Sanzara | Das verlorene Kind (Kommentiert) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 295 Seiten

Sanzara Das verlorene Kind (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Ein Krimi-Klassiker von Johanna Bleschke
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-1895-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Ein Krimi-Klassiker von Johanna Bleschke

E-Book, Deutsch, 295 Seiten

ISBN: 978-80-268-1895-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Das verlorene Kind' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Rahel Sanzara (1894-1936) war eine deutsche Tänzerin, Schauspielerin und Schriftstellerin. Ihr Erstlingsroman Das verlorene Kind erschien als Vorabdruck in der Vossischen Zeitung und 1926 als Buch und erregte großes Aufsehen wegen des heiklen Themas eines Sexualmordes an einer Vierjährigen. Er erreichte in kurzer Zeit mehrere Auflagen und wurde in elf Sprachen übersetzt. 1926 sollte ihr dafür der Kleist-Preis verliehen werden, aber sie lehnte ab. Das heizte bestehende Plagiatsvorwürfe an, denen zufolge das Buch von Ernst Weiß verfasst worden sei und die Geschichte aus dem Neuen Pitaval entlehnt worden sei. Aus dem Buch: 'Am Abend vor der Reise streifte ihn, als er verworren in der frühen, herbstlichen Dämmerung durch die kleine Stadt eilte, im Scheine einer Straßenlampe schnell und dicht eine Frau. Ihr schneeweißes Gesicht tauchte aus der Dunkelheit auf in den Kreis des Lichtes und schwebte so nahe an dem seinen vorüber, daß er den Atem des lächelnd geöffneten Mundes spürte. Die Augen, schwarz unter dichtem Haar, das seine Schwärze bis tief über die Stirne senkte, waren weit und schamlos aufgeschlagen, wogend ergoß sich Finsternis in seinen Blick. Als es vorbei war und er sich umwandte, sah er eine graugekleidete, mittelgroße und leicht üppige Frau in der Dämmerung die Straße weitereilen. Aber ihr Blick verließ ihn nicht. Nachts vor dem Schlaf, in der Dunkelheit, fühlte er ihn um sich, erkannte in ihm wieder jene tiefere Finsternis, vor der er als Kind sich gefürchtet hatte.'

Sanzara Das verlorene Kind (Kommentiert) jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


II


Am Morgen des sechsundzwanzigsten Juni, im ersten Schimmer des Lichtes, das golden wie immer aufstieg, erwachte die Frau. Sie hatte tief geschlafen. Ohne sich zu regen, wendete sie den weitgeöffneten Blick zum Fenster. Dort kniete der Mann, das Kinn auf die Fensterbank gestützt, das Haupt steil emporgerichtet, unbeweglich Gesicht und Blick gegen Luft und Himmel gerichtet. Leise rief sie seinen Namen. Er rührte sich nicht. Sie richtete sich im Bette auf. In der aufflammenden Sonne erkannte sie langsam, mit geblendeten Augen, deutlich seine breiten Schultern, seinen Nacken, und, daß das Haar seines Hauptes weiß gebleicht war in dieser Nacht. Sie eilte zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. Er wollte sich erheben, doch seine großen Glieder schienen ohne Kraft, die Arme, gestützt auf das Fensterbrett, knickten zitternd ein, von neuem sank er mit dumpfem Schlag in die Knie. Die Frau wollte ihn hochziehen und griff nach seiner Hand. Doch kaum hatten ihn ihre warmen, vollen Finger berührt, als er aufgeschnellt plötzlich vor ihr stand, hochgereckt, um Haupteslänge größer als sie, das weiße, wirre Haar über der hohen Stirn, die Augen ganz verhangen von den schweren Lidern, der Mund verdeckt von dem zerzausten Bart, der allein noch die Lebensfarbe behalten hatte. So wich er fremd vor ihr zurück. Er riß seine Hand von ihr los, an dem leeren Bettchen des Kindes vorbei ging er aus dem Zimmer.

Die Frau stand still und sah mit ihren weitgeöffneten Augen im Zimmer umher. Sie weinte nicht. Sie konnte Unglück nicht begreifen. Sie strich ihre Kleider glatt, in denen sie geschlafen hatte, mit einem Kamm fuhr sie durch ihr langes, dunkles, aufgelöstes Haar, drehte es im Nacken zu einem Knoten und stieß die Haarnadeln tief ein. Sie lächelte. Sie glaubte und hoffte.

Es war fünf Uhr, und alle waren schon wach. Die Ställe wurden geöffnet, die Schäfer trieben die Herden hinaus, die Hammel und Ziegen stürmten auf die Weide, die Kühe sammelten sich zum Melken.

