Sauer | Wie Gedanken die Welt verändern | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm

Sauer Wie Gedanken die Welt verändern

Eine christliche Paradigmengeschichte
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-429-06603-1
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Eine christliche Paradigmengeschichte

E-Book, Deutsch, 400 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm

ISBN: 978-3-429-06603-1
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Zu den größten Geheimnissen der menschlichen Kulturgeschichte gehört es, der Frage nachzugehen, wie Neues entdeckt wird. Gemeint sind radikal neue Gedanken, die bisherige Denkweisen tiefgreifend verändern. Zum innersten Kern der menschlichen Kultur gehört die Religion und damit die Frage nach dem Geheimnis der menschlichen Existenz, insbesondere die Frage nach Gott. Die Gottesvorstellung unterliegt bestimmten Erfahrungen und Traditionen, die sich solange fortsetzen, bis sie von einem kritischen Geist in Frage gestellt werden. Bisher geltende Denkmuster, sogenannte 'Paradigmen', werden durch neue ersetzt. Anhand der Paradigmenwechsel in der christlichen Theologie will das Buch darstellen, wie sich durch neue Ideen die Welt des Glaubens verändert hat, und zeigen dass solche Veränderungen zur Geschichte des christlichen Glaubens selbst und zu seiner Lebendigkeit dazugehören.

Hanjo Sauer ist emeritierter Prof. für Fundamentaltheologie an der Katholischen Universität Linz.
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Vorwort: Was will dieses Buch?


An Einführungen in die christliche Theologie herrscht kein Mangel.1 Sie verfahren in aller Regel chronologisch, d. h. entlang einer Darstellung der bisher zwanzig christlich geprägten Jahrhunderte.2 Gewürdigt werden die Autoren3 auf Grund der verfügbaren Quellen, die im Altertum weniger ergiebig fließen als in der Neuzeit. Diese Darstellungen haben ihre Legitimität, doch nicht selten kann es geschehen, dass man – sprichwörtlich gesagt – den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Selbst den theologisch bereits beschlagenen Leser*innen kann der Blick so sehr am Detail haften bleiben, dass das wirklich Neue, das sich zu Wort meldet, kaum angemessen gesehen und gewürdigt wird. Gerade um das Moment der Innovation aber geht es in diesem Buch. Neues zu finden gelingt selten. Der Schriftsteller Elias Canetti macht zu Recht darauf aufmerksam, dass für die Suche nach Neuem vollkommene Freiheit und Spontaneität die entscheidenden Voraussetzungen sind: „Wer etwas wirklich Neues finden will, muß sich vor allem vor jeder Untersuchungsmethode hüten. Er mag sich später, wenn er etwas gefunden hat, dazu gedrängt fühlen, seine Untersuchungsmethode nachträglich zu bestimmen. Aber das ist eine taktische Frage, besonders wenn es sich darum handelt, seinen Funden schon zu Lebzeiten Anerkennung zu verschaffen. Der ursprüngliche Vorgang selbst zeichnet sich durch absolute Freiheit und Unbestimmtheit aus, und von der Richtung seiner Bewegung kann einer, der sich zum erstenmal auf diese Weise bewegt, überhaupt keine Ahnung haben.“4

