Salbi | Die wahre Freiheit liegt in dir | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Salbi Die wahre Freiheit liegt in dir

Heile dich selbst und dann die Welt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95803-481-5
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Heile dich selbst und dann die Welt

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-95803-481-5
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Als Tochter von Saddam Husseins Privatpilot erlebt Zainab Salbi als Jugendliche hautnah mit, was Diktatur bedeutet. Auf Drängen ihrer Mutter heiratet sie mit 19, emigriert in die USA und macht sich als Menschenrechtsaktivistin einen Namen. Doch während sie sich weltweit für Frauen in Kriegsgebieten einsetzt, gerät ihr eigenes Leben aus den Fugen, als sie erkennt, dass sich ihre eigenen Schatten nicht von selbst auflösen. In diesem Buch erzählt sie die fesselnde Geschichte ihres Heilungswegs: »Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir bei uns selbst anfangen. Das ist der Weg zur Freiheit.«

Zainab Salbi gründete mit 23 Jahren 'Women for Women International', eine Menschenrechtsorganisation, die sich für weibliche Kriegsüberlebende einsetzt. Unter ihrer Führung (1993 - 2011) wuchs diese von einem Verein, der 30 Frauen unterstützte, zur bedeutenden NGO, die über 420 000 Frauen betreut und über 100 Millionen Dollar an Spendengeldern verteilt. Zainab Salbi ist Autorin mehrerer Bücher, darunter der Bestseller 'Zwischen zwei Welten: Die Jahre bei Saddam und meine Flucht aus der Tyrannei'. Kürzlich wurde sie in die Jury des Hilton Humanitarian Prize berufen, der größten Auszeichnung für humanitäre Arbeit in der Welt.
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Das singende Mädchen


Es war einmal ein Mädchen in einem grünen Kleid. Von aller Welt vergessen, lag es an Händen und Füßen gefesselt im Bauch eines Schiffs. Zwischen Hunderten von anderen Sklaven. Sie waren schon sehr, sehr lange in Gefangenschaft und im dämmrigen Licht unter Deck war nicht zu erkennen, ob sie tot waren oder noch lebten. Ihre Leiber waren von Staub bedeckt.

Eines Tages kam eine Maus und fing an, an den Fesseln des Mädchens zu nagen. Es erwachte, und als es sich streckte, rissen die Stricke, denn sie waren in der langen Zeit mürbe geworden.

Das Mädchen erhob sich, und als es umherblickte, merkte es, dass die anderen alle im Schlaf gestorben waren. Der Schiffsbauch war vom Geruch des Todes erfüllt. Wie es sich fürchtete, ganz allein in dieser Dunkelheit! Es fing leise zu singen an. Das Lied kannte keine Worte, nur einen einzigen Klang – den Klang seines Lebens. Und wie sich die Melodie herauszuschälen begann und seine Stimme fester wurde, legte sich seine Angst, und das Mädchen fühlte sich nicht mehr so allein. Wie von magischen Kräften emporgehoben, stieg sein Körper auf, höher und höher, bis er schließlich in eine andere Realität gelangte.

In dieser neuen Welt fand sich das Mädchen auf einer geschäftigen Straße inmitten einer Großstadt wieder. Überall waren Leute, die von einem Ort zum anderen eilten. Hupende Autos rasten vorbei. Nichts und niemand war ihm vertraut. Es konnte nur eins tun – weiter das Lied seines Lebens singen.

Die Stimme des Mädchens war so schön, dass die Passanten stehen blieben, um ihm zuzuhören. Mehr und mehr Menschen wurden auf es aufmerksam, und bald war das Kind in aller Munde. Man pfiff seine Melodien nach und war ihm auf den Fersen, wann immer es in einer Stadt erschien. Niemand wusste, wer es war, und so nannte man es »das singende Mädchen«. Es wurde immer bekannter. Ein ständig wachsendes Publikum wollte es hören.

