Sallis | Willnot | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Sallis Willnot

Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95438-106-7
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-95438-106-7
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Willnot, einer amerikanischen Kleinstadt, wird eine Grube voller Leichen entdeckt. Lamar Hale, der ortsansässige Arzt, wird vom Sheriff zum Tatort gerufen. Niemand weiß, wer die Opfer sind, geschweige denn, was das Motiv für diese grausame Tat sein könnte. Eine Spezialeinheit rückt an, um das Gelände zu sichern und mit der Spurensuche zu beginnen. Derweil erhält Lamar Hale Besuch von Brandon Lowndes, einem ehemaligen Patienten, der nach vielen Jahren Abwesenheit wieder in Willnot auftaucht. Über die Gründe für seine Rückkehr schweigt er sich aus. Ein paar Tage später erhält Hale erneut unangekündigten Besuch, diesmal von einer FBI-Agentin namens Theodora Odgen, die sich nach Brandon Lowndes erkundigt. Dem Vernehmen nach war er Scharfschütze bei den Marines, ein Elitekiller, der sich unerlaubt von der Truppe entfernt hatte. Und genau dieser Brandon Lowndes wird einige Tage später aus dem Hinterhalt angeschossen. Das FBI ist sofort zur Stelle, aber Brandon verschwindet aus dem Krankenhaus, bevor man ihn befragen kann.

James Sallis wurde 1944 in Arkansas geboren und verbrachte dort seine Kindheit. Er studierte Literaturwissenschaften in New Orleans und arbeitete anschließend als Lektor und Drehbuchautor. Er übersetzte Raymond Queneau und Puschkin ins Englische und veröffentlichte eine Biografie von Chester Himes. Bekannt wurde er mit einer Romanreihe um den farbigen Privatdetektiv Lew Griffin. Für seinen Roman 'Driver' wurde er 2008 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. James Sallis lebt in Phoenix, Arizona.
Sallis Willnot jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1


Wir fanden die Leichen zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe der alten Kiesgrube. Tom Bale war in den frühen Morgenstunden auf der Jagd gewesen, als Mattie die Beute fallen ließ, die sie gerade apportierte, zu einem Abschnitt aufgeworfener Erde rannte und sich nicht mehr davon wegbewegte. Als er nach ihr rief, kam sie zunächst ein Stück weit auf ihn zu, machte dann jedoch wieder kehrt und fing an zu bellen. Als er hinüberging, nahm er schließlich den Geruch wahr. Pilzig, dunkel. Kellerähnlich.

Die Lichtung war drei Meter fünfzig mal vier Meter groß, ungefähr die Zimmergröße in den Häusern aus den 1950er-Jahren, die es bei uns im Überfluss gibt, gesäumt von Schwarznussbäumen und Eichen. Der Boden war ein wenig eingesunken, durchsetzt mit unnatürlich rechtwinkligen Kerben, als wäre er mit großen Schaufeln bearbeitet worden. Ausläufer von Kopoubohnen und wildem Wein ragten vorwitzig über die Ränder.

Die Leute des Sheriffs trafen als Erste ein, nachdem Tom zu seinem Pick-up zurückgegangen war und die Sache per Handy gemeldet hatte. Einer von ihnen holte einen alten Army-Klappspaten aus seinem Wagen und fing an zu graben. Der Geruch wurde zunehmend intensiver. Nach ungefähr zwanzig Minuten stieß er auf Knochen.

Als Andrew und ich eintrafen, war Sheriff Hobbes bereits mit den Häftlingen vor Ort, die er zum Graben mitgenommen hatte, zwei Schwarze, ein Latino und ein stark tätowierter Weißer. Wir standen daneben und sahen zu, wie sich hinter ihnen die Erde anhäufte. Die Leute von der State Police hatten ihre eigenen Hunde dabei, doch weil das hier Matties Revier war, kam das nicht gut an. Also waren die beiden Hunde wieder in den Transporter gesperrt worden, von wo aus sie wütend und sabbernd aus den Fenstern starrten.

