Sahm | Der Krimscher | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 324 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Sahm Der Krimscher

Spektakuläre Fälle aus Norddeutschland, Erinnerungen eines Kriminalisten
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-11967-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Spektakuläre Fälle aus Norddeutschland, Erinnerungen eines Kriminalisten

E-Book, Deutsch, 324 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-11967-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch ist kein Roman, sondern schildert in 18 Fällen die harte Wirklichkeit der kriminalistischen Arbeit bei Aufsehen erregenden Kriminalfällen oder spektakulären Ereignissen. Die Berichterstattungen in den Medien waren gewaltig, egal, ob es sich um Morde an einem Piloten, einem Polizeibeamten, mehreren jungen Frauen oder die »Hinrichtung« einer ganzen Familie handelte. Flugzeugabstürze, von 1971 in Hasloh bei Hamburg bis zu dem Absturz des damaligen Ministerpräsidenten Dr. Dr. Uwe Barschel 1987 in Lübeck, geben Einblicke in die Zusammenarbeit mit dem Luftfahrtbundesamt. Von zeitgeschichtlicher Bedeutung dürften auch heute noch die fremdenfeindlichen Brandanschläge in Mölln und die Brände der Lübecker Synagoge sein. Vielleicht erinnern sich Autofahrer noch an die Anschläge auf der Autobahn A 24, als schwere Gullydeckel von Brücken geworfen oder wahllos Fahrzeuge mit großkalibrigen Waffen beschossen wurden, um das Land SH zu erpressen. Die äußerst seltenen Taten eines Nekrophilen wie auch den Versuch einer DDR-Rockband, ein ehemaliges Bandmitglied aus dem Westen zu entführen, gehören zu den Besonderheiten der Einsätze. Da Manfred A. Sahm in verschiedenen Funktionen, vom Anwärter bis zum Kriminaldirektor, an allen Fällen beteiligt war, versteht es sich, dass es auch gewisse autobiografische Züge enthält, ohne aber nur eine Biografie zu sein.

Manfred A. Sahm, 1943 in Kiel/Schleswig-Holstein geboren und aufgewachsen, wohnt heute in Mölln. Nach seiner Ausbildung und mehrjähriger Tätigkeit in einem großen regionalen Versicherungsunternehmen wechselte er in den Dienst der Landespolizei. In beiden Berufen verfasste Manfred A. Sahm Artikel und Berichte für Fachzeitschriften, Presseorgane und hielt eine Vielzahl von Vorträgen im In-und Ausland. Mit dem Buch "Der Krimscher" blickt der Kriminaldirektor a. D. und ehemalige Fachhochschuldozent auf eine fast 30-jährige Dienstzeit als Kriminalist in Schleswig Holstein zurück. Der Autor war in verschiedenen Funktionen, vom Anwärter bis zum Kriminaldirektor, an allen 18 im Buch beschriebenen Aufsehen erregenden und spektakulären Ereignissen beteiligt. Das Buch enthät enthält autobiografische Züge, ohne aber eine Biografie zu sein. Eines seiner Hobbys ist die niederdeutsche Sprache, die auch beruflich viele Vorteile bot. So entstanden 3 Bücher "op Platt", darunter die Übersetzung des kompletten "Till Eulenspiegel".
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Was lange währt, wird endlich gut!

Deutsches Sprichwort

Erfolg nach 4 Jahrzehnten

Wenn eine Mordkommission wegen der Besonderheit eines Falles, eines gewaltigen Arbeitsaufkommens und der schon erwähnten Eilbedürftigkeit nicht mit dem Stammpersonal auskam, mussten schon immer Kräfte von anderen Kommissariaten oder Dienststellen zur personellen Verstärkung zugeordnet werden. Dazu gehörten in schöner Regelmäßigkeit auch sämtliche Kriminalanwärter, die dann, oft zum Unwillen ihrer jeweiligen Ausbildungsleiter, alles stehen und liegen lassen mussten / durften und keiner sagen konnte, wann sie wieder zurück sein würden.

