Sant'Anna Das kosmische Ei
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86034-533-7
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Drei Erzählungen
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-86034-533-7
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sérgio Sant'Anna, geboren 1941 in Rio de Janeiro, ist Autor von mehreren Romanen, Erzählbänden, Theaterstücken und Geschichten. Seine Schriftstellerkarriere begann in den sechziger Jahren mit der Gründung einer (später von der Militärdiktatur verbotenen) Zeitschrift für experimentelle Literatur; in den siebziger Jahren zählte er zur literarischen Avantgarde Brasiliens, die das Formexperiment mit dem revolutionären Engagement zu verbinden suchte. Sant'Anna war lange Dozent für Kommunikationswissenschaft an der Universität von Rio de Janeiro. Für seine Werke erhielt er mehrere brasilianische Literaturpreise, darunter 1986 den Premio Jabuti für Amazone.
Weitere Infos & Material
Kurze Geschichte des Geistes
Das kosmische Ei
Adieu
Als der Wecker geklingelt und ihn aus einer unendlich interessanteren und besseren Welt gerissen hatte, war er hochgefahren, verwirrt, ohne sich zu erinnern, welcher Tag heute war und was diesem Ruf zugrunde lag. Wie immer während der Ferien hatte er jeglichen Gedanken an die Vorlesungen aus seinem Kopf getilgt. Erst als er die Frau neben sich im Bett wahrnahm, kehrte seine zeitliche Orientierung zurück, denn er erkannte in ihr eine Studentin von vor einigen Jahren. In diesem ersten Augenblick hatte er allerdings nicht die geringste Ahnung, wie sie dorthin gekommen war.
Er lupfte behutsam die Bettdecke, nur um ihren Körper zu betrachten, und verspürte kurz und heftig das Bedürfnis, sein Gesicht in ihrem Bauch zu vergraben, als könnte ihn das wieder in jene interessantere, bessere Welt zurückversetzen.
Sie drehte sich, instinktiv nach Schutz suchend, auf die Seite und rollte sich ein, ohne aufzuwachen. Er deckte sie ebenso behutsam wieder zu und schlüpfte ins Badezimmer, wo er alles versuchte, um die Wirkung des Alkohols auf seinen Organismus zu vertreiben.
Unter dem heißen, dann kalten Wasserstrahl bemühte er sich, die Schnipsel seiner Gedanken zusammenzusetzen, von vagen Erinnerungen an die vergangene Nacht über gar keine Erinnerung an einen Traum, von dem er ahnte, dass er ihn gehabt hatte, und der ihm überaus wichtig vorkam wie alle Träume, bis hin zu der Notwendigkeit, im Kopf wenigstens einen Embryo der ersten Vorlesung des Semesters zusammenzubekommen, die er in einer Stunde halten musste.
Er verließ, in ein Handtuch geschlungen, das Bad und ging direkt in sein Arbeitszimmer, und dort, mitten in seinem Kuddelmuddel aus Büchern und Papieren, die sich seit Jahren dort ansammelten und einen meistenteils aus Zeitungen und Zeitschriften stammenden Humus aus Nützlichem, Unnützem und Unwahrscheinlichem bildeten, zog sie ihn unwiderstehlich an - die Finsternis, durchbrochen von einem leuchtenden Lichtstrahl.
Er steckte sie in seinen Rucksack, zusammen mit einer Sonnenbrille, und setzte sich an den Tisch, um folgende Nachricht zu kritzeln, die er mit Tesafilm auf den Spiegel im Schlafzimmer kleben wollte: "Musste weg. Wenn du gehst, zieh einfach die Tür zu." Eine Nachricht, die unterschwellig klarmachte - nahm er an -, dass sie gehen sollte.
Und jetzt, vor dem anderen Spiegel, auf der Professorentoilette, atmete er tief durch, in der Hoffnung, die Luft werde seine Blutgefäße reinigen, das Schwindelgefühl vertreiben und den ganzen Rest gleich mit. Doch die Angst vor dem Zusammenbruch ließ diesen nur umso bedrohlicher erscheinen, und er dachte daran, sich auf leisen Sohlen davonzumachen, das Auto zu schnappen und sich in seinem Bett zu verkriechen.




