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E-Book

E-Book, Deutsch, 650 Seiten

Saque Hexenhausland


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7103-1788-0
Verlag: united p.c.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 650 Seiten

ISBN: 978-3-7103-1788-0
Verlag: united p.c.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Außenseiter und Arrivierte zieht es ins Hexenhausland. Zwischen den Endmoränen klingt das Lied vom Sieg des Sozialismus leiser als in Berlin. Man arrangiert sich mit der Macht, ohne sich übermäßig zu engagieren. Revolution? Nicht hier. Doch sie kommt, von sich selbst überrascht. Dorle, ihr mosambikanischer Freund Agostinho, Genosse Richter samt Geliebter, wagen gezwungenermaßen den Neustart. Wie auch sowjetische Besatzer und Geheimdienste. Mit leisem Humor erzählt Dudel Saque eine Geschichte zwischen Fiktion und Realität von 1945 bis in die Nachwendezeit. Ein lesenswertes, bewegendes Buch.

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a) Den jungen afrikanischen Genossen ein temporäres Zuhause geben. Stellt euch mal vor, ihr müsstet fern der Heimat im Dschungel bei vierzig Grad im Schatten, neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit ohne Bier und Frauen überleben. Ihr solltet Kaffee oder Kakao anbauen und nebenbei noch herumlungernde Affen verscheuchen.
b) Gegen aufkeimenden Fremdenhass sollte es ihn in unserer Stadt geben, müssen wir mit allen Mitteln, auch denen der Kunst, vorgehen. Eines zeigt doch unsere heutige Diskussion: Das Bild wird die Gemüter erregen. Ist das nicht die Aufgabe von Kunst?“
c) Jegliche Vorverurteilungen sind zu vermeiden. Berichterstattung in den Massenmedien sollte sich auf positive Beispiele konzentrieren. Wozu Hass schüren?“

Der Kunsterzieher starrte auf seine Brille, die er mit dem Schlipsende putzte, dachte, ich würde gern mal in die Tropen gehen. Wie Humboldt Orchideen zeichnen. Die haben sowas Weibliches im Blütenstand … Die Kulturhausleiterin nickte zu den Ausführungen.

„Wir sollten es als Anregung verstehen, wenn ein afrikanisches Kind voller Neugier auf eine ihm fremde Welt blickt. Immerhin ist es bewundernswert, wie sich unser Landstrich in all den Jahrhunderten, trotz Missernten, Gemetzeln und Kriegen, wieder und wieder aufgerappelt hat. Genau diese Achtung will der junge mosambikanische Künstler uns, wie ich das sehe, zollen. Ich habe das Gefühl, dass er die Aufmerksamkeit der Bürger auf die Erfolge richten möchte. Allzu häufig verlieren wir das Große aus den Augen, verfallen in kleinliche Nörgelei.“

Kunsterzieher und Stadtarchitekt zogen vorsorglich ihre Hörner ein. Es machte keinen Sinn, ihre Kraft an gummiartigen Widerständen verpuffen zu lassen. Zu klar war das Votum der Gefolgsleute des Mannes der SED-Kreisleitung. Früher oder später würde die Raumzeit sich vor Lachen oder Wut krümmen und alles Oberflächliche in den schwarzen Trichter trudeln.

