Sailer | Wegerichs Heft | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Sailer Wegerichs Heft

ein Roman
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7375-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

ein Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-6957-7375-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Atemraubender Liebeskrimi, Schlüsselroman der "New Economy", Justizgroteske ... Michael Sailers zweiter Roman verknüpft mehrere, scheinbar unvereinbare Bücher in einem. So entsteht ein unwiderstehlich faszinierendes Zeitbild einer Gesellschaft, die aus den Fugen gerät und den Verstand verliert. "Ein wunderbares Buch, witzig, spannend und zugleich niederschmetternd traurig. Kunstvolle Sprache, perfekter Stil, ein Meisterwerk." (Blätterseiten)

Michael Sailer ist Schriftsteller, Kolumnist, Kritiker, Journalist, Musiker, Schauspieler, Spaziergänger und dies & das, lebt in Schwabing und am Lerchenauer See. Hat neben Kurzgeschichten, Satiren, Essays, Theaterstücken u. v. m. drei Romane geschrieben, viele Bücher mit Geschichten, Essays und Kolumnen veröffentlicht. Mit Franz Esser veranstaltet er die Lese- und Musikbühne "Platz! der Freiheit", liest gerne auf Lese- und Kabarettbühnen in ganz Deutschland. Lacht am liebsten über sich selbst, aber nicht nur. Er erhielt ein Literaturstipendium der Stadt München für den Roman "Die Verrückten stehen in der Sonne", 2001 den Schwabinger Kunstpreis, 2005 den Johann-Gottlob-Heynig-Preis. Zu der dreibändigen Reihe "Schwabinger Krawall" schrieb die Junge Welt: "Sailers Figuren sind vernagelte, verbeulte, renitente, bedepperte, fidele, lässige, hysterische, weise, bedrängte und melancholische Gestalten. Ein unglaublich komisches Tohuwabohu, eine Reverenz an das anarchistische Bayern, das in den Wirtshäusern hie und da überlebt hat. Daß die großen Belletristikverlage Sailer (bis dato) nicht drucken wollen, verstehe, wer will." Die Titanic fand: "Lebte Karl Valentin heute, er hieße Michael Sailer."
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Schauplatz des war ein normalerweise in einem deprimierenden Zustand unrenovierter Zwecklosigkeit leer-stehender Raum in einem Seitenflügel einer ehemaligen Fabrik, in der sich auch die Redaktion des EVENT-Magazins und Wegerichs eigenes Büro befanden. In dem Raum standen vier Resopaltische mit stählernen Beinen, die zu einer Tischfläche zusammengeschoben wurden. Durch die großen Schiebefenster ging der Blick auf ein trostloses Vordach, auf dem neben dem üblichen Anflug verrotteten Papiers eine seit langer Zeit tote Taube herumlag. Schnürers Blick war der einzige, der von Zeit zu Zeit dort hinausging während der vier düsteren, von zerfetzten Wolken durchflossenen Augusttage, die er mit Wegerich, Vennemann, Neitzl, der Graphikerin Schußmann, dem Internetfachmann Behrens und Wegerichs „Finanzchef“, einem offenbar von der vermuteten intellektuellen Gewichtigkeit der Veranstaltung anfangs eingeschüchterten, jedoch auf angenehme und freundliche Weise unverblümten jungen Mann namens Mayer, dort verbrachte.

Auf dem steinernen Fensterbrett waren Blätter angeordnet, jeweils nur mit einem Wort beschriftet: „Musik“, „Theater“, „Kino“, „Literatur“, „Kinder“ usw. – letztere war Wegerich in den Wochen vor dem auffällig wichtig geworden, ohne daß Schnürer sagen konnte, weshalb. Immerhin: Wegerich hatte eine Tochter, die bei der Mutter aufwuchs, welche beiden jedoch weder Schnürer noch Vennemann und Neitzl (mit dem Wegerich mittlerweile engeren Kontakt zu pflegen schien als mit den übrigen Mitarbeitern) kannten.

