E-Book, Deutsch, Band 7, 496 Seiten
Reihe: Ein Lucas-Davenport-Thriller
Sandford Böses Spiel
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-187-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Lucas-Davenport-Thriller 7 | »Einer der größten Autoren aller Zeiten«, sagt Stephen King
E-Book, Deutsch, Band 7, 496 Seiten
Reihe: Ein Lucas-Davenport-Thriller
ISBN: 978-3-98952-187-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
John Sandford ist das Pseudonym des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Journalisten John Camp. Seine Romane um den Polizisten Lucas Davenport stürmten allesamt die amerikanischen Bestsellerlisten und machten ihn international bekannt. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er mit dem »International Thriller Award« ausgezeichnet. John Sandford lebt in Minneapolis. Die Website des Autors: www.johnsandford.org/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/JohnSandfordOfficial/ Der Autor auf Instagram: www.instagram.com/johnsandfordauthor/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine internationale Bestseller-Reihe um den Polizisten Lucas Davenport mit den Titeln: »Schule des Todes« »Das Ritualmesser« »Blinde Spiegel« »Stumme Opfer« »Eisiger Zorn« »Messer im Schatten« »Böses Spiel« »Kalte Rache« »Jagdpartie« »Spur der Angst«
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Kapitel 1
Der Sturm kam am späten Nachmittag auf, und kompakte graue Wolken jagten über den See dahin wie schmutzige und zusammengerollte Sportsocken, die aus einem Korb purzelten. Ein kühler Wind riß die Blätter von den Ulmen, Eichen und Ahornbäumen am Ufer. Die weißen Flammenblumen und Schwarzäugigen Susannen verbeugten davor tief ihre Köpfe.
Das Ende des Sommers nahte – viel zu früh.
John Mail lief über das Schwimmdock von Irv’s Bootswerft, und die Gerüche von Premix-Benzin, zum Trocknen aufgehängten Elritzen und Moos stiegen ihm in die Nase. Der Alte humpelte hinter ihm her und hatte die Hände tief in den Taschen seines abgewetzten Kittels vergraben. John Mail verstand nicht viel von altmodischen Motoren und ihren Bestandteilen wie Anlasser, Zündkerzen oder Vergaser. Er kannte sich weit besser mit Dioden, Widerständen und den Schwächen und Stärken von Chips aus. Doch in Minnesota saugen die Menschen die Bootskunde mit der Muttermilch auf. Es kostete ihn keine Mühe, eine 14-Fuß-Lund mit einem 9.9 Johnson Außenborder zu mieten. Bei Irv’s brauchte man dafür nur den Kapitänsbrief vorzulegen und einen 20-Dollar-Schein zu hinterlegen.
Mail stieg in das Boot, wischte mit einer Handfläche den Wasserfilm von der Sitzbank und ließ sich dann nieder. Irv hockte sich auf den Steg neben das Gefährt und erläuterte seinem Kunden, wie man den Motor startete und ausschaltete, wie man steuerte und wie man beschleunigte. Diese Nachhilfestunde nahm nur dreißig Sekunden in Anspruch, dann fuhr John Mail mitsamt seiner billigen Zebco-Angel und einer leeren roten Werkzeugkiste aus Plastik auf den Minnetonka-See hinaus.
»Seien Sie vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück!« rief Irv ihm hinterher. Der weißhaarige Mann blieb auf dem Dock stehen und verfolgte noch eine Weile, wie das Boot davontuckerte.
Als Mail den Pier verließ, war der Himmel noch klar. Kein Lüftchen regte sich, und es roch nach Sommer. Nur im Westen schien sich etwas zusammenzubrauen. Da kommt etwas auf uns zu, dachte er, hinter den Bäumen lauert ein Unwetter. Aber das machte nichts. Es mußte ja nicht ausbrechen. Noch war nicht mehr als eine gewisse Unruhe festzustellen.
Er folgte der Küste drei Meilen weit nach Nordosten. Große, prächtige Häuser standen hier aufgereiht wie auf einer Perlenkette, jedes einzelne davon ein millionenschweres Gebilde aus Naturstein und Ziegeln, das von sorgfältig getrimmtem Rasen umgeben war, der bis hinunter zum Wasser reichte. Von professioneller Gärtnerhand gepflegte Blumenbeete klebten wie Briefmarken auf den Rasenstücken, und Wege aus imitierten Pflastersteinen wanden sich wie Schlangen zwischen ihnen hindurch. Steinerne Schwäne und Gipsenten paddelten über das Gras.