Nachdem in der mittelalterlichen Theologie der Begriff „neu“ (novitas) einem Verdammungsurteil gleichkam,5 nämlich dass etwas mit der Tradition konform war, erlebt das Adjektiv neu in unserem vom Marketing der Wirtschaft geprägten semantischen Sprachraum eine Art Inflation. Allein die Tatsache, dass etwas „neu“ auf den Markt kommt, wird mit dem Gedanken einer qualitativen Verbesserung verknüpft. Schaut man genau hin, dann wird man entdecken, dass tatsächliche Neuerungen eher selten sind. Genau um diese Neuigkeiten in der Theologie aber geht es in dieser kurzen theologiegeschichtlichen Darstellung. Weit davon entfernt, einen der komplexen theologischen Landschaft auch nur halbwegs angemessenen Überblick zu geben, soll der Fokus darauf liegen, einige wenige Beispiele tatsächlicher Innovation aufzugreifen. Exemplarisch, im besten Sinne des Wortes, soll gezeigt werden, wie Gedanken die Welt verändern. Ein Qualitätskriterium ist die Fruchtbarkeit eines Gedankens. Wenn man zum Beispiel nachverfolgt, welche gewaltige Wirkungsgeschichte der Römerbrief von Paulus hatte, dass sich viele Generationen daran abgearbeitet haben und auf ihre Art in der Auseinandersetzung damit wieder etwas für ihre Zeit Neues hervorgebracht haben, dann kann man nur staunen.6 Ein weiteres Qualitätskriterium eines neuen Gedankens kann in seiner traditionsverändernden Kraft gesehen werden. Traditionen sind nicht selten immun gegen Neuerungen und versuchen sich mit aller Kraft nach außen abzuschirmen. Das gelingt jedoch nicht immer. Verliert die herkömmliche Tradition an Plausibilität, kann es zu einem Paradigmenwechsel kommen. Davon soll noch die Rede sein. Wie entsteht ein neuer Gedanke, der beträchtliche Veränderungen nach sich zieht? Es hängt mit dem Geist des Menschen selbst zusammen, dass er sich nicht damit begnügt, das Wahrgenommene zu katalogisieren und nach Kategorien einzuteilen, sondern ebendiese selbst in Frage zu stellen. Karl Rahner war davon überzeugt, dass in jeder geistigen oder willentlichen Tätigkeit der Mensch „immer schon“, wie er sagte, Anteil am Geheimnis Gottes selbst hat. Mit anderen Worten: In anonymer Form ist das Geheimnis Gottes immer schon im Menschen am Werk. Die Findung oder Erfindung eines Neuen ist sozusagen nur die Spitze vom Eisberg, der sich zum größten Teil unsichtbar unter Wasser befindet und der – metaphorisch gesprochen – die Geistigkeit des Menschen, im Grunde sein Leben als Mensch ausmacht. Theologisch gesprochen haben wir es also immer dann, wenn etwas Neues auftaucht, mit einer praktischen Pneumatologie zu tun, einer Entfaltung des Lebens von Gott selbst im Heiligen Geist. So wie das unergründliche Geheimnis Gottes staunen macht, gibt uns auch die Betrachtung von etwas Neuem in der Geschichte allen Grund, staunend und ehrfurchtsvoll zu erfahren, was sich durch dieses Neue in der Welt verändert.

