E-Book, Deutsch, 205 Seiten
Sautner Milchblume
2. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7117-5030-3
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 205 Seiten
ISBN: 978-3-7117-5030-3
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Sautner wurde 1970 in Gmünd geboren, heute lebt er als Autor in seiner Heimat, dem nördlichen Waldviertel, sowie in Wien. Neben zahlreichen Essays und Erzählungen erschienen im Picus Verlag seine Romane »Fuchserde«, »Milchblume«, »Die Älteste«, »Das Mädchen an der Grenze«, »Großmutters Haus«, »Die Erfindung der Welt«, »Nur zwei alte Männer« und 2024 »Pavillon 44«. www.thomas-sautner.at
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(S. 18-19)
Jakob roch den Regen, lange bevor der erste Donner über den Himmel rollte. Er hielt kurz inne und streckte die Nase hoch in die Luft. Über dem Eigenwald hatte sich eine Wolkenfront breit gemacht. Wie ein mächtiges Tier hockte sie da, wie ein mächtiges, hungriges Tier auf der Lauer, kurz vor dem Sprung. Jakob packte die Heugabel und ließ sie noch rascher ins frisch geschnittene Gras gleiten. In üppigen Büscheln schwang er es auf eine der Dutzenden Heukraxen, die er tags zuvor errichtet hatte. Entastete, knochentrockene Fichtenwipfel, kreisförmig verkeilt. Mehrere Meter standen die Kraxen auseinander, die meisten bereits über und über beladen mit Gras. Jakob arbeitete hart.
Er genoss es, sog mit tiefen Zügen das saftige Grün ein. Der September neigte sich dem Ende zu, und so würde es für heuer die letzte Mahd sein. Wie klug der Schöpfer doch gewesen ist, als er die Jahreszeiten geschaffen hat, überlegte Jakob, ewige Abwechslung hat er uns damit geschenkt. Weich wippten die Halme auf seiner Heugabel. Ihr Duft ließ ihn daran denken, wie wertvoll das Gras war. Und was für ein Segen, ja, was für ein Segen der Natur, dachte er beeindruckt. Nur Sonne und Regen braucht es, um Pflanzen immer wieder wachsen zu lassen. Ewig wachsen sie, bis in alle Zeit.
Immer wieder aufs Neue. Einfach so. »Ein Wunder!«, rief Jakob lauthals, »Ein Wunder!« Rund um ihn arbeiteten seine Eltern und die anderen Kinder der Seifritz-Bauern, sie schüttelten die Köpfe über Jakobs scheinbar grundloses Entzücken. Nur Silvia, die Jüngste, schien zu verstehen. Sie lächelte, und ihre Bewegungen beim Aufschichten des Grases wirkten mit einem Mal unbeschwerter, flotter als zuvor. [22]Jakob bemerkte die verständnislose Reaktion der Eltern nicht. Auch nicht jene der beiden jüngeren Brüder, die ihrem Vater nacheiferten und abfällige Gesichter machten. Aber ebenso entging ihm Silvias Lächeln. Wie wild schichtete er Gras auf. »Jakob, verflucht, du schmeißt ja die Hälfte daneben!«, schrie der Seifritz-Bauer.
Jakob aber hörte ihn nicht, war wie entrückt. Die Arbeit sollte erledigt sein, bevor die ersten Tropfen fielen. »Jakob, du Hornochs!«, brüllte der Bauer, und weil der Bursche noch immer nicht reagierte, fühlte er sich provoziert – noch dazu, da die anderen rundherum standen und alles mitbekamen. Heißes Blut schoss dem Bauern ins Gesicht, färbte es dunkelrot, beinahe violett. An seiner Stirn schwoll eine Ader, dick und dicker, pulsierend blau. Jakobs Brüder Hans und Fritz wussten, was gleich kommen würde. Die Fäuste des Seifritz-Bauern hatten sich um den Stiel der Heugabel gespannt.
So fest, dass die Knöchel weiß hervortraten, so heftig, als wollte der Vater den hölzernen Griff zerreiben unter seinen Pranken. Und dann reichte das nicht mehr. Dann bewegte blanke Wut seinen massigen Körper nach vorne. Wie im Rausch war er jetzt, einem Bullen gleich, sein Ziel im Visier. »Jakob«, rief Silvia, aber keineswegs laut, vielmehr wie beiläufig. Sofort sah Jakob auf. Sein Blick folgte der Richtung, die Silvias Hand ihm anzeigte. Und dann duckte er sich. Über ihm durchschnitt die schwere Heugabel des Vaters surrend die Luft. Der starke Schwung und der fehlende Widerstand ließen den Bauern das Gleichgewicht verlieren. Er kippte zur Seite, fiel schreiend zu Boden. Jakob hatte keine Ahnung, weshalb sein Vater derart in Rage über ihn war.




