Sala / McCall | Eiskalte Versuche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

Sala / McCall Eiskalte Versuche


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-162-2
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

ISBN: 978-3-95576-162-2
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was weiß Isabella Abbott über die menschenunwürdigen Experimente, die seit Jahren ganz in ihrer Nähe durchgeführt werden? FBI-Agent Jack Dolan ermittelt und kommt dabei einem skrupellosen Täter auf die Spur ... Sieben Wissenschaftler fliehen aus Russland nach Amerika. Besessen von dem Gedanken, künstliches Leben zu erschaffen, setzen sie ihre dunklen Experimente heimlich fort. Die Versuche misslingen, bis auf den einen - Jahre später: FBI-Agent Jack Dolan ermittelt in einem seltsamen Todesfall. Alle Spuren führen in die White Mountains, zu der rätselhaft schönen Isabella Abbott und einem geheimen Labor ...

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1. KAPITEL


Er war dem Tod geweiht.

Frank Walton hegte diesen Verdacht schon seit einiger Zeit, aber erst im vergangenen Monat waren seine Ahnungen bestätigt worden. Zwar hätte er gern länger auf dieser Erde verweilt, doch hatte er sein Schicksal angenommen, so wie er allen Widerwärtigkeiten des Lebens ins Gesicht geblickt hatte und mit ihnen fertig geworden war.

Pack das Problem an und überwinde es. So lautete sein Leitspruch.

Zumindest hatte er bislang so gehandelt. Aber die Auseinandersetzung mit seinem bevorstehenden Tod würde er auf später verschieben. Im Augenblick beschäftigte ihn nur eine Sache. Er hatte Heimweh – nach dem Land seiner Geburt. Er wollte die vertrauten Menschen wiedersehen, die Sprache und die Musik noch einmal hören. Ein letztes Mal, bevor es zu spät war.

Aber er konnte nicht zurück. Für die, die ihn in seiner Vergangenheit gekannt hatten, war er bereits gestorben.

Trotzdem musste er herausfinden, ob das, was er erreicht hatte, diese Entscheidungen wert gewesen war. Er verspürte das Bedürfnis, seinen Blickwinkel zu verändern. Vielleicht wusste er dann, ob er richtig gehandelt hatte.

Zu diesem Zweck war er von Montana nach New York gekommen, nach Brighton Beach in Brooklyn. Mehr konnte er sich seinen Wurzeln nicht nähern, um noch einmal die Speisen zu schmecken, die er in seiner Kindheit gegessen hatte, und die Sprache des Landes zu hören, das seine Heimat gewesen war. Doch zwei Wochen in Brighton Beach hatten ihn wohl oder übel gelehrt, dass es zu spät war und er die Zeit nicht zurückdrehen konnte.

Mit einem Lächeln auf den Lippen verließ Frank das kleine Café, in dem er zu Abend gegessen hatte. Beim Verzehr des heißen dunkelroten Borschtsch und des köstlichen Brotes waren Erinnerungen an die Mahlzeiten in ihm wach geworden, die seine Mutter ihm an den kurzen, klirrend kalten Wintertagen in seiner russischen Heimat vorgesetzt hatte.

Obwohl mildes Septemberwetter herrschte, musste er nur die Augen schließen, und Eindrücke jener Zeit kehrten in allen Einzelheiten zurück: Er sah seinen Vater vor sich, der mit seiner Musette am offenen Feuer saß, zwischen den Liedern einen Schluck Wodka trank und selbst gedrehte Zigaretten rauchte, seine Brüder und Schwestern führten wilde Tänze auf und machten die hohen Sprünge der Kosaken nach, und über dem Getöse erscholl das Lachen seiner Mutter.

Gott, ja. Dies alles hatte er hinter sich gelassen, für einen höheren Zweck. Zumindest hatte er das in den dreißig Jahren, die mittlerweile vergangen sein mochten, ein ums andere Mal vor sich selbst wiederholt. Nun, am Ende seiner Tage, begann er sich zu fragen, ob die Opfer, die er gebracht hatte, sinnvoll gewesen waren. Was hatte er erreicht? Was hatten sie zusammen erreicht?

