E-Book, Deutsch, Band 1, 300 Seiten
Sander Die Kobra von Kalkutta
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98672-081-0
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein viktorianischer Krimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 300 Seiten
Reihe: Die Fälle von Inspector Montgomery
ISBN: 978-3-98672-081-0
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bei seinen Ermittlungen zu einem Einbruch im Londoner West End stößt Andrew Richard Montgomery, Inspector der jungen Metropolitan Police, auf die Leiche eines chinesischen Händlers.
Er versucht, mehr über den Toten herauszufinden, doch dessen Spur verliert sich im Nebel der Stadt. Zu allem Überfluss scheint der Untersuchungsbericht des Coroners gefälscht worden zu sein und der einzige Hinweis, der Montgomery bleibt, verwickelt ihn in die Angelegenheiten der Ostindienkompanie in den Monaten vor dem Opiumkrieg.
Was als einfacher Einbruch begann, entpuppt sich bald als Intrige gegen die mächtigste Organisation des Empires.
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Kapitel 1
Die frei stehende Villa erhob sich vor ihm aus dem dichten Nebel, der erst in der letzten Stunde aufgezogen war. Gelber Rauch stieg aus den Schornsteinen und verpestete mit seinem süßlichen Gestank nach Verwesung den frühen Novemberabend. Andrew Richard Montgomery stand zögerlich vor dem Tor. Er hatte den Kragen seines grauen Mantels vor das Gesicht geschlagen, sodass seine Brille durch den eigenen Atem beschlug. Sein Stiefbruder Alan hatte ihn zum Dinner eingeladen, aber ein Abendessen mit seinem Stiefvater und dessen Freund Robert Tyson war mit Abstand der letzte Zeitvertreib, nach dem ihm der Sinn stand. Insbesondere, wenn es Wichtigeres zu tun gab. Den Sohn eines Hafenwirtes von Dummheiten abzuhalten, zum Beispiel. Aber Montgomery hatte seinem Bruder seinen Beistand an diesem Abend zugesagt und nicht zum Abendessen zu erscheinen, käme einem Verrat gleich. Er seufzte, schüttelte sein Zögern ab und trat durch das hohe, schmiedeeiserne Tor in den ungepflegten Garten. Der Kiesweg knirschte leise unter seinen Schritten, führte ihn an einem morschen Baum vorbei zur Treppe vor der Eingangstür. Er griff nach dem Klingelseil und zog daran. Das Läuten durchbrach die Stille wie ein Schuss und war noch nicht verklungen, als Cunningham ihm öffnete. Der Butler des Hauses Madbell war ein grauhaariger Mann, der sein erstes halbes Jahrhundert schon einige Jahre hinter sich gelassen hatte. Dennoch hielt er seinen Kopf aufrecht auf Schultern, die einem Soldaten Ehre gemacht hätten. Er blinzelte den Gast erstaunt an. »Lord Andrew? Was für eine Überraschung. Der Lieutenant Colonel rechnet nicht mit Ihrem Besuch, fürchte ich.« »Dann hat mein Bruder ihn schlecht vorbereitet, Cunningham.« Montgomery lächelte flüchtig. Madbells Butler war das Einzige, was seine Familie noch mit seinem Stiefvater verband. Ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der seine Mutter noch lebte. »Wo kann ich den Lieutenant Colonel finden?« Cunningham trat von der Tür zurück, ließ den Gast eintreten und half ihm in der Eingangshalle aus dem Mantel. »Er und Mister Tyson sind im Salon. Vielleicht können Sie ihnen für eine Partie Whist Gesellschaft leisten?« »Und mein Bruder? Seinetwegen bin ich hier, er hat mich eingeladen.« Cunningham hängte den Mantel und Montgomerys Zylinder an eine Garderobe. Er machte ein bedrücktes Gesicht. »Ich fürchte, er versucht wieder einmal, seinen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen. Er ist vor etwa einer Stunde gegangen, kurz bevor Mister Tyson eingetroffen ist.« Montgomery sog die Luft durch die Zähne. Das sah Alan ähnlich. Erst bat er ihn bei den Hochzeitsverhandlungen zwischen dem Alten und Tyson um Beistand und dann floh er wie ein verängstigtes Schulgör. Wieso überließ er es immer ihm, Madbell um einen Aufschub zu bitten? Montgomerys Nasenflügel zuckten. Statt hierherzukommen, hätte er seinen Assistenten zum Hafen begleiten sollen, um nach Thomas zu sehen. Mit der Bande im Nacken, brauchte der Junge wirklich seine Hilfe. Aber nun war es zu spät, um umzukehren. Cunningham war bereits am Salon, um ihn anzukündigen. Wenn er jetzt ging, wäre sein Verhalten an Unhöflichkeit kaum zu überbieten, selbst in Alans Abwesenheit. Also trat er nach dem Butler in das Herrenzimmer mit der grünen Tapete und dem Whist-Tisch vor dem Fenster. Sein Blick fiel zuerst auf Alastair Madbell, der auf einem Sessel am Kamin saß und Pfeife rauchte. Ein kleiner Mann mit winzigen Augen, die hinter einem Zwicker in einem feisten Gesicht verschwanden. Auch der Bauch, den er vor sich hertrug, deutete nicht darauf hin, dass er erst vor einem halben Jahr den Dienst in der Miliz der Ostindien-Kompanie beendet hatte. Jedenfalls dann nicht, wenn Montgomery seinen Geschichten über seine Einsätze im Dschungel Glauben schenkte. »Andrew, mein Junge!