E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Sals Das erste Semester in den Geisteswissenschaften
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7481-6129-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
... und Tipps für spätere Probleme
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7481-6129-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulrike Sals ist habilitierte Theologin. Sie hat zahlreiche Texte veröffentlicht und lehrte zwölf Jahre an den Universitäten von Würzburg, Berlin, Bern und Hamburg in verschiedenen Studiengängen.
Autoren/Hrsg.
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Wissenschaft und Geisteswissenschaften
Seit den Zeiten Platons (5./4. Jh. v.Chr.) beklagen sich gebildete Erwachsene über „die“ ungebildeten, dummen und faulen Schüler und Jugendlichen. Natürlich auch über den Verfall von Wissen und Kultur.1 Da diese Klage aber schon seit 2500 Jahren für jede Generation wiederholt wird, und die aktuellen Gesellschaften immer noch nicht im Stadium der Einzeller angekommen sind, können Sie diese Rede vom Kulturverfall getrost vergessen (Früher war früher auch nicht alles besser). Sie verfügen nicht über bestimmte Fertigkeiten und Wissen, weil Sie dafür anderes können und wissen.
Anders als bisherige Generationen müssen Sie nicht Wissen suchen, sondern müssen Wissen uchen. In der Informationssintflut (Stanislaw Lem 1976)2 gehen Sie nur dann nicht unter, wenn Sie zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden können und wenn Sie alle technische und wissenschaftliche Hilfsmittel bestmöglich zu nutzen, um Wissen zu filtern und Komplexitäten zu reduzieren. Zugleich müssen Sie zwei Konzentrationsformen erlernen und immer weiter ausbilden: Sie müssen sich in eine Sache vertiefen können, und Sie müssen Oberflächen-Rezeption leisten können, bereits in der Wahrnehmung filtern.
Sie sind darüberhinaus hohen Ansprüchen an Ihre Persönlichkeit ausgesetzt: Sie müssen unbedingt individuell sein. Sie müssen sich in Ihrem Studium auf flexibles Arbeiten und ein Einstellen auf jede neue Situation vorbereiten, Ihre eigene Individualität weiter ausbilden. Gleichzeitig müssen Sie in vielen Zügen Ihres Daseins aber auch „marktkonform“ sein. Sie leisten ein durch und durch formalisiertes Studium ab, das zu oft ent-individualisiert ist (z.B. durch Standard-Prüfungen wie Multiple Choice oder Massen-Seminare). Letztlich dringen beide Ansprüche regelrecht in Ihre Intimität ein, aber das scheint nur wenige zu kümmern. Solange sich unsere Gesellschaft diesbezüglich nicht ändert, müssen Sie beiden gegensätzlichen Ansprüchen gerecht werden. Letztlich heißt das: Individualität und Kreativität können Sie nur erwerben und zeigen, wenn Sie das Handwerk beherrschen. Was „das Handwerk“ ist, zeige ich Ihnen auf den folgenden Seiten. Was Sie daraus machen, liegt in Ihrer (s.o.) individuellen Entscheidung.
Dieses Büchlein spricht viele große Themen sehr kurz an. Zu so gut wie allem gibt es eigene Literatur, die Sie vertiefend zu Rate ziehen sollten, wenn Sie an einer Stelle mehr wissen wollen.
Noch eine Anmerkung zu den Tipps: Schweren Herzens werde ich keine Literatur- und Programmtipps geben, weil zum einen Tipps in Gestalt der Computerprogramme schneller veralten, als ich sie mir erschließen kann, und weil zum anderen der Usus in den verschiedenen Fächern und in den einzelnen Personen so unterschiedlich ist, dass dieses Büchlein entweder einen zu weiten oder einen zu engen Rahmen hat.
Was ist wissenschaftliches Denken? Wie auch der längste Weg mit dem ersten Schritt beginnt, steht am Anfang jeder Wissenschaft ein “Hä?”. Das wird gefolgt von einem Wissenwollen und dem Nachgeben und Nachgehen dieses Drangs.
Was ist wissenschaftliches Arbeiten? Wissenschaftliches Arbeiten unabhängig von der Fachrichtung ist fehlerfrei, vollständig, genau, nachprüfbar, wiederholbar, methodisch fundiert, sachlich und neutral (nicht „objektiv“, denn immer ist die erforschende Person in ihre Forschung involviert). Diese Anforderungen sind grundsätzlich auch an Ihre Klausuren, Referate, Seminararbeiten und sogar mündliche Prüfungen gestellt, auch wenn studienhektikbedingt von Ihren Prüfenden Abstriche gemacht werden. Gleichzeitig werden alle diese Kriterien in den Geisteswissenschaften problematisiert. Trotz allem sind sie und Sie im Grundsatz daran gebunden.
Universität ist – insbesondere in vielen geisteswissenschaftlichen Fächern – erheblich weniger strukturiert als Schule. Das bedeutet, dass Sie am besten genau wissen müssen, was Sie wollen und was Sie tun. Sie sind darauf angewiesen, sich selbst Strukturen zu geben, sei es in zeitlicher Hinsicht, in Ihren Zielen, die Art, wie Sie sie erreichen können. Sie müssen sich selbst beständig selbst einschätzen (können). Nun könnten Sie zurecht denken, dass Sie ja gar nicht studieren müssten, wenn Sie das alles schon können. Aber genau das ist das Problem.
