Sands Ein Earl kommt selten allein
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9356-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 01, 360 Seiten
Reihe: Madison Sisters
ISBN: 978-3-8025-9356-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lady Christiana ist in einer unglücklichen Ehe gefangen. Der vorzeitige Tod ihres Mannes Dickie ist für sie deshalb eher eine Erleichterung. Doch dann taucht der Totgeglaubte scheinbar wieder auf und verhält sich ganz anders, als sie es von ihm gewohnt war. Es stellt sich heraus, dass Dickie einen Zwilling hat, und der ist ungleich charmanter als sein unausstehlicher Bruder je war ...
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»Mylady?«
Christiana lag zusammengerollt unter ihren Decken und rührte sich nicht. Sie öffnete lediglich ein Auge, um die ältere Frau anzublinzeln, die sich über sie beugte. Es war Grace, ihre Zofe. »Hm?«
»Ihre Schwestern sind da.« Diese vier Worte und die Dringlichkeit, mit der sie ausgesprochen wurden, veranlassten sie, auch das andere Auge zu öffnen.
»Was? Meine Schwestern sind in London?« Christiana drehte sich um, stieß Decken und Laken von sich und setzte sich auf. »Um diese Uhrzeit? Es muss etwas passiert sein, wenn sie mich so früh sprechen wollen.«
»Das dachte ich auch, als ich gesehen habe, wie sie aus ihrer Kutsche gestiegen sind«, stimmte Grace zu, während Christiana aufstand. »Deshalb bin ich gleich zu Ihnen gekommen. Wenn Sie sich beeilen, können Sie unten sein, bevor es Ihrem Gemahl gelingt, sie wegzuschicken.«
»Dicky würde sie nicht wegschicken«, sagte Christiana überrascht. Dann schob sie zweifelnd nach: »Oder vielleicht doch?«
»Er hat schon öfter jemanden weggeschickt.«
»Wen?« Das Nachthemd, das die Zofe ihr über den Kopf zog, dämpfte ihr Entsetzen und ihre Überraschung.
»Lady Beckett, Lady Gower, Lord Olivett und … zweimal Lord Langley.« Grace wandte sich ab und tauschte das Nachthemd gegen ein hellblaues Kleid aus, das zu Christianas Augen passte. Während sie ihr half, es anzuziehen, fügte sie hinzu: »Und ich kann Ihnen versichern, dass Lord Langley, der schon beim ersten Mal ganz und gar nicht erfreut war, beim zweiten Mal richtig außer sich vor Wut geriet.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Christiana mit einem Seufzer, während das Kleid über ihren Körper glitt. Langleys Anwesen grenzte an Madison Manor – an ihr Zuhause, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Robert, der einzige Sohn und Erbe der Langleys, war mit ihr und ihren Schwestern groß geworden. Er gehörte praktisch zur Familie, war der große Bruder, den sie nie gehabt hatte. Es war nicht verwunderlich, dass es ihm nicht gefiel, wie ein unerwünschter Besucher weggeschickt zu werden. »Wieso hast du mir nichts davon gesagt?«
Grace griff nach einer Bürste und fing an, gleichmäßig durch Christianas Haare zu fahren. »Was hätte es genützt?«, fragte sie dann.
»Nichts«, gab Christiana unglücklich zu.
Ihr Gemahl hatte jedes Recht der Welt, wegzuschicken, wen auch immer er wegschicken wollte; er allein bestimmte darüber, wer das Haus betreten durfte und wer nicht. Wohingegen sie selbst in dieser Ehe überhaupt keine Rechte hatte – das hatte sie inzwischen begriffen. Sie seufzte und zog eine Grimasse, als Grace kräftig an ihren Haaren zerrte und sie zu dem festen, matronenhaften Dutt zusammenband, den Christiana seit ihrer Vermählung trug – eine Frisur, die sie verabscheute. Nicht, weil sie damit hässlich ausgesehen hätte – das war nicht einmal der Fall –, sondern weil sie Kopfschmerzen davon bekam, dass ihre Haare den ganzen Tag so straff zurückgebunden waren. Aber Dicky bestand darauf – mit der Begründung, dass ihre widerspenstige Natur auf diese Weise ein bisschen kultiviert würde.