« Die Stimme des Lieutenant Colonels war künstlich hoch und er näselte. »Was für eine freudige Überraschung! Was führt dich hierher?« »Guten Abend, Lieutenant Colonel. Guten Abend, Mister Tyson.« Montgomery nickte dem anderen Mann zu, der sich aus seinem Sessel vor dem Kamin erhob und verbeugte. Als Tyson sich wieder aufrichtete, legte sich sein Blick eisig auf Montgomerys Gesicht. Sein schwarzer Schnurrbart bewegte sich kaum als er sprach: »Guten Abend, Lord Andrew. Sind Sie hier, um ebenfalls um die Hand meiner Tochter anzuhalten? Ich würde Ihnen den Vorzug vor ihrem Bruder geben.« Montgomery rümpfte die Nase. »Inspector Montgomery ist völlig ausreichend, Coroner. Und zu Ihrem Glück gilt mein Interesse nicht Ihrer Tochter. Oder wollen Sie sie tatsächlich mit einem einfachen Polizisten verheiraten?« Tyson verengte die Augen. Für einen Augenblick starrten die beiden Männer einander an, ehe sich der Coroner wieder vor den Kamin setzte. Er sah an Montgomery vorbei aus dem dunklen Fenster, seine Stimme hatte nicht an Überheblichkeit verloren. »Zu schade, Mylord, wirklich. Sie sollten die Verbrecherjagd endlich denen überlassen, deren Stand von ihnen verlangt, im Dreck zu wühlen.“ „Eine Jagd, gleich welcher Art, ist das Vergnügen des Adels, finden Sie nicht?“ „Sie sind unverbesserlich, Mylord.“ Tyson seufzte affektiert, seine Stimme hatte nicht an Überheblichkeit verloren „Aber wie ich Sie kenne, werden Sie dieses unstandesgemäße Spiel kaum aufgeben, solange Sie noch jung sind. Also bleibt mir nur zu hoffen, dass Ihr Bruder die Dinge anders betrachtet. Eine Allianz unserer Familien wäre aus so vielen Gründen wünschenswert.« »Apropos.« Montgomery wandte sich zu seinem Stiefvater um, froh darüber, von sich ablenken zu können. »Wo ist Alan? Er hat mich für heute Abend eingeladen, aber Cunningham meinte, er sei nicht im Haus?« »Dein Bruder hat noch etwas zu erledigen. Er meinte, er habe einen Kameraden aus Kalkutta in der Stadt getroffen und wolle ihm helfen, eine Unterkunft zu finden. Aber er wird bis zum Essen zurück sein. Warum leistest du uns nicht so lange Gesellschaft? Vielleicht bei einer Partie Whist mit Strohmann?« Madbell wartete nicht auf eine Antwort, löschte seine Pfeife, schälte sich aus dem Sessel und wackelte zum Fenster. Montgomery verdrehte die Augen, doch er fügte sich. Whist war ein stilles Spiel und so konnte er wenigstens Tysons Sticheleien umgehen. Der Coroner hatte kaum die Karten ausgeteilt und sein eigenes Blatt aufgenommen, als ein junger Mann den Raum betrat. Er eilte mit strammen Schritten auf den Lieutenant Colonel zu, ohne die anderen Anwesenden zu grüßen, strich sich das feuchte Haar aus der Stirn, beugte sich zum Ohr des Hausherrn hinab und flüsterte ihm etwas zu. Montgomery versuchte, unauffällig zu lauschen, doch er verstand kein Wort. Dennoch lächelte er seinen Stiefbruder an, als dieser sich aufrichtete. Alan erwiderte das Lächeln flüchtig. Er strich seinen für seine Verhältnisse ungewöhnlich gediegenen, schwarzen Gehrock glatt, unter dem eine gelbe Seidenweste mit bunten Stickereien hervorschimmerte. »Guten Abend, Mister Tyson. Guten Abend, Andy.« »Guten Abend, Regi«, gab Montgomery zurück und grinste über Alans wütenden Blick. »Ich hörte, du hättest noch zu tun gehabt?« »Ein Freund im Club brauchte meine Hilfe.« Montgomery legte den Kopf schief und musterte seinen Bruder. »Im Club? In diesem Aufzug?« »Was ist daran falsch?« Alan schüttelte den Kopf. Er sah an sich hinunter und begriff. »Ich hatte mich bereits für das Abendessen umgezogen. Vater mag die bunten Stoffe nicht sonderlich.« Madbell erhob sich wie auf Kommando aus dem Stuhl, legte sein Blatt mit der Bildseite nach unten ab, streckte sich und wackelte an Alan und Montgomery vorbei zu den Sesseln am Kamin. »Das ist wahr. Die übertriebene Farbenfreude sollte man den Indern überlassen. Als Engländer macht man sich damit nur lächerlich. Ebenso wie mit manch albernem Zeitvertreib.« Alan schwieg, Tyson nickte zustimmend und folgte Madbell zu den Sesseln. Montgomery bewahrte Haltung, auch wenn der zweite Satz eindeutig gegen ihn gerichtet war. »Was ist mit der Partie, Lieutenant Colonel?« Madbell winkte ab. »Wir können nach dem Essen ein neues Spiel anfangen, jetzt, da wir genug Spieler haben. Nicht wahr, Alan?« »Sicher. Ich freue mich«, antwortete Alan mit belegter Stimme. ...




