E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Sandjon Serienunikat
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7320-0151-4
Verlag: script5
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein humorvoller Roman über Selbstfindung und Erwachsenwerden von Jugendliteraturpreisträgerin Chantal-Fleur Sandjon
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7320-0151-4
Verlag: script5
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die afrodeutsche Kosmopolitin Chantal-Fleur Sandjon ist in Berlin als Kind der 80er aufgewachsen, dann zog es sie neben Stopps in Kamerun und Großbritannien für mehrere Jahre nach Johannisburg, Südafrika. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin, Aktivistin, Autorin und Spoken-Word-Künstlerin und 2012 wieder in Berlin gelandet. Dort lebt sie in Neukölln zwischen Hipstern und Gemüsehändlern ihre ganz eigene Version vom Großstadtleben.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Philannsophie: WG, Klappe, die zwanzigste. Langsam nehme ich es persönlich, Berlin!
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Antwort von T. Tus: Klappt schon, Schatz. Du schaffst das.
In der Stadt verliert und findet jeder etwas. Einen Liebhaber, einen Ring, Hoffnung, die eigene Vergangenheit oder Zukunft, ein Stückchen von sich selbst. Und da jeder um dich herum ebenfalls etwas verloren und gefunden hat, fällt nicht auf, wie viele Löcher deine Wangen zieren und wie viele Koffer du mit dir herumschleppst. Hier gehst du unter und tauchst zugleich auf, in einem Meer aus Menschen, deren halber Herzlappen heraushängt oder die ein Schneckenhaus aus verbeulten Pfandflaschen und Träumen durch den Dreck ziehen.
Sabine hatte hier ihren Kleinstadtcharme verloren, ihren Babyspeck und ihre Zahnspange. Im Gegenzug fand sie Alkohol und Drogen, Punkrock und 3587 Twitter-Follower. Während ich mir gerade ein Käsebrot schmierte, mehr aus Gewohnheit als aus Hunger, torkelte sie durch die Küche und landete auf dem schmuddelig-grauen Sofa am Fenster.
»Wo willst du so früh schon hin?«, fragte sie und suchte auf dem Tisch zwischen den vollen Aschenbechern, leeren Bierflaschen und fettigen Pizzaresten von vorvorgestern nach einer Kippe.
»Es ist gleich elf, Sabine.«
»Zaza«, korrigierte sie mich, ohne hochzublicken.
»Es ist gleich elf, Zaza. WG-Besichtigung ist in einer Stunde.«
Mittlerweile hatte sie einen Zigarettenstummel gefunden und zog genüsslich den letzten Zug tief ein. Ich musste an unser erstes gemeinsames Weißbier denken, an die Klassenfahrt zum Gardasee und die gestohlenen Minuten Erwachsensein im Dunkeln am Strand. An das Rumgefummele neben mir, daran, wie Sabine kicherte, als Titus mich küsste, und wie er nach Alkohol und Bratwurst schmeckte. Und an seine Hände, die viel schneller waren, als mein betäubter Kopf registrieren konnte.
In meiner Hand hielt ich noch immer das Brotmesser. Ich wickelte die Stulle erst in Butterbrotpapier ein und legte sie dann in eine Tüte.
»Du bist immer so ordentlich. Du warst schon immer so …«, sie nahm noch einen Zug, »… so ordentlich halt.«
Ich füllte eine halbwegs sauber aussehende Tasse mit frischem Kaffee und schob sie ihr zu.
»Ich gehe jetzt, okay?«
»Willst du heute nicht hierbleiben? Es ist Mittwoch, ich habe frei, wir können Pfannkuchen machen und Serien schauen, wie früher.« Mit ihrer schmalen Hand hielt sie meinen Arm fest. Die Adern zogen sich wie blaue Pfade ihren Unterarm entlang, dann verschwanden sie hinter blasser Haut und Libellentattoos.
»Ich kann nicht. In einem Monat fängt die Uni an und ich brauche echt langsam ein Zimmer. Egal, wie dankbar ich dir bin, ewig kann ich nicht auf deiner Couch schlafen.«
Ich sagte kann und meinte will. Hoffentlich merkte sie es nicht.
