E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Reihe: LYX.digital
Savas Beyond Shattered Moons
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7363-2163-2
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
von Anna Savas, Autorin der SPIEGEL-Bestseller-Reihe NEW ENGLAND SCHOOL OF BALLET
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-2163-2
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
DANACH bin ich nach Hause gekommen.
DANACH setzen wir die Scherben unserer Herzen wieder zusammen.
DANACH finden wir, was ich verloren glaubte.
DANACH ist sie meine Madelyn.
Band 2 der LONDON IS LONELY-Reihe von SPIEGEL-Bestseller-Autorin Anna Savas
Anna Savas wusste von klein auf, dass sie ihr Leben dem Schreiben widmen möchte. Sie liebt Liebesgeschichten, Serienabende mit ihren Freund:innen und verbringt den Großteil ihrer Tage damit, ihren Figuren zu einem Happy End zu verhelfen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
Adam
Gegenwart
Madelyn, 23 – Adam, 23
Wes wirkt unfassbar jung, wie er da in seinem Krankenhausbett liegt. Eingefallene Wangen, dunkle Schatten unter den Augen. Seine Haare sind auf einer Seite nicht besonders gleichmäßig rasiert worden. Wo früher dunkle Locken waren, sitzt jetzt ein dicker weißer Verband, unter dem sich eine dunkle Naht über seinen Schädel zieht. Ich sehe sie zwar nicht, aber ich weiß, dass sie da ist.
Das wird eine richtig hässliche Narbe.
Der Gedanke zuckt durch meinen Kopf, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen kann. Es ist der dümmste Gedanke der Welt. Ist doch scheißegal, ob eine Narbe zurückbleiben wird, ein Andenken, das er nie vergessen kann. Er muss wieder gesund werden. Das ist das einzig Wichtige. Alles andere spielt jetzt keine Rolle.
Ich hebe eine Hand an meine Stirn, meine Fingerspitzen fahren kurz über die Narbe, die meine Braue durchzieht. Selbst schuld. Ich habe Scheiße gebaut, und davon ist nicht viel mehr übrig geblieben als dieses winzige Ding über meinem Auge und eine leicht schiefe Nase.
Wes hat nichts falsch gemacht in diesem Moment auf der Straße, und trotzdem liegt er jetzt in diesem Bett und niemand weiß, wie es weitergeht.
Es ist absurd, wie sehr sich die Geschichte wiederholt und wie anders sie trotzdem ist.
Ich habe damals eine Entscheidung getroffen, Wes hat nur für den Bruchteil einer Sekunde nicht aufgepasst.
Das war’s.
Und trotzdem hatte ich mehr Glück als er.
Das ist alles so verdammt falsch. Nichts von dem, was gestern passiert ist, hätte passieren dürfen. Wirklich absolut gar nichts.
Es war nicht schwierig, einen Arzt aufzutreiben, der mich über alles informiert hat, nachdem ich erst mit Widerwillen, dann mit Nachdruck darauf bestanden habe, irgendjemanden zu sprechen.
Ich habe in den letzten Jahren fast vergessen, wie viel Macht der Name Knight besitzt. In Edinburgh ist es egal, wer ich bin. Hier nicht.
Fünf Minuten später kam eine Ärztin mit kurzen grauen Haaren zu mir. Sie hat sich als Dr. White vorgestellt und mir kurz und knapp und sichtlich in Eile erklärt, was passiert ist und wie es Wes geht. Nicht gut. Das ist die Quintessenz des Ganzen. Sie hat mehr gesagt, da war viel Mitgefühl trotz ihrer Eile, daneben harte Fakten und viele komplizierte Wörter, von denen ich die Hälfte nicht verstanden habe. Vielleicht habe ich auch nicht richtig zugehört. Das Einzige, was wirklich hängen blieb, ist, dass wir warten müssen. Darauf, dass sie ihn wieder aus dem künstlichen Koma holen können und er aufwacht. Es kann Tage dauern oder länger. Länger wäre schlecht, das wäre mir auch ohne ihren vielsagenden Blick bewusst gewesen.
