-ten Kaffee und hackte auf seiner Tastatur herum, als das Telefon klingelte. Mit einer automatisierten Bewegung nahm er, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, den Hörer ab und sagte seinen Spruch auf. „Kripo, Heidelberg, Palazzone am Apparat.“ Auf der anderen Seite der Leitung meldete sich eine Frau. Sie nannte ihren Nahmen, ihre Dienststelle und klärte ihn dann über den Fund einer Leiche, männlich, mittleren Alters auf. „Und es handelt sich um Mord?“ fragte Mario. Darüber könne sie wenig sagen, aber die Kollegen vor Ort hätten wohl nach der Vernehmung der Entdecker, eines alten Ehepaars, die Spurensicherung und einen Vertreter der Kripo verlangt. Mario schaute aus dem Fenster. Das Wetter sah für die Jahreszeit einigermaßen passabel aus. „Wo sollen wir hinkommen?“, fragte er. Sie erklärte ihm den Weg und wünschte ihm noch einen schönen Tag, eine Floskel, die ihm im Zusammenhang mit dem Grund eines solchen Anrufs wie immer etwas kaltschnäuzig wirkte.

Er schaltete seinen Computer aus. Heute würde er wohl sowieso nicht mehr dazu kommen, den Bericht zu Ende zu schreiben. Er holte sich seine Jacke, verließ sein Büro und schaute sich nach seiner Partnerin um. Er sah sie am Kaffeeautomaten stehen, in ein Gespräch vertieft. Er lief zu ihr, schnappte sich den Kaffee, den sie locker in der Hand hielt, trank einen Schluck daraus und stellte ihn dann auf dem Tisch ab, der neben dem Kaffeeautomaten stand. „Wir haben einen Klienten, so wie’s aussieht! Oben im Wald, Spurensicherung ist vor Ort. Also schwing die Hufe, nimm dein Riechsalz mit, wir treffen uns in 5 Minuten unten am Auto.“ Er und Silke arbeiteten jetzt schon seit etwa zwei Jahren zusammen und hatten sich eigentlich, mit Ausnahme kleinerer Konflikte, die nun einmal zwischen Männlein und Weiblein nicht auszuschließen waren, von Anfang an gut verstanden. Er hielt sie für kompetent und die kleinen Sticheleien, die sich keiner von ihnen beiden verkneifen konnte, machten die Arbeit mit ihr für ihn sehr angenehm.

Silke schnappte sich ihren Becher mit dem Rest Kaffee, den er ihr übrig gelassen hatte und sagte. „Unser Mario! Freundlich und höflich, wie man ihn kennt und liebt. Fünf Minuten gehen O.K., für den Fall, dass ich in unserem Wagen rauchen darf, bei offenem Fenster, versteht sich, und natürlich werde ich den Aschenbecher danach säubern. Ansonsten, müsstest du mir 10 Minuten einräumen, denn ich war gerade auf dem Weg zum Raucherzimmer, weil ich seit mindestens zwei Stunden nicht die Zeit hatte, dort hin zu verschwinden“. Dann trank sie den letzten Schluck, verzog dabei das Gesicht. Mario setzte zu seinem Standartspruch an. „Ausnahmsweise“, sagten sie beide gleichzeitig, dann wechselte Silke noch ein paar abschließende Worte mit ihrem Gesprächspartner und ging ihre Jacke holen.

Keine fünf Minuten später saßen sie im Wagen auf dem Weg zu ihrem „Klienten“, wie Mario verstorbene Menschen, die im Verdacht standen, nicht auf natürliche eise aus dem Leben geschieden zu sein, gerne nannte. „Hat die Kollegin noch mehr gesagt?“, fragte Silke. „Männlich, mittleren Alters, ein älteres Ehepaar hat ihn wohl bei ihrem Spaziergang durch den Wald entdeckt. Ansonsten war die Kollegin recht kurz angebunden am Telefon“. Mario sah, wie ihn Silke von der Seite anblickte „Wird an deinem guten Ruf liegen, Latin Lover“, sagte sie lachend. Marios Eltern kamen aus Italien. Er selbst sah allerdings eher wie das Gegenteil eines Latin Lovers aus. Rote Haare, ein spätes Zeichen für die zahllosen Besatzer Siziliens, und davon auch noch eine zunehmend schwindende Anzahl, eine dicke Brille, etwas untersetzt. Wäre nicht sein Nachname gewesen, der normale Deutsche hätte ihn wohl schwerlich mit dem typischen Bild des Italieners in Zusammenhang gebracht. Trotzdem konnte sich Mario über seine Wirkung bei Frauen nicht beschweren. Was auch immer er an sich haben mochte, bisher hatte er noch keine Probleme gehabt, sich einen netten Abend zusammen mit einer Frau zu organisieren. Zugegeben, er schien nicht für längerfristige Bindungen geschaffen. Das wusste auch Silke. Die einzige Bindung, die länger gehalten hatte, war die Beziehung zu einer Frau aus Sizilien gewesen und die hatte weniger trotz, sondern eher gerade wegen der großen Distanz gehalten. Sie war eine Frau, bei der er noch heute, wo längst nur noch Freundschaft zwischen ihnen bestand, manchmal hätte schwach werden können.

Silke wechselte das Thema, nachdem sie merkte, dass er heute auf die Anspielung nicht ansprang. „Ist aber nicht nett, auf nem gemütlichen Spaziergang ne Leiche zu entdecken. So was kann einem den ganzen Tag versauen.“ „Wer sagt, dass der Spaziergang gemütlich war? Vielleicht kann so ne Leiche auch ne willkommene Abwechslung sein im grauen Alltag einer monogamen Ehe.“ Retourkutsche! Silke war seit einem Jahr mehr oder minder glücklich verheiratet. Sie behauptete „mehr“, seine eigene Diagnose lautete „minder“. „Weil du auch so viel von monogamen Ehen verstehst!“ konterte sie. „Wer sagt, dass eine Ehe monogam sein muss?“ erhielt sie als Antwort. „Weil nichtmonogame Ehen kaum bis ins hohe Alter fortgesetzt werden“, antwortete sie. „Oder gerade.“ Er musste immer das letzte...



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