Sand | Lavinia - Pauline - Kora (Kommentiert) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 177 Seiten

Sand Lavinia - Pauline - Kora (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Deutsche Ausgabe - Die Geschichten dreier außergewöhnlicher Frauen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-80-268-4552-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Deutsche Ausgabe - Die Geschichten dreier außergewöhnlicher Frauen

E-Book, Deutsch, 177 Seiten

ISBN: 978-80-268-4552-2
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Lavinia - Pauline - Kora' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. George Sand (1804-1876) war eine französische Schriftstellerin, die neben Romanen auch zahlreiche gesellschaftskritische Beiträge veröffentlichte. Sie setzte sich durch ihre Lebensweise und mit ihren Werken sowohl für feministische als auch für sozialkritische Ziele ein. So rebellierte sie beispielsweise gegen die Beschränkungen, die den Frauen im 19. Jahrhundert durch die Ehe als Institution auferlegt waren, und forderte an anderer Stelle die gleichberechtigte Teilhabe aller Klassen an gesellschaftlichen Gütern ein. Aus dem Buch: 'Inzwischen hatte das Gerücht von dem Abenteuer, welches eine Dame, die nach Villiers an der Straße nach Lyon zu fahren glaubte, in ihrer Postchaise nach Saint-Front auf der Straße nach Paris geführt hatte, sich in dem Städtchen verbreitet und gab dort seit einigen Stunden Stoff zu seltsamen Commentaren. In Folge welches Zufalls, welches Wunders, entschloß sich die Dame aus der Postchaise, nachdem sie gegen ihre Absicht nach Saint-Front gekommen war, den ganzen Tag dort zu bleiben? und was that sie, gerechter Gott! bei Madame D ...? woher war sie mit den Damen bekannt? und was konnten sie sich in der langen Zeit, während welcher sie zusammen eingeschlossen waren, sich zu sagen haben? Der Stadtsecretär, der in dem Café, das dem Hause Madame D ...'s gerade gegenüber lag, seine Partie Billard spielte, sah oder glaubte zu sehen, daß die fremde Dame hinter den Fenstern des Hauses hin und her ging; sie wäre eigentümlich, fast prächtig gekleidet, sagte er.'

Sand Lavinia - Pauline - Kora (Kommentiert) jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1.

In einem kleinen, recht häßlichen Städtchen, das auf der Karte aufzusuchen, und wäre es auch auf einer Cassini'schen, ich Niemand zumuthe, ereignete sich vor drei Jahren ein Vorfall, der, obgleich er an sich nicht allzu interessant war, doch viel von sich reden machte, und dessen Folgen von großer Bedeutung waren, obschon Niemand etwas davon erfahren hat.

Es war in einer düstern, kalten, regnerischen Nacht. Eine Postchaise fuhr in den Hof des Gasthauses zum gekrönten Löwen. Eine Frauenstimme verlangte Pferde – »schnell! schnell!« – Der Postillon entgegnete in äußerst langsamem Tone, daß das leicht zu sagen wäre, daß es aber keine Pferde gäbe, weil die Epidemie – jene Seuche, die auf gewissen Stationen an wenig verkehrreichen Straßen in Permanenz ist – in der letzten Woche siebenunddreißig derselben weggerafft habe, und endlich, daß man noch in der Nacht weiterfahren könne, daß man aber warten müsse, bis das Gespann, welches die Kutsche gebracht hatte, ein wenig verschnauft habe.

»Wird das lange dauern?« fragte der Lakai, der, in Pelze gehüllt, auf dem Bocke saß.

»Es ist das Werk einer Stunde,« entgegnete der Postillon, der sich bereits des einen seiner Stiefel entledigt hatte. »Wir werden sofort anfangen, unsern Hafer zu verzehren.«

Der Diener fluchte. Ein junges, niedliches Kammermädchen, das den mit zerzausten Tüchern umhüllten Kopf aus dem Kutschenschlage steckte, murmelte irgend eine rührende Klage über die Langweiligkeit und die Anstrengungen der Reise. Die Person jedoch, welcher diese beiden Dienstboten zur Begleitung dienten, trat langsam aus dem Wagen auf das feuchte, kalte Pflaster, schüttelte ihren mit Marderpelz gefütterten Mantel und schlug den Weg nach der Küche ein, ohne ein einziges Wort zu sprechen.

