Sauter | Mondfinsternis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Sauter Mondfinsternis

Ausgewählte Werke
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7647-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ausgewählte Werke

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7647-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lilly Sauter (1913-1972) war eine Persönlichkeit von außergewöhnlicher Vielseitigkeit. Als Kulturjournalistin, Übersetzerin und Schriftstellerin, als Ausstellungskuratorin für das Französische Kulturinstitut in Innsbruck sowie als Kustodin auf Schloss Ambras hat sie dem Tiroler Kulturleben der 1950er und 1960er Jahre entscheidende Impulse gegeben. Mit diesem Band wird eine Auswahl ihrer vergriffenen schriftstellerischen Arbeiten wieder zugänglich: Neben der Novelle Mondfinsternis, einem ihrer schönsten Prosawerke, finden sich darin viele ihrer Gedichte u. a. zur klassischen französischen Moderne, in denen sie Bildende Kunst in Sprache übersetzt hat. Weitere Gedichte und Erzählungen sowie Aufsätze zur Kunst und Literatur ihrer Zeit sind hier zum Teil erstmals veröffentlicht.

Lilly Sauter, geboren 1913 in Wien, Studium der Kunstgeschichte und Archäologie. Aufenthalte in London, Rom, Paris; ab 1943 wohnhaft in Tirol, starb 1972 ebendort. Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Honoré de Balzac, Sylvia Beach, Peggy Guggenheim), Kulturjournalistin und Kuratorin. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der Roman Ruhe auf der Flucht (1951) und der Gedichtband Zum Himmel wächst das Feld (hg. v. Hans Weigel 1973).
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Kunstgedichte


Landschaft von Boeckl

Zu schauen gilt es, immer mehr zu schauen,

Nicht Berg und Bäume, Himmel nur und Straße,

Auch in beängstigender Näh die Masse

Der Farben, die sich mit dem ganzen Grauen

Ziellosen Ausbruchs auf der Fläche drängen.

Dick hingestrichen, Chaos, Urbeginn,

An dem man teilhat, ohne noch den Sinn

Auch nur zu ahnen. Fühlend nur: die Mengen

Von Grün und Gelb und Blau schöpft er aus dir

Genau so wie aus sich und ihr Erscheinen

Dort auf dem Bild geschieht nicht ohne deinen

Schmerzlich beschwornen Willen. Das Gewirr

Ist Sein von deinem Sein. Und wenn die Schritte

Dich rückwärts tragen jetzt, genügend weit,

Daß du erkennst, wie sich die Form befreit,

Steigt diese Form aus deines Lebens Mitte.

Aus deiner Seele hebt sich Baum und Berg,

Ein Bogen spannt sich grün des Himmels Weite,

Die Straße klingt darin wie eine Saite,

In eigne Klarheit wächst du mit dem Werk.

Zeichnung von Behler

Blume bist du, bist ein Ornament

Und bestehst aus Leibern doch von Tieren.

Seltsam in die Irre nur zu führen

Scheinst du den, der dich nicht ganz erkennt.

Aber wer die Linie wachsen sieht

Aus dem tiefsten Wesen aller Dinge,

Wird sich nicht mehr wundern, wenn die Schwinge

Eines Vogels wie ein Kelch erblüht.

Was man mit verschiednen Namen nennt,

Hat sich doch aus einem All entfaltet

Und des gleichen Wunders Kraft gestaltet

Blume, Vogel, Antlitz, Ornament.

Tote Bäuerin

(Nach einem Pastell von Werner Scholz)

Erschreckend! Aber was erschreckt dich?

Daß sich schon die leisen

Verwandlungen vollziehn,

Jenes Hinüberweisen

In einen Zustand, der dir fremd erscheint?

Weint

Dein Verlangen nach Bekanntem?

Merkst du nicht

Die Rückkehr in dir ebenfalls Vertrautes?

Urlandschaft wird das Antlitz,

Kahler Grate und Hügel voll,

Die jeder längst in seinen Träumen sah.

Erschreckt dich, wenn ein Traum

So nah

Und wirklich dasteht?

Oder sind die Blumen

Dir furchtbar, die am Körpersaum

Aufwachsen, so als wär’ der Leib

Schon Erde und schon Nahrung ihrer Blüte?

Graut dir vor der Stille.

Die dich in ein ungeheures

Alleinsein zwingt,

In das nichts dringt,

Von außen nichts, was dich daraus erlöst?

Das alles soll dich schrecken,

Bannen auch,

In eine Welt, die nur erfüllt ist

Von dem Bild und dir.

Dann wirst du erst empfinden,

Wie die Farbe

Des Kissens tröstlich ist.

Wie tief gebettet

Die tote Frau daliegt

In diesen Trost.

Dann fühlst du dich gerettet

In ihre Stille erst.

Und alle Farben

Um ihren Leib, um Antlitz, starre Hand

Erscheinen dir nur als gemalte Zeichen,

Wegzeichen an dem Pfad ins andre Land.

Narziss

(Nach einem Bild von Caravaggio)

Der beiden aufgestützten Hände Halt

Trägt deine schöne, knieende Gestalt

An dem Gestade.

Der Glieder angespannter Bogen ruht

Im Spiegel aus, da ihn die klare Flut

Empfängt voll Gnade.

Ein Ganzes steigt, ein Kreis, der sich erfüllt,

Für unser Aug aus Bild und Gegenbild.

Siehst du geblendet

Nur deine Schönheit? Oder fühlt dein Sein

Geheimnisvoll in seinem Widerschein

Sich erst vollendet?

Das Modell an den Maler

Ich sehe dich an und biete dir mein Gesicht,

Daß du’s durch Schatten und Licht

Gleich einer Landschaft durchschreitest.

