Sagner | Ottilie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

Sagner Ottilie


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-2703-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

ISBN: 978-3-7568-2703-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Woher willst du wissen, was die Frau vor 170 Jahren fühlte?" Lotte zögerte kurz. "Tilly, was würdest du sagen, wenn ich dir erzählen würde, dass ich bei ihr war?" So beginnt das Abenteuer der elfjährigen Tilly, die eigentlich mit richtigem Namen Ottilie heißt und mit ihrer Mutter in Ludwigshafen im Hemshof wohnt. Coronazeit. Tilly muss die Herbstferien gegen ihren Willen bei ihrer Patentante Lotte auf dem Land irgendwo im Odenwald verbringen, in einem alten Haus, ohne Internet oder all den anderen Komfort, den sie von zu Hause gewöhnt ist. Doch dann stellt sie fest, dass Lotte die Fähigkeit hat durch die Berührung alter Gegenstände in die Vergangenheit zu reisen. Und nicht nur das. Lotte findet heraus, dass Tilly dieselbe Fähigkeit besitzt. Aber wie kann das sein? Sie und Lotte sind nicht verwandt? Auf einer ihrer ersten Reisen in die Vergangenheit treffen sie auf die 1869 in Friedberg in Hessen geborene Ottilie Wiechard, die der Schlüssel des Rätsels zu sein scheint und die schon um die Jahrhundertwende ganz allein die halbe Welt bereist hat. Ein Buch voll von Geschichte und Geschichten, die miteinander verwoben, einen Sinn bekommen. Achtung! Das Buch kann Spuren von Emanzipation enthalten.

Anne Sagner ist 1971 in Mannheim geboren und ist Biologin. Neben ihrer Arbeit schreibt sie in ihrer Freizeit Kurzgeschichten, Krimis und Geschichten für Kinder und Jugentliche.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


-1- PFUI SPINNE


„Mama, ich will da nicht hin. Da ist nichts. Da gibt’s noch nicht mal Internet oder Fernsehen.“ Sie saß auf dem Rücksitz eines alten VW-Käfers und zeterte vor sich hin. „Wir haben das jetzt doch schon mehrfach besprochen, Tilly“, antwortete ihr ihre Mutter. „Ich muss arbeiten, die Kinderfreizeiten sind wegen Corona alle ausgefallen, Papa ist auf ´ner Geschäftsreise und deine Patentante war so nett anzubieten, die nächsten zwei Wochen auf dich aufzupassen.“ „Aber ich kenne sie doch gar nicht richtig“, versuchte es Tilly erneut. „Jetzt sei nicht albern!“ konterte ihre Mutter. „Natürlich kennst du deine Patentante. Ihr habt früher viel miteinander unternommen. Du mochtest sie sehr gern, als du klein warst.“ Tilly schnaufte und ließ sich zurück in den Sitz fallen. Sie hatten die Autobahn verlassen und fuhren jetzt auf einer Landstraße. Sie hatte den Eindruck, dass sie sich mit jedem gefahrenen Meter mehr von der Zivilisation entfernten. „Ich erinnere mich kaum mehr an sie! Und du wirst weit weg sein. Mama! Ich will nicht, dass du mich da hinbringst. Ich will nicht, dass du mich alleine lässt!“ Sie fing an zu weinen. Sie wusste, dass ihre Mutter es nicht ertrug sie weinen zu sehen. Nicht, dass sie aus Berechnung geweint hätte. Ihr war wirklich zum Heulen zu mute. Aber anders als sonst, blieb ihre Mutter diesmal hart, auch wenn Tilly merkte, dass auch sie mit den Tränen kämpfte. „Ottilie! Jetzt reicht’s!“ Ihre Stimme klang wütend und etwas verzweifelt. „Jetzt mach hier nicht so ein Theater. Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich hab wirklich alles versucht. Jetzt hör auf zu heulen und denk einmal bitte nicht nur an dich!“. Tilly merkte, wie in ihr die Wut hochstieg. Sie hasste ihren Namen. „Nenn mich nicht so!“ kreischte sie. „Warum habt ihr mir so einen schrecklichen Namen gegeben?“ Aber auch bei ihrer Mutter kippte jetzt die Stimmung. „Ich weiß ja nicht, ob das jetzt gerade der geeignetste Augenblick ist, aber ich glaube das war Lottes Idee.“ Ihre Patentante Lotte. Als Kind war sie immer gerne bei ihr gewesen. Lotte war anders als andere Erwachsene. Manchmal kindlich, manchmal ernst, aber immer auf eine positive Art etwas verrückt. Sie hatten viel zusammen gespielt. Und es gab immer etwas zu entdecken bei ihr. Ihr Haus war voller Dinge, alter Dinge, und sie hatte immer damit spielen dürfen. Aber das alles war lange her. Und es war immer ihre Mutter dabei gewesen. Ihre Mutter sprach weiter. „Du hast ja jetzt alle Gelegenheiten, sie danach zu fragen, wie sie auf den Namen gekommen ist. Papa war erst auch nicht so begeistert. Aber wenn’s nach ihm gegangen wäre hätten wir dich wahrscheinlich Mandy genannt. Dagegen klang Ottilie jedenfalls ziemlich ungewöhnlich.“ Sie konnte es nicht fassen. „Ungewöhnlich?“ Ihre Stimme klang etwas schriller als beabsichtigt. „Der Name Ottilie ist ein Albtraum. Jeder, der ihn das erste Mal hört, findet ihn schrecklich.“ Ihre Mutter hatte jetzt wieder eine weichere Stimme. Es schien, sie war froh, dass das Thema nach zwei Stunden Fahrt eine andere Wendung genommen hatte. „Und jeder, der dich kennt, mag den Namen.“ „Jeder, der mich kennt, nennt mich Tilly!“ antwortete sie genervt. Aber auch sie wurde es langsam leid sich mit ihrer Mutter zu streiten.

