E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Sandahl »Mama, ich will spielen!«
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-26083-5
Verlag: Mosaik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum dänische Kinder resilienter und kreativer sind
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-641-26083-5
Verlag: Mosaik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Iben Dissing Sandahl ist Psychotherapeutin und Familienberaterin und seit vielen Jahren in eigener Praxis bei Kopenhagen tätig.
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Die dänische Art
Das Spielen macht einen großen Teil des Dänischseins aus. Es ist seit Jahrhunderten ein grundlegender Bestandteil der dänischen Tradition. 1871 entwickelten die Dänen Niels und Erna Juel Hansen die erste spielorientierte Erziehungstheorie, die von Friedrich Fröbel, einem deutschen Pädagogen, inspiriert war. Juel Hansen hielt das Spiel für wesentlich für die Kindesentwicklung, und in Dänemark hat diese Einschätzung immer noch Bestand. Die dänische Art der Kindererziehung spiegelt viele Aspekte der dänischen Kultur wider – bezogen auf den wirtschaftlichen Kontext, unsere Teilhabe an der Politik und unsere ethischen Grundsätze für die Interaktion innerhalb einer Gemeinschaft.
»Kinder lernen beim Spielen. Vor allem lernen Kinder im Spiel zu lernen.«
O. Fred Donaldson
In den USA und vielen anderen Ländern wird das Spiel zum Teil als Zeitverschwendung angesehen, da Lernen als wichtiger gilt. Viele Eltern auf der ganzen Welt konzentrieren sich auf die Bildung, und das Spielen wird traditionell nicht als Beitrag zum Lernen gesehen. Asiatische Eltern legen sehr viel Wert auf große Anstrengung, Disziplin und geplante Aktivitäten. Amerikaner sind häufig zielorientiert und lehren ihre Kinder, unabhängig, selbstbewusst und erfolgreich zu sein. In Afrika braucht es anscheinend ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen, da alle sich für jedes Kind verantwortlich fühlen, als ob es ihr eigenes sei. Südamerikaner wirken oft sehr geradlinig und autoritär, während Araber traditionelle Erziehungsmethoden bevorzugen und im Allgemeinen weniger Wert auf die seelischen und sozialen Bedürfnisse von Kindern unterschiedlichen Alters zu legen scheinen.
Doch wo wir auch leben: Das Spiel ist immer ein Ausdruck der eigenen Kultur. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem Kinder nicht spielen.
Die dänische Erziehungsmethode unterscheidet sich dadurch von anderen, dass die Kinder sehr viel Gelegenheit zum unstrukturierten Spiel haben, dass es viele Aktivitäten im Freien und häusliche Umfelder gibt, in denen Kinder aufblühen können. Spontanes Spiel findet eher statt, wenn die Kinder sich sicher fühlen und in einer von Akzeptanz und dem Satz »Es ist in Ordnung« geprägten Atmosphäre leben.
Die Dänen kennen den Wert des freien Spiels seit den Anfängen der Pädagogik, und es liegt nahe, im freien Spiel einen der Hauptgründe dafür zu sehen, dass aus dänischen Kindern Erwachsene werden, die seit 40 Jahren zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen. In Dänemark gilt das Spielen nicht als faulenzerischer Luxus, sondern als Eckpfeiler der Entwicklung. Im Spiel können Kinder ohne die Einschränkungen des Erwachsenenlebens ihr volles Potenzial entdecken und ihre individuellen Talente entwickeln. Ich bin davon überzeugt, dass das Spielen in naher Zukunft als die pädagogisch wertvollste Aktivität gelten wird. Und sie kostet keinen Cent. Sie verlangt von den Eltern allenfalls ein wenig Präsenz und Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass wir gemeinsam die Ketten einer durchgeplanten Lebensstruktur sprengen und der Fantasie unserer Kinder freien Lauf lassen, damit sie im Inneren ihre eigene Struktur finden können.
Die Grundlagen der dänischen Pädagogik
Dänemark besitzt eine lange historische, kulturelle und pädagogische Tradition, die uns meiner Meinung nach von anderen Ländern unterscheidet. Wie andere skandinavische Länder hält sich auch Dänemark an die UN-Kinderrechtskonvention, die nicht nur die Erfüllung der Grundbedürfnisse (ein Dach über dem Kopf, materielles Wohlergehen und ein Gefühl von Sicherheit) vorsieht, sondern auch nahelegt, das einzelne Kind zu respektieren, worauf in skandinavischen Schulen und Kindergärten großer Wert gelegt wird. Die Dänen haben großes Vertrauen zueinander, und das politische System basiert auf Werten, die uns wichtig sind, wie sozialer Zusammenhalt und Toleranz. Die Meinungsfreiheit ermöglicht den öffentlichen Diskurs über neue Ansätze und Methoden innerhalb der Pädagogik. Ein Diskurs, bei dem sich oft die Geister scheiden, wenn es darum geht, herauszufinden, was das Beste für unsere Kinder ist. Manche Menschen finden neue pädagogische Ideen aufregend, exotisch und inspirierend. Andere fühlen sich provoziert und finden neue pädagogische Philosophien befremdlich und unwichtig. Und das ist völlig in Ordnung – glücklicherweise gibt es bei uns Raum für unterschiedliche Ansichten.
Ein Großteil der dänischen Lernkultur basiert auf dem Konzept der sogenannten 1. Das bedeutet, dass ein Kind genug Freiraum braucht, um sich im richtigen Bereich mit dem richtigen Maß an Hilfe zu entwickeln. Wenn wir Kinder zu sehr unter Druck setzen oder in eine bestimmte Richtung drängen, besteht die Gefahr, dass sie die Freude am Lernen verlieren und ängstlich werden. Das ist einer der Gründe dafür, dass das freie Spiel ein grundlegender Bestandteil der dänischen Kindererziehung zu Hause und in pädagogischen Einrichtungen ist.
