E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Reihe: Frieling - Anthologien
Sanders Welt der Poesie
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8280-3780-9
Verlag: Frieling & Huffmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Almanach deutschsprachiger Dichtkunst. 23. Edition
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Reihe: Frieling - Anthologien
ISBN: 978-3-8280-3780-9
Verlag: Frieling & Huffmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Gedicht lebt. Es bringt Gefühle und Eindrücke auf kleinstem Raum zum Ausdruck und stiftet Gemeinschaft zwischen Schreibenden und Lesenden. Ob es neckisch mit Klang und Bedeutung der Worte spielt, um die ewigen Themen des Lebens ringt oder die Tiefen der Seele ergründet – immer lässt es den ganz individuellen Blick seines Schöpfers oder seiner Schöpferin auf die Welt aufblitzen und knüpft enge Bande über Zeit und Raum hinweg.
Die WELT DER POESIE erkundet die lyrischen Landschaften unserer Zeit. Vom humorvollen Vierzeiler bis zum vielgliedrigen Gedichtzyklus, von der klassischen Form des Sonetts bis zum freien Spiel mit der Sprache präsentiert dieser Band die Werke zeitgenössischer Dichterinnen und Dichter. Hier wird die Schönheit der Natur besungen, in zarten Versen an geliebte Menschen erinnert, das Wunderbare im Alltag entdeckt und in humorvollen wie schmerzhaften Zeilen das Zeitgeschehen kommentiert. Ein Dokument der Kreativität und Vielseitigkeit heutiger Poesie.
27 POETINNEN UND POETEN präsentieren ihre Werke im ALMANACH DEUTSCHSPRACHIGER DICHTKUNST DES JAHRES 2023: Christian Barsch • Carl-Walter Bauer • Eva-Marie Brodheim-Egbuna • Diethelm Max Bubbel • Sonja Dworzak • Manfred Elsässer • Regina Franziska Fischer • Simon Felix Geiger • Werner Hauke • Jürgen Heider • Annedore Hirblinger • Maurice Hönscher • Andreas Kulfosz • Sabine Lange • Alija Levkovich • Brigitte Lohan • Malin Luv • Hilde Mai • Joanna Masseli • Günther Melchert • Jürgen Molzen • Evert Sanders • Samira Schogofa • Sigrid Steinke • Steffen Teichmann • Wolfgang A. Windecker • Inna Zagrajewski
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
CHRISTIAN BARSCH
HEXE KRET
89.
Schlimm, wenn man den Schluß der Spur
ansieht, drauf die Kreatur
hineilt. Zeiger stockt der Uhr.
Göttin Nacht
(sie ist mild
und nicht wild)
enderfüllt
tiefen Schacht,
der nicht lacht,
der nicht schilt.
Das arme Huhn
gackernd, schreiend, todesängstlich, scheut
Henkersacks furchtbare Dunkelheit.
Der Karpfen im hellen Laden
hatte sich noch einmal aufgerappelt
nach dem Fang – wie er jetzt klatschend zappelt.
Siechenhaus. Schlachthof und -feld
wollen wir beschweigen. Klang der Worte
suggeriert präzis den Graus der Orte.
Stolzer Vielkreis – wer sagt nein? –
scheint wohl nicht gemacht zu sein
– wir wollen gerecht
sein, ihn weder schlecht
machen, noch ihn kränken –,
in verschiedner Hinsicht
(wie man drum auch Sinn flicht)
drüber nachzudenken.
Alles scheint vorläufig, krumm
und voll Grat. Nur Tod
(Kreisendegebot)
ist – seht Bein und Stein
vor ihm zittern – kein
Provisorium.
Die arme Maus
trägt des Schicksals Siegel – kleiner Welt
Speckglück ist die Falle schon gestellt.
Denn dies winzig-arme Vieh
lebt am Mond-Tag früh
nicht mehr. Der Kalt-Reiche
reißt mit harter Kralle
aus Stahlbügelfalle
arme Mauseleiche.
(Magus Sim:
„Oh, so schlimm …“)
90.
Farbige Feier mit Bedeutung,
nicht nächtlich auf dem Blocksberg, heute
im gelben Saal, tanzt wilde Meute
(klar unter Magnamagas Leitung).
Die Oberkörper in schwarzrotem
Wollgestrick, tief im Aug Todtotem,
Schlangengezüngel statt der Haare,
umgaukeln sich Gespensterpaare.
Zu süßester Musik schrillt irrer
Beschwörungsmurmelsang; wirr-wirrer
wogt das Ballett; grausig dazwischen
sieht weiße Teufel man sich mischen.
