E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Sant'Anna Amazone
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86034-531-3
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-86034-531-3
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sérgio Sant'Anna, geboren 1941 in Rio de Janeiro, ist Autor von mehreren Romanen, Erzählbänden, Theaterstücken und Geschichten. Seine Schriftstellerkarriere begann in den sechziger Jahren mit der Gründung einer (später von der Militärdiktatur verbotenen) Zeitschrift für experimentelle Literatur; in den siebziger Jahren zählte er zur literarischen Avantgarde Brasiliens, die das Formexperiment mit dem revolutionären Engagement zu verbinden suchte. Sant'Anna war lange Dozent für Kommunikationswissenschaft an der Universität von Rio de Janeiro. Für seine Werke erhielt er mehrere brasilianische Literaturpreise, darunter 1986 den 'Premio Jabuti' für 'Amazone'.
Weitere Infos & Material
Teil I
1. Party im Hause des Bankiers
2. Liebelei
3. Eheliche Liebe
4. Wie man einen Komplex loswird
5. Eine Frau wird geboren oder Im Studio des Fotografen mit den blauen Augen
6. Eine Illustrierte
7. Ghost-thinker
8. Amazone
9. Ehemann in der Krise
10. Stellungen
11. Die Illustrierte Flagranti
12. Die Illustrierte Flash
13. In der Leitung
14. Gaunerliebe
15. Historisches
16. Der Same geht auf
17. Eros und Thanatos
18. Die Organisation
19. Noch ein ausgehungerter, schutzloser Mann
20. Überfahrt
21. Frauen
22. Gott
23. Billig-Metaphysik
24. Leben
25. Rio de Janeiro by night
Teil II
26. Klärungen
27. Gespräche
28. Weitere Klärungen
29. Was den Franzosen betrifft
30. Die Andere
31. (Intermezzo: Eine Katze)
32. Die Justiz kommt zu spät und irrt
33. Die hierarchischen Kanäle der Macht
34. Draußen im Lande
35. Das Elend mit der Macht
36. Schmerz ... und Lust!
37. Eine Flut von Schmutz
38. Pressekonferenz
39. Der Tote hatte blaue Augen
40. Bankierstochter vom eigenen Vater entführt
41. Geht es am Gerichtsmedizinischen Institut mit rechten Dingen zu?
42. Noch etwas Billig-Metapyhsik
43. Staatspräsidenten, Teil I
44. Staatspräsidenten, Teil II
45. Der Putsch des Generals Gouvêa
46. Tod einer Figur
47. Am Gerichtsmedizinischen Institut geht es mit rechten Dingen zu
48. Schicksale
49. Die Amazone
Ihr Mann stand in der Runde des Vorstandsvorsitzenden und schwafelte, den Mund voller Kroketten, unablässig weiter. Der Vorstandsvorsitzende war die höchste der anwesenden Autoritäten und hatte sich strategisch unter den Kronleuchter des Salons postiert. Über dem Vorstandsvorsitzenden schwebte ein Heiligenschein, als wäre er im Fernsehen. "Übrigens, Delfim ...", setzte ihr Mann gerade an, als Dionisia sich gelangweilt entfernte.
Gedankenverloren griff sie nach einem Glas Champagner, blieb einen Augenblick allein mitten im Salon stehen und genoss ihre Verfügbarkeit. Dann beschloss sie, sich der Runde um den Fotografen mit den blauen Augen anzuschließen. Der Fotograf mit den blauen Augen war überaus gefragt, fast so gefragt wie der Vorstandsvorsitzende. Nur dass in seiner Runde die Frauen vorherrschten.
"Es hängt nicht einfach von einem schönen Gesicht oder einem schönen Körper ab", sagte der Fotograf mit den blauen Augen in seinem Akzent, "sondern vielmehr von einem Leuchten, das die Frau genau in dem Augenblick in ihrem Innern entfacht, wo das Foto gemacht wird. Aber das merkt man erst richtig beim Entwickeln. Als würde das Foto eine innere Wirklichkeit des Modells bannen."
In diesem Augenblick hatte der Champagner in Dionisias Hirn eingeschlagen, und sie war sich ganz sicher, dass sie genau dieses Leuchten in sich trug. Der Fotograf mit den blauen Augen fing das Signal auf und musterte sie von Kopf bis Fuß, als zöge er sie aus.
Dionisia erschauerte vor Lust, was aber gleich darauf von einem Gefühl des Abscheus verdrängt wurde. Denn eine gewisse Schweißhand griff von hinten besitzerisch um ihre nackten Schultern. Und ein Gedanke, der seit Langem über Dionisias Kopf geschwebt hatte, ohne sich einzunisten, traf sie mit voller Wucht, wie ein Backstein: "Ich kann meinen Mann nicht ausstehen und bin ganz verrückt danach, mit einem anderen ins Bett zu gehen." Das Bild des anderen nahm ganz von allein Gestalt an: der Fotograf mit den blauen Augen.
"Komm mal eben, ich möchte dir Dr. Ribeiro vorstellen", sagte ihr Mann. "Dr. Ribeiro ist unser Direktor. Dr. Ribeiro, meine Gattin."
Im Nu hatten die Augen von Dr. Ribeiro, so schien es, die Gestalt eines Periskops angenommen, das sich in Dionisias Dekolleté versenkte. Dieses Kleid hatte ihr Mann höchstpersönlich ausgesucht: Es war schwarz, bauschig und saß weit genug, dass Dr. Ribeiro, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte, gerade noch die rosigen kleinen Knospen von Dionisias Brüsten erspähen konnte.
"Angenehm", sagte sie: "Dionisia."




