Salm | Wie der Hase läuft | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 195 Seiten

Salm Wie der Hase läuft

Roman
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-907334-40-9
Verlag: Knapp Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 195 Seiten

ISBN: 978-3-907334-40-9
Verlag: Knapp Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Amsterdam, 1943: In einer Bäckerei fällt ein Schuss, hinter dem Tresen stirbt ein junger Mann. Seine Witwe, fast noch ein Kind, flieht in die Schweiz. Fünfzig Jahre später verlässt im Basler Hinterland ein Familienvater Frau und Kind, in der gleichen Nacht liegt eine Frau zwischen zwei Dörfern tot am Strassenrand. Jahrzehnte später begegnen Teresa und Mirco einander. Sie verlieben sich und versuchen sich an ihre Kindheit zu erinnern, die geprägt war von Verlust und Schweigen. Mirco hat Angst, dass die Vergangenheit sich wiederholt, wenn man sie nicht ruhen lässt. Aber Teresa begibt sich auf Spurensuche und erschafft Stück für Stück ihre gemeinsame Geschichte. In ihrem neuen Roman entfaltet Rebekka Salm ein Panoptikum aus Geschichten und Erinnerungen zweier Familien, die sich nicht erinnern wollen - und die doch, ob's ihnen gefällt oder nicht, Teil einer grossen Erzählung sind.

Rebekka Salm, geboren 1979 in Liestal und wohnhaft in Olten, studierte Islamwissenschaften und Geschichte in Basel und Bern, arbeitet als Texterin, Moderatorin und Erwachsenenbildnerin. Mit ihrem bemerkenswerten Debütroman «Die Dinge beim Namen» (2022) schaffte sie es in die Bestsellerlisten und wurde bereits zu über hundert Lesungen eingeladen. Rebekka Salm wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet: Förderpreise der Kantone Solothurn und Basellandschaft, Dreitannen-Förderpreis der Hans und Beatrice Maurer-Billeter-Stiftung.
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Zielgruppe


Rebekka Salm sorgte 2022 mit ihrem Romandebüt «Die Dinge beim Namen» für Furore. Bestsellerautor Alex Capus sagte damals über die Autorin, die Schweiz habe eine neue Erzählerin.
Sie traf mit ihrem Erstling den Geschmack der Literaturinteressierten, sie begeisterte Jung und Alt. Diese werden auch von ihrem neuen Roman «Wie der Hase läuft» angetan sein. Wer Dramaturgie und Spannung liebt, wer die Leichtigkeit des Erzählens schätzt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen.


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Emma 1943, Amsterdam


Ansichtskarte, Foto und der schmale, goldene Ring. Emma de Vries zog ihre Hand aus der Tasche, die in das Innenfutter ihres Filzmantels genäht war, und liess sich zurück in den Sitz fallen. Das Schaukeln des Zugabteils und das Rattern über Schienen und Holzschwellen hatten sie eingelullt und schläfrig gemacht. Sie hatte geträumt, dass Cees bei ihr gewesen war. Er hatte sich auf den Sitz neben sie gesetzt und den Arm um sie gelegt. Emma hatte sich an ihn geschmiegt und sich gewünscht, er würde ihr eine Geschichte erzählen, so wie er es immer getan hatte, wenn sie sich fürchtete.

Seit dem Überfall der Deutschen im Mai 1940 hatten Kampfstiefel Emmas Schlaf zertrampelt. Deutsche Kampfstiefel unterschieden sich von den Kampfstiefeln der eigenen Soldaten dadurch, dass sie nach zweiundzwanzig Uhr noch zu hören waren. Die Sperrstunde galt nicht für die Besatzer. Und während sie dalag und auf das Anschwellen und Abklingen des Stiefelstakkatos lauschte, auf das Heulen der Sirenen, begann Cees zu erzählen. Von seiner Kindheit, die er mit der grossen Schwester Lieke im von Efeu überwachsenen Pfarrhaus von Enkhuizen verbracht hatte. Von seiner Stummente Snarl, die ihm bis ins Schulzimmer gefolgt war und sich während des Unterrichts unter sein Pult gelegt hatte, den Schnabel ins Gefieder gesteckt, die Augen im nacktroten Gesicht geschlossen. Snarl, die eines Nachts der Fuchs geholt hatte und deren verbliebene Federn Cees eingesammelt und von Blut gereinigt hatte. Wie er sich damit über die geschlossenen Augen, Wangen und Unterarme gestreichelt und sich dabei vorgestellt hatte, ein Engel streife ihn mit den Flügeln. Mutter vielleicht oder Vater, die beide bei einem Strassenbahnunglück ums Leben gekommen waren. Schnee und Eis hatten den Wagon entgleisen lassen, da war Cees dreizehn Jahre alt gewesen. Danach hatte sich Lieke um ihn gekümmert. Sie hatte für ihn gekocht und seine Kleider gewaschen. Und wenn er nachts weinend im Bett lag, hatte sie sich zu ihm gesetzt und gesungen. «Daar wordt aan de deur geklopt – da wird an der Tür geklopft». Ein Lied, das Kinder im Dezember sangen, wenn Sinterklaas von Haus zu Haus zog und die vor den Kamin gestellten Stiefel mit Süssigkeiten füllte. Sommer wie Winter sang Lieke dieses Lied für ihren kleinen Bruder.

