Salvatore Die vergessenen Welten 08
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07486-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nacht ohne Sterne
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Fantasy
ISBN: 978-3-641-07486-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
R. A. Salvatore wurde 1959 in Massachusetts geboren, wo er auch heute noch lebt. Bereits sein erster Roman »Der gesprungene Kristall« machte ihn bekannt und legte den Grundstein zu seiner weltweit beliebten Romanserie um den Dunkelelf Drizzt Do´Urden. Die Fans lieben Salvatores Bücher vor allem wegen seiner plastischen Schilderungen von Kampfhandlungen.
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Prolog
Drizzt strich mit seinen Fingern über die feinen Schnitzereien der Pantherstatuette, deren schwarzer Onyx sogar in den gewellten Teilen des muskulösen Halses vollkommen eben und makellos war. Sie glich Guenhwyvar bis aufs Haar und war ein perfektes Abbild der Katze. Wie konnte er sich nur von ihr trennen, wo er doch vollständig davon überzeugt war, daß er den großen Panther niemals wiedersehen würde?
»Leb wohl, Guenhwyvar«, flüsterte der Waldläufer, und sein Gesicht war traurig, ja fast jammervoll, als er die Figur betrachtete. »Ich kann dich nicht guten Gewissens mit auf diese Reise nehmen, denn ich müßte mir mehr Sorgen um dein Schicksal machen als um mein eigenes.« Sein Seufzer zeugte davon, daß er sich ins Unvermeidliche fügen wollte. Er und seine Freunde hatten lange und hart gekämpft und schwere Opfer gebracht, um diesen Zustand des Friedens zu erlangen, aber Drizzt war zu der Erkenntnis gekommen, daß es ein falscher Sieg war, den sie errungen hatten. Wie gern hätte er diese Einsicht verleugnet, Guenhwyvar wieder in seine Tasche gesteckt und blindlings weitergemacht, immer auf einen glücklichen Ausgang hoffend.
Drizzt seufzte, überwand seine momentane Schwäche und übergab die Figur Regis, dem Halbling.
Regis starrte Drizzt lange schweigend und ungläubig an, während er den Schock darüber verarbeitete, was der Dunkelelf ihm mitgeteilt und von ihm verlangt hatte.
»Fünf Wochen«, erinnerte ihn Drizzt.
Die pausbäckigen, jungenhaften Züge des Halblings legten sich in Falten. Wenn Drizzt in fünf Wochen nicht zurückgekehrt sein würde, sollte Regis Guenhwyvar Catti-brie übergeben und ihr und König Bruenor die Wahrheit über die Abreise ihres Freundes erzählen. Am düsteren Tonfall von Drizzts Stimme mußte Regis erkennen, daß der Drow nicht erwartete, jemals zurückzukehren.
Doch plötzlich hatte der Halbling einen Einfall, warf die Statuette auf sein Bett und fummelte an einer Halskette herum, deren Verschluß sich in den langen, krausen Locken seines braunen Haares verfangen hatte. Schließlich zog er einen Anhänger hervor, an dem ein großer magischer Rubin hing.
Jetzt war es Drizzt, der schockiert war. Er kannte den Wert des Edelsteins und die heftige Liebe des Halblings für das Juwel. Wenn er sich sagte, daß ein derartiges Geschenk nicht Regis’ Charakter entsprach, war das noch eine unglaubliche Untertreibung.
»Ich kann nicht«, wies Drizzt die Gabe zurück und schob den Stein von sich weg. »Möglicherweise kehre ich nicht zurück, und dann wäre er verloren …«
»Nimm ihn!« verlangte Regis scharf. »Nach allem, was du für mich und für uns alle getan hast, verdienst du ihn. Es ist eine Sache, Guenhwyvar zurückzulassen – es wäre wirklich eine Tragödie, wenn der Panther in die Hände deiner üblen Sippe fiele –, aber dies ist nur ein magischer Gegenstand, kein Lebewesen, und er kann dir vielleicht bei deiner Reise von Nutzen sein. Nimm ihn mit, so wie du deine Krummsäbel mitnimmst. « Der Halbling machte eine Pause, und sein sanfter Blick senkte sich in Drizzts purpurne Augen. »Mein Freund.«
Plötzlich schnippte Regis mit den Fingern und beendete damit den Moment der Stille. Er wieselte durch den Raum, wobei seine nackten Füße auf den kalten Steinboden klatschten und sein Nachthemd um ihn her rauschte. Aus einer Schublade zog er einen weiteren Gegenstand, eine recht unscheinbare Maske.
