E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Salomon Ich bin Eva
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7541-9578-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7541-9578-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich schreibe in meiner Freizeit und habe bereits drei Kinderbücher und einen Fantasyroman veröffentlicht. Als Ausgleich zu Beruf und schreiben gehe ich regelmäßig laufen.
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Weiter geht’s
Georg Obst musste sich wieder einige Tage gedulden, bis er den nächsten Termin in seinen Kalender quetschen konnte. Für den Besuch bei Autobauer Konrad Bleich empfahlen die Amerikaner eine offensive Gesprächsführung. Nach den üblichen Floskeln eröffnete er die Partie:
»Was liegt Ihnen mehr am Herzen? Das Wohl Ihres Unternehmens und Ihr eigenes? Oder das der Bevölkerung? Antworten Sie bitte ehrlich, wir sind unter uns. Als Politiker sollte ich es zwar nicht aussprechen, aber um Ihnen die Ehrlichkeit zu erleichtern: Die Bevölkerung ist Mittel zum Zweck!«
»Zum Zweck des Geld verdienens!«, setzte Bleich den Satz fort.
»Ich sehe, ich habe Ihre Aufmerksamkeit. Ich werde Ihnen nun ein Konzept erläutern. Sie dürfen keine Notizen machen. Was Sie an Daten benötigen, wird Ihnen später zur Verfügung gestellt.«
Der Autobauer ermunterte Obst mit hochgezogenen Augenbrauen, fortzufahren. Der Kanzler erläuterte ausführlich das Programm der ›Neuen Ordnung‹. Schon nach kurzer Zeit ahnte er anhand der Haltung seines Gegenübers, dass er diesen im Sack hatte. Allerdings brauchte er nicht die Hürde der Chemtrails zu nehmen. Der Plan der Amerikaner sah vor, jeweils nur den Amt befindlichen Vorstand der DLT und den ›regierenden‹ Schattenkanzler einzuweihen.
Er hatte den Vortrag kaum beendet, als Bleich schon begeistert aufsprang und fragte, wem er für die Beteiligung seine Seele verkaufen müsse. Nach dieser offenkundigen Zustimmung begann Obst mit der detaillierten Unterweisung. Im Gegensatz zu Körner hatte Bleich keinerlei moralische Bedenken hinsichtlich der von langer Hand getroffenen Vorbereitungen der Amerikaner. Er kommentierte diesen Teil der Instruktionen lediglich mit ›effizient‹.
Da Georg Obst am Wochenende keine Amtsgeschäfte zu erledigen hatte und die Autobauer Rost und Heinen zugestimmt hatten, konnte er diesmal mit geringerer Verzögerung zwei weitere Termine abhalten.
Am Samstag fuhr er zu Rost, für den eine zurückhaltende Taktik empfohlen wurde. Daher ging der Kanzler zunächst auf den scheinbar endlosen Small Talk des zweiten Autobauers ein. Als der über eine halbe Stunde später endlich nach dem Anlass des Treffens fragte, musste Obst sich zusammenreißen, um nicht erleichtert zu seufzen. Er begann mit einer vorsichtigen Sondierung:
»Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Möglichkeit, wie Sie größeren Einfluss auf die Führung des Landes nehmen könnten, als nur Ihre Stimmabgabe am Wahltag.«
Rost beugte sich mit gerunzelter Stirn vor.
»Wollen Sie mich als Mitglied Ihrer Regierung gewinnen? Müssen Sie einen Minister ersetzen?«
»Nein, Sie könnten in Ihrer derzeitigen Position bleiben und dennoch mit ins Ruder greifen.«
Der Autobauer machte große Augen:
»Sie haben meine volle Aufmerksamkeit.«
Obst rieb sich innerlich die Hände und begann, die Neue Ordnung zu erläutern. Er wurde nicht einmal unterbrochen. Rost nickte knapp.
