Sanner | Wie man in Japan Go-go-Girl wird | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Sanner Wie man in Japan Go-go-Girl wird

Eine wahre Geschichte
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96348-992-1
Verlag: Reisedepeschen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine wahre Geschichte

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-96348-992-1
Verlag: Reisedepeschen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie man in Japan Go-go-Girl wird Mein Weg durch Japans neonbunte Nächte - ein autobiografischer Erfahrungsbericht von Anna Sanner Lehrerin am Morgen. Ninja im Innern. Go-go-Girl bei Nacht. Was wie ein skurriler Filmtitel klingt, ist das echte Leben von Anna Sanner - mitten in Japan. In ihrem neuen Buch erzählt sie von einem ungewöhnlichen Doppelleben zwischen Schulalltag und Nachtclub, von absurden Begegnungen, mutigen Entscheidungen und einem Land, das sie ebenso fasziniert wie herausfordert. Mit trockenem Humor und großer Offenheit taucht Anna ein in eine Welt, die vielen verborgen bleibt: Japans leuchtendes, widersprüchliches Nachtleben. Während sie tagsüber Englisch unterrichtet, steht sie nachts auf der Bühne - als Go-go-Girl in Osaka. Ein Job, den man nicht googeln kann. Und ein Abenteuer, das alles infrage stellt: Rollenbilder, Grenzen, Selbstbild. 'Wie man in Japan Go-go-Girl wird' ist eine persönliche Geschichte über Mut, weibliche Selbstbestimmung und das Abenteuer, den eigenen Weg zu finden - selbst wenn er auf die Bühne eines Nachtclubs führt. Fortsetzung des erfolgreichen Debüts: Nach dem gefeierten ersten Band 'Wie man in Japan Ninja wird' - von Leser:innen als humorvoll, ehrlich und berührend gelobt - kehrt Anna Sanner mit einem noch tiefergehenden, überraschenden Einblick in ihre Zeit in Japan zurück. Wer ihren ersten Reisebericht mochte, wird diese Fortsetzung lieben: schärfer im Ton, mutiger in der Perspektive und voller leuchtender Kontraste. Für alle, die ... ehrliche Reiseberichte mit Tiefgang suchen Japan abseits touristischer Klischees erleben möchten sich für weibliche Selbstbestimmung und kulturelle Grenzgänge interessieren persönliche Geschichten über Aufbruch, Identität und Neuanfang schätzen Ein mutiges Buch über das Spiel mit Rollenbildern, das Loslassen von Erwartungen - und die Freiheit, sich immer wieder neu zu erfinden. Für alle, die das Leben lieben, wenn es ein bisschen lauter, heller und ehrlicher wird.

Geboren 1980 in Hannover, studierte Anna Sanner Japanologie in Schottland sowie Japanisch-Dolmetschen und Übersetzen in England. Danach lebte sie fünf Jahre in Japan - als Lehrerin, Übersetzerin, Dolmetscherin, Show-Ninja und Go-go-Girl -, gefolgt von einem Jahr als Zirkuslehrerin in einem Künstlerdorf im hawaiianischen Dschungel. Seit 2012 lebt sie wieder in Hannover, wo sie als Dolmetscherin, Übersetzerin, Japanologin und Autorin arbeitet. Sie veröffentlicht Gedichte, Erzählungen und Essays, zuletzt das Memoir Wie man in Japan Ninja wird (2022), erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter das Translasien-Stipendium (2021) und den ersten Preis beim JLPP-Literaturübersetzungswettbewerb des japanischen Kultusministeriums (2025), und ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
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Prolog

Während ich in Tokyo studierte, verpasste ich einmal den letzten Zug und konnte abends nicht mehr nach Hause fahren. Ich befand mich in Shinjuku, und der Campus der Universität in Mitaka war ungefähr zwanzig Kilometer entfernt, ohne Zug also am Ende der Welt. Ein Taxi war ausgeschlossen – zu teuer.

Zuerst hatte ich die aufregende Idee, bei der Gelegenheit ein Kapselhotel auszuprobieren, eines dieser haushohen Wabenregale, in denen man sich für schmales Geld eine winzige Wabe zum Übernachten mieten konnte. Also begab ich mich in die Straßen des Rotlicht- und Vergnügungsviertels Kabukicho und steuerte das erste Kapselhotel an.

»Nur für Männer«, sagte ein alter, leichenblasser Portier.

»Oh«, fragte ich, »gibt es auch Kapselhotels für Frauen?«

»Nicht in dieser Gegend«, entgegnete er unwirsch.

Ich ging hinaus und überlegte weiter. Ein normales Hotel war ausgeschlossen – auch zu teuer. Ich stellte mich also langsam darauf ein, die Nacht in einem Café zu verbringen, zu lesen und zu schreiben und dabei sparsam ein paar Getränke zu konsumieren. Der Gedanke, in Ruhe Zeit mit diesen Aktivitäten verbringen zu können, war nicht übel. Leider stellte ich fest, dass Starbucks und Co. zu dieser Zeit bereits geschlossen hatten. Also begann ich, mich nach einem McDonald’s oder einem erschwinglichen Internetcafé umzusehen.