Eines Tages kamen Leute zu dem Mädchen und bauten eine tönerne Statue, die innen hohl war. Sie steckten das Mädchen hinein, sodass sie es singen hören konnten, wann immer sie wollten. Am Anfang ließ es sich darauf ein, aber schon bald erkannte es, dass es sich im Inneren der Statue genauso fühlte wie damals, als es gefesselt im Schiffsbauch lag. Beides waren Formen von Versklavung. Das Mädchen versuchte nicht, irgendjemandem zu gefallen; es sang einfach das Lied seines Lebens, und darum war sein Klang so berührend. In der dunklen Statue zu bleiben, hieße zu ersticken.

Also beschloss das Mädchen, sich zu befreien. Es sang und sang das Lied seines Lebens, und so wurde es abermals in eine fremde Realität transportiert, die wiederum ganz anders war als die belebte Großstadt.

Auf dieser dritten Ebene begegnete es einer Frau, die in ein schwarzes Gewand gehüllt war. Sie trug einen schwarzen Schleier, und ihr Gesicht war hinter einer schwarzen Maske verborgen. Sie rührte in einer Suppe, die auf offenem Feuer in einem großen Kessel brodelte. Als das Mädchen näher kam, sprach die Frau die folgenden geheimnisvollen Worte:

»Du musst das Böse akzeptieren.«

Erschrocken wich das singende Mädchen zurück. Das Böse akzeptieren? Das konnte es nicht! Das war zu viel verlangt! Aber sobald es auf Abstand ging, hörte die Frau auf, in der Suppe zu rühren. Neugierig, wie das Mädchen war, kam es doch wieder näher.

Nochmals sagte die Frau mit der schwarzen Maske: »Du musst das Böse akzeptieren.«

Und erneut wich das Mädchen angstvoll zurück. Es konnte das Böse nicht akzeptieren. Doch jedes Mal, wenn es einen Schritt zurückmachte, hörte die Frau mit der schwarzen Maske auf zu rühren. Alles stand plötzlich still.

Das Süppchen, das die Frau da kochte, würde wohl niemals fertig werden, wenn das Mädchen das Böse nicht akzeptierte. Schließlich siegte seine Neugier. Es wollte wissen, was geschehen würde, wenn die Frau weiterrührte. So trat es abermals näher, und als es zum dritten Mal gebeten wurde, das Böse zu akzeptieren, nickte es. Sogleich begann die Zeremonie. Die Suppe fing heftig zu brodeln an, und die Frau rührte kräftiger. Dann sagte sie: »Nun musst du eine von den weißen Masken wählen, die an der Wand hinter dir hängen.«

Das Mädchen schaute sie sich alle an – eine ganze Wand voller Masken, doch es mochte keine einzige davon. Es wandte sich der Frau zu und deutete auf ihr Gesicht: »Deine Maske will ich haben!«

»Um meine Maske hat mich noch nie jemand gebeten«, antwortete die Frau erstaunt. »Aber hier, setze sie auf!«

Kaum hatte das singende Mädchen die Maske aufgesetzt, trat das Böse auf den Plan. Es war weder Mann noch Frau – ein gesichtsloses Wesen in anthrazitgrauem Gewand. Es reichte dem Mädchen die Hand. Zögernd griff es danach und ließ sich wegführen. Die Frau blieb alleine zurück.

Das Böse und das Mädchen gingen den weiten Weg ins Land des Bösen. Ein riesiges, düsteres Feld voller Menschen tat sich vor ihnen auf. Manche lagen auf dem Boden, andere standen, und alle waren mit Spinnweben bedeckt. Mit schreckgeweiteten Augen betrachtete das Mädchen dieses furchtbare Bild. Diese Menschen hatten sich in ihr Dasein gefügt – sie schienen für immer im Land des Bösen gefangen.

»Siehst du all diese Leute?«, fragte das Böse. »Sie sind hier, weil sie irgendetwas getan haben, wofür sie sich schämen. Sie haben gestohlen oder gelogen. Manche haben sich sexueller Verfehlungen schuldig gemacht. Es ist die Scham, die sie hierhertreibt.«

»Was sie nicht wissen«, fuhr das Böse fort: »Sie haben die Wahl. Ich halte sie hier nicht mit Gewalt fest. Im Gegenteil. Jeder von ihnen kann einfach aufstehen und diesen Ort verlassen. Das Einzige, was sie tun müssen, ist, zu ihrer Tat zu stehen und darüber zu reden. Dann dürfen sie gehen. Jeder ist dazu in der Lage. Aber wenn ihre Scham und Angst stärker sind als ihr Wille, sich dieser Aufgabe zu stellen, tun sie es nicht. Dann ringen sie sich nicht durch, sich zu befreien.«

Da erkannte das Mädchen, wie wichtig es war, das Böse zu akzeptieren und diesen Ort gesehen zu haben. Es musste begreifen, warum manche Menschen auf ewig im Land des Bösen gefangen bleiben. .