Jetzt bin ich allein in diesem lächerlich großen Zimmer, das keine Krankenversicherung der Welt bezahlen würde. Jedenfalls nicht für Normalsterbliche.
Aber Wes ist auch nicht normal, dafür gerade erschreckend sterblich.
Mein Herz setzt einen dumpfen Schlag aus.
Ich fühle mich wie betäubt, seit Lydia mich angerufen hat. Wie viele Stunden sind seitdem vergangen? Neun? Keine Ahnung, ist auch echt egal. Ich musste ihre Nachricht dreimal abhören, bis ich tatsächlich verstanden habe, zu welchem Krankenhaus ich fahren muss.
Jetzt bin ich hier und sie ist … weg. Lydia und Steven waren nirgendwo zu sehen, als ich zu Wes’ Zimmer gebracht wurde.
Sie dürfen für ein paar Minuten rein, aber wirklich nicht lange. Ihr Bruder braucht viel Ruhe.
Wes sieht eher aus, als bräuchte er ein kleines, sehr großes Wunder.
Es fällt mir schwer, den Mann, der da nur ein paar wenige Meter von mir entfernt in diesem Bett liegt, mit dem Wes in Einklang zu bringen, der gestern erst in der Buchhandlung stand, in der ich arbeite. Gestern war er wütend, heute ist er … kaum noch am Leben.
Ich balle die Hände zu Fäusten, meine Fingernägel graben sich schmerzhaft fest in meine Haut, als mein Herz noch einen Schlag aussetzt, nicht mehr dumpf, sondern ziemlich hart, nur um dann viel zu schnell weiterzuschlagen. Rasender Puls, rasende Wut.
In meinen Ohren rauscht es, in meinem Bauch verknotet sich die Wut zu einem kaum lösbaren Chaos. Sie ist so vertraut wie kaum etwas anderes. Diese Wut, die mich schon mein ganzes Leben lang begleitet und die ich nicht immer verstehe. Jetzt schon.
Weil Wes da liegt und niemand sagen kann, wie es weitergeht. Ich bin wütend, weil ich mich so hilflos fühle wie noch nie.
Wage es ja nicht, zu sterben. So leicht kommst du aus der Nummer nicht raus, verstanden? Du wirst nicht sterben, bevor wir unseren Scheiß in Ordnung gebracht haben. Wage es ja nicht, sonst bringe ich dich eigenhändig um.
Die Stimme in meinem Kopf ist sehr laut, ich bin sehr leise, während ich Wes anstarre. Kein Blinzeln, nur ein stummes Starren mit dem Geschmack von Blut auf der Zunge, weil ich mir so fest auf die Unterlippe beiße. Um stumm zu bleiben.
Wehe, du stirbst.
Meine Augen brennen, ich rede mir ein, es läge daran, dass ich seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen habe, daran, dass ich tatsächlich nicht blinzle. Aber das ist es nicht. Nicht wirklich.
Das Rauschen in meinen Ohren wird lauter, die Wut drängt weiter nach oben, brennt wie Säure in meiner Kehle, will ausbrechen.
Wage es ja nicht, zu sterben.
Wehe, du …
»Adam?«
Der Gedanke verblasst, als jemand hinter mir meinen Namen sagt. Die Stimme ist immer noch vertraut, auch wenn ich sie seit sechs Jahren nicht gehört habe.
Nein, das stimmt nicht. Das letzte Mal ist neun Stunden her. Zehn vielleicht.
Fuck.
Nicht jetzt. Überhaupt nicht. Niemals wäre eine gute Option.
Leider ist Niemals keine Option. Jetzt dafür umso mehr.
