E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Saramago Das steinerne Floß
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-455-81281-7
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-455-81281-7
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Alles Zukünftige ist Erdichtung [...]
Als Joana Carda die [...]
Der erste Riss zeigte [...]
Europa, die liebende Mutter, [...]
Dieser Ölbaum heißt oliveira [...]
Von Steinen und Staren [...]
In diesen Gefilden hatte [...]
Die Schießerei von Rosal [...]
Sie erreichten Lissabon bei [...]
Nachdem sich die erzählten [...]
So verschwiegen, dass die [...]
Der Mensch denkt, der [...]
Es sprach der Ministerpräsident [...]
An einem der vergangenen [...]
María Guavaira erwachte beim [...]
Da weit fort, wissen [...]
Es konstituierte sich die [...]
Diese Tage waren zugleich [...]
Während die Menschen zu [...]
Ein Wetterumschlag erfolgte, Formel [...]
Undank ist der Welt [...]
Die Zeitungen der ganzen [...]
Als die Halbinsel, kreisend [...]
Schon ist es nicht [...]
Über José Saramago
Impressum
Der erste Riß zeigte sich in einer großen Felsplatte, einer so glatten, wie es der Tisch der Winde ist, irgendwo in diesem zum äußersten Osten des Kettengebirges gehörenden und Monts Albères genannten Gebirgszug, der zum Meer hin gemächlich abfällt und wo nun die unglücklichen Hunde von Cerbère umherstreunen, eine Erwähnung dies nicht außerhalb von Zeit und Raum, denn alle diese Dinge sind, selbst wenn es nicht den Anschein hat, untereinander verbunden. Verstoßen, wie gesagt, vom heimischen Futternapf, und also der Not halber gezwungen, aus der unbewußten Erinnerung Fähigkeiten seiner in der freien Wildbahn jagenden Ahnen abzurufen, zum Fang irgendeines verirrten jungen Kaninchens, mag einer dieser Hunde, Ardent sein Name, dank dem äußerst feinen Gehör, das dieser Rasse eignet, das Platzen des Steines wahrgenommen haben, er mag, nur eben nicht knurrend, da hierzu außerstande, herbeigeeilt sein, die Nasenflügel blähend, mit gesträubtem Fell, so neugierig wie ängstlich. Der Riß, ganz fein, würde einen menschlichen Beobachter wie ein mit spitzem Bleistift gezogener Strich anmuten, sehr viel anders als jener mit einem Stock in die harte Erde gekratzte, oder ein durch losen weichen Staub oder durch Schlamm gezogener, sofern wir uns mit solchen träumerischen Nichtigkeiten die Zeit vertrieben. Jedoch als der Hund herankam, verbreiterte sich der Riß, wurde tiefer Spalt und setzte sich fort, bis zu den Rändern der Felsplatte, und dann nach hierhin und nach dorthin, es paßte die ganze Hand hinein, der Arm in Dicke und ganzer Länge, sofern hier ein wagemutiger Mensch zugegen gewesen wäre, sich mit diesem Phänomen zu messen. Hund Ardent hastete umher, unruhig, vermochte aber nicht zu entfliehen, ihn bannte diese Schlange, von der man weder Kopf noch Schwanzende mehr sah, und plötzlich verloren, in Zweifel, auf welcher Seite er bleiben sollte, ob in Frankreich, wo er sich gerade befand, oder in Spanien, das sich bereits drei Handbreit weit entfernt hatte. Dieser Hund indes gehört, Gott sei Dank, nicht zu denen, die sich mit den Situationen abfinden, der Beweis ist, daß er mit einem Sprung hinwegsetzte über den Abgrund, mit Verlaub diese augenscheinliche Übertreibung im Wort, und er befand sich diesseits, er zog die Höllengefilde vor, nie werden wir erfahren, welche Sehnsüchte die Hundeseele bewegen, welche Träume, welche Versuchungen.
