Sand | Ein Winter auf Mallorca | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Sand Ein Winter auf Mallorca


Neuübersetzung
ISBN: 978-3-8438-0002-0
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-8438-0002-0
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
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Im November 1838 reist ein berühmtes Liebespaar nach Mallorca: George Sand und der von Tuberkulose gezeichnete Frédéric Chopin, der sich im südlichen Klima gesundheitliche Besserung erhofft. Zudem wollen die exzentrische Schriftstellerin und der Komponist ihr junges Liebesglück fernab von Klatsch und Tratsch der Pariser Gesellschaft genießen. Doch diese Reise ist voller Widrigkeiten: Erst nach längerem Suchen finden sie eine Unterkunft, das verlassene Kloster von Valldemosa, die Bevölkerung verhält sich feindselig und intolerant, mangelnder Komfort und katastrophales Wetter prägen diese Zeit auf der Baleareninsel, die George Sand trotz allem genießt und gleichermaßen eindrucksvoll wie amüsant in ihrem Buch schildert.

George Sand (1804 - 1876) war berühmt, berüchtigt und heftig umstritten. Sie war wohl die erste Frau, die Männerkleider trug, Pfeifen und Zigarren rauchte. Sie machte ihre Liebschaften öffentlich, und das zu einer Zeit, als für Frauen noch Zuchthaus auf Ehebruch stand. Geborene Amantine-Aurore- Lucile Dupin, Urenkelin Moritz' von Sachsens, verheiratete Baronin Dudevant, lässt sie 1831 ihren Mann und ihre beiden Kinder in der Provinz zurück und geht nach Paris. Ihre Liebesbeziehungen mit Alfred de Musset, Prosper Mérimée, Frédéric Chopin oder der Schauspielerin Marie Dorval sind legendär. Mit ihren zahlreichen Romanen, die sie unter ihrem männlichen Pseudonym veröffentlichte, erreichte sie ihre finanzielle Unabhängigkeit und einen Platz in der Weltliteratur.
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II


Mallorca, das Herr Laurens Balearis Major nennt, wie die Römer es taten, und von dem Doktor Juan Dameto, der König der Historiker Mallorcas, sagt, dass es in früherer Zeit Clumba oder Columba hieß, nennt sich heute als Folge sprachlicher Vereinfachung Mallorca, und die Hauptstadt trug niemals diesen Namen, wie mehrere unserer Geografen zu behaupten beliebten, sondern hieß stets Palma.

Diese Insel ist die größte und die fruchtbarste des Archipels, Zeugin eines Kontinents, dessen Becken das Mittelmeer überspült haben muss und der mit Sicherheit Spanien und Afrika verband, und daher trifft man hier das Klima und die Erzeugnisse beider an. Sie liegt 25 Meilen südöstlich von Barcelona und 45 vom nächsten Punkt der afrikanischen Küste. Ferner glaube ich, dass sie sich 95 oder 100 Meilen von Toulon entfernt befindet. Ihre Fläche beträgt 1234 Quadratmeilen, ihr Umfang 143 und die breiteste Stelle 54, die schmalste 28. Die Bevölkerung belief sich im Jahre 1787 auf 136.000 Personen; heute sind es ungefähr 160.000. Von ihnen leben 36.000 in Palma, im Gegensatz zu den 32.000, die es damals waren.

Die Temperatur kann von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sein. Der Sommer ist in der ganzen Ebene heiß, aber die Gebirgskette, die sich vom Nordosten bis zum Südwesten erstreckt, die durch ihre Ausrichtung auf die Ähnlichkeit zwischen spanischen und afrikanischen Landstrichen verweist und deren einander am nächsten liegende Punkte gleichzeitig die jeweils höchsten sind, beeinflusst das winterliche Klima stark. So berichtet Miguel de Vargas, dass in Palma während des schrecklichen Winters 1784 das Thermometer nur an einem einzigen Januartag auf sechs Grad unter dem Gefrierpunkt sank. An anderen Tagen stieg es auf sechzehn Grad und blieb meistens bei elf. Ungefähr diese Temperatur hatten wir einen gewöhnlichen Winter über in den Bergen von Valldemosa, das im Rufe steht, eine der kältesten Gegenden der Inseln zu sein. In den kältesten Nächten, als zwei Zoll Schnee lagen, war das Thermometer bloß bei sechs oder sieben Grad. Um acht Uhr morgens stieg es auf neun oder zehn, um mittags bei zwölf oder vierzehn Grad anzugelangen. Gewöhnlich fiel gegen drei Uhr, das heißt nach dem Sonnenuntergang hinter den Gipfeln der Berge, die uns umgaben, die Temperatur plötzlich auf neun und selbst acht Grad.

