Sakulowski | Das Elisabeth-Rätsel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Reihe: Jonas Wiesenburg

Sakulowski Das Elisabeth-Rätsel

Thüringen Krimi
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-095-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Thüringen Krimi

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Reihe: Jonas Wiesenburg

ISBN: 978-3-98707-095-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine geheimnisumwitterte Reliquie und ein Historiker auf riskanter Mission. Schock für Historiker Jonas Wiesenburg: Sein väterlicher Freund Gotthold wurde im eigenen Haus grausam ermordet. In einem Testament hinterlässt der betagte Mann Jonas ein Rätsel, das auf eine kostbare jahrhundertealte Reliquie verweist - das Herz der heiligen Elisabeth von Thüringen. Jonas weiß: Nur wenn er das Rätsel löst, kann er auch Gottholds Mörder entlarven. Er ahnt jedoch nicht, dass dieser ihn schon längst im Blick hat ...

Rolf Sakulowski studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit mehr als 25 Jahren dreht der erfahrene Regisseur und Autor Filme im In- und Ausland. Daneben gibt er Filmseminare und arbeitet zu Themen polizeilicher Krisenintervention. www.sakulowski.com
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PROLOG

Marburg, November 1231

Wie wunderbar friedlich diese Nacht doch war. Und wie beängstigend das, was sie nun für sie bereithielt. Guda hüllte sich fester in ihren derben Stoffmantel und presste ihren Rücken gegen die kalten Steine der Stadtmauer. Die Mitternachtsglocke hatte längst geschlagen, und nur mit der Überzeugungskraft eines Tüchleins voll Groschen war es der jungen Frau und ihrem schweigsamen Begleiter gelungen, durch eine Seitenpforte des bewachten Nordtores aus der Stadt gelassen zu werden. Guda verharrte regungslos und ließ ihren Blick über das vor ihnen liegende Flusstal schweifen. Das Licht des Mondes tauchte die schneebedeckte Landschaft in einen kühlen Schimmer. Es war vollkommen windstill, und der Himmel stand voller Sterne, als wolle er einen funkelnden Baldachin über sie breiten. So schön, dachte Guda und legte den Kopf in den Nacken. Sie atmete tief durch. Nur noch diesen kurzen Moment …

»Guda?«, brachte sich ihr Begleiter ruhig, aber bestimmt in Erinnerung. »Wir müssen aufbrechen.«

»Ich weiß.« Die junge Frau nickte. Einen Augenblick zögerte sie noch, dann drückte sie sich von der Mauer ab und betrat den Weg, der hinunter ins Tal führte. Der abschüssige Steig mit seinen vom Frost erstarrten Schlammlöchern war tückisch und machte das Vorankommen schwer, aber mit jedem Schritt, den sie nun tat, gewann sie etwas mehr an Sicherheit. Während sie ihre Augen unablässig über den Boden wandern ließ, um nicht versehentlich vom Pfad abzuweichen, hörte sie dicht hinter sich die festen Stiefeltritte ihres Begleiters.

Richard, der wortkarge Eisenacher Adelsmann, hielt sich erst seit wenigen Tagen in Marburg auf, um verschiedene Handelsgeschäfte voranzutreiben. Guda dankte ihrem Schicksal, dass dieser zuverlässige Freund aus früheren Tagen gerade jetzt in der Gegend weilte. Sie wusste, dass sie sich in jeglicher Hinsicht auf ihn verlassen konnte. Und tatsächlich war er, ohne viele Fragen zu stellen, bereit gewesen, ihr in dieser Nacht zur Seite zu stehen. Die Gegenwart des hochgewachsenen Mannes half ihr, den Aufruhr zu unterdrücken, der sie schon seit Stunden in immer neuen Wellen durchflutete. Die Furcht vor dem, was bis zum Morgengrauen geschehen musste.

Je weiter sie hinabstiegen, desto deutlicher drang ein düsteres Rauschen an ihre Ohren. Guda wusste, dass es von der Lahn herrührte, dem Fluss, der sich in einem weiten Bogen durch das Tal zog. An seinen Ufern begann ein unwirtlicher Grund, durchsetzt von Sumpfstreifen und wilden Erlenwäldern. Wer die wenigen sicheren Wege nicht kannte, verlor sich schnell in einem Labyrinth aus Wasser und Gestrüpp. Die junge Frau hielt inne und lauschte. Eine Weile verharrte sie konzentriert, dann erschien ein Ausdruck der Erleichterung auf ihrem Gesicht. Da war ein gurgelndes Geräusch. Leise, aber unverkennbar. Ein helles Plätschern, das sich deutlich vom entfernten Flussrauschen abhob. »Dort vorn ist der Bach«, raunte Guda in Richtung ihres Begleiters. »Wir sind gleich da. Ab jetzt kein lautes Wort mehr, sonst hört man uns.«

»Sei unbesorgt«, gab Richard kaum vernehmbar zurück und versank wieder in Schweigen.