»Ich habe sie zurückgeholt«, sagte er einfach, da er nicht im einzelnen enthüllen wollte, wie er dieses altvertraute Objekt zurückerhalten hatte. Eigentlich hätte er erzählen müssen, daß er Mithril-Halle verlassen und Artemis Entreri gefunden hatte, wie er hilflos von einem vorstehenden Felsen über einem Abgrund hing. Regis hatte den Meuchelmörder ausgeplündert und dann den Saum von Entreris Umhang durchgeschnitten. Mit einer gewissen Genugtuung hatte der Halbling gehört, wie der Umhang, der letzte Halt für den zerschlagenen, beinahe bewußtlosen Mann, zu zerreißen begann.
Drizzt betrachtete die magische Maske lange Zeit. Er hatte sie vor über einem Jahr aus dem Lager einer Todesfee genommen. Mit ihr konnte ihr Besitzer seine Erscheinung verändern und seine Identität verbergen.
»Dies sollte dir helfen, hinein- und wieder herauszugelangen«, sagte Regis hoffnungsvoll. Noch immer stand Drizzt bewegungslos da.
»Ich möchte, daß du sie hast«, erklärte der Halbling mit Nachdruck, da er das Zögern des Dunkelelfen mißverstand, und hielt sie ihm hin. Regis wußte nicht, welche Bedeutung diese Maske für Drizzt Do’Urden hatte. Der Drow hatte sie einst getragen, um seine Identität zu verbergen, weil ein Dunkelelf in der Welt der Oberfläche große Schwierigkeiten zu befürchten hatte. Doch schließlich hatte Drizzt erkannt, daß die Maske eine Lüge war, und obwohl sie sehr nützlich sein mochte, konnte er sich einfach nicht entschließen, sie wieder zu tragen.
Oder konnte er es doch? Drizzt fragte sich, ob er das Geschenk zurückweisen durfte. Wenn die Maske seiner Sache dienlich sein konnte – einer Sache, die höchstwahrscheinlich auch all jene betraf, die er zurückließ –, durfte er sich dann guten Gewissens weigern, sie zu tragen?
Nein, sagte er sich schließlich, die Maske war nicht so wichtig für seine Sache. Die drei Jahrzehnte, die er aus der Stadt fort war, waren eine lange Zeit, und seine Erscheinung war nicht so auffallend und er sicher nicht so bekannt, daß man ihn erkennen würde. Er lehnte das Geschenk mit einer Geste seiner vorgestreckten Hände ab, und Regis zuckte nach einem weiteren vergeblichen Angebot mit seinen schmalen Schultern und steckte die Maske weg.
Drizzt ging ohne ein weiteres Wort. Es waren noch viele Stunden bis zur Morgendämmerung; die Fackeln in den oberen Bereichen von Mithril-Halle waren tief herabgebrannt, und nur wenige Zwerge waren noch wach. Es schien ruhig zu sein, völlig friedlich.
Die schlanken Finger des Dunkelelfen fuhren sanft und lautlos über die Maserung einer Holztür. Er hatte nicht den Wunsch, die Person in dem Raum dahinter zu stören, obgleich er bezweifelte, daß ihr Schlaf sehr friedlich war. Jede Nacht hatte Drizzt überlegt, zu ihr zu gehen und sie zu trösten, und doch hatte er es nie getan, denn er wußte, daß seine Worte Catti-bries Trauer nicht lindern konnten. Wie in so vielen anderen Nächten, in denen er als wachsamer, hilfloser Wächter vor ihrer Tür gestanden hatte, so wanderte der Waldläufer auch in dieser Nacht schließlich den steinernen Gang entlang, tauchte in die Schatten des tanzenden Fackellichts ein, und seine geschmeidigen Bewegungen verursachten nicht das kleinste Geräusch.
