E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Sandow Notärztin Andrea Bergen 1292
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2562-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katjas kleine Heldin
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7325-2562-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit angstvoll pochendem Herzen lauscht die kleine Lena in den dunklen Wohnungsflur. Schon vor einer Stunde ist ihre Mutter Katja zu ihrem Nachtdienst im Elisabeth-Krankenhaus aufgebrochen und hat Lena in der Obhut ihres neuen Freundes Eugen zurückgelassen. Seit ihre Mama diesem Mann begegnet ist, ist nichts mehr, wie es vorher war. Lenas gerade noch so schönes Leben ist plötzlich ein schlimmer Albtraum geworden, der sich Abend für Abend wiederholt! Doch niemand will Lena glauben, niemand kennt Eugens wahres, böses Gesicht ...
Wie erstarrt liegt Lena in ihrem Bett und horcht, ob sich die schweren Männerschritte wieder ihrem Zimmer nähern. Da, der Ton des Fernsehers erstirbt, und die Bodendielen knarren. Gleich wird sich ihre Zimmertür öffnen und das Monster zu ihr kommen ...
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»Komm, mein Mädchen, ich helfe dir!« Eugen Hunsstedt griff nach Lenas Schulheft, aber sie kam ihm zuvor und riss das Heft an sich.
»Ich bin nicht dein Mädchen!«, fauchte sie ihn an. »Und das will ich auch nie sein!«
»Lena!«, mahnte Katja Westerhoven. Das Verhalten ihrer Tochter war ihr peinlich. Es wurde immer schlimmer. Je mehr Eugen sich bemühte, desto unfreundlicher wurde Lena.
Katja hatte Angst, dass es Eugen irgendwann zu viel wurde und er sie mit ihrem Kind nicht mehr wollte. Natürlich würde sie sich jederzeit für ihre Tochter entscheiden. Ganz zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie Eugen schon erklärt, dass Lena das Wichtigste in ihrem Leben war und auch immer bleiben würde.
Sie hoffte, dass sie sich nie zwischen den beiden Menschen, die sie liebte, entscheiden musste.
Lena machte es ihr nicht leicht, oder vielmehr machte sie Eugen das Leben ziemlich schwer, wenn er bei ihnen war. Sie zeigte ihm deutlich, dass sie ihn nicht leiden konnte. Katjas Hoffnung, dass sich das mit der Zeit änderte, erfüllte sich nicht. Ganz im Gegenteil, sie hatte das Gefühl, dass Lenas Abneigung sogar stärker wurde.
»Warum lässt du dir nicht von Eugen bei den Hausaufgaben helfen?«, versuchte sie zu vermitteln. »Ich bereite in der Zwischenzeit das Abendessen zu.«
Es könnte so schön sein. So gemütlich. So familiär …
»Ich kann das alleine.« Lena starrte sie finster an.
»Aber du hast doch eben gesagt, dass du die Aufgabe nicht lösen kannst.«
»Du willst mir nicht helfen, und die Hilfe von dem da will ich nicht.« Lena zeigte mit dem Finger auf Eugen, schaute dabei aber nur Katja an. »Und du kannst auch alleine mit dem zu Abend essen. Ich habe keinen Hunger.« Damit lief das Mädchen aus der Küche. Kurz darauf fiel die Tür ihres Zimmers lautstark ins Schloss.
Katja wollte ihrer Tochter nachlaufen, aber Eugen hielt sie zurück.
»Bleib«, bat er sanft. Seine Arme umfassten sie.
Katja schmiegte sich an ihn, ließ das Gefühl der Geborgenheit zu und schaffte es für den Moment sogar, jeden Gedanken an das schlechte Benehmen ihrer Tochter auszuschalten. Sie fühlte seine Lippen auf ihrer Schläfe. Langsam wanderten sie über ihr Gesicht, bis sie ihren Mund fanden.
Wie lange hatte sie sich danach gesehnt, sich wieder zu verlieben und ein neues Glück zu finden! Sie war nicht bereit, sich das von ihrer Tochter zerstören zu lassen.
