E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Sahota Dieses verdorbene Herz
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98941-057-2
Verlag: Gutkind Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Das Must-Read des Jahres und der fesselnde Roman zur Stunde.
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-98941-057-2
Verlag: Gutkind Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sunjeev Sahota ist ein britischer Schriftsteller. Er veröffentlichte die preisgekrönten Romane Ours are the Streets, The Year of the Runaways und Das Porzellanzimmer. Seine letzten beiden Romane waren für den Booker Prize nominiert. Sahota unterrichtet Kreatives Schreiben an der Durham University und lebt in Sheffield.
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1
»Helen Fletcher ist wieder da?«
Bis zu dem Anruf bei seiner kleinen Schwester im Frühjahr 2017 hatte Nayan nicht mal gewusst, dass die Frau so hieß. Er hatte sie gut ein Dutzend Mal gesehen, zuerst ein Foto von ihr, auf dem Handy der Frau von der Pflegeagentur, aber am häufigsten, wenn seine abendliche Laufrunde mit ihrem Feierabendbier zusammenfiel und sie in abgeschnittener Jeans, ein Budweiser an den Lippen, auf ihrer Veranda saß, die Beine gegen das ramponierte Holzgeländer gestützt. Ihr Haus war das allerletzte, bevor die unbeschilderte Straße sich zu einem von Quads zerfurchten Weg verengte, und ihr nächster Nachbar, der Pub The Saracen’s Head, lag ein gutes Stück den Berg hinunter. Diese Abgeschiedenheit löste bei ihm stets eine angespannte Befangenheit aus, wenn er an ihr vorbeijoggte. Nayan nahm sich immer vor, Hallo zu sagen, verkniff es sich aber jedes Mal. Er war aus der Übung, klar, und er war es auch nicht gewohnt, sich eingeschüchtert zu fühlen: Sie lehnte mit dem Hinterkopf an dem Pfosten, gebieterisch, als wäre ihr alles scheißegal, und ihre Einfahrt – geschottert, mit Unkraut überwuchert, höchstens breit genug für einen Minikombi – war viel zu steil, als würde sie wirklich da oben auf ihrem wackeligen Thron hocken und auf ihn herabschauen. Etwa eine Woche vor dem Anruf bei seiner Schwester sah er sie aus nächster Nähe, als er im Postladen in der Warteschlange stand. Wieder trug sie die abgeschnittenen Jeans, und das an einem kalten Aprilmorgen. Das Handy-Foto musste ein paar Jahre alt gewesen sein, denn in echt war sie älter, wenn auch – wie er irritiert feststellte – jünger als er mit angegrauten blonden, glatt herabhängenden Haaren und markanten Wangenknochen, die ihrem ganzen Gesicht etwas Verschlossenes verliehen. An der Theke sprach sie nur ein paar Worte, die Nayan nicht verstehen konnte, ließ sich von Margot eine Gaskarte und eine Packung Zigaretten geben und ging, unangezündete Kippe im Mund, Korbumhängetasche unter einen Arm geklemmt.
Wie durch ein Wunder sah er sie in der Woche noch bei fünf weiteren Gelegenheiten: zweimal, als er beim Joggen an ihrer Veranda vorbeikam; am Freitagabend im Saracen’s Head, wo sie ihre Pflegemontur trug; am nächsten Tag dann bei Aldi, wo sie mit finsterer Miene die Rückseite einer Packung grünes Thai-Curry studierte; und schließlich wieder im Postladen, wo Margot ihn dabei ertappte, dass er ihr hinterherschaute, als sie ging.
»Schönes Wetter heute«, sagte er und legte fettarme Milch, Multivitamine und Bananen auf die Theke.
»Das hier ist die Post. Der Laden ist da drüben.« Sie zeigte auf die Nachbartheke. Er schob seine Sachen rüber, während Margot stehen blieb, wo sie war, weil dieselbe vorsintflutliche Kasse für Post und Laden gleichermaßen diente.
»Die Frau kommt mir bekannt vor«, log Nayan.