Wenn wesentliche Dinge nicht zu besprechen waren oder nicht besprochen sein wollten, neigte Schnürer dazu, seine Diskussionsenergie in Unwichtiges umzuleiten. So warf er sich jetzt mit großem Engagement auf die Frage, ob die im Heft alphabetisch oder nach irgendeinem noch zu findenden System der angeordnet sein sollten. Im Grunde war ihm das vollkommen egal. Er hatte sich weitgehend damit abgefunden, daß sich ein Heft, wie es ihm zeitweise im Kopf herumgegangen war, unter den gegebenen Umständen nicht würde verwirklichen lassen. Er mußte sich dabei auch einen grundsätzlichen Irrtum eingestehen: Die freie, auf hohem intellektuellem Niveau stattfindende, feuilletonistische Auseinandersetzung mit auf die Kultur unterschiedlicher Städte, ihre Bewohner, ihre Geschichte usf. bezogenen Themen und Problemen widersprach dem Konzept eines bis auf die unterschiedlichen Terminlisten uniformierten Programmheftes. Er hatte, was vielleicht auf seine Neigung zum phantasievollen Wunschdenken zurückzuführen war, von Anfang an falsche Vorstellungen gehegt. Jetzt konnte es nur noch darum gehen, inmitten der Auflistungen von Konsumangeboten gewisse Inseln von „Sinn“ zu etablieren und gewisse Dinge, die Wegerich in den letzten Wochen immer mal wieder hatte, schon im Ansatz zu verhindern. Dabei handelte es sich zum Beispiel und vor allem um „Klatschseiten“ mit Schnappschüssen und höchstens andeutungsweise süffisanten Bemerkungen aus turnusmäßig wechselnden „Szenen“, wie sie Wegerich in seinem Reklameheft seit einiger Zeit eingeführt hatte, um den Betreibern gewisser Lokale, mit denen er geschäftlich (und folglich auch privat) in Verbindung stand, Platz zur Selbstdarstellung bieten zu können, sowie (zur Gewinnung zahlungskräftiger Anzeigenkunden) ausschließlich aus großformatigen Photographien bestehenden und einen Heftteil mit dem Arbeitstitel „Einkaufen“, der als mit einer journalistischen Tarnkappe versehene Werbefläche für Geschäftsleute dienen sollte.

Hinter letzterer Idee stand, wie dies bei Wegerich oft so war, eine weitere, die darüber hinausging: ein mit CULT verbundenes Vierteljahresheft, zumindest vorläufig auf den Namen „CULT Shopping“ getauft, gedruckt auf edlem Papier und ansprechend luxuriös gestaltet, das sich ausschließlich Konsumbedürfnissen des modernen urbanen Menschen widmen und logischerweise Seite für Seite gegen das journalistische Gebot der Trennung von Werbung und redaktioneller Äußerung verstoßen sollte. Derartiges lehnte Schnürer für sich selbst mit Vehemenz ab. Wenn schon ein zusätzliches Periodikum angedacht werde, sagte er, müsse dies eines sein, das sich den in CULT zu kurz oder gar nicht vorkommenden Bereichen widme, die seiner wenigstens anfänglichen Meinung nach das Herz des Heftes hätten bilden sollen: über den Umfang von Kurzrezensionen hinausreichende Kritik, freigeistiges Feuilleton, das Denken und Leben jenseits des Konsums. Wegerich hatte sich in letzter Zeit angewöhnt, auf derartige Äußerungen Schnürers höchstens mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck und ein paar beschwichtigenden Bemerkungen zu reagieren.