Der zweite Riß, für die Welt jedoch der erste, erfolgte viele Kilometer entfernt von hier, nach dem Golf von Biskaya hin, nicht weit fort von jenem durch die Geschichte um Karl den Großen und seine zwölf Paladine auf schmerzliche Weise berühmt gewordenen Ort Roncesvalles, wo der in sein Olifant stoßende Roland den Tod fand, ohne daß Angelika oder Durandal ihm zu Hilfe geeilt wären. Dort, die Flanke der Sierra de Abodi entlang und hinab, auf der Nordwestseite, fließt ein Fluß, der Irati, in Frankreich entsprungen, er mündet in den Erro, der spanisch ist und ein Nebenfluß des Aragón, der dem Ebro Tribut zollt, welcher letztendlich alles Wasser fortführt und es in das Mittelmeer gießt. Auf der Sohle des Tales, am Ufer des Irati, liegt eine Stadt, Orbaiceta, und flußaufwärts befindet sich ein Staudamm, dortzulande genannt.
Es ist an der Zeit zu erklären, daß alles, was hier steht oder noch zu sagen sein wird, die reine Wahrheit ist, nachprüfbar auf jedweder Landkarte, sofern sie nur detailliert genug ist, vermeintlich so unbedeutende Informationen zu enthalten, denn die Eigenheit der Landkarten ist eben die, sie unterstellen Verfügbarkeit des verkleinerungsfähigen Raumes und daß sich in ihm alles ereignen kann. Und es ereignet sich. Schon sprachen wir von dem Schicksalsstab, schon überzeugten wir uns, daß ein Stein, obwohl der Wasserkante fern, abermals ins Meer fallen oder von dort zurückkehren kann, nun ist die Reihe an Orbaiceta, wo, nach dem durch den Bau eines Staudammes ausgelösten heilsamen Trubel, vor vielen Jahren, wieder Ruhe eingekehrt war, in diese Provinzstadt in Navarra, die da zwischen den Bergen döste, nun aber neuerlich in Erregung gerät. Einige Tage lang war Orbaiceta Europas, wenn nicht der ganzen Welt, neuralgischer Punkt, dort scharten sich Regierungsvertreter, Politiker, zivile und militärische Führungskräfte, Geologen und Geographen, Journalisten und Mineralogen, Fotografen, Kameraleute von Film und Fernsehen, Fachleute aller Disziplinen, Inspektoren und Schaulustige. Jedoch Orbaicetas Berühmtheit wird nicht lange vorhalten, wenige Tage nur, kaum länger als die Rosen von Malherbe, und wie auch sollten letztere überdauern, sind sie ja, wie ihr Name sagt, von schlechtem Kraut, doch reden wir von Orbaiceta, das nur so lange in aller Munde war, bis anderweitig eine höhere Berühmtheit herausgestrichen wurde, so ist das immer mit den Berühmtheiten.
In der Geschichte der Flüsse hatte es das noch nie gegeben, daß da ein Wasser seinen ewigen Lauf zieht und mit einemmal nicht mehr, als würde plötzlich der Hahn zugedreht, beispielsweise einer wäscht sich die Hände in einem Becken, er zieht den Stöpsel, den Hahn hatte er bereits geschlossen, das Wasser fließt ab, wird weniger, verschwindet, was im Emaillebecken verblieb, wird bald verdunstet sein. Mit treffenderen Worten erklärt, das Wasser des Irati schwand wie eine Welle, die vom Strand zurückfließt und verrinnt, das Flußbett bot sich den Blicken dar, Steine, Schlamm, Schlick, springende Fische, die nach Luft schnappten und starben, das jähe Schweigen.