Drei Möwen kreisten kreischend über seinem Kopf und rissen Frank aus seinen Gedanken. Er blinzelte in die Nachmittagssonne, um die verwegenen Flugmanöver zu beobachten, mit denen die Vögel auf den Strand neben der Promenade niederstießen. In Montana gab es keine Seemöwen.

Durch das gelichtete Haar schien warm die Sonne auf seinen Schädel. Er sog die frische Luft ein und atmete mit einem Seufzer wieder aus. Zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er sich, als sterblicher Mensch an eine höhere Macht glauben zu können, denn bis dort, wohin er gehen musste, würden die Sonnenstrahlen nicht reichen.

Ein paar Häuser weiter lehnte sich eine Frau aus einem Fenster im dritten Stock und schrie auf die Straße herunter. Ein Mann, der eben aus dem Eingang trat, blieb stehen und sah nach oben. Dann rief er etwas hinauf. Seine Rufe und die der Frau vermischten sich mit dem Brausen des Verkehrs, dem diffusen Stimmengewirr der Passanten und dem Lärm eines ganz normalen Werktages. Durch die Gitter auf dem Gehweg stiegen Dampfwolken hoch, die die kehligen Vokale und Konsonanten der russischen Sprache zu ihm hin zu tragen schienen. In Franks Ohren klangen diese Töne wie Musik. Er wollte zurückrufen – die Lieder seiner Jugend singen und tanzen, bis er erschöpft aufgeben musste. Aber diesen Teil seines Lebens hatte er vor zu langer Zeit hinter sich gelassen. Nicht einmal jetzt, da der Tod zum Greifen nah war, konnte er das Wagnis eingehen und sein wahres Selbst offenbaren.

Er schob die Hände in die Taschen und schlenderte weiter die Straßen entlang, zufrieden, wenigstens an diesem Ort weilen zu dürfen.

Wasili Rostow trat, vor dem Wind Schutz suchend, in eine Mauernische und zündete sich eine Zigarette an. Als das Ende aufglomm und der Tabak zu brennen begann, inhalierte er tief und wartete auf die Wirkung. Der Nikotinstoß kam schnell. Er benebelte seine Sinne und milderte die innere Anspannung. Rostow atmete den Rauch langsam durch die Nase wieder aus und wandte sich um. Der alte Mann, an dessen Fersen er sich geheftet hatte, war noch in Sichtweite. Also konnte er sich einen zweiten Zug aus der Zigarette leisten. Dann nahm er die Verfolgung wieder auf, immer einen Häuserblock Abstand haltend. Beim Gehen ließ er den Blick an den Schaufenstern entlangschweifen und begutachtete, was Amerika an Überfluss und Wohlstand zu bieten hatte. Nicht zum ersten Mal spielte er den Gedanken durch, wie es wäre, wenn er hier bliebe. Nachdem er seinen Auftrag ausgeführt hatte, natürlich. Er liebte seine Heimat, aber das nicht enden wollende Chaos in der Staatsführung stieß ihn ab – nichts war mehr wie früher. Damals, in der kommunistischen Sowjetunion, war er der jüngste und beste Geheimagent gewesen, angesehen in den höchsten Kreisen, stolz auf seinen Status als Mitarbeiter des KGB und stolz auf seinen gestählten Körper. Die Frauen hatten ihn angehimmelt, und Kollegen beneideten ihn. Seine Vorgesetzten hatten ihm rückhaltlos vertraut.

Heute tat Rostow nichts mehr. Das nannte man Ruhestand. Für ihn war es, als hätte man ihn begraben, bevor seine Zeit zu sterben gekommen war. Er fühlte sich noch stark, auch wenn er über sechzig war. Noch immer war sein Bauch flach und hart, und sein Gesicht hatte mit den Jahren an Ausdruckskraft gewonnen, statt alt zu wirken.

