Sand | Lelia (Autobiografischer Roman) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Sand Lelia (Autobiografischer Roman)

Skandalroman der Autorin von Die kleine Fadette, Die Marquise, Ein Winter auf Mallorca
1. Auflage 2015
ISBN: 978-80-268-4554-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Skandalroman der Autorin von Die kleine Fadette, Die Marquise, Ein Winter auf Mallorca

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-80-268-4554-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Lelia (Autobiografischer Roman)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. George Sand (1804-1876) war eine französische Schriftstellerin, die neben Romanen auch zahlreiche gesellschaftskritische Beiträge veröffentlichte. Sie setzte sich durch ihre Lebensweise und mit ihren Werken sowohl für feministische als auch für sozialkritische Ziele ein. So rebellierte sie beispielsweise gegen die Beschränkungen, die den Frauen im 19. Jahrhundert durch die Ehe als Institution auferlegt waren, und forderte an anderer Stelle die gleichberechtigte Teilhabe aller Klassen an gesellschaftlichen Gütern ein. Aus dem Buch: 'Es ist nicht mehr Zeit, Pulcheria. Mein Glaube ist schwankend, mein Herz erschöpft. Zur himmlischen Liebe gehört mehr Jugend und Reinheit, als zu irgend einer andern edlen Leidenschaft. Ich habe nicht mehr die Kraft, mein Gemüth zu einem immerwährenden Gefühle der Anbetung und der Erkenntlichkeit zu erheben. Ich denke oft nur an Gott, um ihn meiner Leiden zu beschuldigen und ihm seine Härte vorzuwerfen. Wenn ich ihn ja segne, so ist es, wenn ich an einem Kirchhofe vorbeikomme und an die Kürze des menschlichen Lebens denke.'

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XXIII

Stenio sah eines Morgens auf einem schattigen Fußsteige am Monte-Rosa einen schönen, ernsten Mann vor sich. Es war Magnus. Er schien lebhaften Eindrücken hingegeben zu seyn, und Schmerz und Freude in ihm zu wechseln.

Sowie er Stenio erblickte, kam er auf ihn zu.

„Nun, junger Mann!“ sprach er mit triumphirendem Blicke, „da bist du ja, allein und traurig. Das Weib ist nicht mehr!“

„Das Weib!“ rief Stenio. „Es giebt für mich nur eines auf der Welt. Von wem redest du?“

„Von dem einzigen Weibe, was es je für dich und mich gegeben hat, von Lelia. Sie ist todt!“ „Unglücklicher!“ schrie Stenio und faßte den Priester bei der Gurgel, „welche teuflische Worte hast du auf den Lippen? Welche wahnsinnige Gedanken bewegen dich? Wo kommst du her? Wo hast du die Nacht zugebracht? Woher weißt du, was du auszusprechen wagst? Seit wann hast du Lelia verlassen? Aber ich merke, Gott sey Dank, du hast den Verstand verloren. Du sprichst von der schrecklichen Krankheit, die uns beinahe Lelia vor einem Monate entrissen hätte. Ich sehe an deinem Haar und Barte, daß du lange Zeit auf den Bergen zugebracht hast. Komm mit mir, Unglücklicher, erzähle mir deine Leiden, ich will suchen, dich zu trösten.“

„Meine Leiden sind verschwunden,“ sagte der Priester mit einem Lächeln, welches man für eine himmlische Begeisterung hätte halten können, so süß und rein war es. „Ich lebe, Lelia ist todt. Wie ich in ihre Wohnung trat, fühlte ich den Boden unter mir zittern. Sie bat mich, sie zu retten, ich erinnere mich wohl; aber ich erinnerte mich damals auch der vergeblichen Bitten, die ich zu andern Zeiten an sie gerichtet, der fruchtlosen Thränen, die ich zu ihren Füßen vergossen hatte, und die Rache zog in mein Herz ein. Sie hatte meine Seele verderbt, sie hatte mir Gott geraubt; ich mußte mich rächen, auch Ihre Seele verderben und auch ihr Gott rauben; deshalb habe ich sie verwünscht, und bin gerettet worden. Gott hat meinen Muth belohnt. Es fiel mir ein Nebel vor das Gesicht, Lelia war verschwunden und ich fand mich allein am Eingange der Kathedrale. Der Tag brach an, der Nebel zerstreute sich, der steinerne Erzengel nahm die Trompete, welche er seit Jahrhunderten unbeweglich in der Hand hält, an den Mund und blies eine glänzende Fanfare, worin ich den Rettungsschrei unterscheiden konnte: Lelia ist nicht mehr! Die Nachteule zog sich unter den Säulenknauf zurück, der ihr zur Zuflucht dient, und wiederholte: Lelia ist nicht mehr! — Die Jungfrau von weißem Marmor, die ich nie anzusehen wagte, weil sie Lelia glich, diese blasse, schöne Jungfrau, mit sieben Schwertern im Busen und allen Seelenleiden auf der Stirn, stürzte zertrümmert auf die Stufen der Kirche. Ich könnte hundert Jahre leben, ohne das zu vergessen. Sprich, hast du die Trümmer gesehen?“