»Mm-hmm«, sagte Margot.
»Ich weiß aber nicht, woher. Sie ist neu hier, nicht? Ziemlich neu?«
Margot, ihr Mund eine dünne, rot geschminkte Naht, riss Nayan den Schein – sie nahm nur Bargeld – aus den Fingern.
»Ich frag mich, warum sie mir so bekannt vorkommt«, hakte er nach.
»Vielleicht weil sie mal auf den Schulleiter losgegangen ist«, sagte Margot herablassend und ließ damit durchblicken, dass sie alle Geheimnisse dieses alten Ortes kannte.
»Ach ja. Das muss es sein. War das auf der Nether–«
»Du müsstest da längst aus der Schule raus gewesen sein.« Sie klatschte sein Wechselgeld auf die Theke, knallte die Kasse zu. »Deine Schwester erinnert sich vielleicht an sie.«
»Meinst du?« Nayan schob die Münzen von der Theke in seine Hand und sagte: »Du wirst von Tag zu Tag hübscher, Margot.«
Als er ging, sah er in der Türscheibe, dass sie ihn nachäffte. Er drehte sich um und unterdrückte ein Lächeln, als ihr Gesicht erstarrte. »Wie heißt sie noch gleich?«
Warum wollte er ihren Namen wissen? Was sollte er mit ihrem Namen machen? Ihn googeln? Klar, sie war eine Außenseiterin oder strahlte zumindest die Aura einer Außenseiterin aus, was er ungemein anziehend fand. Jedenfalls verriet Margot ihm nicht ihren Namen, wenn sie ihn überhaupt kannte. Sie schien viel zu sehr damit beschäftigt, einen Blick auf das rosafarbene Oval ihrer Armbanduhr zu werfen und sich zu merken, was er gekauft hatte und was er anhatte, um sich diese Details mit langsamer, penibler Handschrift notieren zu können, sobald er gegangen war, denn das Interesse dieses nicht-weißen Mannes an dieser weißen Frau konnte bestimmt nichts Gutes bedeuten, und ganz sicher – ihre Gedanken rasten hämisch weiter – würde in den nächsten Tagen und Wochen ein Polizist auftauchen, um zu fragen, ob sie vielleicht etwas dazu sagen könnte, wer der stillen, wenn auch schamlos gekleideten Frau, die so abgelegen wohnte, etwas hätte antun wollen. Draußen vor dem Postladen spuckte Nayan auf den Boden, holte tief Luft zur Beruhigung und trottete weiter Richtung Baumarkt, um Silikon zu kaufen (undichte Fugen im Bad), und dann nach Hause, von wo aus er seine Schwester anrief.
»Also erinnerst du dich an sie? Diese Helen Fletcher.«
»Kaum. Sie muss etwa zwei Jahre unter mir gewesen sein.«
Damit wäre sie siebenunddreißig, fünf Jahre jünger als er. »Aber du kennst ihren Namen.«
»Ein Kind, ein Mädchen, schlägt den Schulleiter zusammen? So ein Name spricht sich rum.«
Er wechselte den Hörer ans andere Ohr. »Merv?«
»Dann ist sie abgegangen. Soll ihm die Nase gebrochen haben.«
»Warum?«
»Ach, keine Ahnung. Ich war da schon weg. Seit wann ist sie wieder da?«, fragte Sonia rasch.
