Saiger | Am Wasser das Haus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Saiger Am Wasser das Haus

Eine literarische Ortsbegehung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96054-385-5
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine literarische Ortsbegehung

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-96054-385-5
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Max Liebermann erwirbt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Stu?ck Baugrund am Ufer des Wannsees und entwirft gemeinsam mit seinem Freund Alfred Lichtwark Haus und Garten - ein Fluchtort vor den Pflichten eines Lebens in der Öffentlichkeit, aber auch ein Ort der Inspiration fu?r zahlreiche Gemälde. Dass sich die Liebermann-Villa im Laufe der Zeit immer wieder verändern wird, ist der Ausgangspunkt dieses literarischen Textes, eines in flu?chtigen Bildern und Szenen eingefangenen Ortspanoramas, das sich in vielfältige Gestalten und Stimmen auffächert: Nach dem Tod Liebermanns und der Zwangsveräußerung der Villa wird die großbu?rgerliche Sommerfrische abgelöst von strammstehenden Mitarbeiterinnen der Reichspost, die in Kriegszeiten zur Erholung ins Gru?ne geschickt werden. In der Nachkriegszeit wird im vormaligen Atelier der Operationssaal des Städtischen Krankenhauses eingerichtet; in den 1970er Jahren bezieht ein Unterwasser-Club das Gebäude, baut in die Diele ein Aquarium und verbringt im ehemaligen Salon bunte Abende am Bartresen. Und immer wieder folgt auf Trubel erneut Leerstand - bis schließlich ein Kulturverein den Ehrgeiz entwickelt, alles wiederherzustellen, »wie es gewesen ist«. Trotz allen Wandels bleibt dieser Ort stets wiedererkennbar; er bietet Raum fu?r Alltagsbeiläufigkeiten, Lebenswenden und Träume, ist Ziel einsamer Spaziergänge und Bezugspunkt unruhig flackernder Erinnerungen. »Magdalena Saigers Sprache, die sich vorsichtig der Vergangenheit annähert, malt die Bilder eines Ortes, der seinerseits von Max Liebermann gemalt wird. Das ist so eindringlich wie schön.« Katrin Seddig

Magdalena Saiger, geboren 1985, lebt in Hamburg. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und Madrid und promovierte an der Universität Hamburg über »Wanderungen eines Ortes: Das Gelände der Alten Messe, Belgrad«. Das Manuskript ihres Debu?tromans »Was ihr nicht seht oder Die absolute Nutzlosigkeit des Mondes« wurde 2020 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. Der Roman war 2023 nominiert fu?r den Franz-Tumler-Literaturpreis, den Droste-Preis sowie fu?r den Bloggerpreis »Das Debu?t«. 2024 wurde Magdalena Saiger fu?r ein unveröffentlichtes Romanmanuskript erneut mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet.
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Autoren/Hrsg.


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3
Planungen


Szenen. 1909 bis 1914

»Wenn ich hier am Ufer stehe, so will ich durch das Haus hindurch auf den Teil des Gartens sehen können, der dahinter liegt. Vor dem Haus soll eine einfache Wiese angelegt werden, so dass ich von den Zimmern aus ohne Hindernis auf den See sehen kann. Und links und rechts vom Rasen will ich gerade Wege. Das ist die Hauptsache. Noch etwas, das Zimmer, das in der Achse liegt, soll der Eßraum sein. So – und nun bauen Sie.«

Max Liebermann an den Architekten Alfred Messel

Parce qu’on revient toujours à ses premières amours.

Ein Grundstück ist noch frei.

Bestehend aus zwei Parzellen, länglich geschnitten, zum Wasser hin abfallend, eines der letzten in der Colonie, am westlichen, von Kiefernheide gesäumten Ufer des Sees, weit außerhalb der Stadt, weit genug und nah genug, um hier wirklich noch etwas anzufangen.

Es ist, was er suchte, der Maler, dem sie mit einem Mal ein Bild ums andere abkaufen, fast handwarm noch.

Das hätte ihm keiner geglaubt, dass einer, und noch dazu ein Widerborstiger wie er, sich mit dem Pinsel und seinen altbekannten, umstrittenen zehn Fingern ein Schloss erwerben kann, in gerade mal zwei Jahren. Grundstück und Haus und Gartenanlage und Einrichtung. Die eigene Scholle, 7.260 Quadratmeter im Ganzen, seine ganz private Villa d’Este, Große Seestraße 24, Colonie Alsen, benannt nach der eines Tages von irgendwem wahrgenommenen Ähnlichkeit mit der Ostseeinsel Alsen, auf welcher das preußische Heer vor einem halben Jahrhundert die Dänen siegreich zu schlagen vermochte.