Ich floss mit den Menschenmassen durch die bunt blinkenden Straßenzüge und suchte nach einem geeigneten Ort, die Nacht zu verbringen. Als ich an einer riesigen Kreuzung wartete, an der alle Fußgänger gleichzeitig Rot hatten, sprach mich ein schmächtiger, etwa fünfzigjähriger Mann mit Brille und dünner werdendem Haar an.

»Where are you from?«, leitete er das Gespräch ein. Das kam häufig vor, ein Japaner, der Englisch sprechen wollte. Der Salary Man1 sah nett aus, und ich sagte bereitwillig: »Hi, I’m from Germany. How about you?«

»I’m from Japan«, sagte er und wurde dabei mehrere Zentimeter größer, so stolz war er, dass er das Gespräch so fließend fortsetzen konnte. »My name is Tadashi Inamura. What’s your name?«

»My name is Anna Sanner. Your English is very good.«

»Not very good«, gab er zu. »Do you speak Japanese?«

Wir wechselten ins Japanische, was ich seit gut zwei Jahren studierte und durch mein derzeitiges Studienjahr in Tokyo vertiefen wollte. Die Ampel wurde grün.

»Wohin gehst du?«, fragte er.

»Ich weiß noch nicht«, sagte ich. »Ich habe den letzten Zug verpasst.«

»Ich auch«, strahlte er. »Zu lange gearbeitet.«

»Fahren Sie mit dem Taxi nach Hause?«, fragte ich.

»Nein«, erwiderte er. »Das ist mir zu weit. Wollen wir etwas essen gehen?«

»Warum nicht«, sagte ich.

Wir setzten uns in eine Kneipe und bestellten Cola und Limo.

»Was essen wir?«, fragte Herr Inamura, schob seine Brille auf die Nase und las darüber hinweg mit hochgezogenen Augenbrauen die Karte. »Nehmen wir Nankotsu. Die esse ich sehr gerne.«

Nankotsu waren frittierte Hühnerknorpel. Ich aß sie nicht so gerne, aber um nicht unhöflich zu sein, sagte ich: »Nankotsu, sehr lecker! Muss man die nicht eigentlich zu Bier essen?«

»Jaaa!«, sagte Herr Inamura. »Das sagen alle, nicht wahr? Aber ich vertrage nun mal keinen Alkohol.«

»Das macht doch nichts«, sagte ich. »Ich trinke auch nicht so gern Alkohol. Ich bin sicher, Nankotsu passen ebenso hervorragend zu Cola und Lemon Squash.«

»Anna-san, ich freue mich sehr, dass du mit mir isst. Los, such dir auch noch was zu essen aus.«

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Ihnen zur Last zu fallen«, sagte ich. Dann wählte ich einen Rettichsalat.

Wir tranken unsere Softdrinks, knackten dünne Rettichstreifen und goldene Hühnerknorpel zwischen unseren Zähnen und unterhielten uns über dies und das. Allmählich forderte mein Körper Schlaf, und obwohl ich eifrig den Tipp aus dem Samurai-Handbuch Hagakure befolgte und mir immer wieder über die Lippen leckte, hatte ich zunehmend Mühe, mir das Gähnen zu verkneifen.

»Sind Sie nicht müde, wenn Sie den ganzen Tag gearbeitet haben?«, fragte ich.

»Nein, nein«, winkte er ab. »Geht schon.« Es war erst kurz nach Mitternacht. Bis die ersten Züge fuhren, dauerte es noch über fünf Stunden.

»Nehmen Sie sich ruhig ein Hotel und schlafen Sie ein bisschen«, ermunterte ich ihn. »Ich setze mich noch ein paar Stunden ins Internetcafé.«

»Kommst du mit ins Hotel?«, fragte er.

»Ausgeschlossen«, sagte ich.

»Nein, nein, so meine ich das nicht«, erschrak Herr Inamura. »Keine Sorge, Anna-san. Ich bin alt.«

»Nein, ich meinte es auch nicht so«, sagte ich. »Mir ist ein Hotel zu teuer, und ich lasse Sie auf keinen Fall für mich bezahlen.«

»Ich habe heute meinen Bonus bekommen«, erzählte er. »Ich bin allein und weiß gar nicht, wofür ich das ganze Geld benutzen soll.« Wir stritten uns ein bisschen, dann einigten wir uns darauf, dass er mich zu einem Internetcafé bringen und sich danach ein Hotel suchen würde.