Guda setzte ihren Marsch fort, sicher, dass Richard ihr wie ein Schatten folgte. Das Plätschern wurde schnell lauter, und sie gelangten an eine schmale Steinbrücke, die einen etwa acht Fuß breiten Bach überspannte, ehe sich der Weg zwischen dicht stehenden Erlen verlor. Zügig überquerten sie den Wasserlauf und tauchten in den Wald ein. Die verästelten Baumkronen raubten einen Teil des Mondlichts, sodass sie wie von einem finsteren Tunnel verschluckt wurden. Aber schon nach einer kurzen Wegstrecke öffnete sich das Erlendickicht wieder, und vor ihnen breitete sich eine verschneite Lichtung aus.

Erneut blieb die junge Frau stehen und bedeutete Richard mit einer energischen Handbewegung, dasselbe zu tun. Misstrauisch ließ sie ihren Blick über die kleine Ansammlung von Gebäuden streifen, die sich in einiger Entfernung aus dem nächtlichen Dämmer schälten. Es waren einfache Bauten, errichtet aus Holz und Lehm. Dunkel und unscheinbar duckten sie sich an den winterlichen Boden. Nur eines der Häuser stach hervor. Es war größer als die anderen; ein langer Fachwerkbau mit einem steilen Schindeldach, der das Zentrum der Lichtung einnahm. Er schien menschenverlassen, aber Guda wusste, dass dieser Eindruck täuschte.

»Das ist das Hospital. Dort werden wir meine Herrin finden«, flüsterte sie Richard zu. Sie wartete noch eine Weile, und als sie sicher war, dass es niemanden gab, der sich auf einem nächtlichen Kontrollgang befand, gab sie ihrem Begleiter einen Wink und huschte hinüber zu dem langen Gebäude. Sofort verlangsamte sie ihre Schritte wieder und drückte sich gegen die raue Lehmwand. Sie nahm zwei tiefe Atemzüge, dann schob sie sich Stück für Stück weiter, bis sie eine kleine Tür erreichte. Bedachtsam streckte sie ihren rechten Arm aus und legte die Finger um die schmiedeeiserne Klinke. Das Metall fühlte sich kalt an, aber gleichzeitig erfüllte die Berührung Guda mit innerer Wärme. Wie oft war sie durch diese Pforte gegangen, in Zeiten, die glücklicher gewesen waren als diese? Guda umschloss die Klinke fester und drückte sie nach unten. Dann zog sie die Tür zwei Fußbreit auf und schlüpfte ins Innere des Gebäudes.

Sofort umfing sie fast vollkommene Finsternis. Für einen Moment stand sie still und vergegenwärtigte sich im Geiste die Aufteilung der Räume. Sie befand sich in der Kapelle des Hospitals. Links von ihr dehnte sich der Chorraum aus, in dem etwas weiter hinten der steinerne Altar stand. Rechter Hand lag der Krankensaal, der nur mit einem einfachen Bretterschirm von der Kapelle getrennt war. Jeden Morgen schob man die bewegliche Wand beiseite, sodass die Siechen und Kranken das Wort Gottes direkt in ihrer Mitte empfangen konnten. An den Abenden schloss man die Kapelle wieder, was Gudas Plan für diese Nacht begünstigte. Vorsichtig tastete sie sich bis zu der hölzernen Trennwand vor und achtete darauf, dass ihre Schritte keine verräterischen Geräusche verursachten.

Durch eine Ritze zwischen zwei Brettern spähte sie hinüber in den Krankensaal. Er war in ein schwaches rötliches Licht getaucht, das von der Glut eines gedrungenen Kamins herrührte. Die strohgefüllten Kiefernrahmen, die den Leidenden als Betten dienten, waren bis zum letzten Platz belegt. Leises Husten und Stöhnen mischte sich mit dem Rascheln unruhiger Körper, und der Odem von Hinfälligkeit und Schweiß hing in der Luft. Hier, in diesem einsamen Haus außerhalb der Stadtmauern, lagen die Ärmsten der Armen. Die Fiebernden, Verstümmelten und Aussätzigen, die nichts besaßen als den kläglichen Rest ihrer Lebenskraft. Keiner von ihnen hatte auch nur einen Heller in der Tasche, um einen Bader oder Arzt zu bezahlen.

