Saramago | Der Doppelgänger | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Saramago Der Doppelgänger

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-455-81395-1
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-455-81395-1
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Geschichtslehrer Tertulian Máximo Afonso ist perplex, als er beim Anschauen eines Videofilms feststellt, dass eine Nebenfigur ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Wie er herausfindet, handelt es sich bei seinem Doppelgänger um den Schauspieler António Claro, und tatsächlich geht es hier um mehr als eine gewisse Ähnlichkeit: Beide sind absolut identisch. Eine Tatsache, die den Lehrer völlig aus der Bahn wirft und sein Leben von Grund auf verändert.

José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
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Cover
Verlagslogo
Titelseite
Für Pilar, bis zum [...]
Das Chaos ist eine [...]
Der Mann, der soeben [...]
Nicht einmal Tertuliano Máximo [...]
Im Gegensatz zu der [...]
Das stimmt nicht ganz. [...]
Aus irgendeinem Grund oder [...]
Um elf Uhr vormittags [...]
Entdeckungen am Wochenende sind [...]
Er wachte spät auf. [...]
Tertuliano Máximo Afonsos erste [...]
Die Tage vergingen und [...]
Könnte ich bitte Herrn [...]
Drei Tage später, am [...]
Es war fünf nach [...]
Als Tertuliano Máximo Afonso [...]
Man konnte es sich [...]
Tertuliano Máximo Afonso erzählte [...]
Eine Entscheidung zu fällen [...]
Als Erster wachte Tertuliano [...]
Drei Tage später fand [...]
Über José Saramago
Impressum