Zugleich sind Impulse, die sich aus dem Treibenlassen entwickeln, durch nichts zu ersetzen.
Gegenstand der Geisteswissenschaften sind die Herausbildung und Präzisierung von immer neuen Fragen, das Wahrnehmen der vielen Antwortmöglichkeiten und mehr noch die Vervielfachung der Perspektiven. All das gilt es nachzuverfolgen und selbst zu erlernen – womit man wiederum schlichtweg nicht aufhören kann, das Stichwort von lebenslangen Lernen steht in diesem Zusammenhang. Deshalb sind Gespräche in Seminaren und in anderen festen und losen Gruppen so wichtig. Hören Sie nicht auf zu denken und fangen sie immer wieder neu an zu denken. Tatsächlich sind beide Tätigkeiten gleichzeitig. Sie brauchen verschiedene Perspektiven und Vergleiche. Dafür lesen Sie Bücher und nehmen alle anderen Arten der Medien wahr.
Gerade die Geisteswissenschaften haben es im aktuellen Wandel in ein digitales Zeitalter schwer. Der wichtigste Grund ist mir hier, dass Geisteswissenschaften im deutschen Sprachraum (noch immer) historischen Fragen und Kontexten verpflichtet ist, weil Fragen, Perspektiven und Antworten anderer Zeiten unseren Horizont erweitern. Aktuelle Kulturen im weitesten Sinne sind zur Zeit aber eher geschichtsvergessen. Ein Kern geisteswissenschaftlichen Tuns ist es außerdem, Zusammenhänge zu finden, es ist eine Verstehenswissenschaft durch gedankliche Durchdringung des Gegenstandes. Das steht dem aktuellen Tempo entgegen.
Zeitmanagement, Technik-Wissen und Persönlichkeit sind wahrscheinlich die Schlüsselqualifikationen der Gegenwart und nahen Zukunft.
Aber auch andere konkretere Qualifikationen laufen immer mit: bei Klausuren sind es das Schriftbild, die Rechtschreibung, und der sprachliche Ausdruck. Bei Lernprozessen sind es die Arbeitsorganisation, die Technik und die richtige Literatur. Bei mündlichen Prüfungen sind es eine feste Stimme, verbindliches Auftreten, schnelles Schalten, und verbale und nonverbale Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit.
Das heißt vor allem, dass Sie in einem andauernden Prozess der Selbstreflexion stehen: Was sind meine Stärken? Was sind meine Schwächen? Wo habe ich Verbesserungspotential? Wo habe ich Defizite?
Das beste Vorgehen ist hier, Selbstreflexionen regelmäßig zu unternehmen, am besten in einem festen Takt oder nach Referaten, Klausuren etc. Verlassen Sie sich nicht nur auf die Rückmeldungen der Dozierenden! Studium heißt auch, dass Sie selbst für sich verantwortlich sind. Auch wenn Sie wie Schüler behandelt werden und beständig kontrolliert und geprüft werden, sind Sie am Ende dann doch selbst die einzige Person, die sich um Sie kümmern kann.
Häufige Selbstevaluation kann aber auch in Stress ausarten: Eine Sau wird nicht fetter dadurch, dass man sie häufiger wiegt. So ist ein goldener Weg: Abstand bekommen. Nur durch Abstand zu Ihrem Tun können Sie es evaluieren. Und nur durch Abstand können Sie sich erholen.
Ihre Persönlichkeit auszubilden, ist unter dem Druck, dem Sie ständig ausgesetzt sind, extrem schwierig. In Casting-Shows heißt das „Bühnenpräsenz“. Die eigene Persönlichkeit bildet man wohl am besten in der Kombination von Lernen, Jobben, Freizeit und Nichtstun aus. Andere bezeichnen das als „Leben“: Tatsächlich kann man „Persönlichkeit“ nicht als Handlungsziel ausbilden. Sie ist nur immer willkommener Nebeneffekt, der sich erst in der Rückschau als der eigentliche Gegenstand des Studiums herausstellt.
Die Diskussionen um die Struktur der BA/MA-Studiengängen behandeln am Ende genau diese Frage, ob die aktuellen Studienstrukturen für die Ausbildung und das Heranreifenlassen der eigenen Persönlichkeit genug Raum lassen und ob es Ziel des Studiums sei, eine Persönlichkeit zu bilden oder nicht vielmehr der Erwerb von Wissen und Kompetenzen. Ihnen kann das letztlich egal sein: Sie sind in diese Studienstrukturen hineingeworfen ebenso wie in die unklaren Anforderungen eines unsichtbaren „Marktes“, in dem Sie sich möglichst gut „verkaufen“ müssen.
Die einzige Möglichkeit dieses vorliegenden Büchleins, Ihre Persönlichkeit ausbilden zu helfen, besteht bestenfalls in einer Art Kalendersprüchen und der Hoffnung, irgendetwas rührt Sie zufällig so an, dass Sie einen entscheidenden Impuls davon bekommen. Etwa diese:
- Interessieren Sie sich für das, was sie studieren. Sonst studieren Sie bitte, was Sie interessiert.
- Halten Sie sich nicht für unwichtig.
Aber anrühren lassen kann man sich ausweislich aller Biographien...