Die Ingenieure waren nicht vor Ort, als das Unglaubliche geschah, doch sie merkten gleich, daß etwas Außergewöhnliches im Gange war, die Anzeigen am Überwachungspult meldeten, daß der Fluß das große Becken nicht mehr speiste. In einem Jeep begaben sich drei Techniker hin, um den beunruhigenden Vorfall näher zu untersuchen, unterwegs, am Stausee entlang, erörterten sie die unterschiedlichen Vermutungen, dazu war Zeit auf der fast fünf Kilometer langen Strecke, und eine der Hypothesen ging dahin, daß ein Erdrutsch oder eine Verwerfung im Gebirge den Lauf des Flusses verändert habe, eine andere, daß dies ein Werk der Franzosen sei, der gallischen Heimtücke, entgegen der bilateralen Vereinbarung über die Flußgewässer und deren hydroelektrische Nutzung, eine andere, die radikalste, folgerte, daß die Quelle, der Born, die Ader einfach versiegt war, was man für ewig gehalten, hatte nun doch getrogen. In diesem Punkt gingen die Meinungen auseinander. Einer der Ingenieure, ein gefaßt ruhiger Mensch, von der kontemplativen Spezies und dem Leben in Orbaiceta zugetan, fürchtete, man werde ihn weit fortschicken, die anderen rieben sich vor Vergnügen die Hände, vielleicht würden sie zu einem der Stauseen des Tajo versetzt, möglichst nahe Madrid und der Gran Vía. Über diesen persönlich bewegenden Erörterungen gelangten sie in den fernsten Winkel des Stausees, wo der Fluß einmündete, und der Fluß war nicht da, nur ein dünnes Rinnsal, noch getrübt von weicher Erde, ein glucksender Morast, ein Rinnsal, das noch nicht einmal eine Spielzeugmühle hätte antreiben können. Wohin, Blitz und Donner, ist der Fluß verschwunden, rief der Fahrer des Jeeps, und er hätte es nicht kräftiger und kerniger sagen können. Staunend, baff, verwirrt, auch beunruhigt, erörterten die Ingenieure ein weiteres Mal die schon dargelegten Hypothesen, dann, nachdem sie die praktische Nutzlosigkeit des Debattierens erkannt hatten, kehrten sie zu den Büros des Unternehmens zurück, fuhren nach Orbaiceta, wo die Geschäftsleitung, über das wundersame Verschwinden des Flusses schon informiert, ihrer harrte. Es gab heftige Diskussionen, viele Zweifel, Telefonate nach Pamplona und Madrid, und das Ergebnis des ermüdenden Tuns und Verhandelns war am Ende ein sehr einfacher Befehl, bestehend aus drei folgerichtigen, sich ergänzenden Teilen: flußaufwärts marschieren, feststellen, was passiert ist, und nichts den Franzosen sagen.
Die Expedition brach am folgenden Tag in aller Frühe zur Grenze auf, immer neben dem Fluß her oder das ausgetrocknete Bett in Sichtnähe, und als die müden Inspektoren dort ankamen, begriffen sie, daß es den Irati nie mehr geben werde. Durch einen Spalt von allenfalls drei Meter Breite stürzten die Wasser, tosend wie ein kleiner Niagara, ins Erdinnere. Auf der anderen Seite schon eine Ansammlung von Franzosen, naiv zu glauben, daß die Nachbarn, verschlagen und Cartesianer, von der Sache nichts merken würden, aber wenigstens zeigten sie sich überrascht und verwirrt wie die Spanier diesseits, und allesamt brüderlich vereint im Nichtwissen. Es kamen die beiden Seiten miteinander ins Gespräch, zu einem eher kurzen und wenig dienlichen, denn schwerlich gedieh es hinaus über Ausrufe berechtigten Entsetzens und zages Aufwerfen neuer Hypothesen seitens der Spanier, jedenfalls herrschte allgemeine Verwirrung, die nicht wußte, gegen wen sie sich richten sollte, die Franzosen lächelten schon bald wieder, sie immerhin blieben auch fernerhin bis zur Grenze Besitzer des Flusses, sie brauchten die Landkarte nicht zu korrigieren.
An diesem Nachmittag schwebten Hubschrauber beider Länder über der Stelle, sie fotografierten, Beobachter wurden mit Winden herabgelassen, hingen über dem Wasserfall, schauten und sahen nichts, nur den schwarzen Schlund und den gekrümmten Buckel des schillernden Wasserschwalls. Um irgendwie nützliche Vorkehr zu treffen, versammelten sich die städtischen Behörden Orbaicetas, seitens der Spanier, und Larraus, seitens der Franzosen, da am Fluß, unter einem hierfür aufgestellten und mit den drei Fahnen – der spanischen Bikolore und der französischen Trikolore, zuzüglich der Flagge von Navarra – geschmückten Zeltdach, in der Absicht, die touristischen Möglichkeiten eines in der Welt gewiß einmaligen Naturphänomens zu erörtern wie auch die...




