Salomon | Vorteile der zweiten Klasse | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 148 Seiten

Salomon Vorteile der zweiten Klasse

25 Erzählungen
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-4335-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

25 Erzählungen

E-Book, Deutsch, 148 Seiten

ISBN: 978-3-7481-4335-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Fünfundzwanzig autobiographisch grundierte Kurzgeschichten des bedeutenden Dichters vom Bodensee. Der Lebensstoff seiner Jugendjahre in Berlin und der späteren Zeit in Konstanz wird so erzählt, dass exemplarische Bilder der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstehen. Salomons Blick auf die Dinge des Alltags offenbart immer auch deren Komik.

PETER SALOMON wurde 1947 in Berlin geboren und besuchte dort bis 1967 das Grunewald-Gymnasium. Nach abgebrochenem Medizinstudium belegte er Jura und Literatur in Berlin, München und Freiburg. Nach dem Ersten Staatsexamen kam er 1972 als Gerichtsreferendar nach Konstanz. 1976 ließ er sich ebenda als Rechtsanwalt nieder - zuerst im Angestelltenverhältnis, ab 1981 als selbstständiger Anwalt. Seit dem Jahr 2000 ist er ausschließlich als Schriftsteller tätig. Literarische Veröffentlichungen seit 1969 - zahlreiche Beiträge im Rundfunk, in Anthologien und Zeitschriften sowie Beiträge für die Tagespresse. 1973 war Peter Salomon Mitbegründer der Konstanzer Literaturzeitschrift UNIVERS, später auch Redakteur und Herausgeber (bis 1981). Seit 1992 gibt er die Reihe REPLIK heraus - Porträts aus dem Abseits der literarischen Moderne. Als Autor hat er zahlreiche Gedicht- und Prosabände veröffentlicht, zuletzt: Nichts ist so schwer wie Papier. Gedichte (2016). Salomon ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Stipendien und Preise, zuletzt 2016 den Bodensee-Literaturpreis. Sein literarischer Vorlaß wird im Deutschen Literaturarchiv Marbach a.N. verwahrt. Über ihn erschien 2014 das Buch: Peter Salomon. Porträts, Lesarten und Materialien zu seinem literarischen Werk (hrsg. von Klaus Isele).
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Diekmann


Der Antiquariatskatalog Nr. 15 von Marcus Haucke (Berlin) ist auf der Vorderseite ganz bekritzelt. Meine Schrift ist schlecht zu lesen. Sie bedeckt die Reproduktion eines gezeichneten Entwurfs von Friedrich Schröder-Sonnenstern, zwei phantastisch anmutende Figuren. Mit meiner Krakel-Schrift dar über sieht das richtig gut aus, als gehörten Bild und Schrift zusammen. Links oben in der Ecke steht: »tel. Mutter 9.7.00, 17.00«. Sie hat mir da also etwas erzählt, und ich habe mir dazu paar Notizen gemacht. Hier habe ich die Langfassung wiederhergestellt.

Mutter stand auf dem Balkon der Wohnung ihrer Eltern in der Motzstraße 25, das ist an der Stelle, wo die Kalckreuthstraße einmündet, die Nummer 10 ist das Eckhaus an der selben Kreuzung, diagonal gegenüber. Es war schönes Wetter, und sie schaute die Kalckreutstraße hoch. Und wer kommt da langgelaufen? Ihr Mann, später mein Vater. Er war ein paar Tausend Kilometer gelaufen, erst aus Rußland nach Köln, wo seine Eltern lebten und von dort dann weiter nach Berlin.

In meinem Notizkalender von 1968 steht unter Dienstag, 26. März: »Haare gewaschen. 20 Uhr Sebastian zu mir gekommen. Bis 2.00 rumgemacht. Tod Helmut Diekmann«. Es war ein Selbstmord mit Plastiktüte. Es hat sie sich über den Kopf gezogen und am Hals zugebunden.

Ich besitze ein kleines Gedicht von Helmut Diekmann. Marcus Haucke schickte mir eine Kopie, das Gedicht hatte Helmut Diekmann in einen Katalog geschrieben, den Haucke in seinem Antiquariats-Katalog zum Verkauf anbot, aber ich besaß ihn schon, deshalb war er so nett und kopierte mir das Gedicht.

Ich bin klein

mein Herz ist rein

will auch immer

recht artig sein.