Es war im Juni 1969, als auch mir als Kriminalanwärter diese »Ehre« zuteil wurde. Im Kreis Segeberg, nördlich der Hansestadt Hamburg, war im Vorgarten eines Hauses die Leiche einer 22-jährigen jungen Frau gefunden worden. Ihr Unterleib war entblößt, die Unterwäsche war zerrissen, sie war Opfer eines Sexualmörders geworden! Die Tatortarbeit war den fachkundigen taktischen und technischen Beamten der Mordkommission vorbehalten, wir als »Hilfskräfte« wurden bei der Absuche der näheren Umgebung des Tatortes und bei der Befragung der Anwohner eingesetzt. Auch diese Tätigkeiten waren nicht nur unumgänglich sondern auch dringend geboten. Derartige Befragungen trugen und tragen auch heute noch die treffende Bezeichnung »Klinkenputzen«. Wir gingen von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung, klapperten einen ganzen Ortsteil ab, teilten mit, was der Anlass unseres Besuches war und stellten immer wieder dieselben Fragen: »Haben Sie etwas gesehen? Können Sie sachdienliche Angaben machen? Wer wohnt noch bei Ihnen, den wir auch fragen könnten?«, denn wir konnten uns ja nicht auf die gerade anwesenden Personen beschränken.

Es war wie stets ein mühseliges Unterfangen, nicht immer trifft man jemanden an, weil viele Leute tagsüber zur Arbeit sind. Also – mehrfach versuchen! Überstunden waren vorprogrammiert, da wir oftmals erst am Abend zum Erfolg kamen. Während die Mordkommission weiterhin unermüdlich versuchte, einen Täter zu ermitteln, waren wir Anwärter relativ schnell wieder bei unseren Stammdienststellen. Selbstverständlich aber verfolgte ich den Fortgang der Ermittlungen, schließlich war ich ja auch »stolzes« Mitglied einer Mordkommission gewesen! Und das sogar schon am Anfang meiner Laufbahn.

Eine Erfolgsmeldung blieb leider für Monte aus. Wie hieß es so schön, aber lapidar: die Ermittlungen dauern an. Sie hatten u.a. ergeben, dass der Täter sein Opfer an einer Bushaltestelle traf und in seinem Fahrzeug mitgenommen haben musste. Wo er die junge Frau dann später tötete, blieb unbekannt. Die Rechtsmediziner stellten fest, dass sie vergewaltigt und erwürgt worden war. Hinweise, die auf einen Tatverdächtigen hindeuten könnten: Fehlanzeige! Auch wenn sie seinerzeit noch nicht einem Tatverdächtigen zuzuordnen waren, gab es immerhin eine Reihe von kriminaltechnischen Spuren, die gefunden und gesichert wurden. Sie wurden für den Fall aufbewahrt, dass irgendwann in der Zukunft ein Abgleich möglich sein könnte.

Stattdessen ein neuer Fall: im September 1969 meldeten Angehörige ihre 16 Jahre alte Verwandte als vermisst. In dem gleichen Gebiet des Mordes vom Juni war das Mädchen verschwunden. Da läuteten bei den Kriminalisten sämtlicher Dienststellen alle Glocken!

Dieses Verschwinden der jungen Frau wurde deshalb nicht nur als Vermisstensache bei der örtlich zuständigen Dienststelle bearbeitet, auch wurde sofort wieder eine verstärkte Mordkommission eingesetzt. Und wieder gehörten wir zu den Verstärkungskräften, also sämtliche Kriminalanwärter der Behörde.

Die 16-Jährige wurde zuletzt gesehen, als sie gegen 20.00 Uhr eine Diskothek verließ. Zeugen beobachteten sie zuletzt an einer stark befahrenen Durchgangsstraße, wo sie versuchte, als Anhalterin mitgenommen zu werden. Dass ein derartiges Verhalten sehr gefährlich sein konnte, war allgemein bekannt. Nicht nur die kriminalpolizeilichen Vorbeugungsratschläge, die Medien und auch die Eltern minderjähriger Kinder hatten ständig auf diese Gefahren hingewiesen. Damals war die Motorisierung von Disko-Gängern noch längst nicht auf einem mit heute vergleichbaren Stand. Und das Leistungsangebot des öffentlichen Nahverkehrs mit Bussen, Bahnen oder sogar »Disko-Bussen« ließ doch noch stark zu wünschen übrig! Taxis waren zu teuer.Also, was blieb? Trampen! Und es kam, was kommen musste: in einem der Fahrzeuge, das anhielt, saß ihr Mörder! Davon gingen nicht nur die eingesetzten Polizei- und Kriminalbeamten aus, in der Öffentlichkeit machte sich Unruhe breit!

Da aber bisher keine Leiche gefunden werden konnte, war es theoretisch aber auch denkbar, dass sie »nur« von zu Hause weggelaufen oder entführt worden sein könnte. Allerdings gab es keinerlei Aktivitäten, z.B. Erpresseranrufe möglicher Täter. Für ein Verschwinden aus eigenem Antrieb gab es ebenfalls keine Anhaltspunkte. Grundlos weggelaufen?? Sicher nicht, denn so eine Verhaltensweise passte nicht zu ihrer Persönlichkeit. Wir mussten von dem Schlimmsten ausgehen.

