Samuel | Der Katzenfänger und andere Grenzgänger | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 194 Seiten

Samuel Der Katzenfänger und andere Grenzgänger

Eine Sammlung von Kurzgeschichten
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-99064-904-6
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Sammlung von Kurzgeschichten

E-Book, Deutsch, 194 Seiten

ISBN: 978-3-99064-904-6
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Katzenfänger und der heimliche Trinker in Saudi-Arabien; der Mann, der jedes Jahr unzählige Eisenbahnfahrpläne auswendig lernt; der Schriftsteller, der die erhabene Literatur in die Dörfer tragen soll; der Dirigent, der dem Konzertpublikum Vorträge hält; der Wissenschaftler, der sich mit einem mörderischen Plan an seinen missgünstigen Kollegen rächt: Das sind einige der exzentrischen Charaktere in diesem Erzählband mit neun Kurzgeschichten. Die Vielfalt an Themen und Schauplätzen macht diese Erzählungen zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre mit originellen und packenden Geschichten.

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Die Woge


Wellen … Wellen … Wellen. Verspielte Wellen. Tanzende Wellen. Schlagende Wellen. In gemessenem Takt rollen sie mit ihren vertändelnden weißen Gischtkronen auf den warmen Sand zu. Diese Rhapsodie des Meeres übt eine wahrhaft magische, eine unglaublich entspannende Wirkung aus, und eine heitere Gelassenheit umarmt uns. Der aufdringliche Lärm und das Geplärre von Bangalore sind in einer flirrenden Ferne verklungen.


Wohlig räkeln sich mein Mann Rainer und ich auf den Liegen unter den Sonnenschirmen des Luxushotels Sun Aqua Pasikudah. Wir fühlen uns absolut behaglich, erleichtert und sorglos. Eine kaum spürbare Brise kommt auf, und der frische, salzige Luftstrom streichelt die Wangen und liebkost die Ohren. Das Wispern der Palmwedel im Park der Hotelanlage hinter uns vermischt sich mit dem leisen Plätschern des Wassers zu einem einlullenden Raunen. Eine gedämpfte Betäubung erfasst uns, eine Befindlichkeit der sich selbst genügenden Untätigkeit.


Am frühen Vormittag herrscht hier noch jungfräuliche Stille, ja, man könnte geradezu meinen eine Bewegungslosigkeit. Nur ab und zu gleitet ein Seevogel mit kaum sichtbarem Flügelschlag über der Weite des Golfs von Bengalen, um dann plötzlich wie ein wildes Jagdtier aus dem Himmel in Richtung Meeresoberfläche zu schießen. Auf dem öffentlichen Strand gleich neben dem abgesonderten Gelände des Sun Aqua Pasikudah werden die überschwängliche Vitalität und die Begeisterung der Legionen von Besuchern für Sonne, Wasser und Sand erst später am Tag hereinbrechen. Dann werden auch die Strandverkäufer mit ihren T-Shirts, ihrem billigen Tand und den gekühlten Getränken sowie das Heer der Fotografen wieder samt ihrer zwanghaften Betriebsamkeit auftauchen. Da wir den damit einhergehenden Geräuschpegel als unerträglich empfinden, wird dies für uns das Signal für den Rückzug an den klaren, wohltemperierten und dennoch beinahe unbesuchten Swimmingpool des Hotels bedeuten.