Der Nordwind weht hier oft mit Heftigkeit, und der Winterregen fällt mit einer Stärke und Dauerhaftigkeit, von der wir uns in Frankreich keine Vorstellung machen. Im Allgemeinen ist das Klima im ganzen südlichen Teil, der Afrika gegenüber liegt, gesund und zuträglich. Hier ist man vor den wilden Windstürmen des Nordens der Gebirgskette geschützt sowie vor den Zerklüftungen der Nordküste. Der Gesamtplan der Insel entspricht also einer von Nordwesten nach Südosten geneigten Fläche, und die Schifffahrt, die im Norden aufgrund der Beschaffenheit der Küste quasi unmöglich ist, gestaltet sich im Süden leicht und sicher.

Trotz seiner Wirbelstürme und Rauheit wurde Mallorca von den Alten zu Recht die goldene Insel genannt, denn es ist äußerst fruchtbar und seine Erzeugnisse sind von ausgezeichneter Qualität. Der Weizen ist hier so rein und so schön, dass die Bewohner ihn exportieren und er ausschließlich in Barcelona zur Herstellung eines hellen und leichten Gebäcks dient, das man Pan de Mallorca nennt. Die Bewohner lassen aus Galizien und der Biskaya gröberes Korn zu niedrigeren Preisen kommen, von dem sie sich ernähren. Dies führt dazu, dass man in dem Land, das an ausgezeichnetem Weizen am reichsten ist, widerwärtiges Brot essen muss. Ich weiß nicht, ob dies den Bewohnern zum Vorteil gereicht.

In den Provinzen der Mitte unseres Landes, wo die Landwirtschaft die wenigsten Fortschritte gemacht hat, beweisen die Gepflogenheiten der Landwirte lediglich ihre Sturheit und Unwissenheit. Dies trifft umso mehr auf Mallorca zu, wo die Landwirtschaft, obwohl man sich ihrer mit Hingabe widmet, noch in den Kinderschuhen steckt. Nirgendwo sonst habe ich gesehen, dass die Äcker so geduldig und träge bewirtschaftet wurden. Die einfachsten Maschinen sind unbekannt; die Arme der Menschen, im Vergleich zu den unsrigen sehr mager und unterentwickelt, müssen alles erledigen, aber mit unerhörter Langsamkeit. Es bedarf eines halben Tages, um weniger Erde umzugraben, als man bei uns in zwei Stunden schafft, und fünf oder sechs Männer sind nötig, um ein Ackergerät fortzubewegen, das der Schmächtigste unserer Gehilfen fröhlich auf den Schultern davontragen würde.

Trotz dieser Trägheit ist auf Mallorca alles beackert und dem Anschein nach gut beackert. Man sagt, dass diese Insulaner kein Elend kennen. Aber inmitten all dieser Naturschätze und unter dem denkbar schönsten Himmel ist das Leben rauer und auf traurige Weise kärglicher als das unserer Bauern.

Für gewöhnlich lassen sich die Reisenden über das Glück der Völker des Südens aus, deren Gesichter und malerische Gewandung ihnen wie die Sonntagssonne erscheint und deren mangelnde Vorstellungskraft und Voraussicht ihnen wie die ideale Gelassenheit des Landlebens vorkommt. Dies ist ein Irrtum, den ich selbst oft begangen habe, dessen ich mir aber durchaus bewusst geworden bin, besonders, seit ich Mallorca besucht habe.

Nichts auf der Welt ist so traurig und so arm wie dieser Bauer, der nur beten, singen und arbeiten kann und niemals nachdenkt. Sein Gebet ist eine stupide Formel, die in seinem Geiste keinerlei Sinn ergibt; seine Arbeit ist eine Anstrengung der Muskeln, die keine Anstrengung des Geistes ihm zu vereinfachen beibringt. Sein Gesang ist der Ausdruck dieser trüben Melancholie, die ihn niederdrückt, ohne dass er sich dessen bewusst wäre, und deren Poesie uns beeindruckt, während sie ihm verborgen bleibt. Würde ihn nicht dann und wann die Eitelkeit aus seiner Lethargie wecken und ihn zum Tanz gehen lassen, wären seine Feiertage nur dem Schlaf gewidmet.

Aber schon verlasse ich den Rahmen, den ich mir gesteckt hatte. Ich vergesse, dass ein geografischer Artikel im strengeren Wortsinn Ertragswirtschaft und Handel erwähnen muss, oder sich erst ganz zum Schluss, nach dem Getreide und dem Vieh, mit der Gattung Mensch zu beschäftigen hat.