Vom Wasser aus wirkte alles anders. Mail fürchtete schon, er sei zu weit gefahren, denn er hatte das gesuchte Gebäude noch nicht entdeckt. Er hielt an, wendete und kreiste dann ein Stück weit. Schließlich erkannte er viel weiter im Norden, als er erwartet hatte, das sonderbar aussehende Turmhaus, das als Wahrzeichen dieses Uferabschnitts auf ragte. Und ein Stück weiter, ja, da stand es, das Haus aus Stein, Glas und Zedernholz. Da waren auch die roten Dachziegel und dahinter kaum sichtbar die Spitzen der Blautannen, die entlang der Straße wuchsen. Das Petunienbeet, patriotisch in den Landesfarben Rot, Blau und Weiß erblüht, leuchtete vom oberen Ende des Steinplattenwegs, der den Rasenhang hinaufführte. Und in der Bootsaufhängung neben dem Schwimmdock prunkte ein schnittiger Kreuzer.
Mail schaltete den Außenborder ab und ließ das Boot treiben. Der Sturm verbarg sich immer noch hinter den Bäumen, und der Wind legte sich. Er hockte sich auf die Bank, nahm die Angel, fädelte die Schnur durch die Halterungen und warf sie, ohne einen Köder oder einen Schwimmer daran zu befestigen, weit aus. Ein Spinnennetz aus Schnur legte sich auf die Wasseroberfläche, aber das machte nichts. Aus der Ferne sah er so aus, als würde er angeln.
Mail ließ die Schultern hängen und beobachtete heimlich das Haus. Nichts rührte sich dort. Nach einer Weile fing er an zu phantasieren.
Darin war er ziemlich gut, auf seine Weise sogar ein Spezialist. Es hatte in seinem Leben Zeiten gegeben, in denen man ihn zur Strafe eingesperrt und ihm weder Bücher noch Spiele noch Fernsehen erlaubt hatte. Als jemand, der an Klaustrophobie litt – sie wußten genau, welches Leiden er hatte, und es gehörte ja gerade zu ihrer Bestrafung, ihn in einen geschlossenen Raum einzusperren –, hatte Mail sich in seine Phantasie geflüchtet, um seinen Verstand nicht zu verlieren. Dann hockte er auf seinem Bett, drehte sich zur leeren Wand und ließ vor seinem geistigen Auge seine selbstgedrehten Filme ablaufen, in denen es sich meistens um Feuer und Sex drehte.
Andi Manette war in seinen ersten Gedankenstreifen die Hauptdarstellerin gewesen. In den späteren kam sie immer seltener vor, und in den letzten zwei Jahren hatte sie darin überhaupt keine Rolle mehr gespielt. Fast hatte er sie schon vergessen gehabt. Doch dann waren die Anrufe gekommen, und mit ihnen war sie zurückgekehrt.
Andi Manette. Schon ihr Parfüm konnte Tote zum Leben erwecken. Sie besaß einen großen, schlanken Körper mit einer schmalen Taille und großen weißen Brüsten. Und wenn man sie von hinten sah und ihr dunkles Haar über ihren kleinen Ohren hochgesteckt war, wies sie eine wunderbar geschwungene Nackenlinie auf.
Mail starrte mit offenen Augen ins Wasser, während die Rute träge über das Dollbord hing, und sah zu, wie Andi in seinem Gedankenkino durch ein halbdunkles Zimmer auf ihn zukam und dabei ihr seidenes Nachthemd auszog. Er lächelte. Als er sie berührte, war ihre Haut warm, sanft und makellos. Er konnte sie unter seinen Fingerspitzen spüren. »Faß mich da an«, sagte er laut und mußte grinsen. »Tiefer, ja da«, stöhnte er dann.
Ein oder zwei Stunden hockte er so da, gab hin und wieder Worte oder halbe Sätze von sich, bis er schließlich laut seufzte und endlich aus seinem Tagtraum erwachte. Die Welt um ihn herum hatte sich verändert.
