Sahl | Die Wenigen und die Vielen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Sahl Die Wenigen und die Vielen

Roman
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-641-04470-1
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-641-04470-1
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hans Sahls wahrhaft großer Roman: Eines der wichtigsten Werke der deutschen Exilliteratur

In seinem einzigen Roman erzählt Hans Sahl die Geschichte eines Schriftstellers, der zur Flucht aus Nazi-Deutschland gezwungen wird, kreuz und quer durch Europa gehetzt wird und bei seiner glücklichen Ankunft in New York das eigenartige Gefühl nicht abschütteln kann: Das Exil werde ich nie mehr hinter mir lassen …

»Ich bin kein Held. Ich habe Angst vor Ratten und vor Schlangen. Ich gehe ungern durch einen dunklen Wald. Ich liebe es nicht, misshandelt zu werden. Schlachtenlärm und Weltuntergänge sowie alle historischen Ereignisse, die sich geräuschvoll abspielen, sind mir unsympathisch. Ich liebe Bücher und Bilder, gute Musik und gute Weine …« So beginnt Georg Kobbe in Hans Sahls 1959 erstmals publiziertem Roman »Die Wenigen und die Vielen« von sich zu erzählen. Es ist die abenteuerliche Geschichte eines Berliners Dichters, der, weil er die falschen Bücher las und schrieb, vor allem aber, weil er ein Jude war, durch halb Europa gejagt wurde, bis er sich schließlich in Amerika in Sicherheit bringen konnte.
Hans Sahls Roman, der vom Untergang einer ganzen Welt erzählt, gehört zu den wichtigsten Zeugnissen der Geschichte des deutschen Exils.
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2
Der Weg ist immer besser als die Herberge.
CERVANTES
Der Mann, der Georg Kobbe hieß, ging langsam durch die Zweiundvierzigste Straße zum Broadway.
Er ging ohne Hut, den Kopf gesenkt, die Schultern leicht eingezogen, wie jemand, der gewohnt ist, im Gehen nachzudenken, und wenn er gelegentlich aufsah, zeigte sein Gesicht jenes unsichere, ein wenig übertriebene Lächeln, das oft Fremden oder Schwerhörigen eigen ist, die Mühe haben, der Unterhaltung zu folgen, es aber aus Scham oder Höflichkeit nicht zugeben wollen. Wie er so dahinschritt, eine Hand in der Tasche, mit der andern die Leute abwehrend, die sich an ihm vorbeidrängten, glich er einem Menschen, der soeben an eine unbekannte Küste gespült worden ist und sich verwundert umsieht: Wo bin ich?
Die Stadt war voll von Soldaten und Matrosen auf Urlaub, die Lichter waren abgedunkelt, über dem Times Square stand der Mond.
Er versuchte, gegen die Menge anzugehen, die in der ganzen Breite des Bürgersteigs ihm entgegenkam, ungeordnet und doch in kompakten Haufen, zusammengehalten durch den gemeinsamen Willen vorwärtszukommen, niemanden durchzulassen, der nicht dazu gehörte, der sie aufhielt, der nicht mit ihnen in der gleichen Richtung ging. Dies war ihre Straße, dies war ihre Stadt, sie besaßen New York und New York besaß sie, es fraß sie auf und ließ sie gewähren, es war Freiheit und Gefangenschaft, es jagte sie durch unterirdische Tunnels, wenn sie am Morgen zur Arbeit fuhren und wieder zurückkamen, durch Subwayschächte, die sich wie Hamstergänge unter der Stadt verteilten, und es spie sie aus, in Wolkennähe, wo schon Höhenluft wehte, in Schreibstuben aus Glas und auf schwebende, sommerliche Terrassen, es speiste sie, es gab ihnen zu trinken, zu hassen, zu lieben und zu weinen, es machte sie wach und müde und neugierig zugleich, und es öffnete ihnen sein unermeßliches Warenlager, in dem sie alles finden würden, was sie brauchten, alle Genüsse dieser Erde, in Flaschen, Büchsen, Schachteln, offen oder verpackt, kalt oder warm, trocken oder feucht, und es war stolz darauf, ihnen dies alles bieten zu können, auch jetzt noch, in diesem Augenblick, in diesem dritten Kriegsjahr, da die Stadt mit abgeblendeten Lichtern und verhängten Fenstern durch die Nacht fuhr, durch den Krieg, durch die Ungewißheit. »New York«, sagte Kobbe, während er sich mit Schultern und Armen einen Weg bahnte, er sagte