So eine Geschichte hätte sich Emma gewünscht. Doch Traum-Cees hatte geschwiegen. In der Hoffnung, sie könne wenigstens seinen Herzschlag hören, hatte Emma ihr Ohr auf seine Brust gedrückt. Aber ausser dem atemlosen Ra-ta-tam des Zuges hatte sie nichts gehört.

Cees’ Herz hatte immer eine Spur zu schnell geschlagen. Auch wenn er im Bett gelegen und geschlafen hatte, hatte es geklungen, als wäre er gerade eben die Sternstraat hinab von der Bäckerei bis nach Hause gerannt. Wenn niemand in der Nähe war, nannte Emma ihren Mann Hasenherz. Cees mochte diesen Kosenamen nicht. Hasenherz. Das klinge nach jemandem, der bei der kleinsten Gefahr hakenschlagend das Weite sucht. Der sich lieber in eine Grube duckt, anstatt sich zur Wehr zu setzen. Emma winkte ab. Sie wusste, dass Cees kein Feigling war. Er war besonnen, das ja. Er suchte keinen Ärger, aber er scheute ihn auch nicht, wenn er das Gefühl hatte, dass jemandem Unrecht getan wurde. Seit Beginn der Razzien und der im Flüsterton gehörten Radiomeldungen über Gaskammern in Grossdeutschland hatte Cees in seiner Bäckerei Juden versteckt. Immer nur ein, zwei Tage lang. Für längere Aufenthalte eignete sich das Gebäude in der Amsterdamer Innenstadt nicht, das lediglich aus einer Backstube, einem Verkaufsraum und einem winzigen Lager bestand. Das Klo stand im Hinterhof. Ein mit Flechten übersätes Backsteinhäuschen mit verzogener Holztür, die jedes Mal ächzte, wenn man sie aufmachte. Die Gefahr war zu gross, beim Toilettengang von Nachbarn entdeckt zu werden. Hinter den gerafften Vorhängen wohnte gleichermassen Freund und Feind.

Cees schimpfte Hitler einen «klootzak» und weigerte sich, deutsche Soldaten zu bedienen. Auch Emma mochte die Moffen nicht, wie sie die Deutschen hinter vorgehaltener Hand nannten. Doch es war niemandem geholfen, wenn die ihnen das Schaufenster der Bäckerei einschlugen. Darum blieb Emma freundlich. Dass die Soldaten von ihr angetan waren, half ebenfalls. Von ihrer Taille und den Waden, die unter ihrer gestärkten Schürze hervorlugten, von ihrem Bauch, der flach war wie ein Backblech. Sie hatte Haare wie Schwarzbrot, fest und dunkel, und den schläfrigen Blick der Marlene Dietrich. Ab und an brachte einer der Soldaten etwas mit, das auf dem Markt kaum mehr zu kriegen war: echten Kaffee, nicht das Surrogat, oder eine Zigarette. Dann bedankte Emma sich mit einem Augenaufschlag und steckte ihm im Gegenzug einen extra Krentenbollen in die Papiertüte.

Manchmal hatten sie Kinder hinten in der Backstube versteckt. Dann begann Cees zu singen, wenn die Glocke über der Ladentür bimmelte. Kindergetuschel, das Poltern schwerer Soldatenstiefel, alles ging unter im Refrain von «Daar wordt aan de deur geklopt». Dass er die hohen Töne nicht traf, war egal. Die Moffen nannten ihn den singenden Bäcker.

Nein, Cees war kein Feigling. Er hatte das Herz eines Löwen. Nur schlug es dafür zu schnell.

Hatte zu schnell geschlagen.

Cees war tot.

Dieser Deutsche hatte ihn erschossen. Vor elf Wochen und fünf Tagen.

Überall war Blut gewesen. Blut auf seinem Bäckerschurz, Blut auf dem Boden, Blut auf den von den Hiesigen verabscheuten dunklen Broten, die man nur auf Geheiss der Besatzer buk. Cees am Boden.

Emma hatte seine Hand gehalten. Die Hand mit dem schmalen goldenen Ring.

Den Ring hatte sie am nächsten Tag im Leichenschauhaus von einer geschäftigen Dame mit Hornbrille überreicht bekommen, zusammen mit Cees’ Schuhen. Auf die Kleider, die voller eingetrocknetem Blut waren, hatte Emma verzichtet.

