Salter | Ein Spiel und ein Zeitvertreib | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Salter Ein Spiel und ein Zeitvertreib

Roman
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8270-7204-7
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8270-7204-7
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Erzähler, ein junger Fotograf, unternimmt eine Autofahrt durch Frankreich in Begleitung seines amerikanischen Freundes Phillip Dean, der sich in Dijon in die 18-jährige Anne- Marie verliebt. In einer Mischung aus Voyeurismus, Eifersucht und schriftstellerischer Neugier versetzt sich der Erzähler ganz in Phillip hinein, rekonstruiert die verzweifelte Affäre zweier ungleicher Menschen, schildert ihre erotische Intensität.

James Salter, 1925 in Washington, D.C. geboren und in New York aufgewachsen, wurde mit seinen großen Romanen »Lichtjahre« und »Ein Spiel und ein Zeitvertreib« auch in Deutschland berühmt. Er diente als Kampfflieger zwölf Jahre lang in der US Air Force und nahm 1957 seinen Abschied, als sein Debüt, Jäger, erschien. Seitdem lebte Salter als freier Schriftsteller in New York City und auf Long Island. Am 19. Juni 2015 verstarb James Salter wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag in Sag Harbor. Er gilt als moderner Klassiker der amerikanischen Literatur.
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1


September. Es ist, als wollten diese strahlenden Tage nie enden. Die Stadt, die im August fast leer war, belebt sich jetzt wieder. Sie füllt sich. Die Restaurants, die Läden öffnen die Türen. Die Menschen kommen vom Lande zurück, vom Meer, von Fahrten auf verstopften Straßen. Im Bahnhof herrscht großes Gedränge. Da sind Kinder, Hunde, Familien mit alten Koffern, die von Stricken zusammengehalten werden. Ich bahne mir einen Weg hindurch. Es ist wie in einem Tunnel. Schließlich trete ich hinaus in die blendende Helligkeit des über mir ein Dach aus Glaspaneelen, welches das Licht noch zu verstärken scheint.

Zu beiden Seiten zieht sich die lange Linie der Waggons dahin, dunkelgrün, die Farbe so alt, daß sie Blasen wirft. Ich gehe an ihnen entlang und lese die Nummern ab, erste und zweite Klasse. Es macht Spaß, all die kleinen Schilder mit den aufgeprägten Zahlen zu sehen. Es ist, als zählte man Geld. Für mich hat es etwas Luxuriöses, mich in die Hände jener zu begeben, die diese großen, schlafwandlerischen Züge kontrollieren. Durch das klare Fensterglas blicken Menschen heraus, leer und still wie Invaliden. Es ist nicht einfach, ein freies Abteil zu finden, überall sitzen schon Leute. Mein Gepäck wird schwer. Auf halbem Weg den Bahnsteig hinunter steige ich ein, gehe den Gang entlang und schiebe schließlich eine Tür auf. Niemand sieht auch nur auf. Ich hebe mein Gepäck in die Ablage und lasse mich auf einem Platz nieder. Stille. Es ist, als säßen wir im Wartezimmer eines Arztes. Ich blicke um mich. An den Wänden hängen Tourismusfotos, Landschaften aus der Bretagne, der Provence. Mir gegenüber sitzt ein Mädchen mit Muttermalen an den Beinen, die die Farbe von Trauben haben. Mein Auge kehrt immer wieder zu ihnen zurück. Sie haben die Form der Kanalinseln.

Endlich setzen wir uns mit einem leisen Grunzen in Bewegung. Man hört das Ächzen des Metalls, das scharfe Zuschlagen von Türen. Ein angenehmes Ruckeln über den Weichen. Der Himmel ist bleich. Ein Franzose schläft in der Ecke, blaue Jacke, blaue Hose. Die Blautöne passen nicht zueinander. Hose und Jacke müssen von unterschiedlichen Anzügen stammen. Er trägt perlgraue Socken.

Bald schießen wir durch eine Gasse des Aufbruchs, die Häuser der Vorstadt zucken vorbei, gewöhnliche Straßen, Wohnungen, Gärten, Mauern. Das geheime Leben Frank-reichs, in das man nie hineinkommt, das Leben von Fotoalben, Onkeln, Namen von Hunden, die gestorben sind. Und nach zehn Minuten liegt Paris hinter uns. Der Horizont aus sich zusammendrängenden Gebäuden verschwindet. Schon jetzt fühle ich mich frei.

