E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Saramago Das Leben der Dinge
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-455-00138-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-455-00138-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Motto
Stuhl
Embargo
Rückfluss
Dinge
Zentaur
Vergeltung
Über José Saramago
Impressum
Embargo
Er erwachte mit dem quälenden Gefühl von abgewürgtem Traum und sah vor sich die graue eisige Fensterscheibe, das rechteckige Auge der Morgenfrühe, das da bleich und kreuzweise geschnitten durch den triefenden kondensierten Atem hereinschaute. Er meinte, seine Frau hätte beim Schlafengehen vergessen, die Stores zuzuziehen, und ärgerte sich: Wenn er nun nicht mehr einschlafen könnte, wäre sein ganzer Tag verdorben. Doch er brachte es nicht über sich, aufzustehen und das Fenster zu verdunkeln; lieber zerrte er die Bettdecke über das Gesicht und wandte sich der schlafenden Frau zu, flüchtete in ihre Wärme und in den Duft ihres offenen Haars. Unruhig verharrte er noch einige Minuten, fürchtete, den frühen Morgen durchwachen zu müssen. Doch dann half ihm die Vorstellung vom wohligen Kokon seines Lagers und von der labyrinthischen Gegenwart dieses Körpers, an den er sich schmiegte, und gewissermaßen in einem trägen Bogenschlag aus sinnlichen Bildern glitt er in den Schlaf zurück. Das graue Auge der Scheibe wurde bald blau, betrachtete starr die beiden Häupter, die da in den Kissen lagen wie vergessene Stücke eines Umzugs in ein anderes Haus oder eine andere Welt. Als der Wecker zwei Stunden später klingelte, war es im Zimmer hell.
Zur Frau sagte er, sie solle liegen bleiben, solle den Morgen ein bisschen länger genießen. Er schlüpfte hervor in die Kälte, heraus in die diffuse Feuchtigkeit der Wände, der Klinken, der Handtücher im Bad. Beim Rasieren rauchte er die erste Zigarette und die zweite beim inzwischen aufgebrühten Kaffee. Er hustete wie jeden Morgen. Dann kleidete er sich an, tastend, ohne Licht im Schlafzimmer zu machen. Er wollte die Frau nicht aufwecken. Ein frischer Duft nach Kölnischwasser belebte das Halbdunkel. Sodass die Frau wohlig seufzte, als ihr Mann sich über das Bett beugte, zu einem Kuss auf ihre geschlossenen Lider. Er flüsterte, zum Mittagessen komme ich nicht heim.
Er schloss die Tür und eilte die Treppe hinab. Das Haus wirkte stiller als sonst. Vielleicht war es neblig, überlegte er. Ihm war aufgefallen, dass Nebel wie eine Glocke die Laute dämpft und sie verwandelt, sie gleichsam auflöst wie Bilder. Wahrscheinlich herrschte Nebel. Auf dem letzten Treppenabsatz hätte er die Straße bereits im Blick und wüsste dann, ob seine Vermutung richtig war. Nun, da herrschte ein noch aschiges Licht, aber ein hartes, quarzgrelles. Am Rande des Bürgersteigs lag eine große tote Ratte. Als er sich vor der Haustür die dritte Zigarette anzündete, kam ein eingemummelter Junge mit Mütze vorbei; er spuckte auf das Tier, wie man es ihn gelehrt und wie er es andere hatte tun sehen.