„Ich bin gestern vorbeigegangen,“ erwiederte Stenio, „und versichere dir, daß sie so schön ist, wie immer, und sich wohl befindet.“

„Lästere nicht, junger Mensch,“ sagte der Priester mit schrecklichem Ernst. „Gott würde dich mit seinem Fluche treffen, er würde dich rasend machen, ich fürchte, du bist es schon, denn du sprichst wie ein Wesen ohne Vernunft. Weißt du, was der Mensch ist, was Gott ist? Kennst du die Erde, kennst du den Himmel?“

„Priester, laß mich los,“ rief Stenio, den der Verrückte mit in seine Grotte ziehen wollte. „Ich kann deine Worte ohne Schaudern nicht anhören. Du verwünschest Lelia, du verdammest sie zum Nichts, und wagst es, von Gott zu reden und das Kleid seiner Diener zu tragen!“

„Kind,“ sagte der Priester, „weil ich Gott fürchte, weil ich das Kleid achte, welches ich trage, verwünsche ich Lelia als mein Verderben, meine Verführung, meinen Untergang! Lelia, die mir verboten war, zu besitzen, ja selbst zu begehren! Lelia, die abscheuliche, ehrlose, die mich im Innersten des Heiligthums aufsuchte, die die Heiligkeit des Altars schändete, um mich mit ihren höllischen Liebkosungen zu berauschen!“

„Du lügst,“ schrie Stenio wüthend, „Lelia hat dich nie verfolgt, nie geliebt!“

„Ach! ich weiß es,“ sagte der Priester ruhig; „du verstehst mich nicht.“ Er senkte den Kopf auf die Brust und verfiel in tiefe Träumerei. Stenio verließ ihn, ohne daß er es bemerkte.

XXIV

An einem schönen Frühlingsabende saß Lelia träumend auf der Terrasse der prachtvollen Villa Viola. Stenio sang zur Harfe. Plötzlich schwieg er, stürzte zu Lelia's Füßen und flehte um ein Wort der Liebe oder des Mitleids, um ein Zeichen von Leben oder von Zärtlichkeit. Sie nahm des jungen Mannes Hand und führte sie an ihre Augen: sie weinte.

„O!“ schrie er voll Entzücken, „du weinst! du lebst also endlich?“

Lelia spielte mit Stenio's Locken, zog ihn an sich, und bedeckte mit Küssen seine schöne Stirn, die sie nur selten mit den Lippen berührte. Um so mehr überraschte eine so plötzliche, glühende Liebkosung den jungen Mann, dem sie beinahe das Leben gekostet hätte; er hatte ja den ersten Frauenkuß von Lelia's kalten Lippen empfangen. Er wurde blaß, sein Herz hörte auf zu schlagen; dem Tode nahe, stieß er sie mit Gewalt zurück, denn er hatte nie den Tod so gefürchtet, als in diesem Augenblicke, wo das Leben sich ihm enthüllte.

Er mußte sprechen, um diesen schrecklichen Liebkosungen zu entgehen, diesem Uebermaße von Glück, was ihm peinlich war, wie das Fieber. 

„O! sage mir,“ rief er, indem er sich ihren Armen entwand, „sage mir, daß du mich endlich liebst!“

„Habe ich dir es nicht schon gesagt?“ erwiederte sie mit einem Blicke und einem Lächeln, wie sie Murillo der sich mit den Engeln zum Himmel schwingenden Jungfrau gegeben hätte.