Vermag der Geist des Menschen die Wirklichkeit zu verändern? An dieser Frage hat sich die Philosophie der Neuzeit abgearbeitet. Immanuel Kant war so optimistisch, in der aufgeklärten Vernunft des Menschen die entscheidende Kraft zu sehen, mit deren Hilfe sich der Mensch von den Zwängen der Gesellschaft und – weitgehend – auch der Natur zu befreien vermochte. Am radikalsten sah der Lösungsvorschlag von Gottfried Wilhelm Hegel aus: Er sah im Geist die Wirklichkeit schlechthin. Der Geist bedeutete ihm alles. Eine Wirklichkeit, die unabhängig von ihm bestand oder sich ihm widersetzte, konnte nicht mehr „wirklich“ im eigentlichen Sinn des Wortes genannt werden. Hegels Schüler haben vehement widersprochen. Sie meinten, den Meister „vom Kopf auf die Füße“ stellen zu müssen. In materialistisch konzipierten Grundansätzen verlor der Geist seine beherrschende Stellung. Er wurde herabgewürdigt zum Epiphänomen der alles entscheidenden materiellen Prozesse. Die Skepsis gegenüber der Wirkmächtigkeit des Geistes findet gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei Nietzsche einen neuen Höhepunkt. Dieser Skepsis gegenüber der Wirkmacht des menschlichen Geistes hat Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ einen prägnanten Ausdruck gegeben. Der Protagonist Ulrich äußert gegenüber seiner Cousine Diotima: „Es ist einfach meine Überzeugung […] dass Denken eine Einrichtung für sich ist, und das wirkliche Leben eine andere. Denn der Stufenunterschied zwischen den beiden ist gegenwärtig zu groß. Unser Gehirn ist einige tausend Jahre alt, aber wenn es alles nur halb zu Ende gedacht und zur anderen Hälfte vergessen hätte, so wäre sein getreues Abbild die Wirklichkeit. Man kann ihr nur die geistige Teilnahme verweigern.“ Bestärkt wird Ulrich in seiner Ansicht durch eine Äußerung von Arnheim, einem weltläufigen Intellektuellen, von dem Ulrich berichtet: „Er hat mir gesagt, dass der Geist heute ein machtloser Zuschauer der wirklichen Entwicklung ist, weil er den großen Aufgaben, die das Leben stellt, aus dem Weg geht. Er hat mich aufgefordert, zu betrachten, wovon die Künste handeln, welche Kleinlichkeiten die Kirchen erfüllen, wie eng selbst das Blickfeld der Gelehrsamkeit ist!“ So weit der Schriftsteller Robert Musil, der in seinem Werk der Skepsis seiner Zeit einen nahezu klassischen Ausdruck gibt.7 Hat sich diese Skepsis bis in die Gegenwart durchgehalten? Außer Frage steht, dass vielfältige wissenschaftliche Diskurse naive Vorstellungen, dass der Mensch unproblematisch seine Wirklichkeit zu gestalten vermag, Lügen strafen. Sigmund Freuds Tiefenpsychologie machte etwa deutlich, wie viel wir an Un- oder Unterbewusstem mit uns tragen, das in hohem Maße unser Leben und Denken bestimmt, das jedoch prinzipiell erforschbar ist und so keine absolute Determinierung ausüben kann. Die Diskurse der Soziologie machen die tiefe Verflechtung in einem allgemeinen gesellschaftlichen Kontext deutlich, die auch dann noch mitbestimmend ist, wenn wir meinen, völlig frei und autonom denken und handeln zu können. Diese Beispiele ließen sich in die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen hinein fortsetzen. Und doch: Es bleibt eine Verantwortlichkeit, die nicht abgeschoben werden kann und darf. Jesus von Nazareth hat in Unbekümmertheit den Menschen seiner Zeit die Notwendigkeit von Umkehr und Buße gepredigt. Diese Predigt setzt in bester biblischer Tradition die grundsätzliche Möglichkeit dazu voraus. Sie geht daher von einem im Grunde optimistischen Menschenbild aus – trotz aller Begrenzungen und Einschränkungen. Christliche Theologie ist ohne dieses Erbe undenkbar. Doch es handelt sich um ein Erbe, das nicht ein für allemal festgelegt ist, sondern das sich entfaltet. Ein Erbe, das Innovationen erfährt. Die Zäsur zum Überkommenen ist dabei nicht absolut, vielmehr wird das Bekannte in einen neuen Horizont gestellt. Darum soll es hier gehen. Wie und in welcher Weise neue Gedanken und Entdeckungen den herkömmlichen Horizont verändern.

Die Überlegungen dieses Buches verdanken sich der Vorlesung „Geschichte und Paradigmen“, die ich an der Katholischen Universität Linz angeboten habe und die nun zu meiner Freude meine Nachfolgerin Isabella Guanzini übernommen hat. Dank schulde ich Frau Ilse Schulenberg für die Korrektur, ebenso Herrn Jürgen G. Lang und Herrn Reiner Bohlander vom Verlag Echter in...


Hanjo Sauer ist emeritierter Prof. für Fundamentaltheologie an der Katholischen Universität Linz.



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