Sands Eine Braut von stürmischer Natur
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9202-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-3-8025-9202-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wegen seiner Geldsorgen muss Balan of Gaynor dringend eine reiche Frau heiraten. Er verliebt sich ausgerechnet in die hübsche Murie, das verwöhnte Patenkind von König Edward. Doch es gibt noch einen anderen Bewerber um ihre Gunst, der alles andere als ehrenvolle Absichten hat.
Die kanadische Autorin Lynsay Sands hat Psychologie studiert und liest gern Horror und Liebesromane. Ihre Vampirserie um die Familie Argeneau brachte ihr den internationalen Durchbruch. Darüber hinaus hat sie auch mit historischen Liebesromanen eine große Leserschaft gewonnen.
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1
September 1351
Balan lehnte sich auf seinem Platz an der hohen Tafel nach vorn und dehnte dabei unbehaglich die Schultern. Sein blaues Wams war zu eng und zwickte ihn am ganzen Leib, denn es war nicht für seine hünenhafte Statur geschneidert. Früher hatte es seinem Vater gehört, der es bei Hofe getragen hatte. Diese Zeit lag lange zurück. Inzwischen war die Farbe verblasst, der Stoff an manchen Stellen dünn geworden, dennoch handelte es sich um das beste Stück, mit dem Balan aufwarten konnte. Er besaß andere, die besser passten, doch waren sie entschieden zu abgetragen für eine Einladung am Königshof in Windsor.
»Sieh mal, dort drüben. Lord Malculinus starrt unablässig in unsere Richtung«, raunte Osgoode ihm zu, ein Hauch von Abscheu färbte seine Stimme.
»Seine Lordschaft starrt nicht zu uns«, versetzte Balan leicht grimmig, »sondern auf unsere Kleider.«
»Er scheint ein einfältiger Gockel zu sein«, schnaubte Osgoode. »Er stolziert herum wie ein eitler Pfau. Ich würde mir eher die Kehle aufschlitzen, als einen scharlachroten Umhang über einem jagdgrünen Wams mit pflaumenblauen Aufschlägen zu tragen! Mir ist unerklärlich, wie er sich dazu ein blaues Wehrgehenk mit goldenen Troddeln umschnüren kann!« Er schüttelte den Kopf. »Seiner Lordschaft mangelt es offenkundig am feinen Geschmack. In diesem Aufzug gibt er sich der Lächerlichkeit preis. Unsere Kleider mögen ein wenig abgetragen sein, dennoch machen wir mehr her als er in seinem herausgeputzten Festtagsstaat.«
Balan grummelte leise und wünschte, es wäre wahr. Allerdings befürchtete er, dass man Osgoode und ihm ansah, was sie waren: mittellose Krieger auf der Suche nach einer reichen Braut, um der Grafschaft Gaynor einen harten Winter in Armut zu ersparen.
»Ich habe doch recht, oder?«, bohrte Osgoode. »Der Mann kann einem nur leidtun. Er hat sich sogar sein Wams auspolstern lassen, damit er figürlich besser dasteht, so wird gemunkelt. Und was seine Kriegskünste anbelangt … die sind zu vernachlässigen. Malculinus übt weder an der Stechpuppe noch mit der Lanze oder im Kampf. Wenigstens haben wir unseren Heldenmut und unsere militärische Erfahrung anzubieten. Alles, was der Bursche hat, ist das Gold seines Vaters.«
Balan, der den Neid aus der Stimme seines Cousins heraushörte, schwieg und dachte sich seinen Teil. Im Grunde genommen fühlte Osgoode sich genauso fehl am Platz wie er unter diesen erlesen gekleideten Adligen. Balan fühlte sich wie der arme geduldete Cousin bei Tisch.
»Außerdem haben wir bessere Plätze als er.« Osgoode grinste triumphierend und warf sich in die Brust.
