E-Book, Deutsch, Band 1, 516 Seiten
Reihe: Hellfire and Holy Water
Sandman Hellfire and Holy Water I - Lazarus' Rache
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-97006-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 516 Seiten
Reihe: Hellfire and Holy Water
ISBN: 978-3-347-97006-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jack Sandman wurde am 20.11.1991 in Frankfurt am Main geboren und verbrachte sein bisheriges Leben dort. Geschichten bieten ihm eine Leinwand für sein Kopfkino, in dem es sich hauptsächlich um Magie, Monster und alles Okkulte dreht. Sein Herz schlägt besonders für moralisch fragwürdige Antihelden. Je verrückter sie erscheinen, desto tiefer ziehen sie ihn in ihren Bann. Wenn er nicht gerade in Geschichten versinkt, fordert er sich beim Bouldern und bei Hindernisläufen jeglicher Art selbst heraus.
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1
Stechender Schmerz schießt durch meine Handfläche, als die Messerklinge ins Fleisch schneidet. Gebannt folge ich dem Blut, wie es über die römische dreizehn auf der Innenseite des Handgelenks fließt.
Ich bin am Leben. Ich habe überlebt.
Als die ersten Tropfen auf das Waschbecken treffen, greife ich nach einem Papiertuch und wische alles auf. Bevor ich fertig bin, ist die Wunde verheilt. Nur eine schmale rote Narbe bleibt zurück, und selbst die wird vor Ende der Nacht verschwunden sein. So wie immer.
Ich werfe einen Blick in den Spiegel. Eisblaue Augen, kurze tiefschwarze Haare und ein paar alte Narben. Die größten unter dem rechten Auge und auf dem Nasenbein. Sexiest Man Alive werde ich nicht mehr, aber es könnte schlimmer sein. Und es hält Idioten davon ab, auf dumme Ideen zu kommen. Zumindest in den meisten Fällen.
Ich spritze mir zwei Hände Wasser ins Gesicht und atme tief durch. Als mein Blick wieder auf den Spiegel trifft, verschwinden braune Locken am rechten Rand. Ich wirble herum. Nichts.
Die Musik aus dem Club zerrt mich aus meinem Fiebertraum. Sie ist so laut, dass sie durch die Toilettentür dröhnt. Dann der Gestank von Schweiß, Pisse und Gras. Ich sollte abhauen, bevor er sich mir auf die Zunge legt.
Warum bin ich noch mal hier? Ah, richtig, eine Liveband spielt, und ich hatte nichts Besseres zu tun. Spaß für normale Menschen. Außerdem sind die Drinks fast geschenkt.
Ich schaue aufs Handy. In wenigen Minuten geht es los.
Das Messer verschwindet in der Lederjacke, und ich verlasse die Toilette.
Der Besitzer des Clubs war wohl der Meinung, dass Neonlichter besser sind als jede Deko. Oder Lampen. Sie sind überall in der alten Fabrikhalle verteilt. Wo keine mehr hinpassten, hat man sich mit Sprühdosen ausgetobt oder Poster hingeklebt. Der Club nennt sich Underground. Für alle, die es vergessen haben, steht es in Leuchtschrift noch mal groß und breit über der Bühne. Bis gestern kannte ich den Laden nicht mal, aber ich war schon an schlimmeren Orten. Starbucks zum Beispiel.
Der Großteil der Gäste hat sich vor der Bühne versammelt. Die Instrumente stehen bereit, nur von der Band fehlt jede Spur. Wie heißen die noch mal? Irgendwas mit T, glaube ich. Klingt wie der Name eines Cocktails.
Bis sie anfangen, dröhnt ein Remix von Smells Like Teen Spirit von Nirvana aus den Boxen. Nicht so gut wie das Original, aber mir bluten nicht die Ohren davon.
Zeit für einen Drink. Ich schlendere zur Bar direkt gegenüber. Trotz der vielen Neonlichter passt sie nicht so recht zum Rest. Hauptsächlich wegen der Theke aus Plexiglas. Oder den Barhockern aus Metall, die im Boden verankert sind. Sie wirkt wie aus einem miesen Videospiel geklaut.
Livebands haben einen Vorteil: Wenn sie spielen, hat man an der Bar seine Ruhe. Außerdem wird man schneller bedient. Ich suche mir einen Platz an einer der Säulen und lasse meinen Blick schweifen. Die ersten Fans pöbeln und springen wie Affen im Kreis. Die Security scheint das nicht zu interessieren. Sie halten sich lieber im Hintergrund und unterhalten sich. Was wohl passieren müsste, damit zumindest einer von beiden eingreift?
»Und was darf’s für dich sein?«
Ein Schauer jagt mir den Rücken hinab. Diese Stimme …
Ich drehe mich um und blicke einer Bedienung ins Gesicht. Schwarze Haare, Lippenpiercings und ein dunkelblaues Top, das ihre Figur betont. Auf ihren Lippen liegt ein Lächeln, aber ihre Augen erreicht es nicht. Vermutlich hofft sie, dass ich nicht zu den üblichen Freaks und den Bekloppten gehöre. Ich muss sie leider enttäuschen.
Ich entspanne mich wieder. Sie kann es nicht sein. Niemand entkommt aus der Hölle.
»Whiskey, ohne Eis.«
»Klar. Irgendwas Bestimmtes?«
Ich überfliege die Flaschen hinter der Bar. Von den meisten habe ich nicht mal gehört. »Überrasch mich.«
Ihre grünen Augen funkeln für einen kurzen Augenblick. »Kommt sofort.«
Mein Blick folgt dem schwarzen Tuch, das sie sich um die Taille gebunden hat.