»Ein paar Monate, glaub ich. Sie war als Dads Haushaltshilfe vorgesehen, hat aber abgelehnt. Ich würde zu gern wissen, warum.«
Kühle Stille trat ein, während Sonia überlegte: Sollte sie wieder mal honorieren, was Nayan geopfert hatte? Denn während sie mit ihrer Freundin das schicke Leben einer Anwältin in Chicago führte, kümmerte er sich seit mittlerweile zwölf Jahren allein um ihren kranken Vater, einen Mann, der allen noch so schlechten Prognosen seitens der Ärzte hartnäckig trotzte. Apropos Erkrankung …
»Wie geht’s Trump?«, fragt Nayan, stets der große Bruder, der seine Schwester aus der Klemme rettete. »Muss ja wohl Demenz sein, oder?«
Aber Sonia wollte nicht gerettet werden und kam aufs Thema zurück, behauptete sich. »Haben die denn nicht gesagt, warum sie abgelehnt hat?«
»Nur, dass sie kein gutes Gefühl hatte.« Er überlegte einen Moment. »Sie hat die Stadt verlassen, weil sie einen Lehrer geschlagen hat? Ein bisschen drastisch.«
»Warum bist du denn so an ihr interessiert?« Er verabscheute den neckischen Ton in ihrer Stimme und freute sich zugleich ein bisschen darüber. »Bist du? Interessiert, meine ich?«
Mehr als interessiert. Diese Helen Fletcher bezauberte ihn zunehmend. Ihr ernstes Gesicht, das seine Sorgen verbarg, die provokante Art, mit der sie im Pub ihr Bier hinstellte, der beeindruckende Verzicht auf Höflichkeiten, die Weigerung, sich locker zu geben, im Grunde also ihre Bereitschaft, Ablehnung herauszufordern, all das löste bei Nayan zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Gefühl der Faszination aus, ohne dass sie ein Wort gewechselt hatten.
Er erzählte mir das alles, ihre gemeinsame Geschichte, einige Jahre später, als das Land noch immer mit der Pandemie zu kämpfen hatte, alle von Booster-Impfungen redeten und er ein Zimmer in einem Mietshaus im Zentrum von Chesterfield bewohnte.
Als wir aufwuchsen, hatten wir nicht viel miteinander zu tun, obwohl wir nur gut eine Meile voneinander entfernt wohnten. Nayan war sechs Jahre älter als ich – ich bin eher in Helens Alter – und ging auf die Netherthorpe, die ehemalige Grammar School, deren viktorianische Fassade in der Vorstellungswelt der Einheimischen noch respektabel wirkte, obwohl sie in Wirklichkeit genauso rau und niveaulos war wie Springwell, ihre Rivalin und mein Betonklotz von Schule. Das soll nicht heißen, dass ich Nayan nicht kannte. Damals lebten höchstens fünf indische Familien in der Stadt, allesamt Sikhs, und sie wohnten ausnahmslos über ihren jeweiligen Läden und Geschäften. Manchmal trafen wir uns, meistens zum Diwali-Fest, das jeweils reihum von einer Familie ausgerichtet wurde. Ich habe wirre Erinnerungen an orange Teppiche mit Wirbelmuster, an ausklappbare Cordsofas und an die Frauen, darunter meine Mutter, die in Resopalküchen Lieder sangen und Cracker brieten, während im Wohnzimmer große Götterbilder finster auf unsere Väter und ihre Whiskys herabschauten. Wir übrigen versammelten uns in irgendeinem Kinderzimmer, und ich kann mich noch genau an ein Diwali-Fest erinnern, an dem ich Dynablaster auf einem alten Amiga 500 Plus spielte. Ich muss etwa acht gewesen sein, stand mit dem Joypad in der Hand dicht vor dem Monitor, weil der Drehstuhl besetzt war. Alle Geräusche waren ausgeblendet, bis hinter mir lauter Beifall ertönte, Applaus, der meinen Bildschirmtod zur Folge hatte, und als ich mich umdrehte, sah ich, dass Nayan zum x-ten Mal im Armdrücken gewonnen hatte. Er war vierzehn, sportlich, hatte den Schirm seiner Steelers-Cap hochgeschoben, sodass ihm der Pony in die Stirn fiel. Er klopfte seinem (älteren) Gegner auf die Schulter, gab ihm die Pfund-Münze zurück und sagte mit einem lässigen Lächeln: »Ich hab bloß Glück gehabt, Mann.«
Ich weiß noch, dass ich das unheimlich cool fand, dass dieser Großmut sein Ansehen unter uns nur noch steigerte. Später wurden wir für abschließende Gebete ins Wohnzimmer...