Balan nickte kaum merklich. Gewiss, sie waren um ihre Plätze zu beneiden, aber diese Plätze hatten sie sich schwer erkämpfen müssen, mit Blut, Schweiß und Loyalität. Balan und Osgoode hatten die letzten Jahre für ihren König gegen die Franzosen gekämpft. Nach der Eroberung von Calais befanden sie sich noch in Frankreich, als in England die Pest ausbrach. Das hatte ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet.
Die Seuche hatte entsetzlich gewütet. Schätzungen zufolge war annähernd die Hälfte der englischen Bevölkerung dem Schwarzen Tod erlegen. Die Toten wurden in aller Eile in Massengräbern beerdigt. Balan kehrte in ein entvölkertes Land zurück, das im Chaos zu versinken drohte.
»Malculinus beneidet uns um unsere Plätze an der hohen Tafel«, verkündete Osgoode mit einem Hauch von Genugtuung in der Stimme. »Wir sitzen so nah bei den Majestäten, dass uns kein Wort entgehen wird, das aus dem Munde Seiner königlichen Hoheit kommt. Eine schöne Belohnung für unseren Einsatz.«
Balan grunzte missmutig. Das mit der Belohnung mochte zwar zutreffen, dennoch betrachtete er es eher als Bestrafung, sich in ihrer schäbigen Kleidung quasi auf dem Präsentierteller zu befinden. Zudem saßen sie so nah bei Seiner Majestät, dass sie nicht nur jedes Wort, sondern auch jedwede Flatulenz und jeden Rülpser des Königs mitbekommen würden. Lediglich zwei Plätze trennten sie von ihm. Bislang jedoch glänzte Seine königliche Hoheit durch Abwesenheit.
Wie auf ein geheimes Zeichen schwangen die hohen Flügeltüren auf und Seine Majestät König Edward III. kam in den Saal – eine stattliche Erscheinung, Ende dreißig, hoch gewachsen und in seine Festtagsgewänder gehüllt.
»Robert!«, rief Edward aus, kaum dass er seinen Platz an der hohen Tafel eingenommen hatte.
Der Angesprochene war sofort zur Stelle. »Stets zu Diensten, Sire.«
»Holt mir Murie.«
Zu Balans Erstaunen lief der Diener nicht gehorsam los, sondern zögerte, seine Miene wirkte bestürzt.
»Habt Ihr mich nicht verstanden, Robert?«, knurrte Edward, ehe er wiederholte: »Holt mir Murie.«
Der Bedienstete schluckte schwer. Dann nickte er widerstrebend und entfernte sich, um der Bitte nachzukommen.
Balan und Osgoode tauschten kurze Blicke aus. Beide kannten die Geschichten, die sich um die reizende Murie rankten; sie war die Patentochter des Königs und sein kleiner Liebling. Es hieß, sie sei bezaubernd hübsch, mit strahlend blauen Augen, goldblonden Haaren und einem süßen Lächeln. Und dass der König vom Fleck weg fasziniert von ihr gewesen sei, als das Mädchen nach dem Tod ihrer Eltern, Lord und Lady Somerdale, an den Königshof gekommen war. Es wurde auch gemunkelt, der König verwöhne die Kleine nach Strich und Faden und das Mädchen sei inzwischen schrecklich anstrengend. Bei Hofe hatte sie demzufolge auch den Spottnamen »Teufelsbraten« bekommen. Nach der bestürzten Reaktion des Dieners zu urteilen, der das Mädchen holen sollte, schien der Hofklatsch zuzutreffen.
»Becker«, sagte Edward gebieterisch, und sein engster Berater trat eilig an seine Seite.
»Jawohl Sire«, murmelte der Mann ehrerbietig und fragte: »Liegt etwas im Argen, königliche Hoheit?«
»Jawohl«, grummelte Edward und sagte: »Meine Frau ist der Auffassung, dass es die Zeit gebietet, Murie zu vermählen.«
»Ah.« Der Berater war durch eine harte Schule gegangen und verzog keine Miene. Leise hauchte er: »Ach du große Güte.«
»Ihr sagt es«, brummte Edward. »Die Kleine wird es bestimmt nicht gut aufnehmen.«
»Mit Verlaub, aber … Nein, ich fürchte nicht, Sire«, räumte Becker ein.