„Nein, du hast es mir nicht gesagt,“ antwortete er, „du erklärtest nur, wie du dem Tode nahe warst, daß du lieben wolltest. Das wollte soviel sagen, daß du in dem Augenblicke, wo du das Leben verlassen solltest, bereuetest, es nicht genossen zu haben.“

„Und das glaubst du, Stenio?“ fragte sie mit einem Tone spöttischer Koketterie.

„Ich glaube nichts, aber ich suche dich zu errathen. O, Lelia! Alles, was du mir versprochen hast, war, daß du versuchen wolltest, zu lieben.“

„Gewiß,“ sagte Lelia, „ich habe nicht versprochen, daß es mir gelingen sollte.“

„Aber hoffst du, mich endlich lieben zu können?“ erwiederte er mit traurigem Tone und so süßer Stimme, daß sie Lelia's ganzes Gemüth aufregte.

Sie umfing ihn mit den Armen, und drückte ihn mit übermenschlicher Kraft an sich. Stenio, der ihr widerstehen wollte, fühlte sich durch diese Gewalt bezwungen, die ihn mit Schrecken erfüllte. Sein Blut kochte wie Lava und gerann wie diese. Ihm war bald heiß, bald kalt, bald wohl, bald wehe. War es Freude, war es Bangigkeit? Er wußte es nicht. Es war eines und das andere; es war mehr: es war der Himmel und die Hölle, Liebe und Scham, Verlangen und Furcht, Entzücken und Angst.

Endlich kam sein Muth wieder. Er erinnerte sich, wie oft und sehnlich er diesen entzückenden Augenblick herbeigewünscht habe; er verachtete sich selbst wegen seiner kindischen Zaghaftigkeit, und indem er sich einem plötzlichen Anfall der höchsten Begehrlichkeit hingab, beherrschte er nun seinerseits die Geliebte, umfaßte sie innig und preßte seinen Mund auf den ihrigen, auf diesen süßen, weichen Mund, dessen Berührung ihn erst recht in flammen setzte … Aber Lelia stieß ihn zurück, und sagte kalt und trocken:

„Laß mich, ich liebe dich nicht mehr!“

Stenio sank vernichtet zu Boden. Er glaubte zu sterben, wie er so plötzlich die Kälte der Verzweiflung und der Scham, den Durst der Liebe und das Fieber der Erwartung in sich ersticken fühlte.

Lelia schlug ein Gelächter auf. Der Zorn belebte ihn wieder, er erhob sich und überlegte einen Augenblicks ob er sie nicht tödten solle.

Aber dies wäre keine Rache gewesen, die Frau war so gleichgültig gegen das Leben. Er bemühte sich daher, eine kalte Philosophie zu zeigen, aber er hatte kaum drei Worte hervorgebracht, als ihm die Thränen aus den Augen stürzten.

Lelia umarmte ihn von neuem, und da er es nicht mehr wagte, ihr Liebkosungen zu bezeigen, so überhäufte sie ihn damit bis zum Berauschen; wie sie aber fühlte, daß er sich belebte und vor Vergnügen zitterte, legte sie ihm die Hand auf den Mund und schob ihn von sich.

„Schlange!“ schrie er und versuchte aufzustehen, um zu fliehen.

Sie hielt ihn zurück.

„Komm wieder an mein Herz,“ sagte sie. „Ich liebte dich eben so sehr, wie du mit ungekünstelter Scheu meine Küsse gleichsam wider deinen Willen hinnahmst. Siehst du, wie du die Worte sprachst: hoffst du, mich noch lieben zu können? da fühlte ich, daß ich dich anbetete. Du warst da so demüthig! Bleibe so, so liebe ich dich. Wenn ich dich zittern und vor der Liebe, die du suchst, zurückschrecken sehe, scheint es mir, als sey ich jünger und feuriger, als du. Das macht mich stolz und entzückt mich, das Leben entmuthigt mich nicht mehr, denn ich bilde mir ein, daß ich es geben könne; wenn du aber kühn wirst, mehr von mir begehrst, als mir zu fühlen verliehen ist, so verliere ich die Hoffnung, es erschreckt mich, zu lieben und zu leben. Ich leide und bedaure, mich wieder einmal getäuscht zu haben.“

„Armes Weib!“ rief Stenio voll Mitleid.

„Ach! kannst du nicht immer so ängstlich und pochenden Herzens meine Liebkosungen hinnehmen?“ fuhr sie fort und zog seinen Kopf auf ihren Schooß. „Laß mich meine Hand um deinen weißen, schönen Nacken...



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