»Dann lass mir aber wenigstens das Brot hier. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe. Und selber schmieren kriege ich gerade echt nicht hin.«
Eine bewundernswert akkurate Selbsteinschätzung. Ich legte ihr die Tüte mit dem Brot neben die Kaffeetasse, strich ihr die matten platinblonden Strähnen mit pinken Highlights aus dem Gesicht und küsste sie über das Chaos auf dem Tisch hinweg auf die Stirn. Sie schmeckte salzig und roch nach einem Ozean aus Asche.
»Ich beeil mich«, versprach ich mit einem aufgemalten Lächeln, das genauso schief saß wie die Reste ihres Lidstrichs. Dann lief ich aus der Wohnung, bevor eine von uns beiden zerbröckelte.
Rebellion: In der U-Bahn neben der Tütenlady sitzen, die mit sich selbst spricht, und vor zwölf Uhr Fast Food essen. Der Döner tropfte auf meine Bluse und bis ich es bemerkte, war der Schaden schon nicht mehr zu beheben. Eine Mischung aus Joghurt und Fett, keine Ahnung, wie ich die wieder rauskriegen sollte.
»Sorry«, sagte der Typ hinter dem Imbisstresen mit einem Schulterzucken und reichte mir eine Handvoll Servietten.
»Döner essen ist eine Kunst, die nur wir echten Berliner wirklich beherrschen.« Er wischte sich seine Hände an der fleckigen Schürze ab, kratzte sich über den dunklen Bart und wandte sich wieder seinem Sohn zu, um ihm auf Türkisch etwas zu erklären.
Während ich versuchte, die Soßenflecken wegzutupfen, hatte ich die Stimme meiner Mutter im Ohr, die mir in tadelndem Ton erklärte, wie anfällig Putenfleisch für Salmonellen war, wie selten solche Dönerbuden sich an deutsche Hygienevorschriften hielten und wie viele Kebabs Krankheitserreger statt Vitalstoffe enthielten. Dazu kämen Zahlen, Daten und Fakten, die ich später in Google eingeben würde, nur um herauszufinden, dass sie stimmten. Ich setzte mich auf die Bank vorm Imbiss in die Frühlingssonne und nahm noch einen Bissen, dieses Mal vorsichtiger, nicht meiner Mutter wegen, sondern allein wegen meiner Bluse.
In zehn Minuten begann die WG-Besichtigung, meine dritte diese Woche, die siebte, seitdem ich vor zwei Wochen wieder bei Sabine eingezogen war. Davor lagen noch geschätzte 48 WG-Termine seit Januar. Und ein katastrophal voreiliger Einzug in eine katastrophal versiffte Horror-WG. So langsam gingen mir Energie, Zeit und Nerven aus. Es war an der Zeit, endlich anzukommen und zu leben.
In der letzten WG am Mittwoch war ich auf einem rosafarbenen Kondom ausgerutscht und in einem Messie-Turm aus dreckiger Wäsche gelandet. Männerwäsche, genauer Männerunterwäsche, die schon gerochene drei Jahre vor sich hingammelte. Viel schlimmer konnte es nicht mehr werden, hatte ich danach gedacht. Notiz an dich selbst, Ann-Sophie: Lass dir Zeit mit solchen Urteilen.
Ich schlenderte über die Straße zum Haus hinüber, an dem ich schon vor einer halben Stunde vorbeigegangen war. So schnell konnte ich mir die Überpünktlichkeit nicht abgewöhnen, sie klebte an mir wie ein verschwitztes Top nach einer durchtanzten Nacht.
»Gib den Kilometern etwas Zeit, damit sie ihre volle Wirkung entfalten können«, hatte Sabine an einem unserer ersten Abende gesagt. 644Kilometer, sechseinhalb Stunden Autofahrt, zwei Magnums und ein Sandwich brauchten also eine Weile, um sich auch auf meine Gewohnheiten auszuwirken und mich endlich dorthin zu führen, wo ich wirklich sein wollte: zu mir.
