Sahl | Der Mann, der sich selbst besuchte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Sahl Der Mann, der sich selbst besuchte

Die Erzählungen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-09989-3
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Erzählungen

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-641-09989-3
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sämtliche Erzählungen und Glossen – mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Texten

In diesem Band werden sämtliche Erzählungen sowie die schon zu ihrer Zeit hoch gerühmten Glossen Hans Sahls zum ersten Mal vollständig zugänglich gemacht. Damit ist endlich das erzählerische Schaffen des Autors sowie seine überragende Bedeutung in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts neu zu entdecken.
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Die blaue Kastanie

Sie war einmal grün gewesen, aber jetzt war sie blau, wie die Brillen, die sie trugen und die sie zuweilen abnahmen, um zu sehen, ob sie noch blau wäre. Man hatte sie in den Garten gesetzt, und nun hockten sie im Gras unter der blauen Kastanie, rückten ihre Brillen zurecht oder zupften an ihren kunstvoll angelegten Verbänden, die ein Auge freiließen oder auch keins, tasteten mit den Händen den Boden ab und rochen an Blumen, die sie sich heimlich abgerupft hatten.

Draußen, hinter dem Gartenzaun, wo die hohen Sonnenblumen wuchsen, fuhren Bahnen, gingen Menschen, saßen hinter Biergläsern und rauchten. Sie trugen keine weißen Verbände, konnten ins Kino gehen oder in den Wald, konnten schreiben, lesen, trinken, niemand sagte ihnen etwas. Sie brauchten keine salzlose Kost zu essen, sie brauchten nicht zu beten, bevor das Licht ausgelöscht wurde, und wenn sie es doch taten, so beteten sie nicht, um gesund zu werden, oder weil man ihnen sagte, dass sie beten müssten. Sie konnten tun und lassen, was sie wollten. Sie hatten zwei Augen im Kopf, und das genügte, ein freier Mensch zu sein und das Leben schön zu finden.

Ein Mann, der rittlings auf einem Liegestuhl saß, halb nackt und mit zottiger Brust, lachte plötzlich laut auf. Er trug in jedem Ohr einen Messingring, sein rechtes Auge war durch einen Verband verdeckt, der wie eine bandagierte Kugel aus dem Gesicht herausstand.

Wie er so dasaß, breitbeinig, ein mächtiger Amboss, der auf den nächsten Hammerschlag wartete, glich er einem verwundeten Landsknecht aus den Tagen der Schlacht von Morgarten. Die weißen Verbände schauten auf. Sie wussten, was das Lachen bedeutete. Es versprach Abwechslung und Zerstreuung, es bereitete auf das vor, was nun kommen sollte, wie das Stimmen der Posaune vor dem Konzert.

»Erzähle«, sagten die weißen Verbände und schoben ihre Köpfe in die Richtung des Schalles.

»Es war mittags gegen halb zwölf«, sagte der Schmied. »Ich war gerade dabei, einen alten Kupferkessel zu reinigen, da geschah es.« Er machte eine Pause und sah mit seinem gesunden Auge den Geometer an, als erwartete er von ihm die Fortsetzung der Geschichte.

»Jetzt k-kommt das mit der S-Salzsäure«, sagte der Geometer, der missmutig an einem kalten Zigarrenstummel kaute. Er hatte seit zwei Monaten nicht mehr geraucht und trug den Zigarrenstummel wie ein Amulett in seiner Westentasche.

»Es war nämlich sehr heiß«, sagte der Schmied. »Dreißig Grad im Schatten. Plötzlich gab es einen Knall. Etwas Scharfes spritzte mir ins Gesicht. ›Jakob!‹, rief meine Frau von nebenan. ›Ist dir was zugestoßen?‹ – ›Ja‹, brüllte ich. ›Ruf sofort den Arzt. Ich kann nichts mehr sehen.‹ Zehn Minuten später lag ich hier auf dem Tisch. Alles brannte. Der Professor brannte. Die Schwestern brannten. ›Jakob!‹, hörte ich meine Frau rufen. ›Komm doch wieder zu dir! Das eine ist gerettet!‹ – ›Welches?‹, fragte ich. ›Das Linke‹, sagte sie. Dann trug man mich fort. ›Frieda‹, sagte ich später zu ihr, ›Frieda, ich habe immer Glück gehabt im Leben. Eins ist uns geblieben!‹ – ›Ja‹, sagte meine Frau. ›Wir werden noch schöne Tage haben, Jakob.‹ Dann ging sie. Aber das andere ist nun hin, tot, mausetot … soll ich es euch zeigen?«