»Jemand war mal wieder hier und hat Mutterboden abtransportiert«, sagte Sheriff Hobbes, »und zwar richtig viel. Dachte eigentlich, wir hätten dem ein Ende gesetzt.«

»Ist ja nicht so, als hätten wir nicht reichlich Dreck.«

»Mutterboden kostet Geld. Hier weiß keiner genau, wem das Land eigentlich gehört. Also denken manche, sie könnten sich einfach bedienen. Höchstwahrscheinlich wieder Bo Campbell. Er und sein sogenanntes Bauunternehmen.«

»Wir sind als Kinder zum Schwimmen hierhergekommen«, meinte Andrew. Eine verirrte Ladung Erde flog über meine Schuhe und seine Stiefel. Ich blickte hinüber zur Kiesgrube: ein ausgehöhlter Felsvorsprung, Furchen von Planierraupen, trockene Flächen, Felsen.

»Wir haben damals so getan, als würden wir den Mars erforschen. Ich war in Trudy Mayfield verknallt gewesen. Hatte ihr erzählt, ich würde später mal Astronaut werden.«

»Tut mir leid, dass ich dich aus dem OP geholt hab.« Andrew konnte einem nicht gut in die Augen sehen, doch diesmal tat er es. »Dachte, das solltest du sehen.«

»Ich bin jetzt schon fast zwei Jahre hinter Ellie her wegen ihrer Gallenblase. Es gibt keinen Grund, warum du weiter krank sein musst, habe ich immer zu ihr gesagt. Die Sache kann warten.«

»Sie wird stinksauer sein.«

»Das ist sie in der Tat.«

»Sie ist ziemlich gut darin, wütend zu sein.«

»Manchen liegt das im Blut.«

Ich weiß nicht genau, ob Andrew eine Herzensangelegenheit von mir war oder ich von ihm. Ich kümmerte mich um ihn, seit er zwölf war. Als seine Eltern wegen Schulproblemen zu mir gekommen waren, hatte ich ADS diagnostiziert und Medikamente verschrieben, die in den Charts damals oben standen, dann aber Zweifel bekommen und ihn zu einem alten Klassenkameraden geschickt, der große Erfolge mit Verhaltenstherapie erzielte. Es hat ganz gut funktioniert. Heutzutage schmiss Andrew praktisch im Alleingang den örtlichen Rettungsdienst und kümmerte sich um Elmer Klines Leichenhalle. Kline war fast achtzig, dement und wurde in regelmäßigen Abständen frühmorgens aufgegriffen, wenn er mit nichts außer verschiedenfarbigen Socken bekleidet die Main Street hinunterspazierte. Andrew war zwar kein zugelassener Leichenbestatter, aber solche Dinge waren uns in Willnot relativ egal.

An irgendeinem Punkt hatte Andrew beschlossen, dass ich, weil ich ja so gut verstand, was er durchmachte, ebenfalls unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom litt und dass man zu meiner Zeit nur nicht gewusst hatte, was es war, und deswegen gab es zwischen uns eine Verbindung. Ich habe nie herausgefunden, ob er wollte, dass ich es eingestand, oder ob er einfach nur vorhatte, mir Reisetipps zu geben. Mein erster Gedanke war natürlich: ein . Wenn ich aber diesen Vorhang aufziehe und dahinter blicke, ist alles, was mir dazu einfällt, wie oberflächlich unsere Deutungen und Erkenntnisse sind.

»Rieche ich da jetzt Kalk?«, fragte Sheriff Hobbes.

Andrew scharrte mit dem Stiefelabsatz über den Boden. »Wie viele sind es, eurer Meinung nach?«

»Leichen?«

Er nickte.

»Die ersten lagen nicht tief. Könnte sein, dass es nur die sind.«

»Oder ein ganzes Loch voll«, sagte er. »Und dann ist da noch der Kalk.«

»Genau. Man verschwendet keinen teuren Branntkalk nur für ein paar Leichen.«

Andrew dachte, ich mache Witze, war sich aber nicht sicher. Er stieß ein kurzes Lachen aus, schüttelte dann den Kopf und deckte somit alle Möglichkeiten ab. »Sheriff Roy sagt, vor achtzig Jahren war das hier saftiges Weideland.«

»In achtzig Jahren ist es das vielleicht wieder. Und kein Mensch wird sich mehr an irgendetwas hiervon erinnern.«

Wir hörten es, bevor wir es spürten. Ein kaum hörbares Rauschen, als Regentropfen weit oben in den Bäumen auf die Blätter trafen. Dann kleine Staubwölkchen, als sie auf den nackten Boden klatschten.