Sollen sie lachen in der Akademie, sollen sie. Jetzt kommen, denkt er, erst einmal die fetten Jahre. Er malt nach eigenem Rezept, und das Geschäft will nicht aufhören zu brummen, und so muss er nun nicht länger träumen, sondern hat die Mittel, und damit die Befugnis, zu planen, und zwar auf Papier und gegen gutes, ehrliches, ermaltes Geld, kann die blitzweißen Landhäuser der Hamburger Großleute als echte Möglichkeiten betrachten, zur freien Nachahmung oder zum großzügigen Verwerfen, nicht länger als schimmernde Auswüchse einer Welt, in der er hauptsächlich auf Besuch ist und an Sonntagnachmittagen spazieren geht auf öffentlichen Uferwegen.

Ein Grundstück ist noch frei. Ein Schmuckstück.

145.000 Reichsmark, und es geht in seinen Besitz über. In seinen Besitz: Besitzer Max Liebermann, Maler, ordentlicher Professor der Königlichen Akademie der Künste, Gründer und Präsident der Berliner Secession, Max Martin Liebermann, Große Seestraße 24.

Der Maler lässt sich ein Haus bauen, lässt auf großen Bögen Papier eine Villa entstehen als Gartenplatz eines Städters, als sein Refugium – auch Residenz ist ihm als Wort nicht zu groß –, als Fluchtort vor der ewig hastenden Stadt mit ihren ewigen Stadtpflichten und der ganzen Maskerade, vor der Akademie mit ihren Allotris, der leidigen sogenannten Kulturarbeit und ihren unaufhörlichen Zänkereien, vor den Anfeindungen als Volksfremdling, den lärmenden Straßenkreuzungen, vor der gräulichen Berliner Luft, der Reklame und den bunten Gaffern, die sich bei jeder Festivität gar nicht sattsehen können an dem Rummel, der sich immer ausgerechnet vor den eigenen Fenstern breitzumachen pflegt, und damit es ein Ende hat mit den Sommern in wechselnden Hotels, in denen freilich einiges annehmlich ist und doch nichts am eigenen Platz.

Der Architekt hat einen Namen. Aber mitreden muss er einen doch lassen, damit am Ende in Stein und Holz und Ziegel das herauskommt, was er sich, halb oder ganz bewusst, vorgestellt hat seit einer gewissen Zeit, präzis und nicht übermütig, nicht capriciös, aber eben doch nach einem selbst.

Die mittige Lage des Hauses, auf der Höhe der benachbarten Hamspohnschen Villa gelegen, unterteilt das schmal geschnittene Grundstück in den Vordergarten, der einmal einen gemischten Blumen- und Nutzgarten abgeben und wo auch ein Gärtnerhaus Platz finden soll, und den seeseitigen Garten mit dem freien Blick zum Wasser.

Übermut, vielleicht, mag man seine Vorliebe nennen, von der diesseitigen, feierlichen Front des Hauses an das stattliche Nienstedten, von der jenseitigen, dem See zugewandten Seite an holländische Einfachheit erinnert sein zu wollen.

Freilich gehört die ganze Weltgutgläubigkeit seiner Person dazu, um bei seinem Alter und unter den Vorzeichen der gegenwärtigen Zeit noch zu hoffen, auch den Garten im Ganzen vollendet zu sehen.

Aber was wäre zu tun ganz ohne eine Zuversicht, und dann ist es ja am Ende doch unfruchtbar, immerzu nach rückwärts zu schauen auf bereits Gelebtes: Wie in der Kunst, so im Leben, denkt er, ist das Werdende das Interessanteste.

Werden soll, nach den eigenen Vorstellungen, ein Haus.

Ein Haus tut not, für den Schutz, den ganz greifbaren und den des Innenlebens, und damit man bei Platzregen und Sturm ein Fenster hat, hinter dem man die Kerze anzündet und sich ein Buch hernimmt.

Hinter dem Fenster jedoch braucht’s auch etwas, dem das Fenster ein Rahmen sein kann, und zu dem wohlgeordneten Innen braucht’s ein gedeihendes Außen, und deshalb will auch im Alter noch ein Garten angelegt sein.

Denn leicht sollen seine Bilder sein, leicht, bei allem der Anschauung innewohnenden Gewicht, und manche sind’s, leicht, unbeschwert, augenfällig und nach der Natur, und manche verbergen doch nicht die Furcht, ein solches Idyll könnte nicht festzuhalten sein.

Im Herbst kommt das Haus unter Dach und muss danach, gemäß polizeilicher Vorschrift, sechs Wochen stehen, ohne dass daran gearbeitet werden darf.

Im Frühjahr wird das Haus inwendig verputzt, im Mai von außen.

Im Sommer, Anfang Juli etwa, soll das Haus bezogen werden, und man wird die Ellbogen ausstrecken können, ohne anzustoßen.

Doch, das gefällt mir, sagt er, das Entwerfen.