In aller beschreibenden Geografie, die ich gelesen habe, habe ich im Artikel über die Balearen diesen kurzen Hinweis gefunden, den ich hier bestätige, auf den ich jedoch später mit Betrachtungen zurückkommen werde, die seinen Wahrheitsgehalt verringern: »Diese Insulaner sind sehr liebenswürdig (es ist bekannt, dass sich auf allen Inseln die menschliche Rasse in zwei Kategorien gliedert: die Menschenfresser und diejenigen, die sehr liebenswürdig sind). Sie sind sanft und gastfreundlich; es ist selten, dass sie Verbrechen begehen, und Diebstahl ist bei ihnen gleichsam unbekannt.« Auf diesen Text werde ich wahrlich zurückkommen.

Sprechen wir aber zunächst von den Erzeugnissen, denn ich glaube, dass in der Abgeordnetenkammer unlängst ein paar Worte (die zumindest unvorsichtig waren) über die mögliche Besetzung Mallorcas durch die Franzosen gefallen sind, und ich vermute, dass, falls dieses Schriftstück in die Hände eines unserer Abgeordneten gelangt, er sich sehr viel mehr für den Abschnitt über die Nahrungsmittel interessieren wird als für meine philosophischen Betrachtungen über die intellektuelle Lage der Bewohner.

Ich erwähnte, dass der Boden Mallorcas von einer bemerkenswerten Fruchtbarkeit ist und dass eine aktivere und klügere Bewirtschaftung seinen Ertrag verzehnfachen würde. Hauptsächlich werden Mandeln exportiert, sowie Orangen und Schweine. Oh schöne Äpfel der Hesperiden, die ihr von scheußlichen Drachen gehütet werdet, es ist nicht meine Schuld, wenn ich bei der Erinnerung an euch an jene schrecklichen Schweine denken muss, auf die man auf Mallorca neidischer und stolzer ist, als auf eure duftenden Blumen und goldenen Äpfel! Aber der Mallorquiner, der euch anpflanzt, ist nicht poetischer als der Abgeordnete, der meinen Text liest.

Ich komme also wieder auf meine Schweine zu sprechen. Diese Tiere, verehrter Leser, sind die Schönsten der Erde, und in naiver Bewunderung entwirft der Doktor Miguel Vargas das Porträt eines Schweins im zarten Alter von anderthalb Jahren, das 600 Pfund wog. Damals genoss die dortige Schweinezucht noch nicht den Ruf, den sie heute erlangt hat. Der Viehhandel wurde durch die Habgier der Assistentes oder Lieferanten behindert, denen ihn die spanische Regierung anvertraut hatte, das heißt, an welche sie das Versorgungsgeschäft übertragen hatte. Kraft ihrer Entscheidungsgewalt stellten sich diese Spekulanten jedwedem Viehexport entgegen und behielten sich die Möglichkeit eines unbegrenzten Imports vor.

Diese wucherische Praxis zog nach sich, dass die enttäuschten Viehzüchter sich nicht mehr um ihre Herden kümmern mochten. Das Fleisch wurde zu lächerlichen Preisen verkauft, und da der Außenhandel verboten war, blieb ihnen nur der Ruin oder die vollständige Aufgabe ihres Geschäfts. Die Auslöschung der Viehzucht ging schnell vonstatten. Der Historiker, den ich zitiere, bedauert, dass Mallorca zur Zeit der arabischen Besetzung und lediglich im Artagebirge mehr fruchtbare Kühe und edle Stiere zählte, als man heute in der gesamten Ebene Mallorcas zusammenbrächte.

Es war nicht diese Misswirtschaft allein, die das Land daran hinderte, seinen natürlichen Reichtum zu nutzen. Derselbe Schriftsteller berichtet, dass die Gebirge, besonders diejenigen von Torella und Galatzo, seinerzeit die schönsten Bäume der Welt besaßen. Gewisse Olivenbäume hatten zweiundzwanzig Fuß Umfang und vierzehn Durchmesser. Aber dieses herrliche Holz wurde von den Zimmerleuten der Marine zerstört, die anlässlich des spanischen Angriffs auf Algier aus ihm eine ganze Flotte von...


Sand, George
George Sand (1804 – 1876) war berühmt, berüchtigt und heftig umstritten. Sie war wohl die erste Frau, die Männerkleider trug, Pfeifen und Zigarren rauchte. Sie machte ihre Liebschaften öffentlich, und das zu einer Zeit, als für Frauen noch Zuchthaus auf Ehebruch stand. Geborene Amantine-Aurore- Lucile Dupin, Urenkelin Moritz‘ von Sachsens, verheiratete Baronin Dudevant, lässt sie 1831 ihren Mann und ihre beiden Kinder inder Provinz zurück und geht nach Paris. Ihre Liebesbeziehungen mit Alfred de Musset, Prosper Mérimée, Frédéric Chopin oder der Schauspielerin Marie Dorval sind legendär. Mit ihren zahlreichen Romanen, die sie unter ihrem männlichen Pseudonym veröffentlichte, erreichte sie ihre finanzielle Unabhängigkeit undeinen Platz in der Weltliteratur.



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