Niedergeschlagenheit verdüsterte die Züge des Monarchen.
»Andererseits ist sie zweifellos in einem heiratsfähigen Alter, Sire«, fuhr Becker fort. »Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass sie einen Gemahl findet.«
»Da sprecht Ihr ein wahres Wort«, grummelte Edward. »Ich habe es auch nicht vermocht, meine Gemahlin dahingehend umzustimmen, die Sache zu vertagen.«
»Hmmm«, seufzte sein Berater. »Möglicherweise nimmt Murie es besser auf, als wir vermuten, Sire. Nach meinem Dafürhalten ist sie in dem Alter, in dem andere junge Damen ihre Vermählung bekanntgeben. Ihr leuchtet doch gewiss ein, dass sie deren Los früher oder später teilen wird, oder? Vielleicht glaubt sie ernsthaft, dass sie einen Mann ehelichen soll, den Seine Majestät für sie ausgesucht haben.«
»Macht Euch nicht lächerlich«, versetzte der König unwirsch. »Wir haben ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Sie brauchte nie etwas gegen ihren Willen zu tun. Was sollte sie glauben lassen, daran habe sich etwas geändert?«
»Ihr habt wie stets recht, Sire«, meinte Becker milde betreten. »Und ich befürchte, Lady Murie will gar nicht heiraten. Das hat sie bei mehreren Gelegenheiten beteuert.«
Edward nickte unglücklich. »Ich bin weiß Gott nicht versessen auf das, was gleich kommen wird.«
»Das glaube ich Euch aufs Wort, Sire«, meinte Becker mitfühlend.
»Sie ist ein reizendes Mädchen, aber sie kann zuweilen … ungeheuer schwierig sein.«
»In der Tat, Majestät.«
Als die beiden Männer schwiegen, umklammerte Osgoode Balans Arm und flüsterte aufgeregt: »Hast du das eben gehört?«
Balan nickte lahm. »Es klang, als wollte der König den Teufelsbraten unter die Haube bringen.«
»Genau«, murmelte Osgoode. Er dachte kurz nach und sagte dann mit Nachdruck: »Sie ist äußerst wohlhabend.«
Balan strafte ihn mit einem abfälligen Blick. »Du denkst doch nicht etwa, dass ich …?«
»Cousin, sie ist ungemein wohlhabend«, unterbrach ihn Osgoode. »Und wir benötigen eine wohlhabende Braut, um Schloss Gaynor wieder zu seinem einstigen Glanz verhelfen zu können.«
Um es vor dem Verfall zu bewahren, benötigte Gaynor Castle dringend einen ordentlichen Batzen Geld. Der Schwarze Tod hatte auch vor Gaynor Castle und der umliegenden Grafschaft nicht haltgemacht. Etwa die Hälfte des Gesindes und der Bewohner waren an dem Ausschlag, verbunden mit hohem Fieber, gestorben. Viele andere waren aus Furcht vor Ansteckung, oder weil sie woanders ihr Glück versuchen wollten, geflüchtet. Nachdem die Pest ihre Pächter und ihr Gesinde hinweggerafft hatte, boten die wohlhabenderen Lords aus dem Umland aus lauter Verzweiflung höheren Lohn und Sold für jeden, der bereit war, in ihre Dienste zu treten – mit Erfolg. Die Gesundgebliebenen zog es mit Macht auf Anwesen andernorts.
Gaynor war stets ein florierendes Grafengut gewesen, bis Balans Vater vor zwei Jahren eine beträchtliche Summe Geldes dafür ausgegeben hatte, einen neuen Fischteich anzulegen. Dann kam der verregnete Sommer, gefolgt von der Pest, die ihnen schwer zusetzte. Ihre Mittel schmolzen dahin, die eigenen Leute starben wie die Fliegen und es fehlten die Mittel, fremdes Gesinde...