Der Himmel war mit einem zornigen Grau überzogen, und tiefliegende Wolken rollten über den See. Ein starker Wind war aufgekommen, brachte das Boot zum Schaukeln und wehte die Angelschnurschlingen wie Laub über das Wasser. Ungefähr in der Mitte des Sees konnte er bereits weiße Schaumkronen ausmachen.
Höchste Zeit zurückzukehren.
Als er sich umdrehte, um den Motor wieder anzuwerfen, erblickte er sie. Andi stand im Erkerfenster und trug ein weißes Kleid. Obwohl sie dreihundert Meter von ihm entfernt war, erkannte er ihre Figur und ihr einzigartiges, aufmerksames Schweigen wieder. Und er spürte ihren Blick. Andi Manette war telepathisch begabt. Sie konnte einem direkt ins Gehirn sehen und dort die Worte aufspüren, die man vor ihr verbergen wollte.
John Mail drehte das Gesicht zur Seite, um sich vor ihr zu schützen.
Sie durfte nicht erfahren, daß er wieder da war und sie holen wollte.
Andi Manette stand am Erkerfenster und verfolgte, wie der Regen über den See auf ihr Haus zukam. Und sie sah die Finsternis, die ihm folgte. Am unteren Ende des Hangs, kurz vor dem Ufer, tanzten die Blüten der langstieligen Flammenblumen im Wind. Sie würden das Wochenende nicht überleben. Ein Stück weiter auf dem See saß ein einsamer Angler in einem der orangefarbenen Leihboote, die man bei Irv’s bekam. Der Mann versuchte dort schon seit siebzehn Uhr sein Glück, und soweit sie sehen konnte, hatte er bislang noch nichts gefangen. Andi hätte ihm gleich sagen können, daß er hier wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Der Seegrund setzte sich an dieser Stelle aus dickem Schlamm zusammen, in dem nichts gedieh. Sie selbst hatte jedenfalls am Dock noch nie etwas an die Angel bekommen.
Während sie noch zusah, ließ er den Außenborder wieder an. Andi, die ihr ganzes Leben lang mit Booten zu tun gehabt hatte, erkannte gleich an den ungelenken Bewegungen des Mannes, daß er sich mit der Handhabung solcher Motoren nicht sonderlich auskannte – und vor allem nicht wußte, wie man sich hinsetzen mußte, um gleichzeitig an der Leine ziehen zu können.
Als er sich dabei kurz zu ihr umdrehte, spürte sie seinen Blick und sagte sich, daß sie ihn von irgendwoher kannte, auch wenn ihr das in diesem Moment mehr als unwahrscheinlich vorkam. Er war so weit von ihr entfernt, daß sie nicht einmal seine Gesichtszüge ausmachen konnte. Und dennoch – dieser Gesamteindruck von Kopf, Augen, Schultern und Bewegung schien ihr irgendwie vertraut...
Dann riß er wieder an der Schnur, und einen Moment später tuckerte er bereits entlang des Ufers zurück. Mit einer Hand hielt er seinen Hut auf dem Kopf, während die andere auf dem Ruder lag. Er hat mich überhaupt nicht gesehen, sagte Andi sich. Hinter ihm prasselte der Regen nieder.
Und sie dachte: Wolken ziehen auf, und die Blätter fallen von den Bäumen.
Der Sommer geht zu Ende.
Viel zu früh.
Andi entfernte sich vom Fenster, kehrte ins Wohnzimmer zurück und schaltete die Lampen ein. Der Raum war warm und mit Geschmack eingerichtet: eine schwere Ledergarnitur im Country-Stil, ein von Hand gefertigter Tisch, rustikale Lampen und Teppiche. Drüben die Ecke im Quäker-Stil, viel naturbelassenes Holz und organische Gewebe. Nichts hier wirkte aufdringlich, alles war hervorragend aufeinander abgestimmt: das Rot im Läufer harmonierte mit dem antiken Tisch aus Ahornholz, und der Blauton im Teppich entsprach dem des Himmels, den man durch das Erkerfenster sehen konnte.
Doch das Haus, das früher immer Wärme verbreitet hatte, verströmte jetzt Kälte, seit George nicht mehr da war.
Er hatte dem Haus seine Note aufgeprägt.
George, das war stete Bewegung, Intensität und...