Das grüne, bourgeoise Frankreich. Wir fahren mit enormer Geschwindigkeit. Wir überqueren Brücken mit einem abrupten trommelnden Stampfen. Das Land öffnet sich. Wir sind auf dem Weg in kleine Städte, in die niemand fährt. Weite weizenfarbene Strecken wechseln mit grünem flachem Land, still und fruchtbar. Die Bauernhäuser sind aus Stein. Die Weisheit von Generationen besagt, daß Land der einzig wahre Reichtum ist, ein Wissen, das sich nie selbst in Frage stellt, das sich nicht zu ändern braucht. Offenes Land, flach wie Sportplätze. Ein paar Baumgruppen.

Sie hat auch auf dem Gesicht Leberflecken, und ein Finger ist verbunden. Ich versuche mir vorzustellen, wo sie arbeitet – in einer , beschließe ich. Ja, ich kann sie hinter Glasvitrinen mit Gebäck stehen sehen. Ja. Das wird es sein. Ihre Schuhe sind schwarz, ein wenig staubig. Und sehr spitz. Die Spitzen sind absurd. Billige Ringe an beiden Händen. Sie trägt einen schwarzen Pullover, einen schwarzen Rock. Sie ist dicklich. Mit zusammengezogenen Brauen liest sie die Liebesgeschichten im . Wir scheinen noch schneller zu werden.

Wir fliegen durch die Kleinstädte. Cesson, ein farbloser Bahnhof mit einer alten Uhr. Flüsse mit Schleppkähnen. Wir donnern durch einen Bahnhof, die Leute auf dem stehen still wie Kühe. Tunnel jetzt, die auf die Ohren drücken. Es ist, als mischte jemand ein riesiges Kartenspiel aus Bildern. Gleich kommt ein Zaubertrick. Ruhe, bitte. Sogar der Zug wird ein wenig langsamer, als gehorchte er. Das Mädchen mir gegenüber ist eingeschlafen. Sie hat einen schmalen Mund, die Winkel sind herabgezogen vom Gewicht eines bitteren Wissens. Ihr Gesicht ist der Sonne zugewandt. Sie rührt sich ein wenig. Ihre Hand rutscht herunter, legt sich auf ihren Bauch, ein Bild wie von Rubens. Jetzt öffnen sich plötzlich ihre Augen wieder. Sie sieht mich an. Dann guckt sie weg, aus dem Fenster. Nun hat sie beide Hände über dem Bauch gefaltet. Ihre Augen schließen sich wieder. Wir legen uns in die Kurven.

Kanäle, satt schimmernd wie Jade, ziehen unter uns vorbei, Kanäle, auf denen breite Schuten liegen. Das Wasser trägt eine grüne Algenschicht. Man könnte fast auf der Oberfläche schreiben.

Heufelder in langen, rechteckigen Mustern. Jetzt sind Hügel da draußen, keine sehr hohen. Pappeln. Leere Fußballfelder. Montereau – ein Junge wartet auf seinem Fahrrad neben dem Bahnhof. Kirchen mit Wetterfahnen. Kleine Bäche mit unter Bäumen festgemachten Ruderbooten. Sie beginnt nach einer Zigarette zu suchen. Ich sehe, daß der Verschluß ihrer Handtasche kaputt ist. Wir fahren jetzt parallel zu einer Straße, wir sind schneller als die Autos. Sie scheinen zu zögern und treiben langsam davon. Die Sonne trifft mein Gesicht. Ich schlafe ein. Der schöne Stein der Feldbegrenzungen und Bauernhöfe geht ungesehen vorbei. Das Muster der Felder geht vorbei, einige hell wie Brot, andere meeresdunkel. Jetzt wird der Zug langsamer und beginnt sich mit einem gemessenen, würdevollen Rattern zu bewegen, wie eine Kutsche. Ich schlage die Augen auf. In der Ferne sehe ich das Skelettgrau einer Kathedrale, die blaue Kontur von Sens. Im Bahnhof, wo wir ein paar Minuten halten, laufen Reisende über die aufgebrochene Oberfläche des man hört den Kies unter ihren Füßen. Trotzdem ist es seltsam still. Geflüster und Husten, wie bei einer Pause im Theater. Ich höre das Reißen von Papier, jemand macht eine Zigarettenpackung auf. Das Mädchen ist nicht mehr da. Sie hat ihr Gepäck genommen und ist ausgestiegen. Sens liegt in einer langen Kurve, und der Zug neigt sich. Reisende blicken gleichmütig aus offenen Fenstern.