Das Auto stand fünf Häuser weiter. Ein großes Glück, dass er es dort hatte parken können. Er hegte den Aberglauben, je weiter fort er es über Nacht abstellte, desto größer die Gefahr, dass es gestohlen wurde. Zwar hatte er es nie laut gesagt, doch er war sicher, sein Auto nicht wiederzusehen, wenn er es etwa in einem Außenbezirk der Stadt abstellte. Hier, so nahe, da hatte er keine Bange. Er fand das Auto von Tröpfchen übersät, die Scheiben beschlagen. Wäre es nicht so kalt, man könnte meinen, der Wagen schwitzte wie ein lebender Körper. Er prüfte wie immer die Reifen, überzeugte sich nebenher, dass die Antenne heil war, und öffnete die Tür. Innen war es eiskalt. So, mit den beschlagenen Fenstern, wirkte das Auto wie eine in Sintflut versunkene Höhle aus durchscheinenden Wänden. Er hätte es vielleicht lieber auf einem Gefälle abstellen sollen, überlegte er, dann könnte er schwungvoller anfahren. Er drehte den Zündschlüssel, und schon heulte der Motor auf, mit einem tiefen, drängenden Fauchen. Er lächelte überrascht und zufrieden. Der Tag nahm einen guten Anfang.
Weiter vorn auf der Straße kam der Wagen in Fahrt, er scharrte den Asphalt wie ein Huftier, zermalmte den verstreuten Abfall. Der Zeiger des Tachos sprang auf 90, eine selbstmörderische Geschwindigkeit in dieser engen, von parkenden Autos gesäumten Straße. Nanu! Er nahm den Fuß vom Gas, beunruhigt. Es war, als hätte ihm jemand den Motor gegen einen weitaus stärkeren ausgetauscht. Behutsam trat er das Gaspedal und hatte den Wagen nun wieder in der Gewalt. Alles in Ordnung. Manchmal hat man den Fußdruck nicht recht unter Kontrolle. Es genügt schon, dass der Schuhabsatz leicht verrutscht, und schon sind Bewegung und Druck verändert. So einfach ist das.
Von dem Zwischenfall abgelenkt, schaute er jetzt erst auf die Tankanzeige. Hatte man ihn – es wäre ja nicht das erste Mal – über Nacht bestohlen? Nein. Der Tank war unverändert zur Hälfte gefüllt. Er hielt an einer Ampel, fühlte den Wagen unter seinen Händen hartnäckig vibrieren. Merkwürdig. Noch nie war ihm dieses animalische Zittern aufgefallen, das in Wellen durch die Karosserie flutete und ihm den Bauch beben ließ. Als Grün wurde, schien sich das Auto dann zu schlängeln, sich auszudehnen wie eine dünne Flüssigkeit, darauf versessen, alles vor ihm zu überholen. Merkwürdig. Umso mehr, als er sich immer für einen überdurchschnittlich guten Fahrer gehalten hatte. Eine Frage der Veranlagung, diese heutzutage wohl seltene Sicherheit der Reflexe. Halb voll. Sollte er an einer geöffneten Tankstelle vorbeikommen, würde er die Gelegenheit nutzen. Genau, in Anbetracht der vielen Besorgungen, die er vor dem Büro noch zu erledigen hatte, lieber mehr als weniger im Tank haben. Dieses dämliche Embargo. Panik, stundenlanges Warten, eine Schlange Dutzender und Dutzender von Wagen. Es heißt, die Wirtschaft wird die Folgen zu spüren bekommen. Der Tank halb voll. Andere fahren mit viel weniger, aber wenn möglich, dann lieber auffüllen. Der Wagen bog schlingernd in eine Kurve und schoss im selben Schwung mühelos eine steile Straße hinauf. In der Nähe gab es eine weniger bekannte Tankstelle, vielleicht hatte er Glück. Wie ein Spürhund auf der Fährte wand der Wagen sich durch den Verkehr, bog um zwei Ecken und stellte sich hinter den bereits wartenden Autos an. In der Tat eine gute Idee.
