E-Book, Deutsch, 256 Seiten, eBook
Sarid Siegerin
1. Auflage, neue Ausgabe 2021
ISBN: 978-3-0369-9457-4
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-0369-9457-4
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie lernt man zu töten, ohne daran zu zerbrechen? Als Psychologin berät Abigail seit Jahren erfolgreich das israelische Militär, wie es Soldaten besser auf Einsätze vorbereitet. Doch dann wird ihr einziger Sohn Schauli einberufen, und sie muss sich entscheiden:Was wiegt schwerer, dasWohl ihres Landes oder das ihres Kindes?
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Vater bat mich, ihn zu einem Konzert in der Philharmonie zu begleiten. Er war seit Urzeiten Abonnent. Nach Mutters Tod war Schauli mitgekommen, und nun blieb ihm nichts anderes übrig, als mich zu bitten. Das Gehen fiel ihm schwer, und er ließ sich auch nicht gern einsam und allein in der Öffentlichkeit sehen. Bis zum Konzertsaal tappte er mühsam an meinem Arm, aber kaum waren wir drin, schritt er aufrecht und lächelnd voran, ohne meine Hilfe. Er legte einen derart majestätischen Auftritt hin, dass ich meinen Augen kaum traute. Er hatte viele Bekannte dort, ehemalige Patienten, Leute, die er und Mutter bei gesellschaftlichen Anlässen getroffen hatten, und ehemalige Studenten von ihm, die mittlerweile selbst ergraut waren. Vater schüttelte Hände und lächelte, hatte es nicht eilig, seinen Platz einzunehmen, während ich mitlief und kaum jemanden kannte. Plötzlich begriff ich, dass er mir seine Macht demonstrierte: Das waren seine Patienten und seine kultivierten Bekannten, die in Konzerte gingen, im Gegensatz zu den Halbwilden, die ich therapierte, und den groben Militärs, mit denen ich von Jugend an verkehrte. Mir war es egal, sollte er seine Show abziehen, ich war wegen der Musik da. In den letzten Jahren hatte ich klassische Musik lieben gelernt, sie begann mich anzusprechen, wie ich stolz vermerkte, ein Zeichen, dass ich mich noch weiterentwickelte, innerlich beweglich blieb.
Ich sah ins Programmheft: Als Erstes käme ein Mozartkonzert für Violine und Orchester. Der Dirigent bestieg die Bühne, die Solistin im Schlepptau, das Orchester setzte ein. Sie stand geduldig da, den Bogen gesenkt, bis ihr Einsatz kam und sie den Bogen schwang, eine schöne, junge Frau mit bloßen Armen, die Augen geschlossen. Und schon beim ersten Ton hatte ich das Gefühl, sie spiele in mir drinnen, spritze die Musik in mein Nervensystem. Alles an ihr war wunderbar, ihre Gesten, ihre höchste Konzentration, die glatte, gerundete Stirn. Anfangs fürchtete ich, sie könnte einen falschen Ton erwischen, aber sie schwang sich auf, war gar nicht mehr auf Erden. Ich sah mich um, ob andere dieses Wunder ebenfalls erkannten, und merkte, dass auch Vater ergriffen war. Ich legte kurz meine Hand auf seine, federleicht, nur ganz sanft berührend, es war eine Gnadenstunde. Das Orchester gesellte sich der Violinistin in einem Crescendo hinzu, und als es zu Ende war, ließ sie den Bogen sinken, das Haar leicht zerzaust, und ruhte bis zu ihrem nächsten Soloeinsatz. Ich ließ mir nichts anmerken, war jedoch zutiefst erregt. Schade, dass Schauli nicht hier ist, dachte ich, er ist viel musikalischer und empfindsamer als ich, aber er stählt sich jetzt, wird rauer, wird derb. Genau das wolltest du doch, als du ihn dorthin geschickt hast, wie du auch zugelassen hast, dass man ihn am achten Tag beschnitt. Jetzt konnte ich die Musik nicht mehr so genießen wie zuvor. Zu viele trübe Gedanken störten mich, und das reine Erleben war vorbei. Ich versuchte, wieder hineinzufinden, aber vergebens.