Wobei sie nicht glaubte, dass es dem Mädchen darum ging, das Glück der Mutter zu zerstören. Es wollte die Mama nur einfach nicht mit einem anderen Menschen teilen. Lenas Verhalten zeugte von purer Eifersucht. Davon war Katja jedenfalls überzeugt.
»Es tut mir leid«, sagte sie zu Eugen. Wie oft hatte sie diese Worte in den letzten Wochen schon zu ihm gesagt? Viel zu oft, fand sie. »Ich rede noch einmal mit ihr.«
Eugen schüttelte den Kopf. »Lass sie einfach in Ruhe. Ich bin sicher, dass sie sich irgendwann an mich gewöhnen wird.«
»Wenn du nicht vorher das Weite gesucht hast.« Es sollte scherzhaft klingen, aber Katja vernahm selbst die Unsicherheit in ihrer Stimme.
Eugen lachte. »So schnell kann mich eine Neunjährige nicht vertreiben. Ich werde mir in nächster Zeit ganz besonders viel Mühe mit ihr geben. Du wirst sehen, sie macht bald keine Schwierigkeiten mehr. Hast du nicht einmal erzählt, dass sie gerne Reitunterricht nehmen würde?«
Katja nickte. Reitstunden waren Lenas größter Wunsch, aber das konnte sich die junge Frau einfach nicht leisten. Sie war alleinerziehend und musste mit dem, was sie als Krankenschwester verdiente, auskommen.
»Ich spendiere ihr die Reitstunden.« Eugen schien sich für seine Idee regelrecht zu begeistern.
»Du bist so lieb, aber das kann ich nicht annehmen.«
»Das kannst du mir nicht abschlagen.« Er schaute sie dabei so treuherzig an, dass sie lachen musste. »Sieh mal, ich kann es mir doch leisten«, versuchte er sie zu überreden. »Und wenn es Lena dazu bringt, mich zu akzeptieren, haben wir doch alle etwas davon.«
»Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Meine Tochter ist nicht bestechlich.«
»Ich will sie nicht bestechen, ich will sie überzeugen.« Eugen lachte. »Bei dir habe ich das doch auch geschafft. Vertrau mir! Ich bin sicher, alles wird gut.«
Katja seufzte tief auf, doch als Eugen sie erneut küsste, schloss sie die Augen und gab sich der Hoffnung hin, dass wirklich alles gut werden würde.
***
Er schlug die Kapuze seines viel zu dünnen Sweatshirts hoch. Sie wärmte ihn kaum, schützte ihn aber vor Blicken. Es war zwar schon eine Zeit lang her, seit die örtliche Presse sein Fahndungsfoto veröffentlicht hatte, doch er hatte Angst, dass ihn trotzdem jemand erkannte.
Nach seiner spektakulären Flucht hatte er die Stadt verlassen und war untergetaucht. Dabei hatte er immer gewusst, dass er zurückkehren würde. Es war gefährlich, aber das war ihm egal.
Ich habe noch eine Rechnung offen, dachte er bitter, und die werde ich begleichen.
Alles in ihm schrie nach Rache. Diese Wut in ihm trieb ihn an und wärmte ihn. Allerdings machte ihm die Kälte ohnehin nicht viel aus. Er hatte sich daran gewöhnt. In den vergangenen Monaten hatte er in Abrisshäusern geschlafen, unter Autobahnbrücken, auf Parkbänken. Den ganzen Winter hatte er so verbracht. Er hatte die schneidende Kälte ebenso ausgehalten wie Regen und Schnee, und der Winter war noch lange nicht vorbei. Es war gerade erst Anfang Februar.
Wenn ich vernünftig wäre, ginge ich irgendwohin, wo die Sonne scheint, schoss es ihm durch den Kopf. Er konnte sich nach Rotterdam durchschlagen und da auf einem Schiff anheuern, dessen Ziel irgendwo in einem Land lag, in dem es warm war.
Er schüttelte den Kopf. Er konnte nicht gehen. Das, was ihn hier festhielt, war stärker als alles andere.