Und selbst dieses letzte Refugium gäbe es nicht, hätte nicht Gudas Herrin vor drei Jahren auf all ihren persönlichen Besitz verzichtet, um das Hospital zu gründen und fortan nur noch Gott und den Verlorenen zu dienen. Mit unermüdlichem Eifer hatte sie sich dieser neuen Aufgabe angenommen. Geduldig in ihrer Fürsorge und erbarmungslos gegen sich selbst. Bis dann plötzlich …

Der Gedanke an ihre Herrin erinnerte Guda daran, dass sie nicht noch mehr Zeit verlieren durfte. Mit einem letzten Blick überzeugte sie sich, dass keiner der Kranken erwacht war. Und dass die betagte Schwester, die man für die Nachtwache eingeteilt hatte, auf der Bank neben dem Kamin in tiefen Schlaf versunken war. So wird sich mein Schicksal also jetzt erfüllen, dachte Guda, trat von der Holzwand zurück und drehte sich um. Wie eine undurchdringliche schwarze Höhle lag die Kapelle vor ihr. Die Tür nach draußen war wieder geschlossen, und das Säuseln verhaltener Atemzüge verriet ihr, dass Richard sich inzwischen ebenfalls im Raum befand.

Guda kauerte sich nieder und zog eine Laterne und eine Büchse mit Zunder und Feuersteinen unter ihrem Mantel hervor. Mit wenigen Handgriffen entzündete sie den Kienspan in der Leuchte. Danach spähte sie wachsam über ihre Schulter. Aus dem Krankensaal kamen keine verdächtigen Laute. Das Schlagen der Feuersteine hatte niemanden aufgeschreckt. Und der Schein der kleinen Flamme war zu schwach, um durch die Ritzen der Bretterwand nach nebenan zu dringen. Sie verstaute die Büchse wieder in ihrem Mantel. Dann stand sie auf und stellte die Laterne auf einem Wandsims ab. Wie eine gelbe Wolke floss das Licht in den Kapellenraum.

Guda sammelte sich und hob den Blick. Vor dem wuchtigen Altarblock, der sonst die Halle dominierte, stand ein grob gezimmerter Holztisch. Darauf ruhte die unbewegliche Gestalt einer Frau. Ihr schlanker Körper war in eine braune Decke gehüllt. Nur das blasse Gesicht lag frei. Es war das Gesicht einer Toten.

»Elisabeth«, flüsterte Guda mit erstickter Stimme. Obwohl sie gewusst hatte, was sie hier erwarten würde, konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten. Eine Weile stand sie wie versteinert da, dann fiel sie auf die Knie und versank in ein stilles Gebet. All ihre Kraft schien mit einem Male verloren, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich ihrer. Erst als sie Richards tröstende Hand auf ihrer Schulter spürte, richtete sie sich wieder auf. Wie benommen ging sie nach vorn zum Kopfende der Bahre, auf die man ihre Herrin gebettet hatte. Schweigend betrachtete sie die leblose Frau. Das Antlitz der Toten strahlte einen merkwürdigen Frieden aus, aber in ihren Zügen konnte Guda auch unendliche Erschöpfung erkennen. Ohne Unterlass hatte Elisabeth die Kranken in ihrem Hospital gepflegt, und dann war sie selbst einem tückischen Fieber anheimgefallen. Felsenschwer lastete die Erinnerung daran auf Gudas Seele. Eine Weile noch hatte es Hoffnung auf Heilung gegeben, doch mit...


Sakulowski, Rolf
Rolf Sakulowski studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit mehr als 25 Jahren dreht der erfahrene Regisseur und Autor Filme im In- und Ausland. Daneben gibt er Filmseminare und arbeitet zu Themen polizeilicher Krisenintervention.
www.sakulowski.com

Rolf Sakulowski studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit mehr als 25 Jahren dreht der erfahrene Regisseur und Autor Filme im In- und Ausland. Daneben gibt er Filmseminare und arbeitet zu Themen polizeilicher Krisenintervention.
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