Der Erfolg und die Freude, die Kinder im freien Spiel finden können, spiegeln die Stärke und Resilienz ihres inneren Kompasses wider.
Freies und fröhliches Spiel entsteht aus einem inneren Bedürfnis, sich auszudrücken. Dieser Drang, sich weiterzuentwickeln, ist eng mit der Ausbildung eines starken inneren Kompasses verbunden. Das Bedürfnis, sich einzubringen, zu forschen, Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen, stärkt diesen wichtigen inneren Kompass, den unsere Kinder ihr Leben lang brauchen. Je stärker das Gefühl eines Kindes für seinen inneren Kompass ist, desto besser fühlt es sich insgesamt. Der innere Wegweiser führt Kinder durch das Leben und trägt zu ihrem Glück bei. Ein starker innerer Kompass und ein ausgeprägtes Gefühl für das eigene Selbst machen echtes Selbstwertgefühl aus. Die Dänen sind gut darin, den inneren Antrieb von Kindern zu fördern, indem sie den Bereich der proximalen Entwicklung respektieren, statt sich auf externe Erfolgskriterien zu konzentrieren.
Für Eltern ist es wichtig, die Zone der proximalen Entwicklung bei ihrem Kind zu erkennen. Also nicht die Entwicklungszone, in der man das Kind gerne sehen würde, sondern diejenige, in der es sich tatsächlich befindet. Ich muss betonen, dass diese beiden Zonen nicht immer übereinstimmen. Man erkennt die Entwicklungszone, indem man auf Initiativen oder Ideen des Kindes achtet. »Das kann ich schon selber!«, »Darf ich den Hund ausführen?«, »Du setzt dich da hin, Papa, und ich setze mich hierhin.«, »Schau mal, wie hoch ich schon klettern kann!« oder »Du kannst ruhig das Licht ausmachen, wenn ich schlafe«. Diese Aussagen deuten auf den aktiven Versuch hin, etwas Neues auszuprobieren, zu dem sich das Kind nun bereit fühlt. Stehen Sie diesen Initiativen möglichst nicht im Weg, sondern helfen Sie Ihrem Kind, sicher voranzuschreiten. Lassen Sie Ihr Kind glauben, dass es die Kontrolle hat. Schenken Sie ihm Ihr Vertrauen – Kinder wachsen daran, wenn man ihnen zeigt, dass man an sie und ihre Fähigkeiten glaubt.
»Das freie Spiel bietet uns die Möglichkeit, ein mentales Gerüst um die Persönlichkeit unseres Kindes herum aufzubauen, um sicherzustellen, dass sein Fundament tragfähig ist.«
Spielen und Bewegung sind wesentlich für die Entwicklung rundum gesunder, glücklicher Kinder. Auch wenn das Spiel schwierig ist, sind Kinder freudig erregt, wenn sie feststellen, dass sie ihren Körper und ihr Handeln unter Kontrolle haben. »Ich hab’s geschafft!« bedeutet, sich gut zu fühlen und ein Erfolgserlebnis zu haben, wenn man Mut gezeigt hat. Mut ist in der Kindheit, in der Jugend und auch im späteren Leben erforderlich. Hier passt der Begriff »Gerüst« sehr gut und dient als schöne Metapher für die Unterstützung des Mutes von Kindern, wenn sie sich weiterentwickeln und Dinge ausprobieren: Wenn ein Haus gebaut wird, braucht es ein Gerüst, das es stützt. Sobald es von allein stehen kann, kann das Gerüst entfernt werden. Im übertragenen Sinn bauen wir ein mentales Gerüst um die Persönlichkeit unseres Kindes herum, um sicherzustellen, dass sein Fundament tragfähig ist.
Jedes Kind ist einzigartig
In Dänemark werden Lehrer dafür geschult, nach einem Prinzip zu arbeiten, das »Differenzierung« genannt wird. Das bedeutet im Wesentlichen, dass Lehrer lernen, jedes Kind als Individuum mit eigenen Bedürfnissen zu betrachten. Die Lehrer erstellen in Zusammenarbeit mit dem einzelnen Schüler zielorientierte Pläne und bewerten seine Entwicklung zweimal pro Jahr. Die Ziele können akademischer, persönlicher oder sozialer Art sein. Der Grundgedanke besteht darin, dass Lehrer durch Differenzierung die individuellen Bedürfnisse von Schülern leichter erkennen können.
Das ist eine großartige Inspiration für dänische Eltern, denn die Art, wie man Kinder sieht, wirkt sich sehr stark darauf aus, wie man mit ihnen umgeht. Wenn man sie als ungezogen und manipulativ betrachtet, reagiert man entsprechend. Wenn man sie als unschuldige Wesen sieht, die nur genau das tun, worauf sie von Natur aus programmiert sind, ist man viel eher geneigt, sie zu unterstützen, ihnen zu verzeihen und ihnen zu helfen, statt sie zu bestrafen. Die Motive von Kindern zu verstehen ist unerlässlich, um als Eltern angemessen auf ihr Verhalten reagieren zu können. Wenn Kinder unangemessene Reaktionen von Erwachsenen erleben, leidet ihre Fähigkeit, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Ich denke, dass wir als Erwachsene alle versuchen, so konsequent und fair wie möglich unseren Kindern gegenüber zu sein.
Ich war als Kind unglaublich eigensinnig und temperamentvoll. Wenn meine Schwester ein Spielzeug...