Nach dem Konzert, im Taxi, sagte Vater, für solche Abende lohne es sich zu leben. »Was ein Genie wie Mozart mit ein paar Klängen über unser Dasein erklärt, können normale Menschen wie wir in Tausenden von Worten nicht ausdrücken, und diese Violinistin …« Er seufzte. Das Taxi hielt vor seinem Haus, und ich stützte ihn auf dem Weg nach oben. Ich spürte, wie mager der Körper war, der sich an mich lehnte. An der Tür schlug ich vor, mit reinzukommen und ihm bei den Vorbereitungen zum Schlafen zu helfen. Ich hegte den Verdacht, dass er nicht mehr jeden Tag duschte, weil es ihm schwerfiel.
»Ja, komm kurz mit rein«, sagte er, »aber nicht, um mir zu helfen, das schaffe ich allein, ich möchte dir was zeigen.«
Er ging mir voraus den Flur entlang zur Praxis und schaltete das Licht an. »Setz dich«, sagte er und deutete auf den Sessel. Ich hoffe, er will mich jetzt nicht therapieren, durchzuckte es mich, das würde wirklich jede Grenze sprengen. Vater setzte sich an seinen Schreibtisch, mit dem Rücken zu mir, und kramte in den alten Holzschubladen nach etwas.
»Was suchst du denn, Papa? Kann man dir behilflich sein?«, fragte ich und stand auf, doch er stöberte weiter in den Tiefen des Schreibtischs. »Da ist es«, sagte er mit zufriedener Miene und hielt einen alten, braunen Umschlag in der Hand. »Setz dich einen Moment«, sagte er, »es ist unangenehm, wenn du so über mir stehst«, und ich kehrte gehorsam an meinen Platz zurück.
»Es ist mir sehr wichtig, auf menschenwürdige Weise aus der Welt zu scheiden, Abigail«, sagte er. »Zum Glück habe ich das längst vorbedacht und bin nicht jetzt erst darauf gekommen. Vor vielen Jahren hatte ich einen Patienten, einen Chemiker, der in geheimen Laboren des Verteidigungsministeriums arbeitete, ein intelligenter, alleinstehender Mann, der sich hier nicht zurechtfand. Ich bin mit ihm in tiefe Bereiche gelangt, ein komplizierter und beeindruckender Typ. Letzten Endes beschloss er, das Land zu verlassen, fand Arbeit bei einer großen Firma in Europa und war überaus dankbar, dass ich ihm zu der Entscheidung verholfen hatte. Deshalb gab er mir diesen Umschlag und sagte, das sei ein Abschiedsgeschenk. Sieh her!« Vater winkte mich näher heran, öffnete den Umschlag mit großer Vorsicht und zeigte mir darin eine winzige Metallkapsel. »Darin ist eine Zyankalitablette«, sagte Vater.
»Was? Warum hat er dir solch ein Geschenk gemacht?«, fragte ich. Es war ein seltsam peinlicher Moment.
»Damit ich frei bin, nicht auf andere angewiesen«, antwortete Vater. »Das ist meine Versicherungspolice, garantiert meinen sicheren und sauberen Übergang in den Tod. Falls man mich ins Krankenhaus bringt und ich nicht mehr zwischen rechts und links unterscheiden kann, das ganze Dasein nur noch Erniedrigung und Leiden bietet, wirst du mir helfen müssen, Abigail. Deshalb erzähle ich es dir, damit du weißt, was zu tun ist. Jetzt weißt du, wo es sich befindet. Hol die Tablette heraus und leg sie mir unter die Zunge, das ist alles. Er hat gesagt, das sei eine besondere Sorte, die keine Spuren hinterlasse.«
Ich lachte. »Das ist wie eine Szene aus einem alten Spionagefilm, ich glaube die ganze Geschichte nicht.«
»Es ist die reine Wahrheit«, sagte Vater todernst, »und du musst es mir versprechen. Meine Untersuchungsergebnisse sind nicht gut, die Krankheit schreitet fort, und das Ende ist schon nah.«
Es hat keinen Sinn zu streiten, sagte ich mir, warum solltest du es ihm nicht versprechen. Am Schluss, nach all der Psychoanalyse und der ausgeklügelten Auseinandersetzung mit dem Leben, endet es mit einer kleinen Gifttablette. »In Ordnung, Vater, ich verspreche es dir«, sagte ich.