Ich sehe dich an und biete dir mein Gemüt,

Daß du, was leidet und blüht,

Bunt auf die Fläche dir breitest.

Ich sehe dich an und alles genügt dir nicht,

Eh du aus meinem Gesicht

Neu nicht dich selber bereitest.

Künstler

Seht, in uns sind Mann und Frau,

Strand und Welle, Gelb und Blau,

Wein und Schale, Nacht und Licht,

Spiegelbild und Angesicht.

Unser Reichtum ist verflucht,

Er versagt, was jeder sucht,

Die Ergänzung, die erfüllt

Und das eigne Sein enthüllt.

Was uns strömt von außen zu,

Macht nicht ganz und schenkt nicht Ruh,

Immer wieder nur aus sich

Wird Erlösung unserm Ich,

Wenn erneut wir eine Welt

Wachsen lassen, die enthält

Welle, Strand und Gelb und Blau

Nacht und Licht und Mann und Frau,

Angesicht und Spiegelbild,

Dann ist unser Sein erfüllt.

Petrus

(Aus der Ölberggruppe von Mils)

Die Füße sind einfache Füße,

Viel durch den Staub gegangen

Und jetzt in Schlaf befangen

Nach langen Wegen.

Die Hände sind Arbeit gewohnt,

Mit Jahren der Mühsal behangen

Und jetzt in Schlaf befangen

Nach manchem Tun.

Der Körper will ruhn,

In Tücher gehüllt und in den schweren

Mantel des Müdeseins.

Jetzt bleibt noch eins,

das Haupt.

Verrät es kein Bangen?

Der Kopf ist in Schlaf befangen

Nach diesem Tag.

Warum so in Glanz getaucht,

Bild eines elenden Menschen,

Der sich des Schlafs nicht kann wehren,

Wenn Gott ihn braucht?

Seht, es schläft schon in ihm

In der Ölbergstunde,

Der auf den einfachen Füßen

Später die Runde

Der Welt wird durchwandern.

Hände gehoben und Herz

Aus des Schlafes Schoß.

„Schwach“, wird er künden den andern,

„Ist der Mensch, doch die Gnade ist groß.“

Marx Reichlich malt die Schergen

Wie andre Sprüche murmeln

Malt er.

Denn seine Dämonen

Gehorchten dem Wort nicht

Und wollten Gestalt sein.

Dastehen wollten sie,

Grinsenden Munds

Und mit gierigen Augen,

In ihrer grellen, farbigen,

Bösen Lust am Leid,

Mit grünem und gelbem Gewand

Neben dem roten Blut,

Das niedertropfte,

Weil sie geschlagen hatten.

Sie bogen ihn weit zurück,

Den Arm mit der Geißel,

Und drehten die Hüften,

Grausame Tänzer der Qual

Um ein regloses Opfer.

So, wußte er,

Mußt’ er sie malen.

Und setzte viermal und fünfmal

Die marternden Hände,

Das böse Glitzern der Augen

Bei Tag auf die Leinwand.

Dann würde es nachts nicht zucken

In seinem Arm

Und nach dem Blut verlangen,

Das ihm zunächst floß,

Und aus den Augen im Spiegel

Wäre das Glitzern

Gebannt.

Das letzte Gespräch mit dem Tod

(Auf die sechs Blätter eines Totentanzes, den Walter Kampmann zeichnete, zwölf Stunden, bevor er starb)

Immer schon habe ich Bilder von dir gemacht,

Fast so viele wie von mir selber.

Es schien mir das Wichtigste:

Dich malen – in jeder Verkleidung,

Sich malen – in jeder Verkleidung

Und doch immer merken lassen,

Mit wem man es zu tun hat.

Die andern sagten: „Du Narr!“

Weil sie dich nicht sehen konnten,

Dort, wo ich dich sah,

Längst sah, lange vor ihnen.

Es wird schwer sein für sie,

Dir zu begegnen,

Plötzlich,

Und ohne mit dir

Vertraut zu sein.

Obwohl –

Leicht – fällt – es – mir – auch – nicht –

Der Atem –

Atmen – mit – diesen – Fingern – um – die – Kehle –

Nein!

Laß mir noch Zeit!

Du mußt die Rosse noch halten,

Die Stunden, die durchgehen wollen,

Treib sie nicht an!

Du wirst nie wieder,

Hörst du,

Nie wieder so gezeichnet werden

Wie jetzt von mir.

Du mußt dir Zeit dafür nehmen,

Du mußt mir Zeit dafür geben –

Ja, jetzt spielst du,

Flöte spielst du,

Das ist gut!

Sieh meine Hand mit dem Bleistift.

Nichts anderes hält sie.

Es kommen keine Farben,

Die Lärm machen,

in dein Bild.

Es werden nur Linien da sein,

die ganz feinen,

Die ganz stillen

Linien.

Keinen Ton wird man überhören,

der aus deiner Flöte kommt.

Auch den zartesten nicht.

Spiele, spiel weiter!

Ach nein –

Du mußt nicht nur Glocke,

du mußt nicht laut werden,

wo ich so still bin –

...


Lilly Sauter, geboren 1913 in Wien, Studium der Kunstgeschichte und Archäologie. Aufenthalte in London, Rom, Paris; ab 1943 wohnhaft in Tirol, starb 1972 ebendort. Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Honoré de Balzac, Sylvia Beach, Peggy Guggenheim), Kulturjournalistin und Kuratorin. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der Roman Ruhe auf der Flucht (1951) und der Gedichtband Zum Himmel wächst das Feld (hg. v. Hans Weigel 1973).



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