Meine Schultern sind verkrampft, als ich mich umdrehe und zum ersten Mal seit sechs langen, viel zu kurzen Jahren, Lydia Knight gegenüberstehe. Sie sieht anders aus als früher, älter, aber das könnte auch an den dunklen Schatten unter ihren Augen liegen. Ihre Haare sind noch so blond wie damals, heute nicht ordentlich gestylt, sondern einfach nur zu einem hohen Zopf zusammengebunden. Der Anblick ist ungewohnt. Genauso ungewohnt wie ihr Outfit. Stoffhose und ein Pullover, der ziemlich sicher Steven gehört. Er ist ihr viel zu groß, schlackert um ihre schlanke Gestalt. Sie ist am Boden zerstört, dafür muss ich gar nicht erst in ihre hellblauen Augen schauen. Sie schwimmen in Tränen.
»Du bist hier«, bringt sie erstickt hervor. Ihre Mundwinkel heben sich zu einem zittrigen Lächeln, sie kommt auf mich zu und breitet die Arme aus, um mich zu umarmen.
Ich weiche aus. Weiche drei Schritte zurück, mehr Abstand als nötig, aber sie muss es verstehen.
Ihr Lächeln zerfällt, eine Träne löst sich aus ihrem Augenwinkel, rollt über ihre Wange. Sie wischt sie nicht weg, sie will, dass ich sie sehe. Dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme.
Keine Chance.
»Ich bin seinetwegen hier«, sage ich kühl, betone das vorletzte Wort und sehe dabei zu, wie die Kugel trifft.
Lydia zuckt zusammen, was hat sie bitte erwartet?
Dass der Unfall alles auslöscht, was vorgefallen ist? Dass ich einfach so in den Schoß meiner verlogenen Familie zurückkehre und ihnen ihre Lügen verzeihe? Nein, nicht einfach so. Nichts an der Situation ist einfach. Absolut gar nichts.
Trotzdem kann sie nicht ernsthaft davon ausgegangen sein, dass ich so tue, als wäre nichts gewesen. Dass ich mich von ihr in die Arme ziehen lasse, als wäre ich immer noch der kleine Junge mit den Albträumen, die er nicht zuordnen kann und die sich zu sehr nach Realität angefühlt haben. Sie hat sie mir ausgeredet, die Wahrheit in den Bildern, bis ich ihr irgendwann geglaubt habe.
Und dann sind Wahrheit und Realität mit jahrelangen Lügen kollidiert und das Kartenhaus meiner Identität ist krachend in sich zusammengefallen.
»Natürlich bist du das.« Lydia gestikuliert mit flattrigen Händen und zittriger Stimme in Wes’ Richtung, ihr Blick zuckt hin und her, landet ganz kurz wieder auf mir. »Ich bin nur so froh, dass du da bist …«
Ich lasse sie nicht ausreden, sondern schiebe mich wortlos an ihr vorbei in den Flur. Ich verlasse Wes’ Zimmer, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Ich kann ihn nicht ansehen.
Wehe, du stirbst.
»Adam, warte.« Lydia folgt mir mit hastigen Schritten. Die Absätze ihrer Schuhe klappern auf dem abgrundtief hässlichen Linoleumboden.
Ich unterdrücke ein Seufzen und bleibe stehen, weil sie mir bis zum Parkplatz hinterherlaufen würde, wenn ich sie ignoriere.
»Was?«, zische ich gepresst. Ich habe keine Nerven, mit ihr zu reden. Ich will nichts von dem hören, was sie mir zu sagen hat. Ich möchte sie auch nicht fragen, wo sie war, als ich angekommen bin. Wo Steven ist. Warum sie nicht beide an Wes’ Seite ausharren, bis er aus dem künstlichen Koma geholt wird.
Ich will nichts davon wissen, nur von hier verschwinden. Schlafen. Aufhören zu denken, und vor allem aufhören zu fühlen.
In mir brodelt es, da ist noch mehr als diese vertraute Wut, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles aus mir rausbricht, bis ich die Kontrolle verliere, weil der Punkt immer irgendwann erreicht ist, wenn ich nicht aufpasse. Und wenn alles zu viel ist.
Aber Lydia ist egal,...