Andrew sah nach oben. »Großartig! Das hat uns gerade noch gefehlt!« Mattie lief im Kreis herum, schnappte nach den Regentropfen und knurrte.

Minuten später hatte sich alles in Matsch verwandelt.

Als ich pitschnass und Pfützen hinterlassend durch das Vorzimmer tropfte, sah Maryanne mich über ihre Brille hinweg an. Andrew nennt es . Maryanne ist nur halb so alt wie ich, blickt mich aber häufig an wie meine Mutter früher, mit einer Mischung aus Irritation und Toleranz. Was führt der Junge jetzt schon wieder im Schilde?

Ich habe hinten im Sprechzimmer immer Kleidung zum Wechseln. Man weiß ja nie, wann man gerufen wird, um sich eine Grube voller Leichen anzusehen, und dann im Regen steht. Laufschuhe, Chinos, die ein oder zwei Nummern zu groß waren, und ein pinkfarbenes Chambrayhemd mit ausgefranstem Kragen waren in modischer Hinsicht zwar nicht auf der Höhe, aber Maryanne hatte mich ohnehin schon schräg angesehen.

Als ich heraustrat, hatte Toleranz wieder die Oberhand gewonnen und sie lächelte.

»Ellie hat allen die Hölle heißgemacht. Der Anästhesist meinte, er hätte beinahe allein angefangen und sie betäubt, nur um sie zum Schweigen zu bringen.«

»Vertretungen haben es immer schwer. Eigentlich will sie ja mir die Hölle heißmachen.«

»Man hat ihr erklärt, was passiert ist und wo du steckst. Sie hat sich dann etwas beruhigt.« Maryanne deutete mit dem Kopf aufs Nebenzimmer, teils Abstellraum, teils Küche, teils Pausenraum. »Der Kaffee geht gerade noch als frisch durch. Ich habe alle deine Termine verschoben, weil ich nicht wusste, wie lange du da draußen sein würdest.«

»Sollte Gordie Blythe die Narkose durchführen?«

»Wer sonst?«

»Meinst du, er ist noch da?«

»Ich kann nachhören. Und wo ich gerade dabei bin, soll ich dann auch fragen, ob das restliche OP-Team noch verfügbar ist?«

»Bitte.«

Ich nahm mir einen Kaffee, während sie anrief, und beobachtete dann durch ein taschenbuchgroßes Fenster einen Zaunkönig, der emsig Weinranken aus dem Maschendrahtzaun hinter dem Haus zupfte. Minuten später stand Maryanne im Türrahmen.

»Läuft nicht. Ellie ist schon nach Hause. Ist einfach aufgestanden und gegangen, hat die Stationsschwester gesagt. Soll ich sie anrufen?«

»Das mache ich morgen selbst. Und da nichts mehr ansteht, warum gehst du nicht auch nach Hause? Nimm dir den Rest des Tages frei.«

»Ich habe an den Rechnungen gesessen.«

»Die können warten.«

»Bist du sicher?«

»Was das angeht, ja. Lauf. Schnapp dir deine Freiheit. Ich mache hier alles dicht.«

Minuten später glitt die Schreibtischschublade auf, wieder zu, und dann war sie schon halb...


James Sallis wurde 1944 in Arkansas geboren und verbrachte dort seine Kindheit. Er studierte Literaturwissenschaften in New Orleans und arbeitete anschließend als Lektor und Drehbuchautor. Er übersetzte Raymond Queneau und Puschkin ins Englische und veröffentlichte eine Biografie von Chester Himes. Bekannt wurde er mit einer Romanreihe um den farbigen Privatdetektiv Lew Griffin. Für seinen Roman "Driver" wurde er 2008 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. James Sallis lebt in Phoenix, Arizona.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.