E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Sardello Ruhe
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-9575-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ganzheit als Mysterium
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-7583-9575-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Sardello: eine Hauptfigur der "Wiederentdeckung der Seele". Seine Bücher und Kurse machten viele tausende von Menschen mit der Wichtigkeit und Vitalität der Seele wieder bekannt. Durch seine bisweilen provokante Behandlung des Themas einer spirituellen Psychologie erlangte Sardello weitverbreitete Beachtung.
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Prolog: Eintritt
Alle spirituellen Traditionen wertschätzen die Ruhe. Das Daodejing spricht vom Dao als „in Ermangelung eines besseren Wortes, dem großen Weg. Es fließt, kreist, fließt und kreist. Und es hat keinen Namen“. So beschrieben ist das Dao wahrscheinlich dasselbe wie Ruhe, denn die in diesem Buch beschriebenen Strömungen der Ruhe werden in genau dieser Art vorgestellt. Von dieser Ruhe sagt Meister Eckhart sinngemäß: „Die zentrale Ruhe ist das reinste Element der Seele, der Seele erhabenster Ort, der Kern, das Wesen der Seele.“ Pythagoras sagte „Lerne, stille zu sein. Lasse deinen ruhigen Verstand lauschen und absorbiere die Ruhe.“ Ruhe ist autonom. Sie liegt jenseits von uns; unsere Aufgabe ist es, das eigene Sein mit dem größeren Sein der Ruhe in Einklang zu bringen.
Die spirituellen Traditionen haben schon immer die Autonomie der Ruhe erkannt. Ruhe ist nicht etwas, was wir tun, auch ist sie keine persönliche Fähigkeit. Wir können still werden und indem wir so tun öffnet sich die Türe zur Ruhe. Krishnamurti ist derselben Auffassung: „Diese Stille, diese Ruhe ist die höchste Form der Intelligenz, welche nie persönlich ist, nie dein Eigentum oder mein Eigentum. Anonym wie sie ist, ist sie vollkommen, ganz und unbefleckt.“ Laotsu sagt von Ruhe: „Die zehntausend Dinge steigen und fallen, das Selbst aber schaut ihrer Rückkehr zu. Sie wachsen und blühen auf und kehren dann zum Ursprung zurück. Das Zurückkehren zum Ursprung ist Ruhe, welche der Weg der Natur ist.“ Das, was hier das Selbst genannt wird, entspricht der in dieser Schrift beschriebenen Fähigkeit der Aufmerksamkeit. Diese Fähigkeit brauchen wir, um die Ruhe finden und innerhalb ihrer bewusst sein zu können. Hier eine der vielen Äußerungen, die Rumi zur Ruhe zu macht: „Sitze still und lausche auf eine Stimme, die sagen wird, Sei noch stiller.“
Was können wir in dieser Schrift über die Ruhe sagen, was neu wäre? Wäre es nicht sinnvoller, sich zurückzuziehen, ein Kloster aufzusuchen, die Meister der religiösen Traditionen zu lesen? Irgendeines dieser Dinge zu tun wäre längst nicht so kompliziert wie der Versuch den Fäden dieses Buches zu folgen, geschweige denn die vorgeschlagenen Praktiken aufzunehmen. Diesen komplexeren Weg legen wir deshalb nahe weil, so schön und wahr alles ist, was die religiösen und spirituellen Traditionen über die Ruhe sagen, es so nicht mehr möglich ist zur Ruhe zu kommen; nicht so, dass die Kluft zwischen der Ruhe und der lärmenden Welt zu überbrücken wäre. Wenn wir die lärmende Welt hinter uns lassen und ein Mönch werden würden, so wäre es eventuell möglich, durch die religiösen Traditionen in die Ruhe hineinzufinden. Auch ist es durchaus möglich, im Rahmen einer Klausur oder eines religiösen Kultus tief in die Ruhe zu dringen. Aber sowie wir diesen geschützten Kontext verlassen, lassen wir auch die Ruhe hinter uns, außer höchstens als süße Erinnerung. Diese Schrift bietet einen neuen Modus an, sich die Ruhe zu denken. Sie bietet auch praktische, realistische Wege zu einem fühlenden Begreifen der subtilen Tätigkeit dar, die im Reich der Ruhe vor sich geht. Dort drin können wir es zu einem volleren Erleben dieser höchsten Form der Intelligenz bringen, in der „die zehntausend Dinge steigen und fallen, indem das Selbst ihrer Rückkehr zuschaut.“
Es gibt eine nachvollziehbare Tendenz, die Reiche der Ruhe verbal zu huldigen, ihnen aber faktisch fern zu bleiben. Das Vorteil dieses Ansatzes ist eine von ihm erzeugte emotionale Identifikation mit der Ruhe, die aber ein falsches Gefühl der Teilhabe an ihr ist, da es die sorgfältige meditative Arbeit entbehrt, ohne die kein Mitschwingen des eigenen Lebens mit der Ruhe und in ihr möglich ist. Gerade um dieses falsche Gefühl der Teilhabe geht es aber im Großteil von dem, was über die ruhe geschrieben wird. Man zitiert die religiösen Traditionen und preist die persönlichen Vorteile der Zurückgezogenheit. Die Zurückgezogenheit ist aber noch lange keine Begegnung mit den Welten der Ruhe. Diese Schrift durchschaut solche Tendenzen. Ihr geht es darum, die Arbeit mit der Ruhe deutlich zu beschreiben. Denn das braucht es, wenn man für sich selbst entdecken soll, zu was die Ruhe imstande ist, oder wenn man anhand einer solchen Arbeit gar einen neuen Lebensansatz finden will. Eines der Dinge, die man beim Arbeiten mit der Ruhe findet, ist der Ausweg aus den beklemmenden Fesseln unseres Egoismus, der ja zahllose Formen annimmt. Eine besonders beachtliche Ausdrucksform des Egoismus liegt bei solchen Menschen vor, die so tun, als würde ihre bloß angelesene, durch Lektüre über mystische Erfahrungen oder theoretische Abhandlungen erworbene religiöse Haltung sie zu Wertschätzenden der Ruhe qualifizieren.