Herr Inamura rief den Kellner. Ich reichte ihm vorsorglich 1.000 Yen, damit er nicht auf die Idee kam, für uns beide zu bezahlen. Wieder stritten wir eine Weile. Diesmal gewann er und zahlte. Ich verbeugte mich und sagte: »Gochiso-sama deshita!« – »Vielen Dank für Speis und Trank!«

Herr Inamura lachte. »Anna-san, du bist ja eine richtige Japanerin!«

Wir gingen hinaus und schlenderten die Straße entlang. In einer Art Schaufenster weiter oben erblickte ich ein rosarotes Licht, das sehr gemütlich aussah.

»Sehen Sie mal«, sagte ich. »Das Licht da oben sieht nett aus, finden Sie nicht?«

»Wollen wir reingehen?«, fragte Herr Inamura. »Ist aber ein Stripclub.« Plötzlich war meine Abenteuerlust geweckt. Ich dachte an die Abfuhr, die ich im Kapselhotel erhalten hatte. Allein würde ich als Mädchen wahrscheinlich nie in so einen Laden kommen. Das war die Gelegenheit.

»Wollen Sie?«, fragte ich.

»Gehen wir!«, beschloss Herr Inamura.

Wir fuhren in den dritten Stock. Eine ältere Dame in einem eleganten, chinesisch anmutenden Kleid strahlte uns an wie ein roter Lampion. Herr Inamura tauschte 5.000 Yen in Spielgeld um. Wir bekamen zwei Getränkechips und einen Tisch in einer Nische, von dem aus man die Bühne gut sehen konnte. Der Laden war nicht besonders voll. Die Sitze waren gepolstert und mit Plüsch bezogen. Das rosarote Licht hatte nicht zu viel versprochen. Man fühlte sich geborgen wie ein Baby am Busen seiner Mutter.

Wir tauschten unsere Getränkechips gegen Cola und Lemon Squash ein und sahen gespannt zur Bühne. Zwei große, kurvige Gaijin2-Mädchen schwangen ihre Hüften rhythmisch zur Musik, gingen in die Hocke und streckten sich wieder, strichen über ihre langen Beine wie über wertvolle Stoffe und präsentierten ihre Brüste wie Wackelpudding aus Champagner. Das eine Mädchen war weiß, das andere schwarz. Das weiße Mädchen hatte dickes, dunkelblondes Haar und große, eindrucksvolle Brüste, die trotz ihres erstaunlichen Volumens durch ihre natürliche Form überzeugten, das schwarze Mädchen besaß einen Kussmund wie helles Nougat und ellenlange, gerade Beine, deren Oberfläche an die glatt-glänzende Glasur auf einem Toffee-Eclair erinnerte.

»Wollen wir sie zu uns rufen?«, fragte Herr Inamura.

»Wie Sie wollen«, sagte ich.

»Ich fand sie sexy«, argumentierte er schlüssig. »Rufen wir sie zu uns.« Die Mädchen setzten sich an unseren Tisch.

Wie sich herausstellte, kamen die beiden aus den USA, weshalb wir uns direkt auf Englisch unterhielten. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber sie sprechen zu hören wie meine Kommilitonen an der Uni war für mich eine Offenbarung. Sie waren freundlich und umgänglich. Wir verstanden uns auf Anhieb bestens. Herr Inamura hingegen blickte verständnislos drein. Um ihn mit einzubeziehen, dolmetschte ich für ihn, und er lehnte sich dankbar zwischen unsere Mädchengesichter.

Die jungen Frauen studierten Wirtschaft und hatten sich von ihrem Studium eine Auszeit gegönnt, um etwas von der Welt zu sehen. Zur Finanzierung ihrer Vergnügungsreise arbeiteten sie in diesem Laden. Work and Travel einmal anders.

»Ihr macht das sehr gut«, lobte Herr Inamura. »Ihr seht aus wie Profis.«

»Danke«, sagte die eine.

»Wie heißt ihr eigentlich?«, fragte ich.

»Ich bin Faith«, sagte das weiße Mädchen.

»Und ich Hope«, sagte das schwarze. Ich blickte von einer zur anderen.

»Wow!«, sagte ich. Ich fühlte mich wie im Märchenland.

Nachdem der Club zugemacht hatte, gingen Herr Inamura und ich im Nudelrestaurant unter dem Stripclub etwas essen. Nach wenigen Minuten kamen Faith und Hope in Privatgarderobe herunter. Sie hatten ihre Schicht beendet.

»Frag sie doch, ob sie noch mit uns essen wollen«, schlug Herr Inamura vor.

»Wollt ihr mit uns noch was essen?«, fragte ich. Hope setzte sich neben mich.

»Sowas machen wir eigentlich nicht«, sagte sie. »Aber weil du’s bist.«

»Sie setzen sich gerne zu uns«, erklärte ich Herrn Inamura.

Faith kam von der Toilette zurück.

»Ah, Faith«, sagte ich. »Komm zu uns!«

»Ich heiße eigentlich Katie«, flüsterte sie mir...



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