Es war eine junge Frau von feuriger, hinreißender Schönheit, der die Anstrengung ein bleiches Aussehen gegeben hatte. Sie schlug das angebotene Zimmer aus, und während ihre Dienerschaft vorzog, in der Berline zu übernachten, setzte sie sich auf den klassischen Stuhl vor dem Herde, den unangenehmen, widerwärtigen Zufluchtsort des resignirten Reisenden. Die Magd, welche beauftragt worden war, Wache zu halten, stützte den Kopf auf den Tisch, krümmte, auf einer Bank sitzend, den Oberkörper zusammen und begann zu schnarchen. Die Katze, die sich unmuthig erhoben hatte, um der Reisenden Platz zu machen, kauerte sich von Neuem in die warme Asche. Mißtrauisch und unmuthig heftete sie ihre grünen, leuchtenden Augen einige Minuten lang auf die Unbekannte. Nach und nach aber zog sich die Pupille zusammen und verkleinerte sich, bis sie nur noch einem schmalen, schwarzen Strich auf smaragdgrünem Grunde glich. Sie versank wieder in das egoistische Wohlbehagen ihrer Lage, machte einen krummen Buckel, schnurrte, um ihr Wohlgefallen zu bekunden und schlief endlich zwischen den Tatzen eines großen Hundes ein, der Dank jener unaufhörlichen Zugeständnisse, welche der Schwächere zum Glück für die Gesellschaft stets dem stärkeren abnöthigt, das Mittel gefunden hatte, mit ihr in Frieden zu leben.

Die Reisende suchte vergeblich einzuschlummern. Tausend verworrene Bilder zogen durch ihre Träume und schreckten sie aus dem Schlafe auf. All jene Erinnerungen aus der Jugendzeit, die sich bisweilen der geschäftigen Einbildungskraft bemächtigen, wogten durch ihr Gehirn und bestrebten sich, es zweck- und ziellos zu ermüden, bis endlich ein vorherrschender Gedanke sie verdrängte.

– Ja, es war eine trübselige Stadt, dachte die Reisende, eine Stadt mit winkligen, düstern Gassen und holprigem Pflaster, eine häßliche, armselige Stadt, gerade wie diese hier, die ich durch die feuchten Dünste, welche sich an den Spiegelscheiben meines Wagens niederschlugen, zu Gesichte bekam. Nur finden sich hier ein oder zwei, vielleicht gar drei Straßenlaternen, und dort gab es nicht eine einzige. Nach dem Abendgeläute ging jeder Fußgänger nur mit seiner Stocklaterne aus. Sie war abscheulich, diese armselige Stadt, und dennoch habe ich dort Jahre der Jugend und der Kraft verlebt! Ich war eine ganz andere damals... arm an Stellung, aber reich an Kraft und Hoffnung. Wol litt ich viel! mein Leben verzehrte sich im Dunkel und in der Unthätigkeit – was aber kann mir jene Schmerzen ersetzen, mit denen die Kraft der eigenen Seele mich durchschauerte? O Jugend des Herzens! was ist ans dir geworden? ...

Nach dieser etwas pomphaften Apostrophe, welche exaltirte Köpfe, ohne allzuviel Grund vielleicht, aber in Folge eines angeborenen Bedürfnisses, ihrer Existenz einen dramatischen Anstrich zu geben, bisweilen an das Geschick verschwenden, lächelte die junge Frau unwillkürlich, als ob eine innere Stimme ihr erwiedert habe, daß sie noch immer glücklich sei. Dann suchte sie einzuschlafen, bis die Stunde verflossen wäre.

Die Küche des Gasthauses wurde nur von einer eisernen, an der Decke hängenden Laterne erleuchtet. Das Gestell dieses Lichtspenders zeichnete einen breiten, schwankenden, sternförmigen Schatten auf die Wände des Gemaches und warf seinen bleichen Schein aus die rauchgeschwärzten Balken der Decke.

Die Fremde hatte den Raum betreten, ohne etwas in ihrer Umgebung zu unterscheiden, und dann hatte der schlaftrunkene Zustand, in welchem sie sich befand, sie verhindert, eine Beobachtung des Ortes vorzunehmen, an welchem sie weilte.

Plötzlich legte das Niederrollen einer kleinen Aschenlawine zwei melancholisch knisternde Scheite bloß. Eine kleine Flamme flackerte auf, sprühte, erbleichte, belebte sich wieder und wuchs endlich zu solcher Größe, daß sie das Innere des Herdes erleuchtete. Die zerstreuten Blicke der Reisenden, die mechanisch dem Schwanken des Lichtscheins folgten, fielen plötzlich auf eine Inschrift, die sich licht von einem der Kamingesimse abhob. Sie zuckte zusammen, fuhr mit der Hand über die schweren Lider, raffte einen flammenden Zweig auf, um die Buchstaben zu erkennen, und ließ ihn wieder fallen, indem sie mit bewegter Stimme ausrief:

»O Gott! wo bin ich? Ist das ein Traum?«

Bei diesem Ausruf erwachte jählings die Magd, wandte sich nach der Reisenden um und fragte, ob sie von ihr gerufen worden sei.

