Sakulowski | Verlorenwasser. Das Schattenkommando | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Reihe: Schnyder & Meier

Sakulowski Verlorenwasser. Das Schattenkommando

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-002-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Reihe: Schnyder & Meier

ISBN: 978-3-98707-002-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein brillant recherchierter psychologischer Spannungsroman Als Privatermittler Werner Holland zu ahnen beginnt, dass sein jüngster Auftrag aus dem Ruder läuft, ist es bereits zu spät: Die russische Botschaftsangestellte Alina, die er eigentlich beschützen soll, richtet plötzlich eine Waffe auf ihn. Sie beschuldigt ihn eines lange zurückliegenden Mordes - begangen an ihrem Bruder, einem jungen sowjetischen Deserteur. Für Holland beginnt ein Psychoduell auf Leben und Tod. Und eine Reise in eine andere Zeit, als er noch Kommandeur einer Anti-Terror- Einheit der DDR war, die offiziell nicht existierte . . .

Rolf Sakulowski studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit mehr als 20 Jahren dreht der erfahrene Regisseur und Autor Filme im In- und Ausland. Daneben gibt er Filmseminare und arbeitet zu Themen polizeilicher Krisenintervention. www.sakulowski.com
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1

Potsdam, 2005

Die Steigung lag jetzt genau vor ihm, und er zog die Geschwindigkeit noch einmal an. Es war seine fünfte Runde durch den Park. Der Schlussspurt des Morgenlaufes, den er bei jedem Wetter und in jeder Gemütslage absolvierte. Sein ganzes Leben lang war Werner Holland gelaufen, so wie sein ganzes Leben aus Disziplin und hartem Training bestanden hatte. Anders konnte er es sich gar nicht vorstellen, auch wenn es seit Langem niemanden mehr gab außer ihm selbst, dem er eine sportliche Hochleistung schuldete. Mit seinen fünfundfünfzig Jahren war er noch immer bestens in Form, bis auf die kleinen Boshaftigkeiten des Körpers, die ihm von Zeit zu Zeit sein zunehmendes Alter ins Gedächtnis riefen und die er so gut wie möglich ignorierte.

Holland hielt seinen hohen Lauftakt bei, obwohl die Luft an diesem Augustmorgen bereits drückend warm war und ihm jede Erfrischung versagte. Der Pfad führte in ein Waldstück und stieg noch einmal an, bis er auf der Kuppe des Hügels auf einen breiten Asphaltweg mündete. Seine Ziellinie. Er beendete seinen Spurt und verfiel in ein leichtes Traben. Dabei bog er nach rechts, wo die Piste geradewegs aus dem Park hinausführte.

Auf halber Strecke zum Ausgangstor kam ihm die Shih-Tzu-Dame entgegen. So nannte er insgeheim die ältere Frau, die er noch nie ohne ihren zerzausten kleinen Hund gesehen hatte. Sie war mindestens siebzig Jahre alt, und er kannte weder ihren Namen, noch wusste er, wo sie wohnte. Nur, dass sie ihm an jedem Morgen genau zu dieser Zeit und genau an dieser Stelle begegnete. Auf die Shih-Tzu-Dame war Verlass. Nach ihr konnte man die Uhr stellen, dachte er wieder einmal, und sie dachte vermutlich dasselbe von ihm. Er hob seine Hand zu einem knappen Gruß. Sie winkte freundlich zurück. Schon war er an ihr vorbeigezogen und passierte nur Sekunden später das Tor.

Holland überquerte die Alleestraße, die den Park entlang des Hügels begrenzte und auf deren anderer Seite sich ein Dutzend Einfamilienhäuser hinter Hecken und wilden Sträuchern versteckten. Seit neun Jahren lebte er hier. Seit er in das graugelbe Haus mit dem spitzen Giebel zurückgekehrt war, in dem er seine Kindheit verbracht hatte.

Er atmete tief durch. Genoss die wohlige Hitze, die seinen Körper nach der Anstrengung des Lauftrainings durchströmte. Die Daten seiner Sportuhr zeigten, dass er seine selbst auferlegte Zeitnorm knapp unterboten hatte. Jetzt konnte er sich entspannen. Der Rest seines Tages würde bedeutungsloser sein.

Das glaubte er.

Dann sah er das Auto.