Er machte Anstalten, den Verband zu lockern. »Schon g-gut«, sagte der Geometer und sah mit seinen traurigen Trinkeraugen im Kreis umher. Vom Fenster kam die Stimme der Oberschwester: »Assa!«

Die Tage in einer Augenklinik gleichen den Nächten. Wären nicht die kleinen und großen Sensationen der Nahrungsaufnahme und –abgabe, der täglichen Waschungen und Verrichtungen, der ärztlichen Untersuchungen, des Tropfengebens und Verbindens, man würde den Unterschied zwischen Hell und Dunkel, der unserer Zeiteinteilung zugrunde liegt, kaum bemerken. Langsam, unvorstellbar langsam zieht ein Tag vorbei, wenn die einzige Abwechslung darin besteht, dass eine der Schwestern sich bereit erklärt, etwas aus einem Buche vorzulesen. Dann wird für eine halbe Stunde das Schweigen durch eine unsichere, ein wenig zu hohe Stimme unterbrochen, die sich mit schlecht verhehlter Verlegenheit gegen die sprachliche Genauigkeit eines Mörike oder Stifter zu behaupten versucht.

Manchmal kam Herr Guggenbühl aus der ersten Klasse herüber und erstattete Mitteilung über den Stand seines Gerstenkorns. Herr Guggenbühl war Reisender einer Zahnpastafirma und hatte ein eigenes, großes Zimmer, in dem er zu jeder Tageszeit Besuche empfangen durfte, beispielsweise den seiner Braut, einer stark nach Parfüm riechenden Schauspielerin, deren Umrissen sie durch ihre Gazeverbände hindurch begehrlich nachschauten. Niemals in seinem Leben, so versicherte Herr Guggenbühl, habe er »etwas an den Augen« gehabt, und war es auch nur ein Gerstenkorn, das den von Natur aus Schreckhaften aus der Bahn geworfen hatte, so genügte es, ihn von den silbernen Platten, auf denen er sein Essen serviert bekam, aufzuscheuchen und zu den irdenen Töpfen der dritten Klasse zu treiben. »Glauben Sie, dass ich blind werde?«, pflegte Herr Guggenbühl zu fragen, indem er sich mit seinem blauseidenen Taschentuch die Stirne betupfte. Die Krankheit ließ ihn völlig jene Zurückhaltung vergessen, die man von einem Patienten seiner Klasse erwarten durfte. Nicht genug damit, war Herr Guggenbühl durch den Schreck, den sein Augenleiden ausgelöst hatte, über Nacht zu einem gläubigen Menschen geworden. Es war das Gerstenkorn, das ihn bekehrt hatte, und zwar zu einer Sekte, die ihn, wie er beteuerte, schon immer interessiert habe, deren heilende und läuternde Kraft ihm aber niemals so aufgegangen wäre wie in diesen Augenblicken einer verminderten Sehfähigkeit. »Alles kommt davon, dass ich nicht an Gott geglaubt habe«, pflegte Herr Guggenbühl zu sagen, wenn das Gerstenkorn schwer auf ihm lastete. »Außerdem habe ich zu viel geraucht.«

Angefeuert von den Blicken seiner Braut, die es wohl darauf absah, sich ihm, jetzt mehr denn je, als unentbehrlich zu erweisen, erging er sich in religiösen Meditationen, verwarf die ärztliche Heilkunst als Kurpfuscherei und gelobte, falls er je wieder geheilt werden sollte, weder eine Zigarette noch seine Braut anzurühren, was von dieser mit unentbehrlich gewordener Zustimmung aufgenommen wurde.