»Was könnte meine Schwestern veranlasst haben herzukommen?«, fragte Christiana besorgt.
»Ich weiß es nicht, aber es muss wichtig sein. Sie haben keine Nachricht geschickt, dass sie in der Stadt sein werden«, stellte Grace klar, ehe sie einen Schritt zurücktrat. »So. Die Haare sind fertig.«
Christiana hatte kaum Zeit, ihre Hausschuhe anzuziehen, bevor Grace ihren Arm nahm und sie zum Gehen drängte. »Kommen Sie, wir müssen uns beeilen. Inzwischen wird Haversham Lord Radnor gefunden und hergeholt haben. Hoffen wir, dass wir schnell genug sind und Ihr Gemahl sie noch nicht weggeschickt hat.«
Christiana brummte zustimmend. Sie war vollauf damit beschäftigt, von einem Fuß auf den anderen zu hüpfen und zu versuchen, ihre Schuhe anzuziehen, ohne stehenzubleiben, während die Zofe sie zur Tür schob. Als sie den oberen Flur entlanghastete, konnte sie vom Eingang die hellen, besorgten Stimmen von Lisa und Suzette heraufdringen hören. Sie runzelte die Stirn. Es war ausgesprochen unhöflich, ihre Schwestern im Eingangsbereich warten zu lassen, statt sie in den Salon zu führen. Allerdings konnte sie Haversham deswegen keinen Vorwurf machen; der Butler führte nur die Befehle aus, die er von Dicky bezüglich des Umgangs mit Gästen erhalten hatte.
Als Nächstes erklang Dickys durchdringende Stimme, die verkündete: »Ich fürchte, schläft noch. Ihr hättet wirklich einen Boten mit einer Nachricht schicken sollen, dass ihr euch mit ihr treffen wollt. Dann hätte ich einen angemessenen Zeitpunkt für einen solchen Besuch nennen können. Nach dem momentanen Stand der Dinge müsst ihr jetzt wohl ins Stadthaus eures Vaters zurückkehren und diese Nachricht schreiben.«
»Können wir nicht einfach hochgehen und mit ihr sprechen, Dicky? Wir sind schließlich ihre Schwestern, und es ist wirklich wichtig.« Suzettes Stimme war eine Mischung aus Verzweiflung, Wut und etwas, das Schock sein mochte. Die Wut richtete sich zweifellos gegen Dickys hochtrabende Worte. Wahrscheinlich galt ihnen auch der Schock, dachte Christiana; sie wusste, dass sich der Mann, dem ihre Schwestern jetzt gegenüberstanden, gewaltig von dem unterschied, den sie bis zur Hochzeit erlebt hatten. Christiana hegte keinerlei Zweifel daran, dass sie über die Veränderung genauso verwirrt und verblüfft waren, wie sie es selbst in den ersten sechs Monaten ihrer Ehe gewesen war. Was ihr Sorgen bereitete, war allerdings die Verzweiflung, die ebenfalls mitgeschwungen hatte. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
»Schon gut, Gemahl. Ich bin wach«, rief Christiana, als sie die Treppe erreichte und die Stufen hinunterzugehen begann.
Dicky drehte sich um und blinzelte zu ihr hoch. Christiana konnte nicht erkennen, ob seine Wut den Worten ihrer Schwestern galt oder ihren eigenen. Dicky legte Wert darauf, dass man ihm gehorchte, und zwar unverzüglich; er würde Suzettes Beharrlichkeit ganz sicher nicht gutheißen. Allerdings wäre er auch alles andere als glücklich darüber, dass sie aufgetaucht war, bevor er Suzette und Lisa hatte wegschicken können, wie er es offenbar bereits mit anderen Besuchern getan hatte.