Einstimmig setzte die Kommission die Künstlergruppe `Out of Africa` mit ihrem Entwurf „Schaut auf diese Stadt“ auf Platz eins des Wettbewerbs. Die Skizzen „Lernende Jugend“ von Hanna und „Arbeitswelten“, vorgelegt von Hartmut, folgten auf den Plätzen. Blessers `Die Kraft der Hände` sollte für zukünftige städtebauliche Achsen im Auge behalten werden. Protokollarisch wurde der Vorschlag zur Umbenennung der Gruppe fixiert. Agostinho glaubte sich zu verhören, als der gesamte Saal, einschließlich seiner Konkurrenten, applaudierte. Alle strahlten ihn an, nickten wohlwollend. Wie angenagelt hockte er auf seinem Stuhl. Der Bildhauer rettete die Situation. „Gratulation und auf gute Zusammenarbeit, Companero. Es gibt keinen Grund, sich zu verkriechen. Stehen Sie auf und zeigen Sie sich. Wer, wenn nicht Sie, hat diesen Applaus verdient.“ Langsam erhob sich der Afrikaner, sah flehend zu Frau Lamot. Die unterhielt sich angeregt mit der Frau des DFD, bemerkte seine Hilflosigkeit nicht. Innerhalb von Sekunden umringten ihn seine Konkurrenten, klopften ihm wohlwollend auf die Schultern. Hanna flüsterte ihm ins Ohr: „Unser Trick hat funktioniert. Zu grottenschlecht die anderen Entwürfe. Die konnten gar nicht anders entscheiden.“ Agostinho schwieg, suchte nach einer Erklärung für Hannas Worte. Er fand keine. Allerdings begriff er, dass die Konkurrenten der letzten Stunden nun wieder seine Mitstreiter wurden, ob er wollte oder nicht. Trotzdem blieb ein bitterer Beigeschmack. Hatte die Viertelmillion sie zurück ins Boot geholt, oder hatten sie das Boot mit List und Tücke über Wasser gehalten? Sobald er zurück im Hexenhaus war, würde er Dagmar fragen. Deren Antwort würde er vertrauen. Voller Spannung erwartete „Out of Africa“ die Entscheidung der Staatsmacht, die den Namen Richter trug. Und die fügte sich nach einigen zaghaft vorgebrachten Einwänden den Einflüsterungen der weiblichen List. Richter ahnte natürlich, dass er Beulen davontragen würde. Dennoch war er entschlossen, mutig das Gefecht mit den eigenen Genossen und den Einwohnern aufzunehmen, die das Bild vielleicht kritisch beurteilen würden. Ihn plagten andere Sorgen: sinkende Planerfüllung, steigende Parteiaustritte, gleichbleibend schlechte Versorgungslage. Probleme, die auch Helga Lamot nicht wegblasen konnte. Wenige Tage nach der Sitzung der Kommission beschloss die Kreisleitung der SED, deren Empfehlung zu folgen. Wider Erwarten hatte der Bezirkssekretär seinen Segen ohne übliche Nachfragen gegeben, denn die Zeit drängte. Die alles entscheidende Hürde war übersprungen. Allerdings war die Kapitulation nicht bedingungslos. Richter musste versprechen, die Zahl der Ausreiseanträge zu senken. Dann würde man in Berlin, selbst wenn das Bild nicht bei allen Werktätigen Begeisterungsstürme auslösen sollte, ein Auge zudrücken. In knapp einem Jahr, zum 40. Jahrestag der Republik, erwartete Berlin einen Präsentkorb mit Grußadressen und neuen Planversprechen der Werktätigen. Handgeschriebene Briefe mit Ausreiseanträgen hätten im Korb nichts zu suchen, ließ man den Kreissekretär wissen. Für seinen Verantwortungsbereich, da war sich Richter ziemlich sicher, eine erfüllbare Auflage. Welcher Bauer würde Scholle und Vieh im Stich lassen? Dieses Fleckchen Erde besaß kaum Kader mit Unruhepotenzial. Abgesehen von einigen Künstlern, die sich in die Seenlandschaft der Uckermark verzogen hatten, um von hier aussichtslose Nadelstiche gegen die Staatsmacht zu starten. Die Arbeiter hatten ihre Schrebergärten, das tägliche Bier und Schnitzelfleisch. Die Intelligenz tauchte hier nicht in Form revoluzzender Studenten, egozentrischer Mediziner und unzufriedener Ingenieure auf. Die Jugend wanderte nach der Schulzeit in die großen Städte ab. Das Problem mit den Anträgen verschwand nicht, aber es verlagerte sich. Auch das Westfernsehen arbeitete eher für die Propagandaabteilung seiner Kreisleitung. In schöner Regelmäßigkeit schreckten ARD und ZDF die gutgläubige Landbevölkerung mit Reportagen über Drogenhändler, die Ausbeutung türkischer Gastarbeiter und arbeitslose Akademiker auf. Von der grassierenden Kriminalität ganz zu schweigen.