»Sie haben mich überzeugt. Wann erhalte ich eine detaillierte Unterweisung?«
»Jetzt, von mir!«, entgegnete der Kanzler.
Sein Gegenüber schüttelte missbilligend den Kopf.
»An Ihrer Effizienz müssen Sie arbeiten! Suchen Sie in Ihrem Stab einen absolut loyalen und vertrauenswürdigen Mitarbeiter, den Sie über den Ablauf des Detailbriefings instruieren. Sie müssen ohnehin einen eingeweihten Stab aufbauen. In der Zeit, die Sie benötigen, mich zu instruieren, hätten Sie einen zweiten Kandidaten treffen können. Apropos, wen haben Sie denn noch auf der Liste?«
Obst schüttelte energisch den Kopf.
»Zum jetzigen Zeitpunkt müssen Sie das noch nicht wissen. Wenn alle Kandidaten entsprechend unterwiesen sind, werden wir uns alle treffen. Vergessen Sie dann nicht, dass Sie nur scheinbar auf Konkurrenten treffen, die jedoch von diesem Zeitpunkt an Ihre engsten Partner sind. Ihrer Empfehlung werde ich folgen, vielen Dank.«
Der Sonntag stand unter dem Stern des Treffens mit Autobauer Werner Heinen. Nach der empfohlenen offensiven Eröffnung kam Obst sofort zur Sache und umriss zunächst kurz das Projekt ›Neue Ordnung‹. Als er die Einführung beendet hatte, ließ Heinen sich lachend in den Sessel fallen und klopfte sich auf die Schenkel.
»Fast hätten Sie mich gehabt. Wo ist die versteckte Kamera und wie konnten Sie das Kanzleramt überzeugen, bei der Terminplanung zu assistieren?«
Er wurde schlagartig wieder ruhig, als er die todernste Miene seines Gegenübers sah.
»Sie sind wirklich der echte Kanzler und das ist kein Witz?«
Obst nickte kräftig und fuhr fort. Er merkte, wie er es schaffte, seinen Gesprächspartner immer weiter in den Bann zu ziehen. Nach kurzer Überlegung stimmte Heinen der Beteiligung zu.
Da natürlich noch keine Zeit geblieben war, einen Mitarbeiter zu unterweisen, blieb dem Kanzler keine Wahl, als auch dieses Briefing selber durchzuführen. Er nahm sich jedoch vor, bei nächster Gelegenheit Bleichs Anregung umzusetzen.
Für vier weitere Autobauer lautete die Empfehlung der Amerikaner, sie erst nach Etablierung der ›Neuen Ordnung‹ vor vollendete Tatsachen zu stellen. Sie würden sich am ehesten durch ihre Konkurrenten mit handfesten Ergebnissen ins Boot holen lassen.
In den nächsten Wochen quetschte Obst weitere Treffen in seinen Kalender, wann immer sich eine ausreichend große Lücke fand. Inzwischen hatte er Bleichs Anregung umgesetzt und einen Mitarbeiter mit den Detailbriefings betraut. Er musste eingestehen, dass dies eine enorme Steigerung seiner Effizienz bedeutete. An einem einzigen Wochenende konnte er neun neue Kandidaten anwerben.
Knapp drei Monate später blickte der Kanzler auf seine Liste und seufzte erleichtert. Er musste nur noch einen seiner eigenen Kandidaten gewinnen, dann wäre die Führungsriege komplett. Bei diesem Anwärter handelte es sich um den größten Getränkeproduzenten des Landes. Die Amerikaner rieten zu einer überaus vorsichtigen Vorgehensweise.