All die Strapazen der letzten Monate scheinen sich allmählich zu lösen. Wir durchlebten ein intensives Wirken bis zur Erschöpfung, das nicht nur den Abschluss von Rainers Tätigkeit in der Firma, sondern auch die Auflösung unseres Haushaltes umfasste. Zehn lange Jahre im heiß umkämpften IT-Sektor in Bangalore haben ihre Spuren bei Rainer hinterlassen. Es waren aber nicht nur die andauernde unerbittliche Konkurrenz und die Bedrängnis durch die überall aus dem Boden schießenden Start-ups für Softwareentwicklung im aufstrebenden Schwellenland Indien, sondern auch die kontinuierlichen Forderungen der Zentrale in München, die meinen Mann zermürbten. Unter der Führung von Dr. Mayer wurden die Erfolgserwartungen immer höher geschraubt: Output, Qualität und Profit sollten ständig gesteigert werden. Doch die gewünschten IT-Spezialisten, meist mit Abschlüssen angesehener Universitäten und durchwegs äußerst kompetent, konnte man auch in Indien nicht um ein niedriges Salär anheuern. Sie waren ausnahmslos selbstbewusst und kannten ihren Marktwert. So erhöhten sich die Personalkosten von Jahr zu Jahr in einem für das Management besorgniserregenden Ausmaß und belasteten die Gewinnspannen. Zudem war mein Mann bei Geschäftsabschlüssen immer wieder dem Druck einer unbeschreiblichen Korruption ausgesetzt, wobei die Firmenleitung in München nicht die geringste Vorstellung von der Situation in Indien hatte und sich auch kaum darum kümmerte. In diesen Fällen verließ man sich ganz auf Rainers Einschätzung. München war nur daran interessiert, über die Niederlassung in Bangalore den stetig schrumpfenden Umsatz in Europa wettzumachen. Mit den lokalen Gegebenheiten hatte mein Mann alleine fertig zu werden.


Vierteljährlich erschien Herr Direktor Mayer mit einigen der Herren der Führungsetage, um, wie es im Firmenjargon hieß, beim indischen Ableger nach dem Rechten zu sehen. Es war meist eine aufwändige und frustrierende Prozedur, bei der alles durchleuchtet und hinterfragt wurde, obwohl ohnehin jede auch nur geringste Entscheidung stets im Voraus per Telefonkonferenz mit der Zentrale abgesprochen werden musste. In letzter Zeit landeten auch immer mehr Vorschriften aus München in Bangalore. Eine betraf das absurde Verbot von Lieferungen von Mittagsmenüs durch Lunch-Wallahs in die Firma, was von den Angestellten mit großem Unmut quittiert wurde. Rainer löste das Problem, indem er einen Raum direkt beim Eingang zum Firmengelände zur Verfügung stellte, wo die Essensboxen in Empfang genommen werden konnten. Das besänftigte die Beschäftigten, denn sie waren das von ihren Müttern oder Ehefrauen zubereitete Essen gewohnt und wollten trotz ihrer Aufgeschlossenheit dem modernen Leben gegenüber nichts von einer Betriebskantine wissen. Eher konsumierten sie da noch ein paar Happen bei den fahrenden Buden, die regelmäßig um die Mittagszeit in der Nähe des Firmentors aufkreuzten.


Wir genießen den Zauber der Passivität nach unserem tatenreichen Leben, das uns alles abverlangte und in dem wir alles gaben. Rainer wird in Kürze in den Ruhestand treten und wir werden in unser geliebtes Bayern zurückkehren, um dort unseren letzten Lebensabschnitt – den goldenen, wie man ihn gerne nennt – zu verbringen. Mit ein wenig Wehmut denke ich nun aber doch an unsere beiden Kinder, die es schon in verhältnismäßig jungen Jahren in die weite Welt verschlagen hat, und die sich Schritt für Schritt von uns abnabelten. Selbstredend gibt es nach wie vor die obligatorischen Telefonate zu Geburtstagen und hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern, aber eigentlich sind wir emotional genauso weit von ihnen entfernt wie kilometermäßig. Sie bauten sich selbstständige Existenzen auf und folgen nun ihrem eigenen Stern – und wir dem unsrigen. Mit etwas Bitternis gesagt: Wir führen ein modernes Familienleben. Deshalb informierten wir unsere Kinder auch noch nicht über unser Vorhaben, in Kürze wieder nach Deutschland zurückzukehren und vorher noch zwei ergötzliche Urlaubswochen an einem paradiesischen Strand in Sri Lanka zu verbringen.