Ich war nicht artig

hab Fehler gemacht

Sie haben mir endlich

Unglück gebracht

Ich bin groß

mein Herz liegt bloß

wer gibt ihm jetzt

den letzten Stoß

Später habe ich im Kunsthandel ein Blatt von HD gekauft, eine Berliner Straßenszene von 1958, schwarze Tusche und Kohle, es zeigt hauptsächlich Ruinen, die teils schon mit Pflanzen bewachsen sind. Er soll eine Zeitlang als »Nachfolger« Werner Heldts gegolten haben. Heldt hat auch Gedichte geschrieben. Diekmann hat auch in der Kleinen Weltlaterne ausgestellt. Da gibt es einen kleinen Katalog von 1966 mit Originalgrafiken. 1999 gab es eine Retrospektive in der Berliner Galerie Taube mit 40 Ölgemälden 1958-1968, auch mit kleinem Katalog und schönem Plakat. Es soll nur wenig verkauft worden sein.

Ganz selten taucht im Aktions-Kunsthandel eines seiner Berliner Häuser-Gemälde auf, so mit nackten Brandmauern wie bei Werner Heldt, bloß nicht so stilisiert. Die gehen immer weg, für moderate Preise. Auch ich habe eins ersteigert, es ist kleinformatig, betitelt, signiert und datiert: Kalckreuthstr. / H. Diekmann / 1958. Es zeigt im Vordergrund die Einmündung der Kalckreuthstraße in die Motzstraße. Gemalt wurde es vermutlich aus dem Haus Motzstraße 25, erstes Obergeschoß aus der Wohnung meiner Großeltern. Der Blick geht nach hinten durch die Kalckreuthstraße. Das Eckhaus rechts vorne hat zwei bunte Reklameschilder, die Häuser im Vordergrund sind ansonsten dunkel, die Straßenlaternen blau-schwarz. Schwarz sind auch die Passanten gemalt, acht an der Zahl. Die Straße ist autofrei und hat keine Bäume. Am Ende der Straße öffnet sich ein großer freier Raum, dort ist es viel heller, und eine farbige Litfaßsäule leuchtet. Es handelt sich um eine Kriegsbrache, die Ruinen der zerbombten Häuser sind abgeräumt, es ist eine Art Platz entstanden, man kann einige kleine Bäume erkennen, die grüne Blätter tragen. Links hinten, verdeckt durch ein stehengebliebenes Haus, kann man sich das KaDeWe denken. Hinter der großen Freifläche, hinter dem Ende der Kalckreuthstraße und unter dem grauen Himmel, also sozusagen am Horizont, ist eine Anzahl winziger Mietshäuser ineinander verschachtelt, auch sie liegen im Sonnenlicht. Man kann sagen, das Bild ist zweigeteilt. Im Bereich der vorderen Kalckreuthstraße und Motzstraße ist diese Stadtlandschaft eher düster, auch der Himmel ist düster. Dazwischen befindet sich ein heller Bereich: die von den Ruinen freigeräumte Fläche und der Häuserkomplex Richtung Kurfürstendamm / Tauent zienstraße – dieser Bildteil liegt im Sonnenlicht.

Als Mein Freund Hermann die Neuerwerbung anschaute, sagte er, das Bild wirke auf ihn wie eine nicht vollständig verrührte Mischung aus Impressionismus, Expressionismus und Neuer Sachlichkeit – alle diese Stile könne man noch zweifelsfrei erkennen. Hat der Künstler das so gewollt? Oder war er noch unentschieden und hatte keinen eigenen Stil gefunden.

Erst nach einer ganzen Weile des Zusammenlebens mit dem Bild wurde mir klar, daß Helmut Diekmann 1958, als er das Bild malte, erst siebzehn Jahre alt war – das Gemälde ist also eine Schülerarbeit. Mag er auch noch keinen eigenen Stil entwickelt, sondern sich hier und da bedient haben, ist das Bild in sich doch sehr schlüssig, stimmig.

Im Spätsommer 1968 hatte ich bei Herrn Diekmann eine Zahnbehandlung. Ich war vom Vater als Notfall mit starken Zahnschmerzen angekündigt worden, obwohl wir schon lange weit weg im Grunewald wohnten. Als ich die Praxis verließ, waren die Schmerzen schlimmer als vorher. Zusätzlich hing die Lippe runter und war so gelähmt, daß ich nicht richtig sprechen konnte. Beim Abendessen fiel mir das angekaute Brot aus dem Mund. Der Vater sagte, ich solle mich nicht so anstellen und die Sache ignorieren, er war ja Arzt und wollte nicht auch noch zuhause Patienten haben.

Die Mutter war eine Woche verreist. Vater und ich mußten alleine haushalten. Er haßte es, mit Kran kengeschichten behelligt zu werden. Deshalb hatte ich einen eigenen Medizinkasten, den ich jederzeit ergänzen konnte, der schwarze Herrenzimmer-Schrank war vollgestopft mit Ärzte mustern für alle Krankheiten. Sobald die Schmerzen sich wieder bemerkbar machten, schluckte ich zwei Codein-Tabletten und aß fast nichts mehr. Als meine Mutter von der Reise zurück...



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