Nicht einmal Tertuliano Máximo Afonso selbst könnte mit Gewissheit sagen, ob der Schlaf ihn noch einmal in seine barmherzigen Arme schloss, nachdem er diese für ihn so entsetzliche Entdeckung gemacht hatte, nämlich dass es einen Mann gab, vielleicht sogar in seiner Stadt, der vom Gesicht und der Gesamterscheinung her sein lebendiges Ebenbild war. Nachdem er lange das Foto von vor fünf Jahren mit der Großaufnahme des Rezeptionisten verglichen hatte, nachdem er zwischen dem einen und dem anderen keinen einzigen, nicht einmal den winzigsten Unterschied gefunden hatte, eine klitzekleine Falte zumindest, die der eine hatte und der andere nicht, ließ sich Tertuliano Máximo Afonso auf das Sofa fallen, nicht auf den Stuhl, denn der war nicht groß genug, um den physischen und psychischen Zusammenbruch seines Körpers aufzufangen, und versuchte dort, den Kopf in die Hände gestützt, mit blank liegenden Nerven und revoltierendem Magen, seine Gedanken zu ordnen, sie aus dem Chaos der Gefühle zu befreien, das in dem Augenblick ausgelöst worden war, da die heimlich hinter dem geschlossenen Vorhang seiner Augen wachende Erinnerung ihn urplötzlich aus seinem ersten und einzigen Schlaf gerissen hatte. Was mich am meisten verwirrt, dachte er mühsam, ist nicht so sehr die Tatsache, dass dieser Kerl mir ähnlich sieht, sozusagen eine Kopie von mir ist, ein Duplikat, solche Fälle hat es schon öfter gegeben, da wären die Zwillinge zu nennen, die Doppelgänger, die Typen wiederholen sich, der Mensch wiederholt sich, der Kopf, der Rumpf, die Arme, die Beine, und daher könnte es auch möglich sein, sicher bin ich mir zwar nicht, es ist lediglich eine Vermutung, dass eine zufällige Veränderung an einem genetischen Bauplan ein Wesen hervorbringt, das einem anderen Wesen, welches aus einem genetischen Bauplan hervorgegangen ist, der zu Ersterem in keinerlei Beziehung steht, stark ähnelt, was mich verwirrt, ist weniger das, sondern das Wissen, dass ich vor fünf Jahren genau so war wie er damals, sogar den Schnurrbart trugen wir beide, und mehr noch verwirrt mich die Möglichkeit, was sage ich, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Gleichheit fünf Jahre später, also heute, genau jetzt, zu dieser frühen Morgenstunde, immer noch besteht, als müsste eine Veränderung bei mir dieselbe Veränderung bei ihm hervorrufen, oder schlimmer noch, einer sich nicht verändern, weil der andere sich verändert hat, aber wenn die Veränderung gleichzeitig erfolgt, ist das Ganze doch eine unlösbare Angelegenheit, ja, natürlich darf ich keine Tragödie daraus machen, alles, was passieren kann, wird auch passieren, das wissen wir, zuerst hat der Zufall uns gleich gemacht, dann kam der Zufall eines Films, von dem ich nie gehört hatte, ich hätte auch weiterleben können, ohne mir je vorzustellen, dass ein solches Phänomen sich ausgerechnet in einem gemeinen Geschichtslehrer manifestiert, der vor wenigen Stunden noch die Irrtümer seiner Schüler korrigiert hat und nun nicht weiß, was er mit dem Irrtum machen soll, in den er sich selbst urplötzlich verwandelt hat. Bin ich wirklich ein Irrtum, fragte er sich, und, angenommen, ich bin tatsächlich einer, was mag das für einen Menschen bedeuten, was für Auswirkungen hat es zu wissen, dass man ein Irrtum ist. Ein kurzer Angstschauder lief ihm über den Rücken, und er dachte, bestimmte Dinge lässt man besser, wie sie sind, sonst besteht die Gefahr, dass die anderen und, was noch schlimmer wäre, durch ihre Augen auch wir diese verborgene Abweichung entdecken, die wir alle seit unserer Geburt in uns tragen und die, ungeduldig an den Nägeln kauend, nur auf den Tag wartet, an dem sie sich zeigen und verkünden kann, Hier bin ich. Das Gewicht dieser schwer wiegenden Überlegungen, die zudem noch um die mögliche Existenz vollkommener Doppelgänger kreisten, jedoch eher intuitiv aufblitzten als sprachlich ausgefeilt waren, ließ seinen Kopf langsam nach unten sinken, und der Schlaf, ein Schlaf, der mit seinen eigenen Mitteln jene geistige Arbeit fortsetzen würde, die bisher die Schlaflosigkeit geleistet hatte, kümmerte sich um den müden Körper und half ihm, in die Sofakissen zu sinken. Es kam zu keiner Ruhe, die diesen holden Namen wirklich verdient hätte, wenige Minuten später schlug Tertuliano Máximo Afonso unvermittelt die Augen auf und wiederholte wie eine sprechende Puppe, deren Mechanismus defekt war, die Frage von vorhin, Was bedeutet es, ein Irrtum zu sein. Er zuckte die Achseln, als interessierte ihn die Frage plötzlich nicht mehr. Das war die verständliche Auswirkung einer auf die Spitze getriebenen Müdigkeit oder, anders ausgedrückt, die wohltuende Wirkung des kurzen Schlafs, und doch ist diese Gleichgültigkeit beunruhigend und unzulässig, wissen wir doch zu gut, und er am besten von uns allen, dass das Problem nicht gelöst ist, da liegt es, völlig intakt, in dem Videorecorder und wartet ebenfalls, seit es sich mit Worten, die man nicht hören konnte, die jedoch Bestandteil der Dialoge des Drehbuchs waren, präsentierte, Einer von uns ist ein Irrtum, das sagte der Rezeptionist in Wirklichkeit zu Tertuliano Máximo Afonso, als er sich an die Schauspielerin in der Rolle von Inês de Castro wandte und ihr mitteilte, dass