»Ja, ja!« rief die Fremde. »Kommen Sie hierher. Sagen Sie mir, wer hat diese zwei Namen an die Wand geschrieben?«

»Zwei Namen?« sagte die Magd verwundert. »Was für Namen?

»O!« sagte die Fremde mit einer gewissen Schwärmerei zu sich selbst, »ihren Namen und den meinen: Pauline und Laurentia! Und jenes Datum: 10. Februar 182 ..! – Sprechen Sie, sagen Sie mir, warum die Namen und das Datum dort stehen.«

»Madame,« entgegnete die Magd, »ich habe nie Acht darauf gegeben, und überdies kann ich nicht lesen.«

»Aber wo bin ich denn? wie heißt diese Stadt? Ist es nicht Villiers, die erste Station hinter L ...?«

»Nein doch, Madame. Sie befinden sich in Saint-Front, auf der Straße nach Paris, im Gasthaus zum gekrönten Löwen.« »O Himmel!« rief die Reisende fast überlaut, indem sie jählings aufsprang.

Die erschrockene Magd hielt sie für wahnsinnig und wollte entfliehen. Die junge Frau aber hielt sie mit den Worten zurück:

»O, ich bitte Sie, bleiben Sie und reden Sie mit mir! Wie kommt es, daß ich mich hier befinde? Sagen Sie mir, ob ich träume! Wenn ich träume, wecken Sie mich!«

»Aber Sie träumen nicht, Madame, und ich ebenso wenig, denke ich,« entgegnete die Magd. »Sie wollten also nach Lyon? Nun, mein Gott, Sie werden vergessen haben, es dem Postillon zu sagen, und er wird ganz natürlicherweise geglaubt haben, sie reisten nach Paris. In jetziger Zeit gehen alle Postwagen nach Paris.«

»Aber ich selbst habe ihm erklärt, ich führe nach Lyon.«

»Ach, Madame, Baptist ist taub, daß er einen Kanonenschuß nicht hören würde, und dabei schläft er die meiste Zeit auf seinem Pferde. Die Thiere aber sind die Straße nach Paris gewohnt« – – –

»In Saint-Front!« wiederholte die Fremde. »Seltsame Fügung, die mich zu den Orten zurückführt, die ich meiden wollte! Ich wählte einen Umweg, um nicht hierher zu kommen, und weil ich zwei Stunden geschlafen habe, führt mich nun der Zufall wider mein Wissen hierher! Nun, vielleicht ist es Gottes Wille. Sehen wir zu, ob ich hier Freude oder Schmerzen finden soll. – Sagen Sie mir doch, meine Liebe,« fügte sie hinzu, indem sie sich an das Mädchen wandte, »kennen Sie hier in der Stadt Fräulein Pauline D ...?«

»Ich kenne hier Niemand, Madame,« erwiderte das Mädchen. »Ich bin erst seit acht Tagen in dieser Gegend.«

»Dann rufen Sie mir eine andere Magd, irgend Jemand – ich will es wissen! Da ich einmal hier bin, will ich über alles Nachricht haben. Ist sie verheiratet? ist sie todt? Gehen Sie, gehen Sie, erkundigen Sie sich danach. So eilen Sie doch!«

Die Magd wandte ein, daß alle Dienerinnen zu Bett gegangen wären, und daß der Stallbursche und die Postillone nur über ihre Pferde Bescheid wüßten. Die allzeit fertige Freigebigkeit der jungen Dame bestimmte sie aber, den »Chef« zu wecken, und nach viertelstündigem Warten, das der Reisenden unendlich lang dünkte, erfuhr dieselbe endlich, daß Fräulein Pauline D ... noch nicht verheirathet sei und noch immer in der Stadt wohne. Sogleich befahl die Fremde, ihren Wagen in die Remise zu bringen und ein Zimmer für sie in Stand zu setzen.

Sie legte sich in Erwartung des Tages zu Bett, konnte aber nicht schlafen. Die Erinnerungen, welche lange Zeit eingeschlummert oder zurückgedrängt worden waren, gewannen jetzt all ihre Gewalt wieder über sie. Alle Gegenstände, auf welche ihr Blick im Gasthause zum gekrönten Löwen traf, erkannte sie...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.