Christiana zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln, während sie die letzten Stufen hinter sich brachte und zu ihm trat. Ihr Gemahl hatte ein ziemlich aufbrausendes Naturell und konnte gemeine Dinge sagen, wenn man ihn wütend machte. Sie selbst musste mit seinen Beleidigungen und Vorwürfen leben, aber es war nicht recht, dass ihre Schwestern gezwungen waren, seinen Zorn zu ertragen, der ihnen noch dazu entsetzliche Angst machte. Dabei war es weniger die Wut selbst, die Christiana so verstörte, sondern vielmehr ihr enormes Ausmaß. Dicky war ständig in einen dunklen Umhang aus Zorn gehüllt. Wenn er provoziert wurde, rötete sich sein Gesicht und verzerrte sich zu einer angespannten, grausamen Maske, und er fauchte und knurrte mit so viel Bösartigkeit, dass ihm die Speichelfäden förmlich von den Lippen flogen und sich – wie bei einem tollwütigen Hund – in den Mundwinkeln sammelten. Die Gefühle in seinem Innern ließen ihn darüber hinaus zittern, als könnte er sich kaum noch beherrschen und müsste jeden Moment explodieren. Einer solchen Explosion wollte Christiana unbedingt aus dem Weg gehen. Dicky war sehr kräftig, und sie wollte nie die Trümmer sehen müssen, die er bei einem unkontrollierten Wutausbruch zurücklassen würde.
»Guten Morgen, Dicky«, hauchte Christiana nervös, als sie zu ihm trat. Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die kalte, harte Wange, als wäre alles in Ordnung und sie würde nicht gerade gegen den starken Drang ankämpfen, vor der brodelnden Wut davonzulaufen, die sie in ihm aufwallen spürte.
Dicky ging mit keiner Silbe auf ihre Begrüßung ein, sondern fauchte: »Ich hatte deinen Schwestern gerade erklärt, dass es ziemlich unhöflich ist, so früh am Morgen unangemeldet hier aufzutauchen.«
»Nun, ja, wir gestehen doch aber Familienmitgliedern ein kleines bisschen mehr Spielraum zu, oder?«, fragte Christiana und zuckte zusammen, als sie merkte, wie flehentlich es sogar in ihren eigenen Ohren klang. Es war unmöglich zu überhören, dass sie ihn anbettelte, keine Szene zu machen, und an den Mienen ihrer Schwestern konnte sie nur zu gut erkennen, dass sie dies sehr wohl bemerkten – was genauso demütigend war. Noch demütigender war allerdings, dass sich Dicky entschied, ihre Bitte einfach zu überhören.
» Familie würde nie uneingeladen und ohne Voranmeldung hier auftauchen«, fauchte er und lächelte ihre Schwestern verächtlich an, als wäre ihr Verhalten unter aller Kritik.
»Natürlich würde deine Familie das nicht tun. Sie sind ja alle tot«, versetzte Suzette, und Christiana starrte sie sofort alarmiert an. Dann schoss ihr Blick besorgt wieder zu Dicky, der die Luft zwischen den Zähnen einsog und sich aufplusterte.
Sie erkannte die Zeichen einer drohenden Explosion und nahm rasch seinen Arm, während sie versuchte, ihn wegzuziehen: »Wieso gehst du nicht und widmest dich deinem Frühstück, während ich mich um meine Schwestern kümmere?«
Dicky rührte sich nicht. Er stand da wie angewurzelt, ignorierte ihr Ziehen und starrte Suzette finster an, die trotzig zurückblickte.
Christiana schloss kurz die Augen und kämpfte gegen den Drang an, dem dummen Mädchen eine Ohrfeige zu geben. Oh ja, Suzette war ziemlich mutig, aber sie hatte in diesem Kampf auch wenig zu verlieren. Dicky konnte sie weder schlagen noch sonst wie...