Die Landschaft veränderte sich wieder. Sie fuhren durch einen kleinen Wald und von weitem konnte man schon die Dächer des kleinen Dorfes sehen, in dem Lotte wohnte. Sie checkte ihr Handy. Kein Netz. Kein Internet, kein Computer, kein Netz. Eine einzige Katastrophe. Es wurde ihr wieder schwer ums Herz. „Und was soll ich den ganzen Tag machen?“, jammerte sie erneut. Doch ihre Mutter lächelte nur. „Es ist Herbst Tilly! Schau dir all die Äpfel an, die schon unter den Bäumen liegen. Die müssen alle noch eingemacht werden. Und ihr müsst Holz machen. Das Haus hat ja nur einen Ofen. Da gibt es viel zu tun, bevor der Winter kommt.“ Tilly sackte in sich zusammen. „Na toll. Kinderarbeit!“, kommentierte sie den letzten Satz ihrer Mutter. Doch die schien die Vorstellung blöde Äpfel einzukochen eher zu begeistern. „Mensch Tilly! Das wird ein großes Abenteuer. Leben und arbeiten wie deine Urgroßeltern.“ Tilly starrte aus dem Fenster. Ihre Urgroßeltern interessierten sie einen Scheiß.

Als sie die Straße zum Haus ihrer Patentante einbogen, sah sie seit langem wieder das kleine Haus, in dem Lotte lebte. Es war uralt, gut in Schuss und lag etwas eingeklemmt zwischen einer alten Scheuer und dem Berghang. Den steilen Weg schaffte der alte Käfer fast nicht. Tilly konnte das alte Auto nicht leiden. Im Sommer war es darin zu heiß, im Winter fror man sich was ab. Außerdem war das Auto richtig lahm. Sicher wurde es von den meisten als Verkehrsbehinderung angesehen. Aber ihre Mutter liebte das Auto. Und dank ihres Freundes, der gern an Autos schraubte, konnte sie sich den Karren auch leisten. Tilly stand eher auf die modernen Autos. Die, in denen hinten so kleine Bildschirme für die Kinder waren. Aber so eines hatte noch nicht mal ihr Papa.