Er schaute auf die Uhr. Vor ihm an die zwanzig Autos. Nicht übermäßig viel. Er überlegte, ob er vielleicht doch zuerst ins Büro fahren und die Besorgungen am Nachmittag erledigen sollte, dann sorglos, weil mit vollem Tank. Er kurbelte das Fenster herunter und rief nach einem gerade vorbeigehenden Zeitungsverkäufer. Draußen war es sehr kalt. Hier drinnen aber, im Wagen, die Zeitung über dem Lenkrad aufgeschlagen und eine Zigarette rauchend, während man wartete, hier drin herrschte angenehme Wärme, wie unter dem Deckbett. Beim Gedanken an seine Frau, die zu dieser Stunde noch im Bett kuschelte, dehnte er die Rückenmuskulatur wie ein wollüstig buckelnder Kater und setzte sich besser zurecht. Die Zeitung verhieß nichts Gutes. Das Embargo dauerte an. Eine der Schlagzeilen kündigte ein finsteres, kaltes Weihnachten an. Doch sein Tank war noch halb voll und würde bald randvoll sein. Das Auto vor ihm rückte ein bisschen vor. Na bitte.
Anderthalb Stunden später tankte er voll, und nach weiteren drei Minuten fuhr er ab. Ein bisschen besorgt, denn der Tankwart hatte ihn – mit gelangweilter Stimme, weil er es so oft wiederholen musste – wissen lassen, dass es hier in den nächsten vierzehn Tagen kein Benzin geben werde. Auf dem Beifahrersitz verkündete das Blatt rigorose Einschränkungen. Nun ja, wenigstens war sein Tank voll. Und nun? Sollte er stracks ins Büro oder erst bei einem Kunden vorbei, um einen Auftrag zu besiegeln? Er entschied sich für den Kunden. Besser, das Zuspätkommen mit diesem Termin zu begründen, als einzugestehen, dass er bei noch halb vollem Tank anderthalb Stunden in der Schlange vor der Zapfsäule gestanden hatte. Der Wagen fuhr bestens. Er hatte sich am Steuer noch nie so wohlgefühlt. Er stellte das Radio an und hörte die Nachrichten. Die Meldungen wurden von Mal zu Mal schlimmer. Diese Araber. Dieses dämliche Embargo.
Unversehens machte der Wagen einen Schlenker, bog rechts in eine Seitenstraße ein und hielt am Ende einer Autoschlange, die kürzer war als die vorige. Was denn, was denn? Sein Tank war voll, ja, praktisch voll, es war wie verhext. Er griff nach dem Schalthebel, wollte den Rückwärtsgang einlegen, aber es gelang ihm nicht. Er versuchte es mit Gewalt, aber das Getriebe schien blockiert zu sein. So was Dummes. Jetzt auch noch eine Panne. Der Wagen vor ihm rückte weiter. Vorsichtig und mit dem Schlimmsten rechnend, legte er den ersten Gang ein. Alles bestens. Er atmete erleichtert auf. Aber was würde geschehen, wenn er später wieder den Rückwärtsgang brauchte?
Etwa eine halbe Stunde später füllte er einen halben Liter Benzin auf, peinlich berührt vom abschätzigen Blick des Tankwarts. Er gab ein närrisch hohes Trinkgeld und brauste mit quietschenden Reifen eiligst davon. Teufel, es war nicht zu fassen. Nun zum Kunden, oder es ist ein verlorener Vormittag. Jetzt fuhr der Wagen besser als je zuvor, er gehorchte seinen Bewegungen so unmittelbar, als wäre er ein mechanischer Fortsatz seines Körpers. Doch der Rückwärtsgang, das gab ihm zu denken. Und da hatte er dann auch schon die Bescherung. Ein riesiger liegengebliebener Laster versperrte die gesamte Fahrbahn. Einen Umweg zu nehmen war schon nicht mehr möglich, er stand ganz nah dahinter. Ängstlich schaltete er wieder, und mit einem sanften Saugegeräusch rastete der Rückwärtsgang ein. Er konnte sich nicht entsinnen, dass die Kupplung jemals so reagiert hatte. Er drehte das Lenkrad nach links, gab Gas, machte einen Satz auf den Bürgersteig, raste behände wie ein entfesseltes Tier am Lieferwagen vorbei und landete dann dahinter. Diese Teufelskiste hielt wirklich einiges aus. Vielleicht waren in...