An der Tür des Hauses stand der Herr, wie jeden Morgen. Tiefes Erschrecken ging von seinem ergrauten Haupte aus. Alle, die es an diesem Morgen erblickten, sanken in sich zusammen. Erschüttert, verzagt und mutlos gingen alle an die Arbeit. Noch bewegte sich alles in dem alten, guten Gleise, in der tief eingewurzelten Ordnung. Doch der Blick des Herrn, der bewacht, angefeuert und auch gedankt hatte, fehlte bald über allem. Schon an diesem Morgen sah er nicht die Züge seiner Herden an sich vorüberziehen, zählte nicht mehr ihre Zahl, sondern unter den schweren Lidern hervor erblickte er nur die verkohlten Reste des Scheiterhaufens, die schmutzigen Spuren der durchsuchten Gruben auf dem Hof und weiterhin die zerstampften, niedergetretenen Kornfelder. Nur die Scheune Nummer vier war wie immer. Ihre Tore waren weit geöffnet, hin und wieder schoß ein Vogel in weitem Bogen aus dem Licht in die Finsternis des fensterlosen Raumes, eine Atzung im Schnabel, oder kehrte aus dem Dunkel zurück und senkte sich in das Korn nieder. Das dunkle Dach der Scheune zeigte den neuen, helleren Fleck, an dem es ausgebessert war.

Auf dem Hausflur trat der Fischer Andreas zu ihm. »Sollen wir nicht noch einmal suchen, Herr?« fragte er leise.

Christian stand still, und es dauerte eine Weile, ehe er antworten konnte. Die schweren Lider hoben sich nicht von den Augen, und der Mund schien sich nur schwer zum Sprechen zu bewegen.

»Sucht nur,« sagte er endlich, »das Wasser treibt oft erst den dritten Tag auf. Tut alles, was not ist.«

Der Fischer wandte seinen Blick nicht von seines Herrn gebleichtem Haar, bis dieser in die Wohnstube eingetreten und die Tür leise und fest hinter sich geschlossen hatte.

Im Wohnzimmer ließ sich Christian vor dem Pult seines Schreibsekretärs nieder. Er stützte den Kopf auf und legte müde Stirn und Augen in seine Hände. In der Nacht, die sein Haar gebleicht hatte, waren in menschlicher Verzweiflung seine Knie zusammengebrochen, hatte das Bild seines Kindes, erstanden aus der väterlichen Sehnsucht, in tiefstem Schmerz sein Herz bewegt, doch jetzt war alles leer, tot seine Brust, vernichtet die Welt, die Gott erschaffen, in Sinn und Gesetz erhalten hatte nach seinem Glauben bis zu diesem Tage. Alles war zertrümmert und versunken, nur er selber war noch, atmete, lebte, er fühlte seine aufrechten Schultern zu Seiten des starken Rückens, der noch nicht gebeugt war, der noch immer Schläge empfangen, noch Bürden auf sich nehmen konnte.

Er hob den Kopf und zog langsam mit der rechten Hand das oberste Schubfach des Sekretärs auf. Er entnahm ihm eine längliche Geldschatulle aus grünem, dicht geflochtenem Metalldraht und öffnete sie. Ihr Inneres war eingeteilt in verschiedene Fächer. Darin lagen sortiert die Geldmünzen, Gold- und Silberstücke, Kupfer- und ausländische Münzen, und unter dem obersten Einsatz, der abzuheben war, lagen zusammengefaltet die Papiere: die Urkunde über die Pacht der Domäne, der Trauschein, die Geburtsurkunden und Taufbriefe der Kinder.

Christian faltete alles auseinander, las und legte es breit vor sich hin. Er schlug die Wirtschaftsbücher auf, die Sparkassenbücher, fünf an der Zahl, lautend auf seinen Namen, auf den Namen der Frau und der drei Kinder. Er las die Daten der Eintragungen. Zu jedem Geburtstag, zu Weihnachten, nach Genesungen von kleinen Krankheiten hatte er die Summen vermehrt. Der Mutter hatte er bei der Geburt jedes Kindes eine heimliche Einzahlung von hundert Talern geleistet. Sein eigenes Barvermögen bestand aus viertausend Talern, so viel, als er gewollt und erstrebt hatte. Er hatte den Ertrag der Felder auf das Vierfache gesteigert Der Erlös aus den Herden und den Produkten allein reichte aus für die Erhaltung des großen Gesindes, für die reichen und guten Anschaffungen an Geräten, Wagen, für Steuern und reiche Almosen, für die Erziehung der Kinder und für die Pacht.