Die Hügel rücken näher und ziehen neben uns her, während wir uns langsam von der Stadt entfernen. Die Fenster der Häuser stehen offen, um die warme Morgenluft hereinzulassen. Heu ist in der Form von Kästen, runden Haufen, Brotlaiben gestapelt. Über uns zieht plötzlich die Fußgängerbrücke zu einer Kirche vorbei. In ihren Mauern gibt es breite Risse, in denen Vögel nisten können. Ich werde diese Dorfstraßen entlangwandern, ich werde diesen schimmernden Bächen folgen.

Rosa, Umbra, Ocker, Sienabraun – das sind die Farben dieser Städte. Es gibt lange, ansteigende Weiden, die von Baumreihen begrenzt werden. St. Julien du Sault – das Hotel scheint ganz leer zu sein. Heuhocken sind jetzt zu sehen, herumliegende Heubündel. Große Quadrate von Mais. Cezy – der Bahnhof wirkt wie die Kulisse eines Theaterstücks, das schließen mußte. Pyramiden, Mansarden, Barrikaden aus Heu. Obstgärten. Kinder arbeiten in Gemüsegärten. JOIGNY steht in roten Lettern auf einem Schild.

Wir überqueren einen kleinen Fluß, die Yonne, als wir nach Laroche hineinfahren. Da gibt es ein Hotel, das Dach schwarz vor Alter. Blumen in den Kästen vor den Fenstern. Wir halten noch einmal. Hier steigt man um.

Neben verlassen wirkenden Gepäckkarren stehen wir schweigend herum. Ein Mann verkauft Sandwiches und Bier von einem Karren. Eine schwangere Frau geht vorbei und sieht mich kurz an, als sie auf meiner Höhe ist. Sonnengebräuntes Gesicht. Helle Augen. Ein heiterer Gesichtsausdruck. Mir kommt es so vor, als seien die Menschen, besonders die Frauen, wieder real geworden. Die eleganten Geschöpfe der Großstadt, der Boulevards, der Seebäder sind verschwunden. Ich erinnere mich kaum noch an sie. Dies hier ist eine andere Welt. Auf der anderen Seite der Gleise stehen Schuppen voller Fahrräder. Arbeiter in blauen Overalls sitzen in der Sonne auf Bänken, wartend.

Von hier an ist die Linie nicht mehr elektrifiziert. Der Zug ist langsamer. Wir passieren grüne Teiche, in die Bäume gestürzt sind. Bitter riechender Rauch treibt ab und zu in das Abteil, jener erstaunliche, ätzende Rauch, der sich in Stahl frißt und Bahnhöfe kohleschwarz färbt.

In einer Ecke sitzt ein stilles Mädchen, sie trägt einen Trenchcoat, sie hat glänzendes blondes Haar, und ihr Gesicht ist wie das eines Vogels, eines dieser harten kleinen Gesichter, deren Knochen sich unter der Haut abzeichnen. Ein leidenschaftliches Gesicht. Das Gesicht eines Mädchens, das vielleicht in die Stadt ziehen wird. Sie hat große, dunkel umrandete Augen. Ein breiter Mund, wachsbleiche Lippen. Um ihren Hals liegt eine Kette aus Talmidiamanten. Mir scheint, daß ich auf einmal alles klarer sehe. Die Details einer ganzen Welt öffnen sich mir.

Der Himmel ist jetzt fast ganz wolkenbedeckt. Das Licht hat sich verändert, auch die Farben. In der Ferne wirken die Bäume blau. Die Felder werden trocken. Ich sehe Tunnel aus Heu, Moscheen, Kuppeln. Jedes Haus hat seinen Gemüsegarten. Die Straßen sind leer – ein Motorrad, ein Lastwagen, sonst nichts. Gereist wird woanders. Vor einem Haus hängen zwei Käfige, damit die Kanarienvögel frische Luft bekommen. Wir fahren an Ziegeln aus Heu vorbei, an Heufässern. Die Lokomotive scheint mühsam zu arbeiten. Der Säuregeruch des Rauchs kommt und geht. Die langen schrillen Pfeifsignale, die sich in der Weite verlieren, erfüllen mich mit Freude.

Sie hat einen Karamelbonbon aus ihrer...



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