Sakamoto | Eintauchen in den Wald | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: hanserblau

Sakamoto Eintauchen in den Wald

Mit Waldgängen gelassen und glücklich werden
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-446-26319-2
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mit Waldgängen gelassen und glücklich werden

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: hanserblau

ISBN: 978-3-446-26319-2
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Japanerin in Bayern. Miki Sakamoto vermisst die Kirschblüten. Nur im Wald fällt alle Unruhe von ihr ab. Sie atmet die heilenden Aromen und nimmt die Eindrücke mit allen Sinnen auf. Über Jahrzehnte entwickelt sie ihre spezielle Kunst des Waldspaziergangs. Miki Sakamoto vereint die Lehre des Shinrinyoku mit dem Buddhismus und der genauen Beobachtung des Nature Writing. Eindringlich und poetisch leitet sie an zu einem Leben im Rhythmus der Natur, das uns seelisch und körperlich gesunden lässt.

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Vorbemerkung


Jede Jahreszeit hat ihre Reize. Jeder Tag im Wald bringt Neues, Besonderes. Shinrinyoku muss man zu keiner bestimmten Zeit beginnen. Für den Anfang brauchen wir lediglich die richtige Einstellung, mit der wir in den Wald gehen. Er soll nicht länger bloß Kulisse sein, die im Sommer Schatten bietet. Ziel des Shinrinyoku ist es, sein Wesen zu erfassen und seine Wirkungen zu erfahren. Denn der Wald lebt. In dieses Leben tauchen wir ein, wenn wir uns bei den Waldgängen dafür öffnen. Darum geht es im Shinrinyoku. Doch während uns der Wald im Spätherbst und Winter ziemlich leer und wie in Tiefschlaf verfallen vorkommen mag, überwältigt seine Lebensfülle im Frühsommer. Jedes Jahr muss ich mich erneut damit vertraut machen. Zu viel entschwindet im Wechsel der Jahreszeiten. Und kehrt wieder, wenn es an der Zeit dafür ist.

Deshalb beginnt das Shinrinyoku-Jahr für mich im Frühling. Im Vorfrühling, um genauer zu sein. Das ist die Zeit, in der in meiner japanischen Heimat die Ume blüht. In wintermilden Gegenden, wie dem Rhein-Main-Gebiet, entspricht die Mandelblüte dem Erblühen dieser fernöstlichen Pflaumenart mit ihren intensiv gelbroten Blüten, den Vorboten der Kirschblüte. Sie lösen jene Erregung aus, die bei vielen Japanern Wochen später mit der überquellenden Fülle der Kirschblüten das tiefe Gefühl erzeugt, an der Schwelle eines neuen Lebens zu stehen. Da müssen sie einfach hinaus zu den wie mit rosarotem Schaum überzogenen Alleen und Hainen der Kirschbäume, um die kurze Phase ihrer Blüte möglichst intensiv zu erleben. Die Kirschblüten hier in Mitteleuropa sind im Vergleich dazu ein schwacher Abglanz, der kaum wahrgenommen wird. Doch sie bringen uns im Frühsommer das, was den japanischen Zierkirschen fehlt: Früchte, Kirschen in den verführerischsten Formen. Ein Hochgenuss, den ich sehr schätze. Der Erstfrühling wird in Deutschland auf andere Weise sichtbar. Darauf musste ich mich einstellen. Und auch, dass hier die Wälder ganz anders aussehen als in Japan. Daher war es gut für mich, Shinrinyoku mit dem Vorfrühling zu beginnen. So fand ich besser hinein in die mit der Jahreszeit rasch zunehmende Fülle der Wälder Mitteleuropas.