das von ihr reservierte Zimmer die Nummer 1218 habe. Wie viele Unbekannte hat diese Gleichung, fragte der Geschichtslehrer den Mathematiklehrer, als Ersterer erneut die Schwelle des Schlafs überschritt. Der Zahlenkollege beantwortete die Frage nicht, machte lediglich eine teilnahmsvolle Handbewegung und sagte, Wir reden gleich darüber, ruhen Sie sich jetzt aus, versuchen Sie zu schlafen, Sie haben es bitter nötig. Schlaf war ohne Zweifel das, wonach Tertuliano Máximo Afonso sich in diesem Augenblick am meisten sehnte, doch der Versuch schlug fehl. Wenig später war er wieder wach, diesmal beschäftigte ihn die glorreiche Idee, den Mathematikkollegen zu fragen, wie er darauf gekommen sei, ihm Wer Streitet, Tötet, Jagt zu empfehlen, handelte es sich doch um einen nicht gerade sehenswerten Film, auf dem zudem noch ein fünfjähriges Jammerdasein lastete, was bei einem normalen, mit geringem finanziellen Aufwand produzierten Film unfehlbar zu dessen wegen Unfähigkeit vorzeitig verordnetem Ruhestand, wenn nicht gar zu seinem elenden Untergang führt, welchen nur das Interesse eines halben Dutzend exzentrischer Zuschauer, die von Kultfilmen hatten reden hören und diesen für einen hielten, hinausgezögert hatte. Die erste zu ermittelnde Unbekannte in dieser verzwickten Gleichung wäre dann die Frage, ob dem Mathematikkollegen, als er den Film sah, die Ähnlichkeit aufgefallen war oder nicht, und falls ja, warum er ihn dann nicht vorgewarnt hatte, als er ihn weiterempfahl, und sei es auch nur durch eine spaßige Drohung wie, Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie einen Schrecken kriegen werden. Auch wenn Tertuliano Máximo Afonso nicht an Das Schicksal im eigentlichen Sinne glaubte, an jenes also, das sich von allen untergeordneten Schicksalen durch seine Bestimmtheit unterscheidet, ließ ihn der Gedanke nicht los, dass hinter so vielen Zufällen und Koinzidenzen vielleicht ein Plan stecken könnte, der derzeit noch nicht erkennbar, dessen Entwicklung und Vollendung jedoch bereits auf jenen Tafeln festgelegt war, auf denen besagtes Schicksal, angenommen, es existiert tatsächlich und lenkt unsere Geschicke, gleich zu Anbeginn unserer Zeit aufgeschrieben hat, wann uns das erste Haar ausfällt und wann das letzte Lächeln um unseren Mund verschwindet. Inzwischen lag Tertuliano Máximo Afonso nicht mehr wie ein zerknitterter körperloser Anzug auf dem Sofa, er war soeben aufgestanden, und seine Beine waren so tragfähig, wie sie dies nach einer Nacht, die an Gefühlsgewalt nicht zu überbieten war, sein konnten, und als er spürte, dass er nicht ganz sicher auf den Beinen war, blickte er durchs Fenster zum Himmel hinauf. Die Nacht klammerte sich noch immer an die Dächer der Stadt, die Straßenlaternen waren erleuchtet, doch die ersten zarten Farben des Morgens färbten die Atmosphäre dort oben bereits transparent. Das gab ihm die Gewissheit, dass die Welt heute nicht untergehen würde, wäre es doch eine unverzeihliche Verschwendung, die Sonne umsonst aufgehen zu lassen, nur damit sie, die allem seinen Anfang verliehen hatte, auch am Anbeginn des Nichts anwesend wäre, und so kam endlich, auch wenn zwischen dem einen und dem anderen keineswegs eine klare und erst recht keine offensichtliche Beziehung bestand, Tertuliano Máximo Afonsos gesunder Menschenverstand ins Spiel und erteilte ihm den Rat, den er seit Erscheinen des Rezeptionisten auf dem Bildschirm so dringend benötigte, und der lautete folgendermaßen, Wenn du meinst, du müsstest deinen Kollegen um eine Erklärung bitten, dann mach es gleich, das ist in jedem Fall besser, als mit Zweifeln und Fragen im Kopf herumzulaufen, ich würde dir aber empfehlen, den Mund nicht zu weit aufzureißen, deine Worte abzuwägen, du hältst ein heiße Kartoffel in der Hand, lass sie fallen, wenn du dich nicht daran verbrennen willst, bring das Video heute noch zurück in den Laden, und dann legst du einen schweren Stein auf die Sache und machst dem Geheimnis ein Ende, bevor es anfängt, Dinge auszuspucken, die du lieber gar nicht wissen, sehen oder machen willst, außerdem bist du, angenommen, es gibt einen Menschen, der eine Kopie von dir ist oder dessen Kopie du bist, und offensichtlich gibt es diesen wirklich, keineswegs verpflichtet, ihn zu suchen, dieser Kerl existiert, und du hast es nicht gewusst, du existierst, und er weiß es nicht, ihr habt euch nie gesehen, seid euch nie auf der Straße begegnet, am besten tust du so, Und wenn er mir eines Tages begegnet, wenn ich ihn auf der Straße treffe, unterbrach ihn Tertuliano Máximo Afonso, Dann blickst du zur Seite, hab dich nicht gesehen und kenn dich nicht, Und wenn er auf mich zukommt, Wenn er auch nur ein...


Gareis, Marianne
Marianne Gareis studierte Lateinamerikanistik, Anglistik und Ethnologie. Sie übersetzt aus dem Portugiesischen und Spanischen u. a. Autoren wie José Saramago, Joachim Machado de Assis, Andréa del Fuego, Sergio Álvarez und Samanta Schweblin. Sie erhielt den Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW sowie den Hieronymusring des Verbands deutschsprachiger Übersetzer/innen.

Saramago, José
José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.



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