»Kann ich mich auf dich verlassen, Abigail?«, fragte er.
»Ja, Papa«, antwortete ich, »das kannst du.«
»Gutes Kind«, sagte er, »obwohl ich mir bei dir nicht völlig sicher bin. Du hast was Durchtriebenes. Vielleicht sollte ich auch Schauli bitten, wenn er das nächste Mal auf Urlaub kommt, zur Sicherheit.«
»Nein, lass Schauli dabei aus dem Spiel, Papa, bitte erspar ihm diese makabre Angelegenheit.«
»Ich habe von ihm geträumt«, sagte Vater, »einen sehr schlimmen Traum.«
Ich wollte den Traum nicht hören, dieser Abend war ohnehin schon zu viel für mich gewesen. Ich fragte Vater, ob er Hilfe beim Waschen oder Ankleiden brauche. »Nicht nötig«, sagte er mit verhaltenem Ärger und verstaute den Umschlag sorgfältig wieder tief in der Schublade.
»Gute Nacht, Papa, vielen Dank für das schöne Konzert«, sagte ich und ging durch den Flur nach draußen.
Auf dem großen Bildschirm hinter mir zeigte ich meinen jungen Bataillonsführern Fotos von Hinrichtungen an verschiedenen Orten der Welt, durch ein Exekutionskommando, am Galgen, auf dem elektrischen Stuhl, Bild für Bild – und auf allen hatte man den Todgeweihten die Augen verbunden. »Warum verbindet man dem Delinquenten die Augen?«, fragte ich.
»Damit er keine Angst hat«, antworteten einige.
»Nein«, sagte ich, »das ist nicht die richtige Antwort, was schert es sie, ob er Angst hat?« Ich erklärte, man verbinde ihm die Augen für das Wohl der Henker, damit sein Blick ihnen keine Zweifel einjagte, sie nicht bis ins Grab mit Gewissensbissen verfolgte.
»Was tut man noch, um es den Exekutoren leichter zu machen?«, fragte ich sie wie Schulkinder, und sie wussten es nicht. Ich erzählte ihnen, einer der Schützen im Erschießungskommando bekomme ein Magazin mit Blindgängern, aber sie wüssten nicht, wer von ihnen, sodass jeder sich in der Hoffnung wiegen könne, nicht er habe getötet. Ich vermittelte ihnen noch mehr von meinem umfangreichen Wissen auf diesem Gebiet, erklärte zum Beispiel die wichtige Regel, dass im Exekutionskommando alle gleichzeitig schießen, sodass man nicht wissen kann, wer die tödliche Verwundung verursacht hat. »All das tut man, um ihr Schuldbewusstsein und ihre Gewissensbisse zu überwinden und sie zu täuschen«, erklärte ich. Ihre Augen starrten auf den Bildschirm, ich hätte ihnen noch stundenlang über Hinrichtungsarten in verschiedenen Kulturen erzählen können. Dieses Thema hat mich immer gefesselt, und ich habe es ausführlich studiert.
Ich stellte den Projektor ab, und sie hörten mir schweigend zu. »Ohne Gewissen kann keine menschliche Gesellschaft existieren«, sagte ich. »Freud behauptet, das Gewissen habe sich erstmals bei Söhnen gemeldet, die ihren grausamen und allmächtigen Vater töteten. Da habe die Kultur ihren Anfang genommen. Aber im Krieg wird das Gewissen zur Belastung, es schwächt uns, und da müssen wir Lösungen zu seiner Überwindung finden. Wisst ihr, wer dieser Mann ist?« Ich ließ auf dem Bildschirm ein Interview mit einem älteren Krawattenträger...