Vorfrühling


Der Winter hielt sich lang. Verspätet war er gekommen. Richtigen Frost gab es erst im Februar. Als ich am 2. März einen kurzen Gang durch den Auwald machte, überstieg die Temperatur nachmittags noch nicht den Gefrierpunkt. Auf dem Fluss, an dem ich lebe, trieben Eisschollen. Motorsägen kreischten im Auwald wie schon seit Wochen, weil die von Herbststürmen entwurzelten oder geknickten Bäume aufgearbeitet wurden. Da wollte keine Shinrinyoku-Stimmung in mir aufkommen. Am nächsten Tag versuchte ich es im Forst bei nunmehr ein paar Grad über Null. Doch kaum war ich im Wald, vertrieben mich die riesigen Holzharvester. Denn noch mehr als im Auwald wurde im Staatsforst Holz geerntet. Die Straßen waren so glatt gefahren, dass ich darauf kaum gehen konnte. In den Schneeresten daneben ging es auch nicht besser. Dabei verspürte ich nach den Wochen der Kälte das dringende Bedürfnis nach Frühling in mir. Meinen Freunden und guten Bekannten ging es ebenso. Sie hatten, wie sie mir auf Bayerisch sagten, den Winter satt.

Im Garten wurde indessen erkennbar, dass der Wandel zum Frühling bevorstand. Die Schneeglöckchen hatten grüne Blattbüschel mit einzelnen weißen Spitzen getrieben. Ein paar milde Tage, vom Föhn unterstützt, würden sie auch draußen im Auwald hervorlocken. Mitte März blühten sie in den Gärten. Aber das Wetter blieb zu kalt. Der Vorfrühling offenbarte sich in kleinen Dosierungen. Immer wieder unterdrückte die nasskalte Witterung das Drängen der Blumen und das Schwellen der Knospen. Schlenderte ich durch den Auwald, fand ich die mich am meisten beeindruckenden Signale des Frühlings mehr in der Erinnerung: Ende Februar oder Anfang März warteten die Tage meistens mit föhnblauem Himmel und milder Luft auf. Ich genoss sie in vollen Zügen. Zwischen den schlanken, bleigrauen Stämmen der Erlen schaukelten unzählige weiße Blütenglöckchen mit grüner Fassung: die Vollblüte der Schneeglöckchen. Ich kniete nieder, um dieses Frühlingswunder aus der Perspektive zu betrachten, in der die Bienen anfliegen und sich von unten her in die Glöckchen hineinschwingen. Und da sah ich sie neben mir: Flache karminrote Schalen mit leicht aufgewölbten hellbraunen Rändern. Manche hatten mehrere Zentimeter Durchmesser, sodass sie den Eindruck klaffender, mit Blut gefüllter Wunden machten. Als ich mich hinabbückte, um sie genauer zu betrachten, drang mir der aromatisch-pilzige Geruch des Bodens in die Nase; frisch und alt zugleich. Frisch, weil das Wachstum wieder begonnen hatte. Alt, weil der Boden, der den Winter über von feuchter Streu und dürrem Laub bedeckt gewesen war, nun die Aromen der Zersetzung freigab. Bei diesem, inzwischen schon viele Jahre zurückliegenden Erlebnis war mir klar geworden, dass der Boden atmet. Und dass sein Atmen meinem eigenen ähnlich ist. Mit jedem Atemzug nehme ich auf, was er abgibt. Er, der Boden, aber auch die Büsche und Bäume, die darauf wachsen. Die frische Luft, die sie schaffen, verbindet sich mit der alten des Bodens und der von mir ausgeatmeten.

Die Pilze, Scharlachrote Kelchbecherlinge in diesem Fall, drücken lediglich augenfällig aus, was in der Erde vor sich geht. Natürlich wusste ich von den Wurzeln, den Bäumen, den Blättern oder Nadeln und dass beim Wachstum der Pflanzen Sauerstoff abgeschieden wird: Sauerstoff, den die Tiere wie auch wir Menschen zum Leben brauchen. Mit jedem Atemzug nehmen wir teil am großen Kreislauf. Doch was hatte ich von diesem Wissen tatsächlich verstanden? Unser Atmen vollzieht sich automatisch. Wir müssen nicht darüber nachdenken, außer es gibt plötzlich eine Störung, sodass wir »keine Luft mehr kriegen«. Was wir beim normalen, alltäglichen Atmen aufnehmen, bemerken wir in aller Regel nicht. Weil die Luft zum Atmen von Natur aus in Ordnung ist, fehlen uns empfindlichere Sinne für ihre Inhaltsstoffe. Doch die Luft ist längst nicht mehr überall, sondern eher nur noch ausnahmsweise gut, und das betrifft uns alle.