Nun vertrat Schnürer die Position, die müßten alphabetisch geordnet sein, auch mit dem Hintergedanken, es werde sich damit wenigstens verhindern lassen, daß die Bereiche „Einkaufen“ und „Klatsch“ das Heft zur Gänze dominieren würden. Wegerich brachte vor, man müsse sich danach richten, was die Menschen interessiere, und dies seien nun einmal in erster Linie Klatsch sowie . Neitzl ließ ein schweres Seufzen hören, mit dem er seinen generellen Überdruß an derartigen Verhandlungen zum Ausdruck brachte, Vennemann ein kaum weniger gewichtiges „Hm“. Schnürer argumentierte, es sei auch vom Gesichtspunkt der Benutzbarkeit des Heftes ideal, wenn der Leser nicht lange blättern müsse, um zu finden, was er suche. Eine solche sei nur durch alphabetische Sortierung zu gewährleisten. Er hoffte, indem er sich eines Arguments bediente, das Wegerichs Repertoire entstammte, diesen zumindest in Widersprüche verwickeln zu können. Wegerich schien nachzudenken und sagte endlich, es sei vielleicht besser, die diesbezügliche Diskussion später fortzuführen, um Polemik zu vermeiden. Neitzl wandte ein, es gehe eigentlich nur noch um so oder so. Vennemann versuchte die bisherige Diskussion kurz zusammenzufassen; Schnürer fiel ihm ins Wort, indem er dasselbe auf Grundlage seiner Argumente tat. Wegerich sagte, so habe das keinen Sinn. Der „Finanzchef“ Mayer, der bis dahin in verblüfftem Schweigen den unerwarteten Schlagabtausch verfolgt hatte, der ihm den Eindruck totaler Unversöhnlichkeit verfeindeter Positionen vermitteln mußte, fragte, wieso das eigentlich wichtig sei. Schnürer sagte, ihm gehe es darum, zu verhindern, daß CULT genauso werde wie „das Zeug da“ (in einer Zimmerecke lag ein großer Haufen von Kultur- sowie Stadtmagazinen aus mehreren Ländern, die im wesentlichen alle aus ein paar Klatschseiten, einem „Schaufenster“, „Panorama“, „Boulevard“ oder ähnlich genannten Teil mit Produkt-und Veranstaltungsreklame sowie vielen Listen bestanden). Es sei nicht besonders hilfreich, derart unkonstruktiv zu argumentieren, sagte Wegerich. Schnürer entgegnete, man sei sich von Anfang an einig gewesen, daß alle diese Magazine nicht , weil sie nach genau demselben unjournalistischen, billigen und durchschaubaren System vorgingen – eben Klatsch, Reklame und Listen. Von einer solchen Einigkeit wisse er nichts, sagte Wegerich, es gehe vielmehr darum, und da sei man sich nun wiederum sehr wohl einig gewesen, ein nicht funktionierendes System so umzugestalten, daß es funktioniere. Mit journalistischem Anspruch, sagte Schnürer, sei es nicht zu vereinbaren, jeglichen kritischen Ansatz zu vermeiden und sich auf ein paar Empfehlungstexte zu beschränken. Für ihn, sagte Wegerich, gebe es da einen Riesenunterschied, der genau darin liege, daß man die Empfehlungen journalistisch . Das sei Blödsinn, sagte Schnürer. Dann habe man sich grundsätzlich mißverstanden, sagte Wegerich. Wozu jemand ein Heft kaufen solle, fragte Schnürer, das genau denselben billigen Reklamedreck enthalte wie zum Beispiel das Heft, das er, Wegerich, selbst kostenlos herausgebe. Er registriere eine derartig destruktive Haltung mit Erstaunen, sagte Wegerich, im übrigen schätze er die der Artikel, die er, Schnürer, für besagtes Magazin verfasse, sehr hoch ein. Schnürer schwieg, weil er nicht weiterwußte. Der Internetfachmann Behrens sagte seufzend, man solle sich doch nun bitte langsam mit wichtigeren Dingen beschäftigen, anstatt den ganzen Tag mit diesem Journalismuszeug seine Zeit zu verschwenden, wo das doch sowieso nicht so wichtig sei. Schnürer schüttelte den Kopf. Vennemann sagte mit diplomatischer Gravität, da irre er sich, es müsse bei einem journalistischen Projekt schon auch darum gehen, was die Beteiligten eigentlich unter Journalismus ... Wozu man für ein paar Reklametexte eigentlich Honorare zahlen wolle, redete ihm Schnürer dazwischen, da könne man doch auch einfach die jeweiligen Waschzettel und Ankündigungen abtippen. Mit Polemik komme man nicht weiter, sagte Wegerich, und Neitzl ließ ein schweres Seufzen hören.

Nachmittags kamen sich die Beteiligten, wie man...



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