Heute braucht es eine eher deskriptive, phänomenologische Herangehensweise an die Ruhe, denn wir müssen nicht nur verlorene Bereiche neu entdecken, sondern auch mit dem tief sitzenden Wunsch aufräumen, lieber nach dem zu leben, was andere gesagt haben als innere Wahrheiten selbständig zu entdecken. Diese Annäherungsweise an das innere Leben pflege ich gemäß der anthroposophischen Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Hier muss ich aber darauf hinweisen, dass diese Schrift allerdings anthroposophisch funktioniert; das heißt, sie erforscht vorsichtig Aspekte des inneren Lebens und stellt diese so dar, dass jeder Leser das Mitgeteilte selbst bestätigen kann – aber nur so fern als er die beschriebene innere Arbeit selbst in Angriff nimmt. Tut er dies nicht, so kommt er in die Lage, von den Gedankenfrüchten anderer Menschen zu leben. Diese Schrift ist also kein Werk der Anthroposophie, das lediglich das vom Meister bereits Behauptete darbietet.
Dieses Buch wird als eine Erfahrung dargeboten, die die Beziehung des Lesers zur Welt vertieft. Es wird aber als Erlebnis der Ruhe dargeboten und nicht als Informationsquell. Und das Aufnehmen dieses Erlebnisses erfordert vom Leser, dass er während des Lesens auf das eigene innere Fühlen aufmerkt. Wer dieses Buch nur der Informationen halber liest und vorhat, die in ihm vorkommende Bildhaftigkeit später zu sehen, die Bewegung der Ruhe später zu erleben, „wenn er die Zeit dazu findet“, der wird die Gelegenheit zur Entfaltung der entsprechenden Fähigkeiten verpass-en. Diese Schrift handelt nicht nur von Ruhe; sie ist vielmehr ein Sprechen, das aus der Ruhe hervorklingt. Um den Text in der förderlichsten Weise zu lesen, muss man den Willen haben, von der Uhr aufgestellte Barrieren wegzuschieben und über von der allgemeinen Kultur aufoktroyierte Barrieren hinwegzuschreiten. So schlage ich Ihnen vor, sich beim Lesen Zeit zu lassen, nach Art einer meditativen Praktik. Sie werden dann die Feinheiten der Ruhe dazu einladen, sich in Ihnen so zu entfalten, dass Sie nach und nach auch in der Welt draußen diese Qualitäten bemerken werden.
Es ist weniger hilfreich, über die Ruhe zu lesen, als Zugänge zu ihr, oder vielmehr Eingänge in sie hinein zu finden. In diesem Buch finden sich eine Reihe von Praktiken, die dem Leser zum Erleben der Ruhe verhelfen sollen, und zwar sowohl als Ganzes wie auch als eine Vielheit diverser Dimensionen. Nahezu alle diese Praktiken stammen aus einem Kurs in Sacred Service [= ‘Sakrale Dienstleistung‘], die von der School of Spiritual Psychology angeboten werden. Seit fünf Jahren unterrichten Cheryl Sanders Sardello und ich mit anderen helfenden Menschen zusammen diesen Kurs; so sind die Praktiken erprobt, verfeinert. Sie sind zugleich gänzlich unbedenklich und Leben verändernd. Diese Praktiken sind mehr als bloß technische Anweisungen zum Zusammensein mit der Ruhe. Es ist sachgemäßer, sie als spirituelle Manieren zu betrachten, als Verhaltens-weisen, welche die spirituelle Anwesenheit der Ruhe in unser Leben einladen und unser Leben so umorientieren, dass es zum Dienen der geistigen Welt wird.
Eine Praktik unterscheidet sich wesentlich von einer Übung oder einer Technik. Das Anliegen einer Praktik ist, neue Fähigkeiten zur Entwicklung zu bringen dadurch, dass man Dimensionen und Gegenstände der Aufmerksamkeit zur Entfaltung bringt, welche über die landläufigen Formen des Bewusstseins hinausgehen. Eine Übung, wie zum Beispiel das Arbeiten in Gruppen, mag unter bestimmten Bedingungen die momentane Erfahrung einer neuen Dimension erzeugen; aber es wird nicht so viel Willenskraft vorhanden sein, dass man diese Dimension fortgesetzt erleben kann. Und was Techniken betrifft: diese neigen dazu, manipulativ zu sein, da sie oft etwas bewirken wollen, anstatt dass sie anderen helfen wollen das zu entdecken, was innerhalb der eigenen Fähigkeiten liegt. Dieses ganze Buch ist eine Praktik. Schon wer sorgfältig und besinnlich liest und auf die Jagd nach Informationen verzichtet, befindet sich auf bestem Wege zur Bildung der neuen Fähigkeit. Es wird eine bedeutende Veränderung des Bewusstseins stattfinden. Eine jede der oben erwähnten Praktiken ist weiter nichts als die hilfreich sein wollende Hervorhebung eines jeweils besonderen Aspektes, damit der Übende den eigenen Schritt verlangsamt und in dem Prozess darinnen bleibt, durch...