Wie er so dagelegen hatte in seinem Holzsarg, die Haut von der Farbe eines Milchbrots, war es ihr vorgekommen, als sei er schrecklich erschöpft. Als sei der Weg in den Tod lang und beschwerlich gewesen und nicht bloss ein Knall, ein Staunen im Blick und ein Aufprall auf dem mehlbestäubten Boden. Es hatte kaum länger gedauert als ein Blinzeln, an dessen Ende Cees’ Augen geschlossen geblieben waren.

«Bitte sag was», hatte Traum-Emma gebettelt und an Cees’ Pullunder gezogen. Der Zug hatte sich in einer Kurve geneigt. Die Zeitung, die eingespannt im hölzernen Halter an der Gepäckablage hing, hatte vor ihrem Gesicht hin und her gebaumelt, als würde sie eine Frage verneinen, die Emma gar nicht gestellt hatte. Dann war Traum-Cees aufgestanden, hatte sie auf den Scheitel geküsst und war durch die Schiebetür des Zugabteils verschwunden. Sie hatte ihm hinterherrufen, ihn aufhalten wollen, aber es war kein Laut aus ihrer Kehle gekommen und ihr Hintern hatte am Polster geklebt wie Brotteig in einem schlecht bemehlten Gärkorb.

Dann war Emma aufgewacht. Ihr gegenüber sass eine ältere Dame und musterte sie über den Rand ihres Buchs hinweg mit strengem Blick. Emma wandte sich ab und schaute aus dem Fenster. Äcker und Wiesen zogen vorbei, nackte Sträucher und Bäume, vereinzelt Häuser und Ställe mit eingefallenen Ziegeldächern, wie in besseren Zeiten hingeworfen und irgendwann vergessen. Alles schien mit Mehlstaub überzogen. In wenigen Tagen war Weihnachten. Cees’ Schwester Lieke hatte Emma angeboten, die Feiertage gemeinsam zu verbringen. Doch Emma wusste, dass Lieke kaum genug für sich und die Kinder hatte.

Nicht genug Geld.

Nicht genug Kraft.

Bahnhofsgebäude zogen vorbei, ohne Rauchwolken über den Schornsteinen, als hielten sie den ganzen Winter durch den Atem an. An Bahnübergängen verharrten Schranken im lautlosen Gruss an den Führer. Krähen flogen auf, erhoben sich träge in den bleiernen Himmel. Ansonsten schien die Welt leblos, eingefroren wie das Bild auf der Leinwand, wenn der Film riss.

Cees und Emma hatten sich im Kino kennengelernt.

Emma war an einem Sonntagnachmittag im September 1941 mit einer Freundin im Amsterdamer Ufa-Kino am Rembrandtplein gewesen, mit den samtroten Sitzen und dem abgebröckelten Stuck an der Decke. Es lief «Hauptsache glücklich» mit Heinz Rühmann. Ein alberner Film. Gerade als die beiden Hauptdarsteller erfuhren, dass die von ihnen erst geliehene und dann verlorene Brosche ein Vermögen wert war, gefror das Bild auf der Leinwand und im Saal gingen die Lichter an.

«Wussten Sie, dass der Film jedes Mal, wenn er reisst, durch das Kleben ein Stück kürzer wird?»

Der Mann, der Emma angesprochen hatte, sass zu ihrer Linken. Er war so gross, dass sie Mitleid hatte mit der Person, die das Pech hatte, den Platz hinter ihm erwischt zu haben. Seine Haare waren blond und millimeterkurz geschnitten, die Augen blau. Die Schneidezähne standen schief und wenn er schluckte, hüpfte sein Adamsapfel auf und ab. Die Schuhe, die kaum Platz fanden zwischen den Sitzreihen, waren zerkratzt und an zwei Stellen blitzten die Socken durchs aufgeplatzte Leder.

«Und wie oft muss dieser Film noch reissen, bis er endlich verschwunden ist?», fragte Emma.

Der Fremde lachte und streckte ihr die Hand hin.

«Mein Name ist...


Salm, Rebekka
Rebekka Salm, geboren 1979 in Liestal und wohnhaft in Olten, studierte Islamwissenschaften und Geschichte in Basel und Bern, arbeitet als Texterin, Moderatorin und Erwachsenenbildnerin. Mit ihrem bemerkenswerten Debütroman «Die Dinge beim Namen» (2022) schaffte sie es in die Bestsellerlisten und wurde bereits zu über hundert Lesungen eingeladen.
Rebekka Salm wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet: Förderpreise der Kantone Solothurn und Basellandschaft, Dreitannen-Förderpreis der Hans-und-Beatrice-Maurer-Billeter-Stiftung.
2026 wechselt sie zum renommierten Ullstein-Verlag um dort weitere Romane zu veröffentlichen.



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