Entsprechend zögerlich betrat Obst das Büro von Werner Grolst. Nach ein wenig Plauderei fragte der Mann nach dem Grund für das Gespräch. Vorsichtig begann Obst seine Sondierung:
»Was würden Sie davon halten, einen deutlich höheren Einfluss auf die Führung unseres Landes zu gewinnen?«
»Wenn ich dafür in die Politik wechseln muss, gar nichts!«
Der Kanzler schüttelte den Kopf:
»Nein, als Politiker kann ich Sie mir nicht vorstellen, nehmen Sie es mir nicht übel. Es geht viel mehr um die Umwandlung unseres Landes in eine Kapitalgesellschaft.«
Grolst lief hochrot an und wurde seinem Ruf extremer Unbeherrschtheit gerecht:
»Haben Sie den Verstand verloren? Der Bundeskanzler schlägt mir Hochverrat vor? Verlassen Sie sofort mein Büro! Ich werde herausfinden, was Sie im Schilde führen und mit aller Energie dagegen vorgehen!«
Mit gesenktem Kopf trottete Obst in die Tiefgarage und stieg in seinen Wagen. Beim Einbiegen auf die Straße sah er aus dem Augenwinkel zwei schwarze Limousinen amerikanischer Bauart, machte sich jedoch keine weiteren Gedanken dazu.
Nur wenige Sekunden später erloschen im gesamten Viertel alle Lichter und die Ampeln fielen aus. Sein Fahrer entfernte sich vorsichtig, aber dennoch mit hoher Geschwindigkeit vom Firmensitz von Grolst.
Zwei Minuten später, sie hatten bereits eine ordentliche Entfernung zurückgelegt, gab es eine gewaltige Explosion. Der Kanzler drehte sich um und sah an der Stelle, wo zuvor das Bürogebäude gestanden hatte, eine gewaltige Staubwolke und einige große Brände. Erschüttert ließ er sich in seinen Sitz fallen. Offensichtlich überwachten die Amerikaner seine Arbeit penibel und fackelten bei einem Fehlschlag nicht lange.
Die Medien berichteten am nächsten Tag von einer Gasexplosion im Bürogebäude der Firma Grolst, bei der neben zahllosen Angestellten auch der Gründer und Inhaber sein Leben verloren hatte.
Obst wollte es sich mit einem Glas Wein gemütlich machen und den ersten freien Sonntag seit einer gefühlten Ewigkeit genießen, als ›das Telefon‹ klingelte. Als er sich ungehalten meldete, begrüßte ihn der amerikanische Kollege gut gelaunt:
»Gratuliere. In der Wirtschaft haben Sie ganze Arbeit geleistet. Sie haben aber noch einen weiten Weg vor sich. Genießen Sie Ihren Sonntag, aber nächste Woche sollten Sie unbedingt die Schläfer in Politik und Medien aktivieren, die in den Dossiers benannt sind. Diese werden Ihnen zwar viel Arbeit abnehmen, aber Ihnen stehen noch zahlreiche Gespräche bevor.«
»Das ist mir bewusst«, lautete die etwas mürrische Antwort.
Er zögerte einen Moment und sah sich verstohlen um, ob seine Frau in Hörweite war. Dann platzte er heraus:
»War es wirklich nötig, so viele unschuldige Menschen zu ermorden? Hätte es nicht gereicht, Grolst zu beseitigen?«
»Das nennt man Kollateralschaden! Sie haben selber die Sicherheitsvorkehrungen in dem Gebäude gesehen. Die hätten es nicht zugelassen, einen Einbruch mit anschließender Tötung plausibel zu fingieren. Und ein offener Mord würde eine zu aufsehenerregende Ermittlung nach sich ziehen. Reißen Sie sich zusammen. Wo gehobelt wird, fallen Späne!«
Obst schluckte die zahlreichen unflätigen Entgegnungen, die ihm durch den Kopf schossen, herunter und verabschiedete sich knapp.
Er legte den Hörer auf und zog die komfortable Strickweste über seinem massigen Bauch zurecht. Dann wanderten die Füße in den alten, ausgelatschten, aber eben deshalb extrem bequemen, Lederschlappen auf die Fußstütze des Sessels. Er nahm das Weinglas in die Hand, ließ sich tief in den Sessel sinken und roch...