Die Menge fängt an zu jubeln. Ein Typ mit eckiger Brille ist auf die Bühne getreten. Zur Enttäuschung der Leute ist es nur einer der Techniker.
»Hier. Bin gespannt, wie du ihn findest.« Sie reicht mir ein Glas. Ihr Mund öffnet sich, da springt ihr Blick über meine Schulter. Ihre Augen werden groß. Sie blinzelt ein paarmal, schenkt mir ein Lächeln und verschwindet zum nächsten Gast.
Bevor ich ihrem Blick folgen kann, stapft ein breiter Typ mit rasiertem Schädel an mir vorbei. Das schlecht gestochene Tattoo an seinem Hals springt mir ins Auge. Ein Adler mit einem Messer in den Krallen. Alles Weitere wird vom Kragen seiner Armyjacke verdeckt.
»Hey Süße, ein Bier.«
Sie reagiert nicht.
»Hörst du schlecht? Ich will ein verdammtes Bier!«
Ihre Aufmerksamkeit gewinnt er nicht. Dafür aber die der umstehenden Gäste.
Soll noch mal einer sagen, Gentlemen wären ausgestorben.
Jubel flutet die Halle. Die fünfköpfige Band kommt winkend auf die Bühne und begrüßt die Fans. Man kann ihnen ansehen, wie sie das Rampenlicht genießen. Der Sänger erzählt was, aber die Worte rauschen an mir vorbei. Mein Blick ist auf die Bedienung geheftet. Armyjacke hat sie mittlerweile hinter der Theke in die Ecke gedrängt.
»Wenn ich ein Bier will, gibst du mir gefälligst eins.«
Es geht dich einen Scheiß an. Denk einfach nicht drüber nach. Nicht dein verficktes Problem.
Ich nehme einen Schluck. Ein angenehmes Brennen breitet sich auf der Zunge aus. Gedankenverloren lasse ich meinen Silberring gegen das Glas klappern.
Sie will gehen, aber er packt sie am Arm und zieht sie zurück.
»Du solltest endlich mal lernen, was Respekt bedeutet!«, brüllt er ihr ins Gesicht.
»Ich glaube, das ist mein Text.« Ich stelle das Glas ab und trete neben ihn.
Er dreht sich zu mir und mustert mich von Kopf bis Fuß. Seine Pupillen sind stecknadelgroß und blutunterlaufen. Voll auf Drogen. Super. Als sein Hirn endlich begreift, was passiert, packt er mich am Kragen und zieht mich zu sich ran. Er stinkt nach Adrenalin und Schweiß.
»Und wer verfickt noch mal bist du?«
»Er ist nur –«, versucht sie zu entschärfen.
»Halts Maul!«
Mein Blick springt zur Security. Sie sehen uns zu, aber werden anscheinend nicht gut genug bezahlt, um sich einzumischen.
Fuck. Ich brauche dringend eine Zigarette. »Das war dein Stichwort, die Cops zu rufen.«
Die Bedienung reagiert nicht. In ihren Augen stehen weder Angst noch Panik. Ihr Blick ist völlig leer. Das Licht ist an, aber niemand ist zu Hause. Sie umklammert das Tablett vor ihrer Brust. Schätze, das passiert nicht zum ersten Mal.
Er stößt mich gegen die Theke, zückt ein Klappmesser und drückt es mir unters Kinn. »Am besten ruft sie noch einen Krankenwagen dazu.«
»Du weißt es nicht, aber was Clevereres hast du sicher noch nie gesagt.«
Er grinst. Die Messerspitze bohrt sich immer weiter in meine Haut. Ich hebe einen Finger. Verwirrt blickt er mich an.
Die Band legt endlich los, und Musik dröhnt durch die Boxen. Sein Blick springt zur Seite. Lange genug, dass ich sein Handgelenk greifen und es nach außen drehen kann, bis es knackst. Er starrt auf meine Hand. Etwas passiert, aber sein Hirn kommt nicht schnell genug hinterher. Ich drücke fester zu. Stöhnend lässt er das Messer fallen, und ich stoße ihn weg. Zähnefletschend flucht er vor sich hin. Er holt aus, aber er ist lächerlich langsam. Ich ducke mich weg, packe ihn am Nacken und schmettere seinen Kopf gegen die Theke. Knurrend geht er zu Boden. Ich trete an die Bedienung heran und binde das Tuch um ihre Taille los.
»Ich leih mir das mal kurz.«
Sie blickt mir in die Augen und nickt zögernd.
Sorry, du hast wieder einen Freak erwischt.
Ich ziehe den Gorilla an einen der Barhocker und binde seine Handgelenke daran fest. Im Augenwinkel bemerke ich drei Securityleute. Sie haben alles gesehen. Sie wissen, was sie tun sollten, aber keiner von ihnen ist scharf darauf, den ersten Schritt zu machen. Ich kann ihre Gedanken förmlich hören. Sie können mich nicht einschätzen. Gefährlich? Gewaltbereit? Okay, das können wir streichen. Es wäre besser, auf Verstärkung zu warten. Was auch immer plausibel klingt. Einer greift nach seinem Funkgerät. Mein Zeichen zu verschwinden.
Ich richte mich auf und laufe los. Wenn es bei denen klick macht, bin ich besser schon weg. Es würde nur in Fragen enden, die ich nicht beantworten will. Vorbei an der Security kann ich ihre Blicke im Rücken spüren.
Versteh mich nicht falsch. Ich gehöre nicht zu den Guten. Ich bin nichts weiter als noch ein Arschloch auf dieser scheiß Welt. Ich...