Das Atmen der Natur zur Zeit der Schneeglöckchenblüte ganz direkt und bewusst zu empfinden, gehörte zu den Schlüsselerlebnissen, die mich zum Shinrinyoku gebracht haben. An jenem Tag und an zahlreichen weiteren im Vorfrühling anderer Jahre fing ich an, mich dem Wald zu öffnen. Tausende, Millionen Schneeglöckchen vor mir, jedes in der schlichten Schönheit, die wir Japaner so sehr schätzen, die blutroten Pilze dazwischen wie absichtlich dekorativ auf den Boden gesetzt, und die Luft, die ich dabei einatmete, all das versetzte mich in eine fast tranceartige Stimmung. Ich erinnere mich daran besonders gut, weil ich das später oft in ganz ähnlicher Weise wieder erlebte. Etwa wenn der Föhnwind, der im noch winterkahlen Wald auch in Bodennähe wehte, plötzlich einen süßlichen, entfernt an Rosen erinnernden Duft herantrug. Dann blühte in der Nähe eine kleine Staude Seidelbast. Einen einzigartigen Duft verströmen diese Blüten, deren Altrosa so wenig auffällt, dass ich die Seidelbastbäumchen meistens übersah, obwohl ihre Zweige dicht besetzt waren mit den kleinen röschenartigen Blüten. Wie schwach, wie ungeübt meine Nase doch war. Der Wind musste mir die Duftfahne zutragen.

Die leuchtend gelben Zitronenfalter hatten den Luftzug nicht nötig, um blühenden Seidelbast als Nektarquelle im Vorfrühlingswald zu finden. Ihre winzigen Fühler sind empfindsamer als meine im Vergleich dazu riesengroße Nase. Während ich im Auwald kniete und die Schneeglöckchen bewunderte, gaukelten sie von verschiedenen Seiten heran und landeten auf den Blüten. Zum Hingreifen nahe. Aber ich störte sie nicht. Sie schienen mir viel zu kostbar, zu zerbrechlich. Die Zitronenfalter überwintern ganz ungeschützt irgendwo im dichten Buschwerk oder in hoher Streu im Wald. Die Unbilden der Witterung können ihnen nichts anhaben. Fröste bis unter minus zwanzig Grad halten sie aus. Raureif mag sie überziehen. Sie tauen danach wieder auf, als ob nichts gewesen wäre. Mir bewusst zu machen, dass eine so zerbrechliche Schönheit wie der Zitronenfalter ganz ungeschützt im Freien allen Widrigkeiten der Witterung trotzt, erfüllte mich mit Staunen und Bewunderung. Wie dick hatte ich mich oftmals einhüllen müssen, um überhaupt hinausgehen zu können in den Winterwald! Als ob ich in Sibirien wäre. Der zarte Falter übersteht alles ohne Schutz. Im Frühling fliegt er in schier unglaublich reiner Schönheit.

Dieses Leben bewusst wahrzunehmen, das es außerhalb und unabhängig von mir gibt, entwickelte sich im Lauf der Jahre zum Kern meines Shinrinyoku. Man pflegt achtlos vorüberzugehen. Allenfalls wird »ein Schmetterling« registriert und gleich wieder vergessen. Doch »Schmetterling« allein ist zu wenig. Er hat einen Namen, der zugleich Schlüssel dafür ist, Einblick in seine Lebensweise zu gewinnen. Rasch wurde mir klar, dass ich umso mehr von meinen Waldgängen hatte, je besser ich das benennen konnte, was ich sah. Erkennen ist mehr als sehen; viel mehr. Es öffnet die Tiefe. Ohne Erkennen gibt es kein Verständnis. Meine buddhistische Prägung hatte zwar verhindert, mich selbst als Mensch scharf getrennt von der Natur zu betrachten. Diese Art des westlichen Denkens war und ist mir fremd. Aber das vielfältige Leben, das uns umgibt, erschließt sich nicht einfach von selbst. Man muss bereit sein, das Gesehene aufzunehmen und zu vertiefen. Das gelang mir, wenn ich meinem Hund in die Augen sah. Mit seinem Blick war er mir näher als manche Menschen, deren Tun für mich manchmal unbegreiflich ist. Nur wenige Lebewesen versuchen die Distanz zum Menschen von sich aus zu...



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