Im hellheiteren Ambiente an diesem Ort scheint nichts mehr so wichtig, weder die dereinst erlebten Enttäuschungen, als Rainer durch Intrigen und Machenschaften von Herrn Dr. Mayer bei der Nachfolge des damaligen Firmenchefs ausgebootet wurde, noch dass Rainers Versetzung in die Techcity Bangalore eigentlich einer Strafmaßnahme gleichkam. Mein Mann arbeitete sich vom einfachen Angestellten mit nur einem Diplom in Informatik empor und nahm an einigen wichtigen Entwicklungen teil. Herr Mayer trat ungefähr zum selben Zeitpunkt wie Rainer in das Unternehmen ein und fühlte sich naturgemäß mit seinem Doktorat der Betriebswirtschaftslehre sofort allen überlegen, obwohl er von der IT-Branche keine Ahnung hatte. Während Rainer durch Fleiß und Engagement zum Leiter der Entwicklungsabteilung für Software avancierte, auch fähig war, seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzuspornen, verbrachte Dr. Mayer seine Zeit damit, immer neue Regeln auszuarbeiten und diese wortreich an das höhere Management als Effizienzsteigerungen zu verkaufen. Das imponierte dem Direktor, und so erachtete sich Dr. Mayer als dafür prädestiniert, in dessen Fußstapfen zu treten. Auch Rainer zeigte Interesse an diesem Führungsposten und plante Großes für die Firma.


Geschickt verstand es indes Dr. Mayer immer wieder, jedweden Vorschlag meines Mannes in der Softwareentwicklung als völlig unwirtschaftlich und auch als technologisch schlecht fundiert hinzustellen und ihn als Illusionisten abzustempeln. Dann gab es da auch noch die Affäre des Suizids der damaligen Abteilungsleiterin der Buchhaltung; eine Affäre, in welcher Mayer meinen Mann ganz dreist verleumdete und ihm praktisch die Schuld an diesem tragischen Vorfall in die Schuhe schob. Es wurde ja schon länger gemunkelt, dass die Frau an akuter Schizophrenie leide, und es war dann Rainer, der ihr riet, einen ihm bekannten Psychiater in der Universitätsklinik zu konsultieren. Diese Tatsache wurde hernach von Mayer in böswilliger Absicht so interpretiert, als hätte Rainer die Frau dazu genötigt, sich freiwillig in eine Anstalt einweisen zu lassen. Ihr Freitod erschütterte damals die ganze Belegschaft, und obwohl jeder wusste, dass mein Mann keinerlei Verantwortung dafür trug, wagte es niemand, Herrn Dr. Mayer ob seiner ungerechtfertigten Anschuldigung zurechtzuweisen. Rainer wurde bald danach zum Tochterbetrieb in Bangalore versetzt, wo ihm die Aufgabe zukam, die Fünf-Mann-Firma zu einem Vorzeigeunternehmen aufzubauen. Sollte ihm das nicht gelingen, würde sich die Zentrale gezwungen sehen, seine Stelle weg zu rationalisieren, wurde ihm unverblümt mitgeteilt.


Wellen folgen Wellen folgen Wellen. Der Anflug eines Hauches von Salz und Seetang weht vom Meer her. Die gleißende Sonnenscheibe schiebt sich langsam ihrem Zenit entgegen und eine angenehme Schlaffheit übermannt mich. Mit großem Behagen streckt sich Rainer faul auf seiner Liege aus, nachdenklich lässt er den rhythmischen Takt des Ozeans auf sich einwirken. Die tagtäglichen Ärgernisse, die Missgunst, der zerfleischende Wettbewerb, die Beschwerden von allen Seiten, die regelmäßig hereinflatternden Verordnungen der indischen Behörden und die zunehmenden Auseinandersetzungen mit dem Münchner Firmensitz erscheinen alle endlos weit zurück. Auch, dass der nachgerade sensationelle Bilanzabschluss des vergangenen Geschäftsjahres Herrn Dr. Mayer so beeindruckte, dass er sich sogar zu einem seltenen Lob herabließ, ist jetzt eigentlich irrelevant geworden.


Mein Leben verlief gleichfalls nicht in ungetrübter Beschaulichkeit. Meine schon in der Kindheit ausgeprägte musikalische Begabung führte mich nach dem Abitur zum Klavierstudium an das Mozarteum in...




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