es laut vor sich hin, es war nicht nur der Name einer Stadt, es war ein Begriff, eine Vorstellung von etwas Großem, Überwirklichem, beinahe Unüberwindlichem, das aber doch schwache Stellen zeigte, Ansatzpunkte, die überraschend nachgaben und plötzlich Vertrautes sehen ließen inmitten all der Fremdheit. Es war eine Stadt, in der jeder ein Stück Heimat wiederzuerkennen glaubte, wie das im Bernstein verborgene Insekt, ein Stück Krakau, Neapel, Lyon oder Madrid, eine Stadt, so schien es ihm, in der alle andern Städte enthalten waren, eine menschliche Landschaft in Bewegung, mit Höhenzügen, Tälern und Schluchten, durch die Menschenströme aus allen Nationen rauschten, eingehüllt in eine Wolke von Lärm, Getöse, Gerüchen, die über ihnen, mit ihnen durch die Schluchten zogen, sie begleitend, vorbei an Buden und Bazaren, die mit Blinkzeichen, rotierenden Scheiben und Spiralen, mit Plakaten und Aufschriften von beängstigend unverhüllter Eindringlichkeit den Vorbeigehenden verzweifelt anzuflehen schienen, sie zu erhören, einzutreten, wenn auch nur zu zwangloser Besichtigung, vorbei an Schaufenstern, vollgepackt mit Musikinstrumenten, Rasierklingen, Sporthemden, Fotoapparaten, Gipsbüsten von Präsidenten und Generälen, falschen Juwelen, künstlichen Beinen und Zähnen, vorbei an all dem, was die Stadt dem Einsamen zu bieten hatte, von Taubenschießen und Handlesen bis zu dem Röcheln Sterbender auf der Leinwand und den gepuderten Brüsten der Mädchen in den Burlesktheatern, die sich unter Paukenschlagen und dem Geheul der Männer entkleideten …
Es war nun kaum noch möglich, auf dem Bürgersteig zu bleiben, und während er, an den Rand getrieben, sich mit abwehrender Hand nun auch vor den heranstürmenden Bussen und Autos zu schützen hatte, spürte er, inzwischen müde und hungrig geworden, die Gerüche der Stadt auf sich eindringen, den süßen Karamelgeruch von gezukkertem Pop Corn, den heißen Fettgeruch der Frankfurter und Hamburger, den beizenden Fischgeruch gebackener Jumbo-Krabben und Austern; da roch es nach schal gewordenem Bier, nach Obstkarren, duftend wie fahrende Gärten, nach Bonbonküchen und Spaghettistuben und Sandwichrestaurants, in denen Männer mit weißen Schürzen, auf hohen Podesten wie Kapellmeister, dampfende Fleischstücke tranchierten und die Bratendämpfe sich mit dem Whiskygeruch an der Bar und den chemischen Ausdünstungen der Waschräume vermischten …
»Sorry«, sagte ein blaß über die Straße hastendes Mädchen, das ihn im Vorbeigehen angestoßen hatte. »That’s all right«, murmelte Kobbe, nicht ohne eine gewisse Genugtuung über seine mühsam erworbenen Sprachkenntnisse zu empfinden. Vielleicht sollte ich jetzt jemanden anrufen, dachte er und blätterte in seinem Notizbuch, das mit Namen und Adressen vollgeschrieben war, manche mehrfach durchgestrichen, geändert, neue Namen und alte, die noch von drüben stammten, aus vielen Städten und Ländern, von einem Notizbuch ins andere übertragen und nun in diese Stadt der Namen, Adressen und Telefonnummern herübergerettet, in dieses vorläufig letzte Notizbuch, das er sich am Tage der Ankunft eingerichtet hatte, mit der winzigen Landkarte der USA, ihren Posttarifen, Bevölkerungsziffern, Bank- und gesetzlichen Feiertagen, und dem alphabetischen Index, in dem diejenigen enthalten waren, die überlebt hatten oder frisch hinzugekommen waren: Asch, Nathalie – verzogen, Hackenschmidt, Ernst – wahrscheinlich nicht zu Hause, Wolfgang Roth, Walter Sanders, Paul Falkenberg – nein, nichts für heute abend, ein andermal. Sein Blick fiel auf einen mit Tinte durchgestrichenen Namen: Morton, Ignazio, Hotel Colonial – richtig, so hieß das Hotel, in dem es passiert war, dort hatte er in jener Nacht das Schild ›Do not disturb!