Nach einem kurzen Aufenthalt an einer weiteren Tür, der seines teuersten Zwergenfreundes, verließ Drizzt bald darauf die Wohngebiete. Er betrat die offiziellen Versammlungshallen, in denen der König von Mithril-Halle Botschafter und Gesandte empfing. Ein paar Zwerge hielten sich hier auf – wahrscheinlich Dagnas Soldaten –, aber sie hörten und sahen nichts von dem lautlosen Dunkelelfen.
Drizzt blieb erneut stehen, als er zum Eingang der Halle Dumathoin kam, in der die Zwerge der Heldenhammersippe ihre wertvollsten Schätze aufbewahrten. Er wußte, daß er weitergehen und diesen Ort verlassen sollte, bevor die Sippe erwachte, aber er konnte die Gefühle nicht ignorieren, die sein Herz erfüllten. Seit seine Drowsippe vor zwei Wochen vertrieben worden war, hatte er diese heilige Halle nicht mehr betreten, aber er wußte, daß er es sich selbst niemals vergeben würde, wenn er nicht zumindest einen Blick hineinwarf.
Der mächtige Kriegshammer Aegisfang ruhte auf einer Säule in der Mitte der Gedächtnishalle, auf dem Platz der höchsten Ehre. Das schien ihm gerechtfertigt, denn für Drizzts violette Augen überstrahlte Aegisfang all die anderen Gegenstände: die glänzenden Kettenrüstungen, die großen Äxte und Helme lange toter Helden, den Amboß eines legendären Schmiedes. Drizzt mußte bei dem Gedanken lächeln, daß es nicht einmal ein Zwerg gewesen war, der diesen Kriegshammer geschwungen hatte. Es war die Waffe Wulfgars gewesen, die Waffe seines Freundes, der bewußt sein Leben dafür gegeben hatte, daß andere aus ihrer verschworenen Gemeinschaft leben konnten.
Drizzt starrte die mächtige Waffe lange und intensiv an, betrachtete den glänzenden Kopf aus Mithril, der trotz der vielen heißen Kämpfe, in denen der Hammer geschwungen worden war, keinen Kratzer aufwies und noch immer die vollendet eingravierten Runen des Zwergengottes Dumathoin trug. Sein Blick schweifte über die Waffe und blieb an dem getrockneten Blut hängen, das den Griff aus dunklem Diamantspat bedeckte. Der eigensinnige Bruenor hatte nicht erlaubt, daß es entfernt wurde.
Drizzt wurde es schwer ums Herz, als ihn Erinnerungen an Wulfgar durchfluteten, an die Kämpfe, die er an der Seite des großen und starken Mannes mit den goldenen Haaren und der goldenen Haut ausgefochten hatte. In seinem Geiste blickte er erneut in Wulfgars klare Augen, in denen das eisige Blau des nordischen Himmels zu sehen war und die immer von einem erregten Glitzern erfüllt waren. Wulfgar war noch sehr jung gewesen, sein Geist noch unverdorben durch die harten Realitäten einer brutalen Welt.
Noch sehr jung war er gewesen, und doch hatte er für jene, die er seine Freunde nannte, mit einem Lied auf den Lippen alles geopfert.
»Leb wohl«, flüsterte Drizzt und verließ den Ort. Diesmal lief er, bewegte sich dabei aber ebenso unhörbar wie bei seinem langsameren Schreiten zuvor. In ein paar Sekunden hatte er einen Balkon überquert und war eine Treppenflucht hinuntergeeilt, die ihn in eine große, hohe Kammer führte. Er durchquerte sie unter den wachsamen Augen der acht Könige von Mithril-Halle, deren...




