Sahm Die Tage mit Bumerang
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-446-26514-1
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: hanserblau
ISBN: 978-3-446-26514-1
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nichts ist mehr wie vorher in dem kleinen Dorf. Seitdem Annu einen tragischen Unfall verursacht hat, schneiden sie die Nachbarn. Sogar ihr bester Freund Lars hat sich von ihr abgewandt. Langsam, aber sicher verzweifelt Annu allein in ihrem windschiefen Haus. Bis eines Tages ein Schaf vor ihrer Tür steht, das sich nicht wegschicken lässt. Der störrische Gast heißt von nun an Bumerang - und holt Annu langsam ins Leben zurück. Die Zuversicht kommt im Schafspelz: ein hinreißender Roman, der einen direkt in den verwilderten Garten von Annu versetzt, mitten auf das alte Sofa, auf dem es sich auch schon Bumerang bequem gemacht hat.
Nina Sahm, geboren 1980 in Heilbronn, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik in Leipzig und Budapest und arbeitet als Verlagsredakteurin. Ihr Debütroman Das letzte Polaroid erschien 2014. Nina Sahm lebt mit Freund und Hund in München.
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Prolog
Annu hatte das Fenster geöffnet und lehnte sich nach draußen, sie atmete die kalte Luft ein und ließ dann kleine weiße Atemwölkchen durch den Garten wandern, so wie sie es als Kind von ihrem Vater gelernt hatte.
»Ich bringe dir das Zaubern bei«, hatte Matti gesagt und sich mit ihr nach draußen gestellt. Dann sogen sie ihre Lungen voll und ließen die Luft geräuschvoll wieder ausströmen. Immer wieder und wieder.
»Gesund ist das nicht«, beschwerte sich Marie.
Aber wenn es doch so viel Spaß machte?
Als Annu später in der Schule erklärt bekam, aus welchen Gründen Atemluft kondensierte, fand sie das ganz und gar unnötig. Sie verstand nicht, warum die Dinge auf so profane Weise beschrieben werden mussten und weigerte sich, Formeln auswendig zu lernen.
Am glücklichsten waren sie und ihre Eltern im Winter. Der Tag, als der erste Schnee fiel, war für die drei ein Feiertag. Annus Mutter bewunderte die Veränderung zunächst vom Haus aus, aber Matti zog es sofort nach draußen. Er lief zur Abhärtung barfuß über den weißen Teppich.
»Finnen frieren nicht«, sagte er lachend.
Annu folgte ihm und setzte ihre nackten Füße in seine Abdrücke im Schnee. Wenn die Kälte von den Fußsohlen aus langsam nach oben kroch, sprang sie neben Matti auf und ab wie ein Flummi.
»Annus frieren auch nicht«, ergänzte sie.
Manchmal kam ihr bester Freund Lars dazu, den Annu längst mit ihrer großen Schneeliebe angesteckt hatte und der lautstark die Sekunden zählte, die er barfuß im Garten aushielt.
»Lars ist der Weltmeister im Nicht-Frieren!«, rief er. Aber sein Gesicht erzählte etwas anderes.
Erst wenn Marie im Haus nach ihnen rief, rannten sie ins Wohnzimmer zurück. Dann machte Marie ihren berühmten Schokoladenkuchen, und Annu sah jedes Mal mit offenem Mund zu, wie ihre Mutter die Kokosflocken auf die flüssige Glasur rieseln ließ, als wäre sie Frau Holle persönlich. Aber das war noch nicht alles: Annu durfte ausnahmsweise so viele Stücke essen, wie sie wollte. Dazu gab es heißen Kakao und für die Erwachsenen einen Lumumba, und dann stießen sie auf den Schnee an, als hätten sie noch nie welchen gesehen. Sonst war Marie strenger, weil sich Annu nicht zu früh an all die Süßigkeiten gewöhnen sollte. Aber an den Tagen des Winteranfangs gab es keine Verbote.
Wenn Annu gefragt wurde, worauf sie sich am meisten freute, sagte sie jedes Mal: den Winter. Das war besser als Geburtstag, besser als Weihnachten. Sie malte auch nicht wie die anderen Kinder niedliche Tiere oder Häuser mit Blumen. Bei ihr war immer alles von einer weißen Schicht bedeckt. Das schiefe Haus, in dem sie mit ihren Eltern wohnte. Der Wald, der direkt dahinter anfing. Und das kleine bayerische Dorf mit den siebenundachtzig Einwohnern. Manchmal zog Annu sogar mitten im Sommer ihre Schneehose und die gefütterten Stiefel an und lief damit durch das Haus, stapfte von Zimmer zu Zimmer, als würde ihr jeder Schritt schwerfallen.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Marie dann kopfschüttelnd.
»Ich spiele Winter«, antwortete Annu. »Es liegt überall so tiefer Schnee, ich komme kaum durch. Hilfst du mir beim Schippen?«
Ein Wunsch, den Marie ihr nicht ausschlagen konnte. Also holte sie zwei Plastikschaufeln aus dem Garten, und dann ging es los. Die beiden räumten erst im Flur und im Bad einen Weg frei, danach ging es durch das Wohnzimmer und die Küche, die Treppe hoch durch das Kinderzimmer und das Schlafzimmer der Eltern und schließlich noch eine Treppe nach oben und durch den Dachboden. Das Ganze dauerte lange, aber Annu war gründlich und erinnerte Marie daran, keine Schneereste zu vergessen. Wenn das ganze Haus wieder frei war, wollte Annu die Wege mit Brotkrumen streuen, damit niemand ausrutschte. Aber das war der Punkt, wo Marie nicht mehr mitspielte.