*****

Richter ließ es sich nicht nehmen, die Gruppe „Out of Africa“ in sein Büro einzuladen. Jeden der Künstler begrüßte er per Handschlag. Dabei lächelte er sein oberflächliches Dienstlächeln, wie es Politiker und Schauspieler für ihr Publikum immer abrufbereit konservierten. Nur als er Helga Lamots Hand drückte, verwandelten sich seine Augen in kleine Sonnen.

Auf Anraten von Dagmar beschloss Agostinho, seine Zweifel an der Ehrlichkeit der anderen Mitgliedern von `Out of Africa` zu verbergen.

„Mach gute Miene zum bösen Spiel, mein Junge“, sagte sie.

„Würdest du das Bild ohne ihre Hilfe vollenden können?“ Ihre Frage beinhaltete die Antwort. Deshalb stand er nun vor diesem Mann, dem alle mehr oder weniger aufmerksam zuhörten.

„Euer Bildentwurf ist von geschichtlicher Tiefe“, lobte Richter. Obwohl er nur zu gut wusste, dass nie ein Bauer dieser Gegend zur Sense, geschweige denn zum Morgenstern, gegriffen hatte, um seiner Herrschaft zu zeigen, wo der Hammer hing. Er ergänzte: „Für mich offenbart sich hier neuartiges, weltoffenes Denken. Die Vielfarbigkeit des Gemäldes hat mich berührt. Deren Quelle sind offensichtlich die Farben des Regenbogens. Sie stellen die Verbindung zu den Bauernkriegen her.“ Lediglich mit dem schwarzen Gesicht kam er nicht klar. Klugerweise schluckte er seine Bedenken runter. Was tue ich nicht alles für Helga, dachte er. „Natürlich möchte ich Ihnen, den Künstlern der jungen Generation, Ratschläge aus der Schatzkiste der Partei mit auf den Weg geben. Vielleicht denken Sie mal drüber nach, Ihrer Gruppe einen etwas deutscher klingenden Namen zu verpassen? Wozu sich in Anglizismen verlieren? Unsere Sprache ist schön, kraftvoll und bildlich. Täglich überflutet uns der Gegner mit Worten, die kein Mensch ohne Abitur versteht. Wie wäre es mit Herzblut Afrika oder Afrika Libertas luminosa? Aber es liegt mir fern, mich einzumischen. Ist lediglich eine Anregung. Nun, da das Projekt bestätigt ist, sollten Sie einen Leiter Ihrer Gruppe benennen. Es lohnt sich immer, diesen Schritt zu gehen, schließlich beschränkt sich die Erstellung des Kunstwerkes nicht allein auf die Malerei. Denken Sie nur an die Bereitstellung von Farben und Gerüsten, an die Kontrolle der Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen. Alles muss wohl durchdacht, gut organisiert und geprüft werden. Sie wissen ja, Michelangelo hatte nur dem Papst Rechenschaft abzulegen. In der sozialistischen Demokratie reden viele Organisationen und Personen ein Wörtchen mit.“ Richter lächelte zufrieden über seinen Witz. Niemand lachte. Auch egal, ihr Problem, wenn sie humorlos sind, beruhigte sich Richter.

Agostinho sah zu seinen Mitstreitern, die schienen aber auch nicht kapiert zu haben, warum der Kreissekretär belustigt in die Runde blickte.

„Vielleicht sollte die Kreiskulturhausleiterin die Sache in die Hand nehmen“, schlug Richter vor.

„Aus meiner Sicht schlagen Sie so zwei Fliegen mit einer Klappe“, meinte der Parteichef, „Sie entledigen sich des organisatorischen Krimskrams und können mit vollem Elan Ihre Pinsel schwingen. Viel Zeit ist nicht mehr bis zum 40.Jahrestag der Republik, wie Sie wissen.“

Keiner der Anwesenden hatte etwas dagegen, die Fliegen schlagartig durch Frau Lamot erledigt zu sehen. Helga Lamot errötete leicht, als ihr Richter das Wort erteilte. „Ich habe schon ein Konzept vorbereitet.“

„Das können Sie auch ohne mich besprechen, oder?“ Richter blickte...



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