Sauter Mondfinsternis
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7647-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ausgewählte Werke
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7647-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lilly Sauter, geboren 1913 in Wien, Studium der Kunstgeschichte und Archäologie. Aufenthalte in London, Rom, Paris; ab 1943 wohnhaft in Tirol, starb 1972 ebendort. Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Honoré de Balzac, Sylvia Beach, Peggy Guggenheim), Kulturjournalistin und Kuratorin. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der Roman Ruhe auf der Flucht (1951) und der Gedichtband Zum Himmel wächst das Feld (hg. v. Hans Weigel 1973).
Autoren/Hrsg.
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Kunstgedichte
Landschaft von Boeckl
Zu schauen gilt es, immer mehr zu schauen,
Nicht Berg und Bäume, Himmel nur und Straße,
Auch in beängstigender Näh die Masse
Der Farben, die sich mit dem ganzen Grauen
Ziellosen Ausbruchs auf der Fläche drängen.
Dick hingestrichen, Chaos, Urbeginn,
An dem man teilhat, ohne noch den Sinn
Auch nur zu ahnen. Fühlend nur: die Mengen
Von Grün und Gelb und Blau schöpft er aus dir
Genau so wie aus sich und ihr Erscheinen
Dort auf dem Bild geschieht nicht ohne deinen
Schmerzlich beschwornen Willen. Das Gewirr
Ist Sein von deinem Sein. Und wenn die Schritte
Dich rückwärts tragen jetzt, genügend weit,
Daß du erkennst, wie sich die Form befreit,
Steigt diese Form aus deines Lebens Mitte.
Aus deiner Seele hebt sich Baum und Berg,
Ein Bogen spannt sich grün des Himmels Weite,
Die Straße klingt darin wie eine Saite,
In eigne Klarheit wächst du mit dem Werk.
Zeichnung von Behler
Blume bist du, bist ein Ornament
Und bestehst aus Leibern doch von Tieren.
Seltsam in die Irre nur zu führen
Scheinst du den, der dich nicht ganz erkennt.
Aber wer die Linie wachsen sieht
Aus dem tiefsten Wesen aller Dinge,
Wird sich nicht mehr wundern, wenn die Schwinge
Eines Vogels wie ein Kelch erblüht.
Was man mit verschiednen Namen nennt,
Hat sich doch aus einem All entfaltet
Und des gleichen Wunders Kraft gestaltet
Blume, Vogel, Antlitz, Ornament.
Tote Bäuerin
(Nach einem Pastell von Werner Scholz)
Erschreckend! Aber was erschreckt dich?
Daß sich schon die leisen
Verwandlungen vollziehn,
Jenes Hinüberweisen
In einen Zustand, der dir fremd erscheint?
Weint
Dein Verlangen nach Bekanntem?
Merkst du nicht
Die Rückkehr in dir ebenfalls Vertrautes?
Urlandschaft wird das Antlitz,
Kahler Grate und Hügel voll,
Die jeder längst in seinen Träumen sah.
Erschreckt dich, wenn ein Traum
So nah
Und wirklich dasteht?
Oder sind die Blumen
Dir furchtbar, die am Körpersaum
Aufwachsen, so als wär’ der Leib
Schon Erde und schon Nahrung ihrer Blüte?
Graut dir vor der Stille.
Die dich in ein ungeheures
Alleinsein zwingt,
In das nichts dringt,
Von außen nichts, was dich daraus erlöst?
Das alles soll dich schrecken,
Bannen auch,
In eine Welt, die nur erfüllt ist
Von dem Bild und dir.
Dann wirst du erst empfinden,
Wie die Farbe
Des Kissens tröstlich ist.
Wie tief gebettet
Die tote Frau daliegt
In diesen Trost.
Dann fühlst du dich gerettet
In ihre Stille erst.
Und alle Farben
Um ihren Leib, um Antlitz, starre Hand
Erscheinen dir nur als gemalte Zeichen,
Wegzeichen an dem Pfad ins andre Land.
Narziss
(Nach einem Bild von Caravaggio)
Der beiden aufgestützten Hände Halt
Trägt deine schöne, knieende Gestalt
An dem Gestade.
Der Glieder angespannter Bogen ruht
Im Spiegel aus, da ihn die klare Flut
Empfängt voll Gnade.
Ein Ganzes steigt, ein Kreis, der sich erfüllt,
Für unser Aug aus Bild und Gegenbild.
Siehst du geblendet
Nur deine Schönheit? Oder fühlt dein Sein
Geheimnisvoll in seinem Widerschein
Sich erst vollendet?
Das Modell an den Maler
Ich sehe dich an und biete dir mein Gesicht,
Daß du’s durch Schatten und Licht
Gleich einer Landschaft durchschreitest.
Ich sehe dich an und biete dir mein Gemüt,
Daß du, was leidet und blüht,
Bunt auf die Fläche dir breitest.