»Hier auf dem Boden habe ich gekniet«, flüsterte Herr Guggenbühl, »und zu meinem Gott gebetet, und sehen Sie, seitdem ist auch das Gerstenkorn schon viel kleiner geworden.«

»Ja so«, sagte der Kassenbote Matthias Strehler, der mit verbundenen Augen der Unterhaltung gefolgt war. Er hatte Frau und Kind, die ihn zweimal in der Woche, je eine Stunde lang, besuchen durften. Aber auch in dieser einen Stunde pflegte Herr Matthias Strehler nicht viel mehr als »Ja so« zu Frau und Kind zu sagen, nachdem die erste Begrüßungsfreude verrauscht und das Paket mit sauberer gegen das mit schmutziger Wäsche eingetauscht war. Herr Strehler hatte schlichte Gewohnheiten und eine schlichte geduldige Art, sich mit seiner Hornhautverletzung auseinanderzusetzen. Manchmal sah man ihn mitten in der Nacht in einem blau-weiß gestreiften Nachthemd, das ihm bis auf die Füße ging, am Fenster stehen und eine Weintraube verzehren. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf seinen dicken Verband, während er geduldig eine Beere nach der andern abrupfte und verspeiste. Dann legte er sich wieder zu Bett, sagte einmal leise »Ja so« und schlief ein. Die Traube wurde zweimal in der Woche, wenn Besuchszeit war, erneuert und durch Äpfel, Birnen, Pflaumen ergänzt, die er sorgfältig in seiner Schublade verstaute.

Man merkte es Herrn Strehler an, dass er Wert darauf legte, das Obst über die Woche zu verteilen, denn es war gesund und förderte den Stoffwechsel – ein Umstand, der sich in der Enge des Zusammenlebens nicht immer vorteilhaft auswirkte und der zufällig anwesenden Schwester Luise – derselben, die schon beim Vorlesen mit ihrer Verlegenheit zu kämpfen hatte – den Ausruf entlockte: »Herr Strehler, Sie sollten sich eigentlich schämen.«

»Man wird wohl noch einen Scherz machen dürfen«, lachte der Schmied. Auch der Geometer war dieser Ansicht. Er hätte sich jetzt gern an der Unterhaltung beteiligt, aber zu dem Augenleiden kam ein anderes, das ihn nicht minder behinderte und von Jugend an den Menschen entfremdet hatte. Es war immer nur das erste Wort, genauer gesagt, der erste Buchstabe, der ihm zu schaffen machte und sich zu etwas Ungeheuerlichem, Unüberwindlichem auftürmte und die Welt verdüsterte. »Ruhig atmen«, sagte der Schmied und schlug ihm auf den Rücken. Aber der Geometer ließ nicht locker. Das Wort, das ihn würgte, musste heraus, dauerte es auch eine Ewigkeit, aber inzwischen war einer nach dem anderen bereits aufgestanden und auf den Balkon hinausgetreten. »S-paß muss sein«, entrang es sich endlich dem Gequälten, als das Zimmer schon ganz leer war, und er sagte es auch mehr zu sich selbst, als wollte er sich beweisen, dass er es doch noch fertiggebracht hatte.

Eines Morgens, nach der ärztlichen Visite, die mit dem Pomp einer militärischen Dienstübung und im Beisein des wie ein Feldherr von seinem Stab umgebenen Spezialisten sich abzuspielen pflegte, ging ein Raunen durch die dritte Klasse: Der Schmied wird heute operiert. Flüsternd erzählte einer dem andern, wie er sich, stolz und im Bewusstsein der ihm zugefallenen Bedeutung, von seinen beiden Bettnachbarn, die ihn bis an die Tür begleiteten, verabschiedet hatte und im Dunkel des nach Lysol riechenden Ganges verschwunden war. Und nun saßen sie auf der Veranda, zwischen den Geranientöpfen, tupften an ihren Verbänden und warteten auf die Nachrichten, die aus jener andern geheimnisvollen Welt der Messer und...


Sahl, Hans
Hans Sahl wurde 1902 als Sohn eines jüdischen Industriellen in Dresden geboren, schrieb ab Mitte der 1920er Jahre Filmkritiken in berühmten Blättern und begann in dieser Zeit auch seine ersten Erzählungen zu verfassen. 1933 musste er fliehen – erst nach Frankreich, dann in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Kulturkorrespondent erst der Zürcher Zeitung, dann der Süddeutschen Zeitung in New York. Er übersetzte Thornton Wilder, Tennessee Williams und Arthur Miller. Seit 1989 lebte der Autor in Tübingen, wo er 1993 starb. Bei Luchterhand sind zuletzt die ersten drei Bände seiner Werkausgabe („Memoiren eines Moralisten/ Das Exil im Exil“, „Die Gedichte“ und der Roman „Die Wenigen und die Vielen“) erschienen.



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