‹ vor die Tür seines Zimmers gehängt und sich hingelegt, um nie mehr ›gestört‹ zu werden. Er sah sein Gesicht wieder vor sich, dieses spöttische, zugleich fromme und lasterhafte Gesicht, und er dachte an die Nächte auf dem kleinen portugiesischen Dampfer, der sie nach Amerika gebracht hatte, als sie allein auf dem leeren Deck standen, mondübergossen, rauchend, fluchend und diskutierend, während das Wasser ihnen ins Gesicht spritzte und Ignazio Morton (wie war eigentlich sein richtiger Name?) sich mit beiden Händen an der Reling festhielt, um nicht über Bord zu gehen. Er sah aus wie ein Harlekin, mit dem kanariengelben Schal, der roten Krawatte, dem grünen Rock und den karierten Hosen. »Alle Ethiker sind Verbrecher!« schrie Ignazio Morton über den Lärm der Brandung hinweg und trocknete sich mit seinem kanariengelben Schal das Gesicht ab. »Ebenso alle Weltverbesserer, Humanisten, Radiokommentatoren, Pazifisten et cetera et cetera … Was haben sie der Menschheit eingebracht? Nichts als Kriege, Bürgerkriege, Hungersnöte und Inquisitionen! Und dann der Mythus vom ›common man‹ und von dem erwachenden Bewußtsein der Völker! Seht sie euch doch an, die neuen Männer, in deren Namen heute Geschichte gemacht wird, diese Cäsaren des Mittelstandes, die sich mit Blut und Terror für die ungelüfteten Hinterzimmer ihrer Kindheit rächen … diese … diese … ›ethischen‹ Unruhestifter mit ihrem ewigen ›du mußt‹ und ›du sollst‹ und ›du darfst nicht‹, die sich hinstellen und der Menge einreden, sie wäre göttlich, in der einen Hand das Paradies und in der andern die Zwangsjacke. Ach, hören Sie mir doch auf! Leben und leben lassen! Das hat kein Ethiker erfunden, aber es ist Gott näher als alle Fünf-, Zehnoder Tausendjahrespläne!« Er stand da, fluchend, triefend und spuckend, sein kanariengelber Schal flatterte wie eine Arabeske des Widerspruchs durch die Nacht. Kobbe wußte nicht, was er sagen sollte. Er haßte Ignazio Morton am Morgen und liebte ihn am Abend, wenn er ihm mit heiserer Stimme erzählte, wie er in jungen Jahren als Kurier Lenins mit falschen Pässen durch die Hauptstädte Europas gereist war. Seitdem hatte sich, seiner Meinung nach, nichts Nennenswertes mehr in seinem Leben zugetragen. Er hatte sich der Revolution zur Verfügung gestellt, als es noch gefährlich war, Flugblätter in Fabriken zu verteilen, und er verzweifelte an ihr, als selbst Hausfrauenvereine sich der Notwendigkeit einer sozialen Änderung nicht länger verschließen konnten. Was kümmerte es ihn, daß man ihn einen Zyniker nannte? Er liebte die Wahrheit – er liebte sie so sehr, daß er sie mißhandelte. Er hatte einen Heißhunger nach Leben, nach neuen Gesichtern und neuen Ideen. Er stürzte sich auf die Geschichte und machte aus ihr einen Karneval der Aperçus. Er war ein Feind der Dummen und ein Freund der Weisen in allen Ländern. Er ging umher, rauchte seine Pfeife und schrieb Bücher. Zwischendurch floh er oder saß im Gefängnis. Er war ein großer Europäer, einer aus dem ruhelosen Geschlecht der Villon und Rimbaud, ein ewiger Protestant und ein verschämter Moralist, der lieber mit den Wölfen heulen als den Schafen eingestehen wollte, daß er genauso verzweifelt war wie sie …
Wir alle sind Figuren in einem Roman, der noch nicht geschrieben ist, dachte Kobbe, während er in seinem Notizbuch blätterte. Wahrscheinlich wird dieser Roman nie geschrieben werden. Die Zeit schreibt viel schneller als wir, sie ist romanhafter als alles, was ein Mensch sich ausdenken kann. Ja, hat...


Sahl, Hans
Hans Sahl wurde 1902 als Sohn eines jüdischen Industriellen in Dresden geboren, schrieb ab Mitte der 1920er Jahre Filmkritiken in berühmten Blättern und begann in dieser Zeit auch seine ersten Erzählungen zu verfassen. 1933 musste er fliehen – erst nach Frankreich, dann in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Kulturkorrespondent erst der Zürcher Zeitung, dann der Süddeutschen Zeitung in New York. Er übersetzte Thornton Wilder, Tennessee Williams und Arthur Miller. Seit 1989 lebte der Autor in Tübingen, wo er 1993 starb. Bei Luchterhand sind zuletzt die ersten drei Bände seiner Werkausgabe („Memoiren eines Moralisten/ Das Exil im Exil“, „Die Gedichte“ und der Roman „Die Wenigen und die Vielen“) erschienen.



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