Was folgte, war eine groß angelegte Suchaktion bei jedem Wetter des beginnenden Herbstes in Wald- und Heidegebieten, und davon gab es reichlich viele und in Ausmaßen, die eine komplette Absuche fast unmöglich machten. Wir hatten manchmal das Gefühl, dass wir schon alle Bäume kannten und die Bäume und Sträucher uns. Trotz des monatelangen Einsatzes von Polizei-Hundertschaften und Suchhunden fand sich keine Spur des Mädchens. Auch meldeten sich trotz diverser Aufrufe im Fernsehen, im Rundfunk und in den Tageszeitungen keine Zeugen, die etwa Angaben zu dem Fahrzeug machen konnten, in das die Vermisste eingestiegen sein könnte. Auch die lobenswerte Hilfsbereitschaft der Bewohner der umliegenden Gemeinden brachte nicht den entscheidenden Hinweis. Unruhe und wohl auch Angst hatten sich in der Öffentlichkeit der betroffenen Gemeinden breit gemacht, so dass wir auf eine sehr große Hilfsbereitschaft stießen.

Es war und ist immer frustrierend, wenn über Monate trotz des Einsatzes von sehr vielen Beamten und einer umfangreichen Ausrüstung kein Erfolg zu verzeichnen ist. Jeder Einzelne und die gesamte Mordkommission stellten sich nicht nur in den täglichen Lagebesprechungen permanent die Fragen:

»Haben wir etwas übersehen? Lagen wir mit unserem Profiling der Täterpersönlichkeit richtig? Welche Maßnahmen könnten jetzt noch erfolgversprechend sein?«

Und irgendwann war es dann soweit, die Mordkommission wurde auch wieder aufgelöst. Bis auf wenige Ermittler, die »an dem Fall dran blieben«, gingen die übrigen Beamten wieder ihrem täglichen Routinegeschäft nach. Auch Raub, Diebstahl, Brandstiftung und der Zechbetrüger mussten bearbeitet werden!

Das änderte sich dann aber schlagartig, als nach knapp 8 Monaten spielende Kinder in einem Graben im Wald die teilskelettierte Leiche der bis dahin vermissten 16-Jährigen fanden. Ich muss dazu sagen – und das soll keine Entschuldigung sein –, dass bei den Ausmaßen und der Unübersichtlichkeit der Gelände eine 100-prozentige Absuche nahezu unmöglich gewesen war, und erst recht, weil es sich bei dem Fundort um eine sehr weit abgelegene Stelle in einer anderen Gemeinde gehandelt hatte. Schon der Anblick des Opfers bestätigte unsere damaligen Überlegungen, dass es sich um ein und denselben Täter handeln dürfte: er hatte die junge Frau teilweise entkleidet und ihre Bekleidung zerrissen! Eine brutale Vorgehensweise, die schon bei dem ersten Opfer festzustellen war. Und noch etwas bestätigte den Tatzusammenhang: Rechtsmediziner stellten Spuren einer Vergewaltigung und Tötung durch Einwirkung auf den Hals, durch Erdrosseln wahrscheinlich mit ihrer Strickjacke, fest. Wir hatten es also mit nur einem Sexualmörder zu tun!

Das Motto auch diesmal im Mai 1970 wieder: »Alles auf die Straße und in den Wald!« Dabei galt es nicht nur, Ermittlungen in diesem neuen Fall durchzuführen, sondern auch alle Ergebnisse der Befragungen, Vernehmungen, kurz sämtlicher Tätigkeiten auch mit den in vielen Leitz-Ordnern gesammelten Erkenntnissen des ersten Mordes an der 22-jährigen Frau vom Juni 1969 abzugleichen. Ich erinnere mich auch heute noch an den immensen Personalaufwand, mit dem wir versuchten, die aktuelle und auch noch die erste Tat aufzuklären.

Unruhe und Angst in der Bevölkerung, die schon beim Verschwinden festzustellen waren, wurden jetzt auf einen konkreten Grund zurückgeführt und verstärkten sich. Die schreibende Presse betitelte einen Artikel mit »Sommer der Angst«. Es war verständlich, dass derartige Taten das Sicherheitsgefühl der Menschen in der überwiegend aus kleineren oder größeren Dörfern bestehenden Region am...



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