Einen VW Passat. Mattes Anthrazitgrau. Berliner Kennzeichen. Abgestellt im Schatten der alten Linde, ein Stück unterhalb seines Hauses. Manchmal waren Parkbesucher so dreist, ihren Wagen direkt vor den Privatgrundstücken stehen zu lassen. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass es sich diesmal anders verhielt. Zumal er auf dem Fahrersitz die Umrisse einer Person auszumachen glaubte.

Ein Klient? Die waren selten geworden in letzter Zeit. Und ein Besuch ohne Anmeldung war zumindest ungewöhnlich.

Jemand von einer Behörde? Ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich.

Doch nur ein Ausflügler, der im Auto döste?

Äußerlich gelassen schlenderte Holland zu seinem Gartentor, zog den Schlüsselbund aus der Tasche seines kurzen Jogginganzugs und schloss die Pforte auf.

Hinter sich hörte er das Geräusch einer sich öffnenden Wagentür. Aha. Da hatte also tatsächlich jemand auf ihn gewartet.

»Herr Holland?«

Er drehte sich um. Neben dem Passat stand eine zierliche Frau in einem stilvollen marineblauen Hosenanzug. Er schätzte ihr Alter auf vierzig, vielleicht ein wenig darüber. Ihre schmalen, kantigen Gesichtszüge wirkten attraktiv und selbstbewusst, und das halblange dunkle Haar verriet sorgfältige Pflege.

»Ja?« Holland versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen.

Die Frau schloss die Autotür und kam auf ihn zu. Für einen flüchtigen Augenblick musterte sie ihn. Holland kam es vor, als würde sie ihn unter einer ihm unbekannten Maßgabe taxieren. Dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht, und sie streckte ihm die Hand entgegen. »Alina Janowa. Hätten sie vielleicht einen Moment Zeit für mich?« Ein dezenter osteuropäischer Akzent. Russland oder Ukraine, vermutete Holland. Und ein fester Händedruck.

»Entschuldigung.« Er deutete auf seine durchgeschwitzte Sportkleidung und gab ein vorsichtiges Lächeln zurück. »Ich habe keinen Besuch erwartet. Worum geht es denn?«

»Ich muss mich entschuldigen«, sagte die Frau mit einer winzigen Spur von Verlegenheit, die nicht so recht zu ihrem perfekten Äußeren passen wollte und die Holland sehr sympathisch fand. Dann wurde sie ernst. »Ich benötige Ihre Hilfe.«

»Meine Hilfe?«

»Ihre Dienste.« Sie wies auf das kleine Messingschild, das über dem Klingelknopf am Torpfosten angeschraubt war:

WERNER HOLLAND

PRIVATE ERMITTLUNGEN

»Ah.« Also doch eine Klientin. Ihr Anliegen schien von einiger Wichtigkeit zu sein, wenn sie extra vor seinem Haus ausgeharrt hatte, um ihn abzupassen. Er öffnete die Gartentür. »Dann kommen Sie am besten mal mit.«

Er geleitete seine Besucherin zwischen Haus und Garage hindurch auf eine Terrasse, von der sich über die angrenzende Gartenanlage hinweg ein weiter Blick über Babelsberg eröffnete, den beschaulichen Potsdamer Stadtteil, den er sich zu seinem Refugium erwählt hatte.

»Was für eine Aussicht!«, stieß die Frau unvermittelt aus. »Und mitten im Grünen. Sie leben an einem schönen Ort.«

»Ich weiß.« Holland nickte langsam.

Nach dem Tod seiner Eltern war er um ein Haar der Versuchung erlegen, das Grundstück zu Geld zu machen, zumal sich die Immobilienpreise in der gesamten Gegend in einem abnormen Höhenflug befanden. Aber dann hatte er sich daran erinnert, welches Privileg es war, hier oben zu wohnen, zurückgezogen vom Alltagstrubel und nur wenige Schritte vom Park entfernt. So hatte er den Verkauf nicht übers Herz gebracht und diese Entscheidung nie bereut. Zumal das unauffällige Quartier den Erfordernissen seiner Profession durchaus entgegenkam.