Das Böse wollte dem Mädchen noch etwas zeigen, und so gingen sie weiter. Sie betraten ein Gebäude und durchschritten darin viele riesige Türen und durchquerten Raum um Raum. Schließlich gelangten sie in ein kleines Zimmer, in dessen Mitte eine Truhe stand. Das Böse öffnete sie und schloss die Schatulle auf, die sich darin befand. Und in dieser war wiederum eine weitere, kleinere Schatulle. Das Böse schloss auch diese auf und alle anderen, stets ein wenig kleineren, bis es schließlich die kleinste Schatulle in Händen hielt. Das Böse öffnete sie vorsichtig. Darin war ein Herz. Es war das Herz des Bösen, das es dort seit langer, langer Zeit vor aller Welt weggeschlossen hatte. Dem Mädchen aber zeigte das Böse sein Herz.

»Nur wer das echte Lied seines Lebens singt, darf dieses Herz besitzen«, sagte das Böse und hielt dem Mädchen das Herz hin. »Bitte nimm es mit. Du darfst dieses Land verlassen.«

Das Mädchen betrachtete das Herz und erkannte, dass es ein ganz normales schlagendes Herz war – weder gut noch schlecht. Das Mädchen nahm es mit beiden Händen und schluckte es hinunter. Nun hatte es Mut.

Um das Land des Bösen zu verlassen, musste das singende Mädchen eine Seilbrücke überqueren und sich ganz alleine einen Weg durch einen Sumpfwald bahnen. Die Brücke bestand aus morschen, halb zerbrochenen Brettern und losen Seilen, die sie kaum noch zusammenhielten. Der dunkle Wald auf der anderen Seite wirkte geheimnisvoll und bedrohlich. Das singende Mädchen war wie gelähmt vor Angst. Es wusste nicht, was es tun sollte.

Da fiel ihm wieder ein, was ihm geholfen hatte, sich aus dem Schiff zu befreien – das Lied seines Lebens. Es fing an, aus voller Kehle zu singen, und wie es sich dem Klang hingab, stieg ein Gefühl von Glück in ihm auf. Seine Melodien und seine Stimme brachten ihm Freude, und die verlieh ihm den Willen, die Brücke zu überqueren. Sie half ihm, den dunklen Wald furchtlos zu durchschreiten. Es sang immer weiter. Es führte sich vor Augen, dass es seine eigene Entscheidung war, sich zu seiner Angst und Scham zu bekennen. Es lag an ihm selbst, in die Freiheit zu gelangen. Das Glücksgefühl brachte seine Ängste zum Schwinden, und sein Mut wuchs.

Das Mädchen sang, bis es ein letztes Mal auf eine andere Realitätsebene gelangte. Hier war die Welt von hellem Blau erfüllt. Die Menschen bewegten sich frei und tanzten vor...


Zainab Salbi gründete mit 23 Jahren "Women for Women International", eine Menschenrechtsorganisation, die sich für weibliche Kriegsüberlebende einsetzt. Unter ihrer Führung (1993 – 2011) wuchs diese von einem Verein, der 30 Frauen unterstützte, zur bedeutenden NGO, die über 420 000 Frauen betreut und über 100 Millionen Dollar an Spendengeldern verteilt. Zainab Salbi ist Autorin mehrerer Bücher, darunter der Bestseller "Zwischen zwei Welten: Die Jahre bei Saddam und meine Flucht aus der Tyrannei". Kürzlich wurde sie in die Jury des Hilton Humanitarian Prize berufen, der größten Auszeichnung für humanitäre Arbeit in der Welt.



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