Die Straße vor Lottes Haus war so eng, dass erst einmal nur Tilly aussteigen konnte. Lotte stand schon in der Eingangstür des kleinen Hauses. Aus Tillys Blickwinkel sah es so aus, als müsse sich Lotte bücken, um das Haus betreten zu können, so klein erschien die Tür. Lotte kam Tilly die drei Stufen entgegen. Als sie vor Tilly stand, zögerte diese. Früher hätte sich Tilly in ihre Arme geworfen. Sie erinnerte sich, dass Lotte sie durch die Luft gewirbelt hatte. Aber „früher“ war lange her und auch Lotte schien zu zögern, wie sie sie begrüßen sollte. Schließlich hob Lotte die Hand, fast wie einen Indianergruß. „Sei willkommen, Ottilie!“, sagte sie lachend. „Wo ist dein Gepäck?“ Tilly nickte mit dem Kopf Richtung Vorderteil des Käfers. Ihr Blick war missmutig. Lotte lief zum Kofferraum und lachte. „Na aus diesem Blick spricht ja die pure Vorfreude auf unsere gemeinsame Zeit. Kopf hoch, Kleine, in zwei Wochen willst du gar nicht mehr hier weg.“ Lotte holte die beiden kleinen Koffer, die gerade so in den Kofferraum gepasst hatten, aus dem Auto. Dann streichelte sie fast zärtlich über einen der beiden Scheinwerfer und verharrte für einen Augenblick. Ihr Blick war seltsam entrückt, als erinnere sie sich an alte Zeiten. Lotte winkte durch die Scheibe Tillys Mutter zu und wies sie dann auf Zeichensprache an, wo sie das Auto parken könne. Ihre Mutter nickte, lachte und formte mit der Hand ein O.K.. Dann fuhr sie davon. Tilly, Lotte und zwei Koffer blieben zurück. Lotte nahm den etwas größeren und trug ihn in ihr Haus. Tilly zögerte. Sie wollte auf ihre Mutter warten. Sie wusste, dass das albern war. Ihre Mutter würde in einer Stunde nach Hause fahren. Allein, ohne sie. Sie bekam wieder einen Kloß im Hals. Lotte erschien wieder in der Tür und hielt Ausschau nach ihrer Mutter. Als sie um die Ecke gebogen kam, lief sie lachend auf sie zu und umarmte sie innig. Beide Frauen liefen dann eingehakt ins Haus. Tilly schnappte ihren Koffer und folgte ihnen.

Das erste, was sie wahrnahm, als sie das Haus betrat, war der Geruch. Es roch nach Lagerfeuer. Der Geruch war so intensiv, dass er zunächst alles andere überdeckte. Erst nach einer Weile gesellte sich zu dem Geruch auch noch ein anderer. Keller, gemischt mit einem Hauch von…, ja was war das. Apfelkuchen! Sie betrat die Küche und an einem Tisch saß ihre Mutter vor einem gedeckten Kaffeetisch. Lotte holte schwatzend einen Kuchen aus einer kleinen Kammer, die direkt neben der Küche lag. Der Kuchen befand sich unter einem kleinen Schirm aus Stoff und sollte ihn wohl vor den Fliegen schützen, die in der Küche und in der kleinen Kammer umherflogen, um auch etwas von dem leckeren Gebäck zu ergattern. Die Gerüche weckten sofort Erinnerungen in ihr. An eine Zeit, als sie noch viel kleiner war und überwältigt davon, wie Äpfel riechen können. Ihre Mutter und Lotte waren jetzt schon dabei die letzten Neuigkeiten auszutauschen. Es ging um Papa, Mamas neuen Freund, Freunde von früher und natürlich um die Arbeit. Obwohl das Stück Apfelkuchen auf dem Teller sie fast magisch anzog, schaute Tilly sich zunächst erst noch mal im Raum um.

Die Küche war ein wildes Sammelsurium aus alt und neu. Mit Erleichterung stellte Tilly fest, dass es zumindest Strom gab. Neben einem modernen Gasherd stand ein altes Büfett, das Gläser, Tassen und Teller enthielt. Daneben befand sich ein elektrischer Wasserkocher und ein Kaffeevollautomat. Über dem Herd hingen neben Kellen und Schneebesen auch Knoblauch und verschiedene Kräuter. Auf der Fensterbank, die erstaunlich tief war, stand eine sonderbar sechseckige Milchkanne, daneben lagen bunte Steine. Von innen sah das Häuschen noch kleiner aus, als von außen. Aber war hier nicht noch ein Raum gewesen? Ein Raum, mit einem Kamin und nahezu unendlich vielen Büchern? Tilly blickte sich irritiert um. Ihr Blick blieb an dem Bücherregal hängen. Hier! Hier war eine Tür gewesen, erinnerte sie sich.

„Tilly, setz dich doch noch mal zu...



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