»Ich muss Sie um etwas Geduld bitten. Ich ziehe mich schnell um«, meinte er und wies auf einen Holztisch mit einer Reihe rustikaler Gartenstühle. »Nehmen Sie doch so lange Platz. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Nur, wenn es Ihnen keine Umstände macht.«

»Tut es nicht. Ich koche ohnehin welchen.«

Die Frau neigte ihren Kopf und schmunzelte. »In dem Fall gern.« Sie zog sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. Holland mochte ihre Ausstrahlung, die irgendwo zwischen Selbstgewissheit und wacher Aufmerksamkeit lag, und er fand, der Tag hätte durchaus schlechter beginnen können.

»Dann bis gleich«, sagte er, kehrte zur Vorderseite des Hauses zurück, schloss die Eingangstür auf und ging als Erstes in die Küche. Durch das einzige Fenster drang hartes Sonnenlicht herein und zeichnete ein gleißendes Trapez auf die Fliesen. Er schaltete die Kaffeemaschine ein, die er wie immer vor Beginn seines Lauftrainings befüllt hatte und neben der schon eine Tasse samt Zuckerdose und einem Glas Orangensaft bereitstanden. Eine Angewohnheit, die für ihn zu einem festen Ritual geworden war und mit der er sich täglich selbst ein kleines Willkommen bereitete. Holland lebte allein. Die Ehe mit seiner Frau Christiane war vor vielen Jahren zerbrochen, und seine erwachsene Tochter wohnte sechshundert Kilometer entfernt. In der letzten Zeit fragte er sich häufiger, warum er nicht noch einmal eine Familie gegründet hatte. Nach seiner Scheidung war er, von ein paar oberflächlichen Abenteuern abgesehen, nie wieder eine Beziehung eingegangen; immer fehlte ihm das letzte Stück Gewissheit, das letzte Stück Vertrauen. Aber vielleicht wollte er auch gar nicht mehr vertrauen.

Als die Kaffeemaschine ihr geschäftiges Gurgeln begann, ging er hinüber ins Badezimmer und nahm eine Dusche. Dann schlüpfte er in eine bequeme Kombination aus heller Leinenhose und einem beigen Sommerhemd. Er drehte sich zum Spiegel und fuhr sich mit der Hand durch die dichten braunen Haare, die an den Schläfen von kleinen weißen Spitzen durchsetzt waren. Für einige Sekunden begutachtete er sein Spiegelbild. Ja, so konnte er der potenziellen Klientin schon eher entgegentreten als in seinem ausgewaschenen Jogginganzug.

Ein kräftiges Fauchen aus der Küche signalisierte ihm, dass der Kaffee durchgelaufen war. Er ging hinüber, stellte Geschirr und Kanne auf ein Tablett und kehrte zurück auf die Terrasse.

»Oh, das ist wirklich nett von Ihnen«, empfing ihn seine Besucherin.

Trotz der freundlichen Worte registrierte Holland im Klang ihrer Stimme jetzt eine unterschwellige Anspannung. Er stellte das Tablett ab und rückte die Kaffeetassen auf der Tischplatte zurecht. Dann setzte er sich der Frau gegenüber.

Zeit, der unerwarteten Stippvisite auf den Grund zu gehen.

»Also. Frau … Janowa, richtig?«, begann er.

»Ja. Aber nennen Sie mich doch bitte Alina.« Diesmal war das Lächeln beiläufig, beinahe so, als solle es den Beginn des Gesprächs nicht behindern.

»Alina. Gut.« Er nickte. »Sie suchen einen Privatermittler?«

»Na ja … Eigentlich suche ich keinen Ermittler. Ich benötige einen Leibwächter.«

»Einen Leibwächter?« Holland blickte erstaunt auf.

»Sie bieten auch Personenschutz an. Das ist doch richtig, oder?« Für einen Moment wirkte seine Besucherin verunsichert.

»Ja, das ist korrekt«, bestätigte er. Auch wenn der letzte Auftrag in diese Richtung schon eine ganze Weile zurücklag. »Wie sind Sie auf mich gekommen?«

»Ihre Internetseite. Ich wollte...


Sakulowski, Rolf
Rolf Sakulowski studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit mehr als 20 Jahren dreht der erfahrene Regisseur und Autor Filme im In- und Ausland. Daneben gibt er Filmseminare und arbeitet zu Themen polizeilicher Krisenintervention.
www.sakulowski.com

Rolf Sakulowski studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg. Seit mehr als 20 Jahren dreht der erfahrene Regisseur und Autor Filme im In- und Ausland. Daneben gibt er Filmseminare und arbeitet zu Themen polizeilicher Krisenintervention.
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