Es ist alles noch im Beginnen, ein trüber Sonntag im November. Sie sind aus der Stadt herausgefahren und stehen nun dort, wo einmal der Garten sein soll und wo jetzt noch gewöhnliches, herbstgilbes Gras sich in groben Büscheln unter ihren ledernen Schuhen windet, der Maler und sein Berater und Freund, der einen Blick hat und ein Händchen für Proportionen und Gediegenes.

Verstehen Sie, Lichtwark, man kommt in ein Alter. Da braucht’s einen Verlass. Da will einer wissen, wie der Türriegel pfeift und wo der Brieföffner liegt und was er wiegt, auch in der Sommerfrische. Wo die Grenze ist zwischen dem eigenen Grund und dem der Nachbarn.

Wo doch meinereins, fügt er hinzu, mit der inneren Unrast ohnehin eine eigene Ehe führt, nicht wahr.

Sie schmunzeln und verstehen beide: Der Ort ist formidabel getroffen. Ein Schmuckstück, auch der Freund hat es mit einem Blick gesehen, und der Maler hat gewusst, dass er nicht zu übertreiben brauchte.

Sie gefallen sich in ihrem Dastehen und Fachsimpeln, kosten das Wissen aus um ein unausweichliches Gelingen. Tout est bien qui finit bien. Es ist freilich nicht ganz der Jänisch’sche Park und der Wannsee bei Weitem nicht die Elbe. Aber es ist doch eine Sache mit einiger Weitläufigkeit geworden, und es wird sich im Sommer genügend Schatten von alten Baumkronen und jungen Ranken finden, wo man die Modelle wird posieren lassen. Wie reizend, nicht wahr, dort zwischen den Blumen niedrig sitzend Damen in hellen Kleidern gegen das Wasser zu sehen, stellen Sie sich vor.

Der Freund hat endlich einmal die Zeit gefunden, von der Elbe herüberzukommen zu einer gemeinsamen Begehung, denn das Maß will doch an Ort und Stelle bestimmt sein, die Wirkungen und Gegenwirkungen, die Formung der Uferlinie, die Führung der Wege und des Blicks hinaus in den Dunst über dem leeren See.

Man spricht leichthin, in Gemälden, schlägt plaudernd Brücken hinüber zur Zukunft, zu Sommermorgen in Korbstühlen am Wasser, und zur Kunst, wie der Freund sie ansammelt und verwaltet und verreisen lässt drüben von Hamburg aus, gegen die Zersplitterung der Kunstwelt und zur Erneuerung der ästhetischen Erziehung der Deutschen.

Donnerwetter, was meinen Sie, was das für Frühstücke der Ruderer werden, Lichtwark, hier auf der Terrasse, da müsste man Ihren Renoir noch einmal herbitten, das wird einmal Bilder abgeben, lauter lustige Farbflecke über dem neutralen Ton von grauem Stein.

Einiges ist bereits angedacht. Der Höhenunterschied zwischen Wasser und Haus beträgt etwa zwei Meter; um den Blick von der Blumenterrasse hin zum See nicht zu hindern, soll hier, in der Mitte, nichts als eine große Rasenfläche angelegt werden. An der Seite das Birkenwäldchen allerdings soll bleiben, es flankiert ja das Ganze aufs Schönste, was meinen Sie.

Es wäre, denk’ ich, tunlich, antwortet der Freund, doch noch den ein oder anderen point de vue einzubeziehen, eine Bankanlage vielleicht oder eine Laubnische mit Vase, es sollte nicht schwer einzurichten sein, und die Vasen würden zugleich eine Art Halt und Abschluss geben, was Ihnen ja auch mit den Blumenrabatten vorschwebt. Im Grunde aber haben Sie durchaus recht: Haus und Ufer sind nun einmal die Ruhepunkte, die müssen so reich sein, wie es nötig ist, und dazwischen: ungeschmückte, schön gebildete Räume.

Ihre Stimmen verlieren sich im Schlendern und einem leichten Wind vom Wasser her, und so setzen sie im Gespräch fort, was ihnen in Briefen zu einer lieben, zeitraubenden Gewohnheit geworden ist, sprechen die Kunst durch, pflegen am losen Faden höflich ihre Wesensverwandtschaft, bestätigen einander in ihrer Bewunderung für...


Magdalena Saiger, geboren 1985, lebt in Hamburg. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und Madrid und promovierte an der Universität Hamburg über »Wanderungen eines Ortes: Das Gelände der Alten Messe, Belgrad«. Das Manuskript ihres Debu¨tromans »Was ihr nicht seht oder Die absolute Nutzlosigkeit des Mondes« wurde 2020 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. Der Roman war 2023 nominiert fu¨r den Franz-Tumler-Literaturpreis, den Droste-Preis sowie fu¨r den Bloggerpreis »Das Debu¨t«. 2024 wurde Magdalena Saiger fu¨r ein unveröffentlichtes Romanmanuskript erneut mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet.



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