(Das sind die schlimmsten.)
„Rücksicht reißt ab,
grabt das Grab.
Lange haben wir gescherzt,
bald werden sie ausgemerzt!
Zählt Maßholzes wenige Kerben,
dann sollen sie sterben!
Bluttriefende Hand,
bespritzte Wand,
Knochenberggeschmauch,
süßlicher Rauch
werden dann sein,
schön sollen sie schrein.
Rücksicht reißt ab,
grabt das Grab!“
Zu lieblicher Musik schrillt irrer
Beschwörungsmurmelsang; wirr-wirrer
zu Häupten der Gespensterpaare
auf züngeln zischend Schlangenhaare.
Die Oberkörper in schwarzrotem
Wollgestrick, Augen voll Todtotem,
wogt das Ballett; grausig dazwischen
sieht weiße Teufel man sich mischen.
Im gelben Saal tanzt wilde Meute
(Hex Magnamaga führt das Steuer)
zu süßem Sang, zu Gluthaars, Feuer-
haupts, Flammenkopfs dumpfem Geläute.
(Das ist das schlimmste.)
91.
Kret liest abends oft im Wetterbuch
ihres Vaters, und sie denkt dabei viel;
hexographengemäß folgt auszug-
weise dies- und jener Spruch als Beispiel.
*
Geben nicht Gewölk und Wolkenformen
zu Betrachtung und Vergleichen Anlaß?
Schenkt das Wetter nicht den Vielen Normen?
Maßhalten im Stets-mehr! Doch wer kann das?
Kret denkt still: „Er war Empiriker
(sah die Dinge, folgerte draus wann was)
und dabei zugleich wohl Lyriker.“
Alles das hört Vetter Sim
gleichsam mit, sagt munter: „Nimm
deine Brille von der Nase,
liebe Venefica-Base.
Heut ergötzt luxuriös-
extravagantes Gerase,
deshalb schätzt man kaum mehr Me-
teorologieemphase.“
HEXE KRET
92. RUNDGESANG
Aus Herbstnachtsturmflügeln,
was lebt, aufzuwiegeln
zum Teuflischen, Bösen,
sind wir erlesen!
Naturkatastrophen
(Vulkans Feuerofen,
Poseidons wild Fließen
und, zum Verdrießen,
Orkans Mauersplittern,
gar Seismos grob Zittern)
wollt, Viellein, ihr zügeln?
Sollt euch verprügeln,
wüst zanken, vergiften
ergehn in Schmähschriften,
das hält euch in Trab,
lenkt von uns ab
(Streit Armut – Besitz
von Dürre und Blitz,
von Sturmwut und Nacht
Geist wider Macht).
Eilt fort, Böses flüstert!
Wir, chaosverschwistert,
verstreun unsren Fleiß
euch, eurem Kreis.
93.
Die Herren X und Y
rätseln am Namen „Acrep“ schon
geraume Zeit herum – am Namen
des Manns, dem Altes durchzukramen
bestimmt zu sein scheint; aufzuräumen,
von Renovierung gar zu träumen;
und der, indem er Wegwurf pflegt,
zu seiner Ordnung überlegt
(wobei er fraglos mit ihr tändelt,
doch solch Pedanterie bemäntelt):
„Da große ich nicht haben kann,
nehme ich mich der kleinen an“ –
rätseln schon lange, sagten wir,
herum und gehn dann zum Magier.
Sim rät aus dem Ärmel, anscheinend im Schlafe,
hier hülfe nur
quadratmagisch-kreuzbrave
Schlüsselfigur:
A
C
A C R E P
E
P
94. BEIM OBERSATAN
Der Morgen dämmert übers Zackenrund.
Seht, Kret hexomobilt zu früher Stund
landschlößchenwärts, des Würdigen, Alten
gnädigen Segen zu erhalten.
Gedrängel am Portal. Und im Vorzimmer
ist das Gedrängel bunten Volks noch schlimmer.
Dann führen Diener, blau livriert,
Kret ihm zu, der mildest regiert.
Kurzhornig, weißscheitlig, dämoneutral
gibt er Hex-Amen in rotgoldnem Saal,
besorgt er seinen Teil Welt-Schaltung.
Er schließt mit Kret die Unterhaltung:
„… ein Geschlecht, meine Tochter,
das niemand ganz ausstudiert.“
Während des Segens sind die innren Stimmen
aktiv: Behutsam umeinander...