Als ich an der Ampel stand und auf Grün wartete, ein statischer Fixpunkt in einer hastigen Masse, die entweder farbenblind oder lebensmüde war, vibrierte mein Handy. Eine Whatsapp-Nachricht von Sabine, die anscheinend noch nicht am Komaschlafen war:
meine daumen und zehen plus die stupsnase von loverdude sind gedrueckt. wow them! <3
Sie schaffte es immer wieder, mich zu überraschen. Und egal, wie kaputt sie gerade war, ihre Nachricht brachte mich zum Grinsen. Uns verband halt doch mehr als Weißbier und gestohlenes Erwachsensein.
Genauso wenig, wie sich wow als Verb ins Deutsche übersetzen ließ, konnte ich mich bei Aufregung auf meine motorischen Fähigkeiten verlassen. Ich war kein gutes Beispiel für die Evolutionstheorie. Und je näher ich der Wohnung im vierten Stock kam, desto aufgeregter wurde ich. Auf einem Treppenabsatz stolperte ich und flog beinahe in eine verdächtig nach Pisse stinkende Pfütze. Im letzten Moment griff von hinten jemand nach mir. Glück gehabt. Beim Aufrappeln sah ich, dass die Hand zu einem Modepüppchen mit der überwältigendsten Lockenpracht und den kitschigsten Tattoos gehörte, die ich jemals außerhalb eines Videoclips gesehen hatte. Eine Mischung aus Lady Gaga und Joy Denalane, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Kauai-Begeisterung.
»Geht’s?«, fragte sie.
Ich nickte nur. Mit Worten habe ich es nicht immer und oft haben sie es leider auch nicht mit mir.
Langsam folgte ich ihr, bedacht darauf, zumindest die letzten Meter mit etwas Würde zu absolvieren. Obwohl sich der Winter noch nicht komplett verabschiedet hatte, trug sie hauchdünne Strumpfhosen und knallenge Shorts. Die Rückseite ihres rechten Oberschenkels zierten zwei saftige Kirschen, auf ihrem linken schrie ein quengeliges Kuschelmonster mit großen dunklen Augen »Want!«. Sie waren eingebettet in eine Welt von Zeichen, Formen und Farben, teilten sich die braunen Schenkel mit explodierenden Wortbomben, Zombie-Einhörnern, brennenden Sternschnuppen und Möwenschwadronen. Apokalypse trifft Alice im Wunderland. Fast verpasste ich die scharfe Linkskurve zwei Stockwerke später. WG-Besichtigung für Dorftrottel und Fashion Queen. Die Show konnte beginnen.
»Und was für Super-Talente habt ihr?«, schmiss Markus, einer der WG-Bewohner, in die Runde der Bewerber. Zu fünfzehnt saßen wir in einem Halbkreis und in den Gesichtern der anderen konnte ich meine eigene Gefühlslage wie einen Wetterbericht ablesen: »Heute staut sich Verwunderung an, die am Nachmittag in eine Sturmwolke aus Verärgerung und Frustration umschlagen kann. Vor emotionalen Gewittern und Wutausbrüchen wird gewarnt.«
In einer sicherlich sehr bierreichen und ergebnislosen Nacht hatten Markus und seine zwei Mitbewohner entschieden, aus der WG-Besichtigung ein Casting nach TV-Modell zu machen. Sie hatten sich sogar Namensschilder gebastelt und saßen uns jetzt am Ess- bzw. Castingtisch gegenüber. Eine Eins für Enthusiasmus, eine Sechs für Empathie. Modepüppchen saß neben mir und wir sahen uns fragend an. Erstklassige Krisen verbinden anscheinend zuverlässiger als mittelmäßige Rezeptionistinnen.
Der blonde Riese auf meiner anderen Seite stand auf und stellte sich vor seine potenziell zukünftigen WG-Kameraden. Seine Bewegungen hatten etwas Mechanisches, so, als wäre er in einer Thunfischdose groß geworden. Er zog den Kopf leicht ein und schaute auf seine Füße, die Hände in den Hosentaschen. Eines...