Als er sein Ziel erreicht hatte, hielt er sich im Schatten eines Hauseinganges auf und beobachtete das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Gleich daneben war eine Filiale einer Supermarktkette. Hinter den Fenstern brannte eine schwache Nachtbeleuchtung.
Der Mann verzog die Lippen zu einem freudlosen Grinsen, als er die schwere Limousine vorfahren sah, aber der Mann, dem sein Interesse galt, war nicht allein. Eine Frau stieg auf der Beifahrerseite aus. Sie lachte, als er den Arm um ihre Schultern legte und sie an sich zog. Ein Mädchen kletterte vom Rücksitz. Es wirkte lustlos. Als der Mann eine Hand auf ihre Schulter legen wollte, wich die Kleine mit einer raschen Bewegung zur Seite.
Der Mann im Schatten ballte die Hände zu Fäusten. Er musste sich zwingen, nicht auf die Gruppe zuzulaufen. Seine Chance würde kommen, er musste nur Geduld haben.
***
Das hatte ihr gerade noch gefehlt!
Ärgerlich schlug Notärztin Andrea Bergen mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Dann atmete sie ganz tief durch und versuchte es noch einmal.
Sie drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. Der Motor stotterte, dann erstarb er ganz und gab auch bei weiteren Startversuchen keinen Laut mehr von sich.
Ein wenig schuldbewusst gestand Andrea sich ein, dass der Wagen bereits seit Tagen Startschwierigkeiten hatte. Jedes Mal hatte sie sich vorgenommen, zur Werkstatt zu fahren.
Bei diesem Vorsatz war es geblieben, und jetzt stand sie hier auf einer einsamen Landstraße, zwei Kilometer von der Stadt entfernt. In einer halben Stunde begann ihr Dienst im Elisabeth-Krankenhaus.
Diesmal war der Motor während der Fahrt ausgegangen. Andrea hatte es gerade noch geschafft, ihr Auto an den Straßenrand zu lenken, bevor es vollständig stehen geblieben war.
Sie hatte ihre Adoptivtochter zu dem Pferdehof gebracht, auf dem Franzi Reitunterricht erhielt. Zeitlich hatte alles perfekt gepasst, und auf der Hinfahrt hatte der Wagen auch noch einwandfrei funktioniert. Und nun das!
»Komm schon, du hast mich doch noch nie im Stich gelassen!«, sagte Andrea beschwörend und tätschelte das Lenkrad.
Ganz tief atmete die Notärztin durch, dann versuchte sie es noch einmal. Sie trat ein paar Mal das Gaspedal fest durch und drehte den Schlüssel herum. Der Motor sprang an.
Andrea stieß einen kleinen Freudenschrei aus. Sie gab Gas, aber der Wagen fuhr nicht los. Er röchelte, stieß dichte Qualmwolken unter der Motorhaube hervor, um endgültig zu verstummen.
Die Notärztin unterdrückte einen Fluch und angelte in ihrer Handtasche nach dem Handy. Sie musste den Wagen hier stehen lassen und ein Taxi rufen. Doch selbst wenn die Taxe innerhalb der nächsten fünf Minuten eintraf, was eher unwahrscheinlich war, würde sie es nicht pünktlich zum Dienst schaffen. Also musste sie auch das Elisabeth-Krankenhaus informieren.
Der Akku ihres Handys war leer!
Auch das noch! Andrea stöhnte laut auf.
Sie starrte verzweifelt durch die Windschutzscheibe auf die Straße. Leichter Nieselregen hatte eingesetzt, die Kälte kroch allmählich in ihren Wagen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich zu Fuß auf den Weg zu machen.
Sie nahm ihre Handtasche, öffnete die Tür und stieg aus. Mindestens vier Kilometer Fußmarsch lagen vor ihr, und nachdem sie die ersten hundert Meter hinter sich gebracht hatte, wurde der Regen stärker.
Andrea spürte die Kälte auf ihrer Haut, und es wurde nicht besser, als sie den Schritt beschleunigte.
Der Weg kam ihr endlos vor, auch wenn sie inzwischen schon ein ganzes Stück auf der einsamen Landstraße zurückgelegt haben...