Christian las die Bücher, prüfte die Summen, übersah die Arbeit seiner Jugend, den Segen seiner Mühen, sein Leben baute er noch einmal um sich auf. Zuletzt ergriff er noch ein Buch, schwarz und schmal gebunden, und hielt es in der Hand. Auf der weißen Etikette des Umschlags stand geschrieben: »Clara, Charlotte, Anna B.«, und auf der ersten Seite, die er aufschlug, stand links »Mit Gott!« und auf der rechten neun Eintragungen zu je zehn und fünfzehn Talern. Es war das Sparbuch für das verlorene Kind. Sein kleiner Besitz, bestimmt, sich zu vergrößern mit den Jahren seines Lebens, mit der Zahl seiner Freudentage. Christian sah es lange an, dann räumte er alles zurück an seinen Platz, ergriff einen Bogen Papier und entwarf sein Testament für die Frau und die beiden Söhne.

Von der Mutter erhielt Fritz den Befehl, den Hof zu reinigen, der noch immer beschmutzt war mit den Resten des verbrannten Holzes und des Mistes. Er erschrak, denn er hatte sich in Gedanken seine Arbeit so schön eingeteilt, erst das Reinigen der Ställe, dann das Ordnen der Geräte, das Hacken auf dem Kartoffelacker, die Arbeit im Garten, wo er heimlich die Obstbäume stützen wollte, zur Überraschung für die anderen, die in diesen Tagen verwirrt einherliefen und die gute Ordnung der Arbeiten ganz vergaßen. Er aber freute sich mehr als je auf seine Arbeit, und wenn er jetzt den Hof waschen mußte, würde ein anderer sie tun, und alles war umgestoßen. Trotzdem eilte er gehorsam über den Hof zur Scheune, wo unter dem Dachvorsprung die Geräte hingen. Er holte den großen Reisigbesen, den Wassereimer und die Gießkanne, lief zum Brunnen zurück, schöpfte Wasser und begann den Hof auszuwaschen. Die Sonne brannte, das Wasser, vermengt mit den Resten des Dungs, dunstete übel. Schweiß rann ihm von der Stirn. Unermüdlich holte er frisches Wasser, schwemmte und rieb die Steine, bis endlich doch der große Hof wieder sauber und feucht in der Sonne glänzte. Er wusch noch sorgfältig den Besen in klarem Wasser aus, spülte die Eimer und trug alles an seinen Platz zurück.

Zum vierten Male an diesem Morgen kam Fritz an dem offenen Tor der Scheune Nummer vier vorbei. Ein Vogel stieß aus dem Dunkel ins Licht, senkte sich trillernd tief im Flug an ihm vorbei. Fritz stand still und blickte in den hohen, weiten, schweigenden und schwarzen Raum hinein. Da drinnen war etwas geschehen mit ihm, ganz im Verborgenen, etwas hatte er getan, was er noch nie getan hatte, er war ein Mann, kein Kind mehr. Er tastete an seinen Kleidern, waren sie nicht mitten am Tage geöffnet gewesen? Scham ergriff ihn, vorsichtig schlich er einige Schritte in die Scheune hinein. Nein, er hatte alles in Ordnung gebracht. Es war dunkel und heiß, kaum konnte er sehen. Beruhigt ging er wieder hinaus. Des Kindes erinnerte er sich nicht, aber etwas hielt ihn auch ab, an es zu denken, wenn die anderen von ihm sprachen, noch vermochte er selbst von ihm zu sprechen. Sein zu furchtbarer Einsamkeit verdammtes Herz fühlte keine Liebe und keinen Schmerz, ruhig war sein Gewissen und tief sein Schlaf, der abends über seinen arbeitsmüden Körper fiel.

Am wahrsten und tiefsten trauerte Emma um die kleine Anna. Denn sie dachte nur an das Kind, sehnte sich nach seinem lieben Anblick und zerrieb sich in Sorgen und Kummer über sein Verschwinden. Es quälte sie, daß sie nicht helfen konnte in diesem furchtbaren Unglück, das so tückisch, so versteckt war, das keinen Namen hatte wie alle anderen, wo man Hilfe bringen konnte, wie bei Krankheiten, oder sich in Demut unter Gottes Willen beugen mußte, wie bei dem Tod. Aber so konnten nicht einmal ihre Gedanken das Kind umgeben, das verschwunden war, irgendwohin, schlimmer als in ein Grab, an das man treten konnte. Voll Liebe, voll Hingabe verrichtete sie ihre einfachen Arbeiten, als könnte...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.