Ironischerweise war der Grund, warum er aufs Abstellgleis geschoben worden war, nicht sein Alter. Schuld waren seine Schwierigkeiten, sich auf dem neuesten Stand der technischen Entwicklungen zu halten. Ein Spion, der sein Handwerk zeitgemäß ausüben wollte, musste mit allem umgehen können, vom Laser bis zum Computerchip, und das hatte Rostow überfordert. Also hatte er Tag für Tag in Spelunken herumgesessen, zusammen mit Männern, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren war. Abends hockte er in seiner Einzimmerwohnung und sah sich auf einem Schwarzweißgerät mit Fünfundvierziger-Bildröhre das Programm des Staatsfernsehens an, während durch den Spalt unter der Eingangstür die Kochdünste seines Nachbarn drangen, wenn dieser Kohl und Kartoffeln kochte.

Rostow und seiner Familie hatte die Ära der Sowjetunion nur Gutes gebracht. Der Kommunismus hatte sein Land stark gemacht. Als er unterging, war seine Welt in Schutt und Asche versunken, in Stücke geschlagen wie die Berliner Mauer. In den Jahren nach dem Zusammenbruch hatten die Menschen auf den Straßen gestanden und ihre Habe verkauft, um nicht verhungern zu müssen. Viele verloren ihr Dach über dem Kopf. Die langen Schlangen vor Bäckereien und Lebensmittelgeschäften ließen sich noch schwerer ertragen, weil die wenigen Dinge, die es gab, von denen weggekauft wurden, die das nötige Geld hatten.

Mittlerweile hatten sich die Verhältnisse gebessert, aber wie früher würden sie nie wieder sein. Für Rostow hatte das Wort Demokratie einen obszönen Beiklang und war wie ein Fluch. Die Mafia besaß mehr Macht als die Regierung. Rostow hatte gelernt, sich in die Verhältnisse zu fügen; das war es, was er am besten konnte. Der Tagesablauf, den er sich angewöhnt hatte, bot keine großen Aufregungen, aber er genoss in seinem Ruhestand eine Behaglichkeit, die er nicht einmal als Kind gekannt hatte.

Dann, vor einer Woche, hatten sie vor seiner Tür gestanden. Vier säuerlich blickende Männer, die ihm auftrugen, unverzüglich seinen Koffer zu packen. Innerhalb weniger Stunden erhielt er die Befehle; man stattete ihn mit amerikanischem Geld und einem Mobiltelefon aus, und er wurde in ein Flugzeug nach New York gesetzt. Der Grund für seine Reaktivierung brachte Rostow beinahe zum Lachen. Man hatte ihn gewählt, weil er ein Teil der Vergangenheit war. Seine Reise nach Amerika diente nur einem Zweck: Er sollte ein Gespenst finden.

Gut. Jetzt war er hier und folgte einem alten Mann, dessen Schultern schlaff herabhingen und der eine Vorliebe für Borschtsch zu haben schien. Wie ein Geist wirkte der Alte nicht, aber nach der Gesichtsfarbe zu urteilen, würde er bald einer sein.

Im Augenblick wartete er an einer Kreuzung. Rostow blieb ebenfalls stehen und wandte sich dem Schaufenster des Juweliergeschäfts neben sich zu. Passanten mussten glauben, dass sein Interesse den Edelsteinen und Perlen in der Auslage galt; in Wahrheit diente ihm die Scheibe als Spiegel für den Fußgängerüberweg.

Rostow verharrte in seiner Betrachterpose, bis die Ampel auf Grün sprang und das Warnsignal aufblinkte. Er fuhr herum und hastete, Fahrzeugen geschickt ausweichend, über die Straße. Dann verlor er sich wieder im Strom der Passanten, mit dem auch der alte Mann sich bewegte.

Man hatte ihn informiert, dass sein Zielobjekt ein gewisser Frank Walton sei. Angeblich ein im Ruhestand lebender Botaniker aus Braden in Montana, der nach Brighton Beach gekommen war, um Urlaub zu machen. Aber Wasili Rostow war nicht ohne Grund aus seinem geruhsamen Dasein als Pensionsempfänger gerissen und nach Amerika geschickt worden. Das Foto in seiner Tasche...



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