Ich sehe dich an und alles genügt dir nicht,
Eh du aus meinem Gesicht
Neu nicht dich selber bereitest.
Künstler
Seht, in uns sind Mann und Frau,
Strand und Welle, Gelb und Blau,
Wein und Schale, Nacht und Licht,
Spiegelbild und Angesicht.
Unser Reichtum ist verflucht,
Er versagt, was jeder sucht,
Die Ergänzung, die erfüllt
Und das eigne Sein enthüllt.
Was uns strömt von außen zu,
Macht nicht ganz und schenkt nicht Ruh,
Immer wieder nur aus sich
Wird Erlösung unserm Ich,
Wenn erneut wir eine Welt
Wachsen lassen, die enthält
Welle, Strand und Gelb und Blau
Nacht und Licht und Mann und Frau,
Angesicht und Spiegelbild,
Dann ist unser Sein erfüllt.
Petrus
(Aus der Ölberggruppe von Mils)
Die Füße sind einfache Füße,
Viel durch den Staub gegangen
Und jetzt in Schlaf befangen
Nach langen Wegen.
Die Hände sind Arbeit gewohnt,
Mit Jahren der Mühsal behangen
Und jetzt in Schlaf befangen
Nach manchem Tun.
Der Körper will ruhn,
In Tücher gehüllt und in den schweren
Mantel des Müdeseins.
Jetzt bleibt noch eins,
das Haupt.
Verrät es kein Bangen?
Der Kopf ist in Schlaf befangen
Nach diesem Tag.
Warum so in Glanz getaucht,
Bild eines elenden Menschen,
Der sich des Schlafs nicht kann wehren,
Wenn Gott ihn braucht?
Seht, es schläft schon in ihm
In der Ölbergstunde,
Der auf den einfachen Füßen
Später die Runde
Der Welt wird durchwandern.
Hände gehoben und Herz
Aus des Schlafes Schoß.
„Schwach“, wird er künden den andern,
„Ist der Mensch, doch die Gnade ist groß.“
Marx Reichlich malt die Schergen
Wie andre Sprüche murmeln
Malt er.
Denn seine Dämonen
Gehorchten dem Wort nicht
Und wollten Gestalt sein.
Dastehen wollten sie,
Grinsenden Munds
Und mit gierigen Augen,
In ihrer grellen, farbigen,
Bösen Lust am Leid,
Mit grünem und gelbem Gewand
Neben dem roten Blut,
Das niedertropfte,
Weil sie geschlagen hatten.
Sie bogen ihn weit zurück,
Den Arm mit der Geißel,
Und drehten die Hüften,
Grausame Tänzer der Qual
Um ein regloses Opfer.
So, wußte er,
Mußt’ er sie malen.
Und setzte viermal und fünfmal
Die marternden Hände,
Das böse Glitzern der Augen
Bei Tag auf die Leinwand.
Dann würde es nachts nicht zucken
In seinem Arm
Und nach dem Blut verlangen,
Das ihm zunächst floß,
Und aus den Augen im Spiegel
Wäre das Glitzern
Gebannt.
Das letzte Gespräch mit dem Tod
(Auf die sechs Blätter eines Totentanzes, den Walter Kampmann zeichnete, zwölf Stunden, bevor er starb)
Immer schon habe ich Bilder von dir gemacht,
Fast so viele wie von mir selber.
Es schien mir das Wichtigste:
Dich malen – in jeder Verkleidung,
Sich malen – in jeder Verkleidung
Und doch immer merken lassen,
Mit wem man es zu tun hat.
Die andern sagten: „Du Narr!“
Weil sie dich nicht sehen konnten,
Dort, wo ich dich sah,
Längst sah, lange vor ihnen.
Es wird schwer sein für sie,
Dir zu begegnen,
Plötzlich,
Und ohne mit dir
Vertraut zu sein.
Obwohl –
Leicht – fällt – es – mir – auch – nicht –
Der Atem –
Atmen – mit – diesen – Fingern – um – die – Kehle –
Nein!
Laß mir noch Zeit!
Du mußt die Rosse noch halten,
Die Stunden, die durchgehen wollen,
Treib sie nicht an!
Du wirst nie wieder,
Hörst du,
Nie wieder so gezeichnet werden
Wie jetzt von mir.
Du mußt dir Zeit dafür nehmen,
Du mußt mir Zeit dafür geben –
Ja, jetzt spielst du,
Flöte spielst du,
Das ist gut!
Sieh meine Hand mit dem Bleistift.
Nichts anderes hält sie.
Es kommen keine Farben,
Die Lärm machen,
in dein Bild.
Es werden nur Linien da sein,
die ganz feinen,
Die ganz stillen
Linien.
Keinen Ton wird man überhören,
der aus deiner Flöte kommt.
Auch den zartesten nicht.
Spiele, spiel weiter!
Ach nein –
Du mußt nicht nur Glocke,
du mußt nicht laut werden,
wo ich so still bin –
...