»Das geht nur im echten Winter und mit echtem Streusalz«, protestierte sie und schickte Annu auf ihr Zimmer zurück.
Fünfundzwanzig Jahre später wohnte Annu alleine in dem schiefen Haus am Ende der Straße, die einmal durch das ganze Dorf führte. Vorbei am stillgelegten Bahnhof und der kleinen Billardkneipe, vorbei am Gemischtwarenladen, der gleichzeitig Bäcker, Post und Lotto-Annahmestelle war. Nach wie vor hielt Annu an den Ritualen fest und feierte die ersten schneeweißen Tage des Jahres, auch wenn die Eltern nicht mehr da waren. Sie öffnete die Haustür, schlüpfte aus den Hausschuhen und trat barfuß auf die weiche Schneedecke, die knirschend nachgab. Der Schmerz kam zeitverzögert und kroch langsam durch ihren ganzen Körper. Wie lange konnte sie wohl draußen bleiben, fragte sie sich und zählte die Sekunden. Sie bewegte die kalten Zehen und blieb auf der Stelle stehen, bis sie bei zwanzig angekommen war. Dann sprang sie ein paarmal auf der Stelle in die Luft, um noch länger auszuhalten. Aber sie war nicht mehr so abgehärtet wie früher. Oder lag es an der fehlenden Begleitung? Wenn niemand neben ihr stand oder zumindest durch das Fenster zusah, machte es viel weniger Spaß. Ihre Eltern lebten seit fünf Jahren nicht mehr, daran hatte sie sich halbwegs gewöhnt. Was sie hingegen kaum ertrug, waren die Tage ohne Lars. Ihr Leben lang hatten sie sich fast jeden Tag gesehen. Sie hatten in der Schule nebeneinander gesessen und immer in der gleichen Straße gewohnt. Wenn sie sich gegenseitig besuchten, legten sie die wenigen Meter von Haus zu Haus so schnell wie möglich zurück.
»Ich bin den ganzen Weg gerannt«, sagte Annu, wenn sie bei ihm vor der Tür stand.
Und wenn er zu ihr kam, wiederholte er den gleichen Satz. Es war wie ein Code, der verkündete: Jetzt ist alles in Ordnung.
Und nun? Seit dem Unfall war alles anders. Annu konnte nicht mehr bei ihm klingeln, wenn ihr die Milch oder die Eier ausgegangen waren. Es gab keine gemeinsamen Essen mehr, keine endlosen Gespräche über alles, was ihnen wichtig war, keine Fahrten zum See. Schon ein Dreivierteljahr war er fort. Sie fing die Schneeflocken mit dem offenen Mund und ließ sie wie früher auf ihrer Zunge schmelzen.
»Annus frieren nicht«, redete sie sich ein, um noch eine Weile draußen stehen bleiben zu können. Doch sie war lange nicht soein Eisbär wie ihr Vater und spürte die Kälte am ganzen Körper. Selbst das Atmen schmerzte. Langsam stapfte sie wieder zum Haus zurück, schließlich musste sie niemandem etwas beweisen, nicht mehr. Ob sie sich einen heißen Kakao machen sollte wie früher? Oder die große Schneeschippe herausholen und einfach das ganze Dorf frei räumen wie der Winterdienst? Vielleicht noch etwas Streusalz verteilen? Annu sah nach links und nach rechts, nach unten und nach oben, als wäre irgendwo eine Antwort in der Luft. Doch da schien ein Schweigen über dem Dorf zu liegen, kein Vogel war zu hören, und die Straßen waren wie leer gefegt. Mitten in diese gespenstische Stille hinein bog der Briefträger um die Ecke. Annu rieb sich die Augen. Ulli war auf dem Weg zu ihr? Und wie sah er überhaupt aus? Er hatte den klapprigen Drahtesel gegen ein Elektrorad getauscht und fuhr fast lautlos die Straße entlang. Auch ihn hatte sie seit dem Unfall nicht mehr gesehen, er hatte sich einen Bart wachsen lassen und anscheinend ein paar Kilo zugelegt. Gleich würde er seinen Fehler bemerken, einen kleinen Bogen machen, als wäre nichts geschehen, und schnell umdrehen, bevor es Zeugen gab. Ich gebe dir noch fünf Meter, dachte Annu. Noch vier, noch drei, noch zwei, noch einen … Aber er schien es ernst zu meinen. Er fuhr weiter und war schon fast an ihrem Gartenzaun angekommen. Annu hob eine Hand zum Gruß. Doch Ulli sah nicht zu ihr auf, er schob nur etwas in ihren Briefkasten, rückte seine Mütze zurecht und radelte dann schnell weiter. Als wollte er sagen: Dass ich hier wieder vorbeikomme, ist genug. Je schneller ich weg bin, desto besser.
Annu ging zum Briefkasten, noch immer barfuß. Es kribbelte in ihren Füßen, so kalt war es. Die letzten Meter musste sie rennen. Sie öffnete die Briefklappe und zog einen Umschlag heraus, die krakelige Schrift erkannte sie sofort. Darin steckte eine Postkarte aus dem Naturkundemuseum, auf der Vorderseite waren Fossilien und ausgestopfte Tiere zu sehen. Sie drehte die Karte um. Liebe Annu, las sie, dann wurde ihr schlecht, und sie steckte die Post in ihre Tasche. Sie würde sie später lesen, nicht mit leerem Magen und kalten Füßen. Auf dem Rückweg...




